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Die Existenz des Spekulativen

2.1 Die

2.1 Die Seele im metaphysischen System des Proklos 85 seinen Momenten vollkommen aufsich selbst¹⁸ und damitwiederum aufall seine Momente bezieht. Paradigmatisch entwickelt Proklos anhand der Triade Sein- Leben-Denken die Entfaltung des Geistes und die Rückkehr in seineursprüngliche Bestimmtheit in das nur vordem Hintergrund des überseienden Einen bestehende Sein.¹⁹ Das höchste Moment des Geistes ist für Proklos das reine Sein,²⁰ auf das sich der Geist in seinem selbstreflexiven Denken bezieht. Diese Selbstbeziehung stelltdas intelligible Leben des νοῦς dar.Proklos formuliert aufdiese Weiseeinen Vorrang des Seins gegenüber dem Denken, wobei aber das Sein nur als das ursprünglichere Moment innerhalb der denknotwendigen Identität von Sein und Denken begriffen wird. Der Geist ist für sich in seinem Ausgriff aufdas Sein dabei gerade selbst das vollkommene Denkobjekt und somit das reine intelligible Lebewesen und die ideale Vollbestimmtheit. Das seiende Eine aus dem Parmenides wird also von Proklos, wie zuvor schon von Plotin, als Selbstentfaltung und als Selbstvollzug des Denkens konzipiert. Diese grundlegende Annahme des Neuplatonismus wird jedoch vonProklos stärker im Hinblick aufdie Bestimmung der jeweiligen Momente der Entfaltung und des Vollzugs des Geistes gedacht. In seinem Streben nach Ausdifferenzierung und Hierarchisierung der einzelnen Momente des Geistes erfolgt bei Proklos die bekannte und oftmals kritisierte Hypostasenvermehrung auf der Ebene des bei Platon und Plotin stärker in seiner Einheit gedachten νοῦς. Dieser wird nach seinen intelligiblen, intellektuellen und intelligibel-intellektuellen²¹ Hypostasen unterschieden, die jedoch gleichwohl in der übergeordneten Struktur der noetischen Selbstbeziehung des Geistes geeint bleiben.²² Die einzelnen νοῦς-Hypostasen gehen ausdem ersten νοῦς hervor und werden somitals Bestimmungen gesetzt,aber so, dass der ursprünglichere Geist in ihnen als Prinzip verharrt und diese Beziehung inder denkenden Rückkehrbewegung immer aktualisiert ist. Vgl. Elem. theol. prop. : Πᾶς νοῦςἑαυτὸν νοεῖ. Vgl. zur grundlegenden platonischen Trias οὐσία – ζωή – νοῦς (Soph. e ff.), deren Anverwandlung durch Proklos und deren Anwendung auf die selbstbezügliche Struktur des Seins Halfwassen: Hegel und der spätantike Neuplatonismus, S.–. Vgl. Theol.Plat. III ,– und dazu Halfwassen: Hegel und der spätantike Neuplatonismus, S. f. Vgl. zur Trias des νοητόν – νοητόν ἅμα καὶ νοερόν – νοερόν Beierwaltes: Proklos,S.–. – Tatsächlich ist die Ausdifferenzierung des Geistes nach seinen intelligiblen, intelligibel-intellektuellen und intellektuellen Triaden noch wesentlich komplizierter: Halfwassen (Hegel und der spätantike Neuplatonismus, S., FN) zählt nicht weniger als „ einander triadisch durchdringend[e] Stufen in der vollentfalteten Struktur des Nous“.Vgl. hierzu auch Rosán: The Philosophy of Proclus, S.–. Vgl. hierzu Beierwaltes: Proklos, S. und .Beierwaltes spricht in diesem Zusammenhang vonder „dynamischen Identität“ der ausdifferenziert-geeintenVielheit der Momentedes Geistes.

86 2Die proklische Seelenlehre Während der Geist trotz der proklischen Hypostasenvermehrung auf allen Ebenenimmer einer bleibt und alle seine Momenteauf die Totalität des geistigen Seinsin einem zeitlosen Begreifen bezogensind, stellt die Seele das Auseinander des Geistes und das Nacheinander seiner Momente in einem diskursiven und nicht-ganzheitlichen Denken dar.²³ DieSeele besitzt ihreDenkbestimmungenals Einzelne,alsonicht wie der Geist in ihrer vollkommenen Bezogenheit aufeinander undauf dieGanzheit des Seins.²⁴ Das diskursive Denken ist folglich durch den Übergang von einer Bestimmung in die nächste gekennzeichnet, das heißt durch das Auseinander-Treten und die Vereinzelungder ursprünglich einheitlichen Bestimmungsfülledes νοῦς.Die Seele operiert in Zeit²⁵ und damit nur abbildhaft gegenüber der Ewigkeit des vollkommenenDenkensdes Geistes.DieseAbbildhaftigkeit der Seele und ihres Denkens gegenüberdem reinen Denkvollzugdes Geistes entsprichtweithin Plotins Darstellung der Geistabkunft der Seele, die die im νοῦς verharrende Bestimmungsfülle in ein zeitliches Nacheinander vereinzelter Bestimmungen entfaltet. Jedoch muss der ontologische Status desSeelischen beiProklos anders bestimmtwerdenals bei Plotin: Die Seele entfernt sich als Entfaltung des Geistes als ganze aus diesem; auch ihr höchstes Momentist vom Geist getrennt und strebt erst wieder nach der Einheit mit diesem ursprünglichen Sein und Denken. Dies hat bedeutende Folgen für die Bewertung des seelischen Denkens, das bei Proklos nicht mehr konstitutiv für die erfahrbare Außenwelt ist und generell eine geringere Wertschätzung erfährt als bei Plotin. Indem die Seeledurch den Abstieg derSeelenspitze also substantiell vomGeist und vondessenreinem Denken getrennt undunterschieden wird, entwickelt Proklos ein Differenzmodell vonSeeleund Geist,das deutlich andereSchwerpunktesetzt als die von Plotin angenommene Einheit der Seele und des Geistes am höchsten Punkt des seelischen Denkens. ImFolgenden sollen die historischen Grundlagen für diese folgenreiche Wendeinnerhalb der neuplatonischen Seelenlehre beschrieben werden. 2.2 Jamblich und der vollkommene Abstieg der Seele An verschiedenster Stelle bezeugt Proklos den großen Einfluss Jamblichs auf sein eigenes Denken undauf seine ausdifferenzierteund anspruchsvolle Geistlehre.²⁶ Im Vgl. zur Unterscheidung der Seele vom Geist bei Proklos Beierwaltes: Proklos, S.–. Vgl. hierzu besonders In Parm. , und dazu Beierwaltes: Proklos, S.f. Vgl. zur Zeitlichkeit der Seele Beierwaltes: Proklos, S.–. So bezieht sich Proklos erfurchtsvoll auf ὁ θεῖος Ἰάμβλιχος (bspw. Theol. Plat. I , und In. Tim. I ,). In der Platonischen Theologie als dem systematischen Hauptwerk des Proklos finden sich weitere explizite Verweise auf Jamblich in IV , und IV ,–. Besonders der proklische Timaios-Kommentar ist die ergiebigste Quelle für die Rekonstruktion desjenigen des

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