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Die Faelschung der Geschichte des Urchristentums

nes-Evangelium nicht,

nes-Evangelium nicht, wie bisher meist angenommen, erst um das Jahr 150 oder sogar noch später verfaßt wurde, sondern daß seine Niederschrift bereits um das Jahr 90 erfolgt sein müsse. Die Entstehungzeit des vierten Evangeliums ein halbes Jahrhundert und mehr vorverlegt - das war allerdings eine gewaltige Überraschung. Auch für die Leugner der Geschichtlichkeit Jesu ist P 52 von größter Bedeutung. Auf den ersten Blick scheint freilich der Papyrus den Leugnern arge Verlegenheit zu schaffen und ihrer »hyperkritischen« Theorie den Todesstoß zu versetzen, denn theologischerseits kann man mit Recht folgendermaßen argumentieren: Da das zuletzt geschriebene Johannes-Evangelium, wie P 52 beweist, schon um das Jahr 90 fertig vorlag, so müssen die voraufgehenden drei synoptischen Evangelien bereits bald nach Jesu Tode verfaßt worden sein; das gilt vor allem von dem frühesten, dem Markus-Evangelium. Stellen wir uns nun - so entgegnen die Theologen weiter - diese Dinge in der Praxis des Lebens der Urchristen vor, so sagt uns der gesunde Menschenverstand, daß es ganz unmöglich war, um das Jahr 50 die völlig erdichtete >Geschichte< eines Religionsstifters Jesus, der erst ganz kürzlich gestorben sein sollte, im Volke zu verbreiten, wenn dieser angebliche Stifter in Wirklichkeit gar nicht gelebt hätte! Da ein solch offenkundiges Betrugsunternehmen einfach nicht hätte durchdringen können - weil ja jedermann den groben Schwindel zu widerlegen imstande war - so muß Jesus von Nazareth wirklich und wahrhaftig eine Gestalt der Geschichte sein. Gegen die Logik dieser Beweisführung läßt sich in der Tat vernünftigerweise nichts einwenden. Müssen sich die Leugner der Geschichtlichkeit Jesu also geschlagen geben? Noch nicht; nur unter einer Bedingung wäre ihre Theorie erledigt, und diese Voraussetzung lautet: es muß feststehen, daß die Evangelien wenigstens im großen und ganzen die historische Wahrheit berichten. Nehmen wir ruhig einmal als »bereits erwiesen« an, Jesus und seine Jünger seien historische Persönlichkeiten. Was bezweckten nun die Verfasser der Evangelien mit der Darstellung des Lebens Jesu in ihren Schriften? Sie wollten ihre Schriftstücke nicht in Schubladen versenken, sie wollten die aufgezeichnete Botschaft von Jesus allem Volke bekanntmachen. Die Evangelien sollten Anhänger für die neue Religion dadurch werben, daß die Wahrheit über Jesu Leben und Wirken verkündet wurde. Wie die Verfasser selbst berichten, standen sie mit ihrer Sache einer Welt von Feinden gegenüber, denn ihre Mitbürger, zumal die regierenden und einflußstarken Kreise der Bevölkerung, zeigten sich als erbitterte Gegner der neuen gotteslästerlichen Religion. Wollte man solche Feinde besänfti- 26

gen oder gar für sich gewinnen, so durfte man ihnen nicht noch mit faustdicken Lügen kommen. Die Evangelienschreiber durften einen angeblich vor ein paar Jahrzehnten verstorbenen Religionsstifter nicht nur nicht in Bausch und Bogen erdichten, sie waren auch durch die Umstände gezwungen, hinsichtlich der historischen Hauptdaten des Lebens Jesu streng bei der Wahrheit zu bleiben, die ja noch vielfach bekannt war. Daß man dem Stifter einige unkontrollierbare Wundertaten andichtete, fiel nicht ins Gewicht; aber was unbedingt mit den bekannten Tatsachen übereinstimmen mußte, das waren die »Personalien« Jesu und seiner Jünger. Über die »Tatsache« beispielsweise, wieviele Jahre die öffentliche Wirksamkeit Jesu dauerte, durfte und konnte es auch keinerlei Unklarheiten geben. Kurz und gut: alle Gründe, die wir vorher gegen die zeitliche Ansetzung einer völlig erdichteten Jesusgeschichte um das Jahr 150 anführten, gelten nun mit verstärktem Gewicht gegen die Ansetzung einer gröblich verfälschten Geschichte des Stifters um das Jahr 50. So kurz nach Jesu Tode würde es keinem Evangelisten ernsthaft in den Sinn gekommen sein, den Erfolg seiner Werbearbeit von vornherein zu vereiteln, indem er aus Willkür und Laune (!) allbekannte »Tatsachen« aus Jesu Lebensgeschichte verfälschte beziehungsweise verdunkelte. Es geht also um die historische Wahrheit in den Evangelien. Wie urteilen doch theologische Kritiker selbst über deren Wahrheitsgehalt? Wir wissen bereits, wie ihr Urteil ausgefallen ist, nämlich vernichtend. Wenn wir uns im 2. Teil dieser Forschungsreihe noch ausführlich mit dem geschichtlichen Wahrheitsproblem beschäftigen, werden wir die erstaunliche Feststellung machen, daß in den Evangelien die größte Konfusion hinsichtlich der Angaben über die Personalien Jesu herrscht. Sogar mit den allgemeinen geographischen Vorstellungen der Evangelienschreiber sieht es böse aus. H. Conzelmann muß von Lukas bekennen: »Eine so freischwebende Verwendung geographischer Angaben setzt voraus, daß der Verfasser keine eigene Anschauung von Palästina besitzt; wenn er auch eine zu haben glaubt . . . so stellt er sich offenbar Galiläa und Judäa als aneinandergrenzend vor. « 12 Wir fassen zusammen, was sich ergibt, wenn wir bezüglich der Frage nach der Entstehungszeit der Evangelien die Dinge in der harten Praxis des wirklichen Lebens der »Urchristen« sich abspielen lassen: die Evangelien können weder um 150 noch um das Jahr 50 geschrieben worden sein, sie müssen aus viel späterer Zeit stammen. Damit haben aber die Leugner der historischen Existenz eines Jesus von Nazareth als des Stifters der christlichen Religion das kritische Feld behauptet. Nicht doch, melden sich sofort die Theologen, und man erinnert sich 27

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