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Die Faelschung der Geschichte des Urchristentums

ein naives Gemüt kann

ein naives Gemüt kann also erstaunen, wenn auch Winkel seine Meinung durch den von ihm ermittelten Befund der Textvarianten »bestätigt« fand. Es ist nun einmal so: In den Wald der Varianten können Orthodoxe oder Liberale aller Schattierungen hineinrufen – und jeder wird sein Echo ver– nehmen. Winkel hat einen schlechten Start. Eigentlich brauchte er gar nicht zu starten, denn was ihm der Forschungsflug ins Reich der Lesarten ein– bringt, weiß er vorher schon ganz genau. Es ist Winkel nicht unbekannt, daß nach Ansicht vieler Neutestamentier als echter Kern der Verkündi– gung Jesu der schroffe Gegensatz anzusehen sei, in dem sie zur jüdischen Gesetzesgerechtigkeit stehe. Dieser Ansicht pflichtet Winkel unbedingt bei; sie gilt ihm von vornherein für so fest begründet, daß er sie zum Aus– gangspunkt seiner Variantenforschung erhebt, zumal dieser Gegensatz für ihn geradezu das Hauptcharakteristikum der »Zeitsituation« darstellt. Winkel hat nun etwas psychologisch Merkwürdiges entdeckt: »Jesus stand in einer Zeit stärksten religiös–politischen Hoffens im Judentum. Eben darum aber ist es vom psychologischen Gesichtspunkt außerordent– lich bemerkenswert und seltsam, daß er, obwohl erzogen und groß gewor– den innerhalb der Atmosphäre des damaligen Israel, die für die religiöse Auffassung und das Hoffen dieses Volkes typischen Züge so eindeutig ab– lehnt . . . so . . . das religiös–ethische Streben nach Gerechtigkeit dieses Volkes . . . Wie es andererseits ebenso begreifbar ist, daß diejenigen, die ihn später verkündigten [die Jünger] ihm solches [nämlich Gesetzesge– rechtigkeit] aus der Selbstverständlichkeit ihres volksgebundenen Wesens wieder unterlegten . . .« 207 Jesus: Gegner jüdischer Gesetzesgerechtigkeit, die Jünger nach des Meisters Tode wieder Anhänger des Gesetzes – die »historische Tatsache« bildet die Basis aller Winkeischen Variantenwissenschaft. Wir wollen jetzt diese Basis ein wenig inspizieren, denn sie ist ja, wie gesagt, der Startplatz des Forschungsfluges. Winkel argumentiert nämlich weiter:» Vom Juden– christentum, Petrus eingeschlossen, wissen wir, daß es späterhin wieder das jüdische Gesetz achtete. Von der Jüngertradition also kann eine Opposi– tion gegen das Gesetz nicht ausgegangen sein. Also nur von Jesus selbst . . .« 208 Diese Folgerung erscheint untadelig, und doch stimmt hier etwas nicht, etwas, worüber sich allerdings Winkel keine Sorgen gemacht zu haben scheint. Vorher hatte er es ja als begreifbar hingestellt, daß die Jünger später das vordem nach Jesu Vorbilde abgelehnte Gesetz wieder achteten. Winkel muß erlauben, daß wir scharf widersprechen. Wir fin– den nämlich solch totalen Umschwung des religiösen Empfindens der Jünger nicht begreifbar, sondern einfach unverständlich. Wir behaupten, 296

daß solche Wandlung als Ereignis im »wirklichen« Leben der Urchristen psychologisch nicht nur rätselhaft, sondern absolut unmöglich gewesen wäre. Um das einzusehen, erwäge man nur die näheren Umstände: Unter Jesu Augen hatten seine Jünger wie der Meister gesetzesfrei gefühlt und gelebt. Also nicht etwa unüberlegt, noch viel weniger gewohnheitsgemäß, sondern deshalb, weil ihr Herr die Gesetzesfreiheit immer wieder als das Zentrum seiner Verkündigung hingestellt und vorgelebt hatte. Diese Jün– ger »erlebten« nun nach dem Tode Jesu die bekannten Auferstehungs–Vi– sionen, d.h. aber, sie gewannen die felsenfeste Überzeugung, ihr Herr sei vom Tode auferstanden und zur himmlischen Herrlichkeit erhöht wor– den. Man mache sich doch klar, was solche psychologischen »Tatsachen« für die Betreffenden bedeuteten: Offenbarungen, die verpflichteten!. Diese Menschen, die eben noch in der »Tatsache« der Auferstehung den göttlichen Beweis erhalten hatten, daß die vom Erhöhten verkündete Lehre (der Gesetzesfreiheit!) wahr sei – verpflichtend sei – sie sollen sofort nach ihren Wahrheitserlebnissen allesamt bewußt gegen Worte und Taten ihres himmlischen Herrn wieder in die peinliche Erfüllung des Gesetzli– chen verfallen sein, und damit den Auferstandenen und seine Lehre aufs gröblichste beleidigt und verleugnet haben? Das ist psychologisch absolut unmöglich. Aber es wird doch in der Apostelgeschichte überliefert, daß die Jünger, Petrus eingeschlossen, wirklich so verleugnerisch gehandelt haben – wird Winkel uns erwidern. Allerdings: Sie handeln so auf dem Papier! Sie handeln so als erdichtete Phantomgestalten im luftleeren Rau– me. Winkels Start verläuft schlecht. Da, wie wir erkannten, es eine psycho– logische Unmöglichkeit wäre, daß die Jünger die Zentrallehre ihres er– höhten Herrn prompt verleugneten, so müßte also tatsächlich umgekehrt die von den Jüngern »bezeugte« Achtung vor dem Gesetze zurückgehen auf– die Worte und Taten Jesu selbst. Jesus selbst muß also für die Erfül– lung der jüdischen Gerechtigkeit eingetreten sein. Warum sollten wir nicht umgekehrt einmal so argumentieren? Unmöglich, werden jetzt mit Winkel viele Theologen sich ereifern. Und das wiederum mit Recht. Denn wird in den Evangelien nicht oft und eindringlich genug der Beweis gelie– fert, daß Jesus »in Wirklichkeit« völlig gesetzesfrei gelebt und dement– sprechend gelehrt hat? Gewiß: Er lehrt und handelt so auf dem Papier! Doch das Fatale ist, daß sich derselbe Jesus auf dem Papier eben auch ganz anders erweist, nämlich »wirklich« als der Lehrer der starrsten jüdischen Gesetzlichkeit, der seinen Anhängern einschärft, kein Tüttel vom Gesetz werde vergehen. Unversehens sind wir wieder einmal in eine Dilemma– Falle geraten: Gesetzesfreiheit und gleichzeitig Gesetzestreue soll Jesus 297

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