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Die Existenz des Spekulativen

1.2 Rückkehr und

1.2 Rückkehr und Selbstreflexion in der plotinischen Seelenlehre 71 voranschreitendenSelbstbeziehung der Seele in erster Linie zu einer spekulativen Einsicht in die selbstreflexive und triadische Seinsverfassung des Geistes und nicht etwa über das Denken hinaus in den jenseitigenSeinsgrund.¹⁹⁵ Damit kommt der Schrift trotz oder gerade wegen ihres henologisch-transzendenzphilosophischen Grundtenors eine Schlüsselstellung zusowohl für einen inhaltlichen Vergleich mit der Geistlehre Hegels und ihrer gänzlich anderen Absolutsheitskonzeption als auch für Hegels historische Plotin-Deutung.Gerade angesichts der hier thematisiertenSelbsterkenntnis des Denkens,der Geistwerdungder Seele und der reinen Triadik des Sich-Selbst-Denkens des Geistes wird Hegel vollkommen zu Recht bedeutende Übereinstimmungen mit dem eigenen Systemdenken erkennen. WieinEnn.V1und III 8ist jedoch der henologische Hintergrund der plotinischen Geistlehre und damit die Selbstaufhebung des Denkens im absoluten Transzensus zum Einen die Grundlage der Erörterung, was in Hegels Deutung unbeachtet bleibt.Wiederum soll im Folgenden deswegen zunächst die von Plotin geschilderte Entwicklung der Seele zu sich selbst, das heißt zum Geist,¹⁹⁶ betrachtet werden. Diese psychische Entwicklungsgeschichte wird Hegel später aufnehmen und bewusst ineine Beziehung zu der von ihm selbst postulierten Rückkehr des subjektiven Geistes inden absoluten Geist setzen. Plotins einleitende Überlegung –„Zuerst müssen wir an der Seele untersuchen, ob wir ihr Selbsterkenntnis (γνῶσιν ἑαυτῆς) zugestehen müssen, und was das Erkennende in ihr ist,und aufwelche Weise.“¹⁹⁷ – überträgt sein Anliegen, die Struktur von Selbsterkenntnis und Selbstdenken¹⁹⁸ zu bestimmen, auf die Ebene der Seelenlehre. Durch diese Ausrichtung auf die Selbsterkenntnis oder,wie wir Vgl. TWA , S. und dazu unten, Kap. ... Vgl. zu diesem Zusammenfall von Geist- und Selbsterkenntnis als dem Ziel der Aufstiegsbewegung der Seele ausder Diskursivität heraus auch Beierwaltes: Das wahre Selbst,S.: „Das Grund-Interesse Plotins geht in V zwar von der zeitlichen Verfaßtheit menschlichen (also diskursiven oder dianoetischen) Denkens als impliziter Voraussetzung aller ‚transzendenten‘ Reflexion aus, zielt aber auf die Erklärung der Möglichkeit einer bewußten Transformation eben dieses Denkens in das in ihm selbst unbewußt wirksame absolute Denken. Dieses aber ist der Status oder die ‚Dimension‘ eigentlicher Selbsterkenntnis als des Bewußtseins des wahren Selbst.“ Enn. V ,, f.: Πρότερον δὲ περὶ ψυχῆς ζητητέον, εἰδοτέον αὐτῇ γνῶσιν ἑαυτῆς, καὶ τί τὸ γινῶσκον ἐν αὐτῇκαὶ ὅπως. Halfwassen (Geist und Selbstbewußtsein, S.–) hat die historischen Grundlagen von „Plotins Theorie des Sich-Wissens“ herausgearbeitet und gezeigt, dass die Weise wahrhafter Selbstbeziehung, wie sie Plotin in Enn. V entwickelt, vor dem Hintergrund des „Reflexionsmodells des Selbstbewußtseins“ bei Numenios verstanden werden muss,von dem sich Plotin in seinen Ausführungen abgrenzt.

