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Die Faelschung der Geschichte des Urchristentums

Besonders Lukas nennt viele Namen von ganz nebensächlicher Bedeu– tung; Symon und Manna; den Pharisäer Simon, in dessen Hause Jesus einmal aß; Johanna, das Weib Chuzas; den kleinen Zöllner Zachäus. Der Evangelist Johannes berichtet »aus der Gemeindeüberlieferung« bei– spielsweise, daß ein gewisser Mensch genau 38 Jahre krank gewesen war. Auch Johannes nennt so wenig bedeutsam im Leben Jesu hervortretende Personen wie Malchus und Maria, das Weib des Klopas. Er weiß es noch ganz genau, daß Jesus, ehe er zum toten Lazarus ging, »noch zweiTage« am Ort blieb und wartete. Es war ferner nach Johannes um die sechste Stun– de, als Jesus am Brunnen die Samariterin traf, die schon fünf Männer ge– habt hatte. Wie ungemein treu und genau hat danach also die Urchristen– heit selbst ganz nebensächliche Daten im Gedächtnis aufbewahrt! Doch jetzt wenden wir uns den Hauptfakten der »Geschichte« Jesu zu und geben uns daran, ihre Schicksale in der Gedächtnissphäre der »ersten« Christen zu verfolgen. Unsere Untersuchungen laufen dabei auf eine Prü– fung der Qualität des Gedächtnisses bei den Urchristen heraus. Angenommen, Jesus hätte gelebt, dann müßten ohne jeden Zweifel we– nigstens nachfolgende Hauptsachen im Erinnerungsbestande der Urchri– sten auch nach einer Zeitspanne von 30 oder 60 oder 100 Jahren als unver– geßlich gegenwärtig sein und bleiben. 1. Wo haben Jesu Eltern gelebt und wo ist Jesus geboren worden? Der aus den Evangelien zu ersehende papierne Tatbestand ist kurz fol– gender: »Daß Jesus unter der Regierung des älteren Herodes geboren ist, steht [nach den neutestamentlichen Angaben!] fest; allein, ob dies am Ende der Regierungszeit (Lk. 3,23: »ungefähr 30 Jahre alt«) oder mehr um ihre Mitte war (Job. 8,57: »noch nicht 50 Jahre alt«) läßt sich nicht sagen. Wo Jesus geboren ward, ist gleichfalls nicht mit Sicherheit zu entschei– den. « 90 Bereits diese erste Probe auf die Qualität des Gedächtnisses in der Christenheit der ersten Jahrzehnte ist enttäuschend. Man wußte also, das geht aus den zweideutigen Nachrichten der Evangelisten hervor, knapp 50 Jahre nach dem Tode des Meisters im Kreise seiner Anhänger nicht mehr »genau«, wann und wo Jesus geboren ist! Nun will ich nachsichtig sein und auf eine genaue Zeitangabe der Geburt nicht einmal besonders Ge– wicht legen, also den möglichen Einwurf gelten lassen, das Datum sei eben von vornherein nicht bekannt gewesen und habe auch nachträglich nicht mehr festgestellt werden können. (Ich verlange, wie man sieht, durchaus keine besonderen oder gar übernormalen Leistungen der Gedächtniskraft bei jenen Menschen.) Aber genannter Einwand wirkt einfach lächerlich 152

ei der Frage, ob man in der ersten Zeit nach Jesu Heimgang noch erfah– ren konnte, welches der Geburtsort des Messias und der Wohnort seiner Eltern gewesen sei? Denn mühelos konnten sich die Apostel hierüber das Richtige sogar von der Mutter Jesu, die angeblich nach der Kreuzigung in der Jerusalemer Christengemeinde lebte, sagen lassen. Im wirklichen Le– ben hätten die Jünger natürlich schon zu Lebzeiten des Meisters Interesse gezeigt, seinen Geburtsort zu erfahren. Wußten die Christen aber einmal den Ort, dann konnte er in ihrem Kreise unmöglich wieder vergessen werden. Wie aber der Befund der Quellen ausweist, ist jedoch tatsächlich etwa 30 Jahre nach Jesu Tode in der Urchristenheit vergessen worden, welches seine Vaterstadt war. Der Evangelist spricht nämlich konsequent nur von der »Vaterstadt«, ohne je den Namen zu nennen. »Daß der Evan– gelist den Namen Nazareth umgeht, ist in der Tat merkwürdig« – meint E. Wendling. 91 Daß Markus Nazareth »meint«, kann man aus dem Zusam– menhang seiner Erzählung folgern. Als aber dann Matthäus ein oder zwei Jahrzehnte späger sein Evangelium schrieb, hatte ihm die Gemeindetradi– tion etwas ganz anderes berichtet, nämlich: die Eltern Jesu wohnten in Bethlehem, wo auch Jesus geboren sei. Nach dieser Tradition sind es ganz besondere Umstände, welche die Eltern veranlaßten, in der Folgezeit ih– ren eigentlichen Wohnsitz aufzugeben und sich in dem galiläischen Naza– reth anzusiedeln. In krassem Widerspruch mit dieser Nachricht von Beth– lehem als ursprünglichem Wohnsitz steht nun die Überlieferung bei Lu– kas. Ihm hat man erzählt, Nazareth sei Jesu Vaterstadt, und wiederum hätten erst besondere Umstände es herbeigeführt, (die »Schätzung« näm– lich) daß die Eltern vorübergehend Bethlehem aufsuchen mußten, wo die Geburt erfolgt sei. Von Bethlehem erzählt nun gerade der erste Evangelist Markus nichts, er bringt überhaupt keine Geburtsgeschichte, betrachtet jedoch stillschweigend Nazareth als Vaterstadt. Doch sagen nicht wenigstens Matthäus und Lukas übereinstimmend aus, Jesus habe in Bethlehem das Licht der Welt erblickt? Gewiß, sie nen– nen beide Bethlehem als Geburtsstadt; aber man muß sich nun darüber klarwerden, daß hierbei zwei Traditionsströme sichtbar sind, die gegen– einanderfließen und sich so gegenseitig aufheben. Wenn Matthäus recht hat, muß unweigerlich Lukas unrecht haben und umgekehrt. Waren Jesu Eltern in Bethlehem beheimatet, dann brauchten sie nicht noch erst durch besondere Umstände dazu veranlaßt werden, nach Bethlehem zu pilgern. Und wenn sie nur vorübergehend in Bethlehem geweilt haben, dann war – entgegen dem Wissen des Matthäus – diese Stadt eben nicht ihr ständiger Wohnort. In diesem Überlieferungs– Wechselstrom vermag auch die zweimalige »Bezeugung« Bethlehem als Geburtsort Jesu nicht den erfor– 153

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