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Die Faelschung der Geschichte des Urchristentums

Jünger seien wirklich

Jünger seien wirklich durch Erscheinungen des Auferstandenen* derartig seelisch aufgewühlt und so felsenfest von der Messianität Jesu überzeugt worden, daß sie den folgenschweren Entschluß faßten, ohne Zaudern die göttliche Würde des erhöhten Herrn öffentlich kundzutun. In der Apo– stelgeschichte, die uns von nun an vorzugsweise beschäftigen wird, kön– nen wir in wünschenswerter Ausführlichkeit Einzelheiten über das Auf– treten der durch die Erscheinungen gleichsam in Flammen gesetzten Apo– stel lesen. Aus dem Dunkel stürmen sie förmlich ins hellste Licht der Öf– fentlichkeit und erregen so auf dem Papier unsere Bewunderung in hohem Maße. Allerdings sogleich auch unser Mißtrauen und Befremden. Denn diese Menschen scheinen absolut vergessen zu haben, daß sie mit ihrem aufsehenerregenden neuen Bekenntnis einer Welt voller Feindseligkeit, Haß und Mißtrauen gegenübertreten. Freimütig, unerschrocken, von Be– geisterung erfüllt predigen sie (vor allem ihr Wortführer Petrus) auf Stra– ßen und Plätzen den neuen Glauben von Jesus als dem erhöhten Messias. Predigen vor einem Volk, das erst vor wenigen Monaten, ja Wochen, über den Nazarener das »Kreuzige«! gerufen hatte: also vor Gegnern und Fein– den. Und indem unser geistiges Auge auf die Phalanx dieser Gegner blickt, sehen wir ein schweres Problem auftauchen. Dies Problem betrifft einerseits die ungewöhnliche und völlig unerwar– tete Art und Weise des ersten Auftretens der Jünger in der breitesten Öf– fentlichkeit, andererseits das rätselhafte Verhalten der Gegner der erneu– ten Christuspropaganda gegenüber. Und dies Problem ist nicht eins der gewöhnlicn von den neutestamentlichen Kritikern behandelten zahllosen Miniaturproblemchen, sondern, wie der Leser bald innewerden wird, es handelt sich hierbei um das Zentralproblem der ganzen Apostelgeschichte und der urchristlichen Geschichte überhaupt. Knapp formuliert lautet der Problemkomplex: war das von Lukas in der Apostelgeschichte geschilderte Verhalten der Apostel und ihrer Gegner im wirklichen Leben jener Tage möglich? Mit der Beantwortung dieser Frage wird automatisch auch die andere Frage erledigt: ob die Gründung der urchristlichen Kirche reli– gionspsychologisch möglich war? Notorische Mißverständler werden mich jetzt sicher daran erinnern, die christliche Kirche sei zweifellos vorhan– den, also müsse sie doch auch einmal gegründet worden sein. Wer möchte solch zwingender Logik widersprechen? Ich werde mich hüten, mache aber darauf aufmerksam, daß meine Frage den Sinn hat: ob die zweifellos vorhandene christliche Kirche wirklich den Ursprung aufzuweisen hat, * Ich kann die Erscheinungen als solche hier übergehen, weil sich uns ein anderer Angriff– spunkt als geeigneter darbieten wird. 178

den ihr die neutestamentlichen und sonstigen »altchristlichen« Quellen gern verleihen möchten? Oder ob ihr wahrer Ursprung ein anderer ist, bzw. wann und wie und durch wen die Kirche in Wahrheit gegründet wurde? Bereits G. Weizsäcker hat erkannt, daß in dem von der Apostelge– schichte beschriebenen Wirken der Urapostel in breitester Öffentlichkeit ein schweres Problem aufgegeben worden ist. Da wir später seine Lösung dieses Problems ausführlich begutachten müssen, wollen wir auf seine Ausführungen näher eingehen. Weizsäcker schreibt:» Viel wichtiger noch als alle Bedenken gegen die einzelnen Teile [der Apostelgeschichte] . . . ist das Ergebnis der Prüfung der Auffassung, welche der Verfasser von der Gesamtlage hat. Diese Auffassung beschränkt sich eben nicht darauf, daß es im ersten Anfange eine Zeit der Verborgenheit und des Friedens für die Gemeinde gab . . . Seine [des Lukas]Darstellung arbeitet mit ganz ande– ren und sehr stark aufgetragenen Farben. Im grellsten Lichte ist ausge– führt, daß die Apostel vom Pfingstfest an öffentlich vor der ganzen Stadt ihre Ansprachen halten, daß sie ebenso alles in Bewegung bringen durch Wunder und Anblick ihrer Wundertaten, daß auch das innerste Leben der Gemeinde vor jedermanns Augen liegt . . . Geschichtlich ist eine solche Anfangszeit unmöglich, man müßte denn annehmen, daß die Verurtei– lung und Hinrichtung Jesu von der öffentlichen Gewalt ganz im Wider– spruch gegen die Ansicht der Masse geschehen sei. . . Aber sowenig dies überhaupt begründet ist, so wenig liegt es im Sinne des Verfassers der Apo– stelgeschichte, der vielmehr diese ganze Bewegung jetzt erst entstehen läßt. Wäre aber eine solche überhaupt denkbar, so wäre sie doch ohne Zweifel rasch unterdrückt worden. Sie hätte gerade die Duldung der An– hänger Jesu sofort unmöglich gemacht; sie hätte es den Behörden unmög– lich gemacht, die Anhänger des Hingerichteten zu schonen und erst abzu– warten, ob diese noch etwas weiteres unternehmen werden. Eben aus die– sem Grunde aber ist auch das Auftreten der Apostel selbst in solcher gera– dezu herausfordernden Weise unmöglich.« 107 Mit bewundernswerter Klarheit und Eindringlichkeit hat Weizsäcker hiermit das Generalproblem gekennzeichnet. Der »absolute« Kritiker wird mit Genugtuung konstatieren, wie energisch Weizsäcker an dieser Stelle die Relativmethode ignoriert, um statt dessen die papiernen »Tatsa– chen« mit dem Maßstab der lebendigen Wirklichkeit abzumessen. Und im Lichte des wirklichen Lebens betrachtet, kann das Urteil über die heraus– fordernde öffentliche Propagandatätigkeit der Jünger gar nicht anders lau– ten als: in dem angegebenen jüdischen Milieu und unter den geschilderten Verhältnissen war ein derartiges provozierendes Auftreten einfach un– 179

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Die Evangelien nach Markus und Lukas - Offenbarung.ch
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