72 1Die Seelenlehre des Plotin auch sagen könnten, das vollendete Selbstbewusstsein des Geistes,¹⁹⁹ wird schon nahegelegt, dass die in diesem Zusammenhang ebenfalls thematisierte Aufstiegsbewegung der Seele vor allen Dingen als voranschreitende Selbstreflexion des Denkens zu verstehen ist. Indem er wesentliche Erkenntnisse der Schrift implizit vorwegnimmt,skizziertPlotin im Anschluss den Weg, den die Untersuchung nehmen muss, um einerseits die spezifisch seelische Weise von Selbsterkenntnis zu schildern und andererseits diese in die als Selbstbestimmung des Geistes zu begreifende Aufstiegsbewegung des Denkens zu integrieren: Understreckt sich der Geist der Seele in seiner Kraft nur bis hierher,oder wendet er sich auch aufsich selbst und erkennt sich selbst?Dies aber muss sicher voneinem Geist angenommen werden.Wenn wir aber diesem Teil [der Seele, M.L.] Selbsterkenntnis zugestehen – denn wir werden zugestehen, dass dieser ein Geist ist – dann müssen wir auch untersuchen, inwiefern er sich vondem Geist dort oben unterscheidet.Wenn wir [sc. die Selbsterkenntnis] aber nicht zugestehen, gelangen wir zu diesem oberen [sc. Geist], indem wir unser Argument fortführen, und wir werden untersuchen,was dies, „dass es selbst sich selbst [erkennt]“,bedeutet.Wenn wir [sc. die Selbsterkenntnis] aber auch hier diesem unteren [sc. Geist], zugestehen, dann müssen wir untersuchen, worin der Unterschied im Selbstdenken (νοεῖν ἑαυτὸ) [zwischen Seele und Geist, M.L.] besteht.Wenn es nämlich keinen gibt, ist dieser [sc. Teil der Seele] bereits der allerhöchste Geist. Wendet sich nun also das seelische Verstandesdenken (τὸ διανοητικὸν τῆςψυχῆς) selbst auf sich selbst? Aber nein: Es ist empfänglich für Eindrücke von beiden Seiten.²⁰⁰ Hier wird deutlich, dass alle von Plotin benannten Momente der geistigen Selbstbeziehung (Selbstzuwendung, Selbsterkenntnis,Selbstdenken) auch Bestimmungen der seelischen Denkbewegung sind. Allerdings erfolgen diese das geistige Sein der Seele thematisierenden Akte nur auf der Grundlage der Vollkommenheitdes reinen Seins desGeistesund derselbstbezüglichen Triadik seines Denkens.Plotin setztdies Vgl. hinsichtlich der plotinischen Verwendung der Termini „σύνεσις“ / „συναίσθησις“ und „γνῶσις ἑαυτῆς“ und deren wortgeschichtlicher GrundlagenSchwyzer: „‚Bewußt‘ und ‚unbewußt‘ bei Plotin“,in: Dodds (Hg.): Les sourcesdePlotin,S.– (mit Diskussion, S. –)und Schroeder: „Synousia, Synaisthaesis and Synesis: Presence and Dependence inthe Plotinian PhilosophyofConsciousness“, in: Aufstieg und Niedergang der Römischen Welt,Teil II, Bd. ,, S. –. – Vgl. zur συναίσθησις als Intellektualrelation auch Emilsson: Plotinus on Intellect, S. –. Enn. V ,,ff.: Καὶ νοῦς ὁ τῆς ψυχῆς μέχρι τοῦ δε ἱστάμενος τῇ δυνάμει ἢ καὶ εἰς ἑαυτὸν στρέφεται καὶ γιγνώσκει ἑαυτόν; Ἢἐπὶτὸννοῦνἀνενεκτέον τοῦτο. Γνῶσιν μὲνγὰρἑαυτοῦ τούτῳ τῷ μέρει διδόντες – νοῦν γὰραὐτὸνφήσομεν – καὶ ὅπῃδιοίσει τοῦ ἐπάνω ζητήσομεν, μὴ δὲ διδόντες ἐπ᾽ἐκεῖνον ἥξομεν τῷ λόγῳ βαδίζοντες, καὶ τὸ αὐτὸἑαυτόὅτίποτ᾽ἐστὶ σκεψόμεθα. Εἰ δὲ καὶἐνταῦθα ἐντῷκάτω δώσομεν, τίς ἡ διαφορὰ τοῦ νοεῖν ἑαυτὸ σκεψόμεθα· εἰ γὰρμηδεμία, ἤδη τοῦ το νοῦς ὁἄκρατος. Τοῦτο τοίνυν τὸ διανοητικὸντῆςψυχῆς ἆρα ἐπιστρέφει ἐφ᾽ἑαυτὸ καὶ αὐτό; Ἢ οὔ· ἀλλὰ ὧνδέχεται τύπων ἐφ᾽ ἑκάτερα τὴν σύνεσιν ἴσχει.

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