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Die Faelschung der Geschichte des Urchristentums

tradition stützt.

tradition stützt. Wieder sind damit hinsichtlich eines Faktums zwei Tradi– tionsströme sichtbar. Nun könnte jedoch auch die von Lukas eingefangene Tradition nicht ir– gendwann von irgendeinem urchristlichen Gemeindeglied willkürlich er– dichtet sein (ebensowenig wie vom Evangelisten selbst). Auch diese Tradi– tion müßte also auf »wirklicher« oder doch vermeintlich wirklicher Erin– nerung fußen und als solche bis in die Anfangszeit (!) der Christenge– meinde zurückgehen. Das würde besagen, von Anfang an hätten zwei sich widersprechende Überlieferungen über diesen Punkt bestanden, oder kräftiger ausgedrückt: die Urchristen hätten sich von vornherein niemals »genau« entsinnen, bzw. niemals »richtig ermitteln können, ob Jesus seine öffentliche Wirksamkeit in Kapernaum oder in Nazareth begonnen habe. Ein solches Versagen der Erinnerung in allererster Zeit ist im wirklichen Leben unmöglich. Wenn in Palästina »zur Zeit Christi« irgendein einfa– cher Mann in der Stille des Alltages dahingelebt und gestorben wäre, ohne je Aufsehen von sich und um sich herum erregt zu haben; wenn dieser Mann dann weiter etwa 50 Jahre lang im Grabe vermodert wäre, ohne daß sich ein Mensch um die ganz unwichtigen Lebensdaten dieses vergessenen Toten gekümmert hätte, weil dazu einfach jede Veranlassung fehlte – dann wäre es natürlich fünf Jahrzehnte nach dem Tode dieses Mannes sehr schwer und wohl gar unmöglich gewesen, über bestimmte Lebensdaten noch etwas Gewissen zu ermitteln. In solchem Falle konnten dann leicht zwei oder mehrere verschiedene Traditionen ans Licht kommen, weil man sich eben hier beim besten Willen nicht mehr genau der fraglichen (und unwichtigen!) Ereignisse entsinnen konnte. Vorausgesetzt, daß Jesus ge– lebt hätte, dann lagen im urchristlichen Falle die Verhältnisse wesentlich anders, ungemein günstiger. Jesu Leben war ja nicht in der Stille abgelau– fen, sondern hatte durch allerlei Kraftäußerungen das jüdische Land lei– denschaftlich erregt. Und fast unmittelbar nach dem Tode des Messias tra– ten seine Jünger vors Volk und waren gezwungen (um handfeste Beweise für ihre Behauptungen bringen zu können), sich recht genau über das Er– denleben des Meisters zu informieren. Was die Periode der öffentlichen Wirksamkeit Jesu anbetraf, so waren die Jünger als unmittelbare Zeugen in allergünstigster Lage. Im wirklichen Leben hätte daher über die Ört– lichkeit des ersten Auftretens Jesu niemals die leiseste Ungewißheit herr– schen können. 156

3. Wann und wo sind die ersten Jünger von Jesus berufen worden? Auch in dieser Angelegenheit bieten die Evangelisten zwei Traditions– ströme, die gegeneinanderlaufen. Die Überlieferung differiert sowohl hinsichtlich der Zeit als auch des Ortes der Berufung. Nach der Markus– Tradition fand die Berufung der ersten Jünger nach der Verhaftung des Täufers statt, gemäß der Tradition des Evangelisten Johannes jedoch vor– her. Markus berichtet als Örtlichkeit den See Genezareth, Johannes läßt die Szene im peräischen Bethanien sich abspielen. Zum anderen gehen die beiden Traditionen auch in der Angabe der beteiligten Personen auseinan– der. Markus nennt als die zuerst Berufenen die Brüderpaare Petrus und Andreas, Jakobus und Johannes. Die Tradition im Johannes– Evangelium »erinnert« sich anders: berufen wurde zuerst ein nicht mit Namen Be– nannter nebst Andreas, dann erst Petrus, Philippus und endlich Nathanael (übrigens ein Jünger, dessen Name in den drei älteren Evangelien nicht vorkommt). Heftiger können sich zwei Überlieferungen über ein und die– selbe Sache kaum widersprechen. Nur wenn die christlichen Gemeinden von vornherein überhaupt kein Interesse daran hatten, Zeit, Ort und Na– men der zuerst berufenen Jünger im Gedächtnis zu bewahren, hätte es ge– schehen könne, daß sich nach hundert Jahren beim Nachforschen keine genaue Nachricht mehr darüber auftreiben ließ. Aber das notwendige In– teresse war vom ersten Tage der Verkündigung an vorhanden. Und zum Überfluß »beweist« ja die entsprechende Tradition im Markus– Evange– lium – das ja als erstes Evangelium schon um das Jahr 60 entstanden sein soll – daß »tatsächlich« die Erinnerung in dieser Hinsicht die wirklichen Umstände lebendig und treu aufbewahrt hatte. Denn Markus hätte – im wirklichen Leben der Urchristenheit – natürlich keine Jesusgeschichte aus den Fingern gesogen, sondern das in seinem Evangelium niedergeschrie– ben, was in den Christengemeinden damals, etwa 30 Jahre nach Christi Tode, als »echte« Tradition hochgehalten wurde. Dieses Markus– Evange– lium mit seiner Darlegung der »wirklichen« Lebensgeschichte des Hei– landes (in der Periode seiner öffentlichen Wirksamkeit) lag nach Meinung der Relativkritiker aber schon rund 50 Jahre öffentlich vor und war allen Christen wohlbekannt, als Johannes sein Werk verfaßte! Da man nun die– sen angeblichen Johannes nicht für so grenzenlos naiv oder dreist halten kann, die im Markus– Evangelium niedergelegte »wirkliche« Überliefe– rung an vielen Stellen einfach auf den Kopf zu stellen, so bleibt nur der Ausweg, auch Johannes habe betreffs der Jüngerberufung »wirkliche« Tradition niedergeschrieben. Und auch diese Johannestradition müßte einen Uberlieferungsstrom darstellen, der neben dem anderen (dem Mar– 157

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