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Die Faelschung der Geschichte des Urchristentums

der

der Handschrift, die von den Mönchen für den Ofen bestimmt waren! Tischendorf kam also gerade zur rechten Zeit, um den kostbaren Schatz vor gänzlicher Vernichtung zu retten. Wie liederlich und wie dumm vor allem müssen doch jene Mönche gewesen sein, daß keiner von ihnen, auch nicht der Bibliothekar und der Abt des Klosters, den Wert des altehrwürdigen Codex begriffen; ausgerechnet das beste Stück ihres Bestandes wollten sie verfeuern! Doch wenden wir uns wieder den Problemen der Handschriftenfälschung zu. Wir zitieren Fr. G. Kenyon: »Ein komischer Zufall spielte sich nach dem Bekanntwerden von Tischendorfs großer Entdeckung ab. Ein erfindungsreicher Grieche, Konstantin Simonides, hatte um 1855 eine Anzahl von Handschriften nach London gebracht, darunter auch eine angeblich verlorengegangene ägyptische Geschichte von einem gewissen Uranius. Der bekannte Gelehrte W. Dindorf hielt sie für echt und bereitete eine Ausgabe vor. Aber als schon ein paar Bogen gedruckt waren, entdeckte ein anderer deutscher Gelehrter, daß die Chronologie ganz offenbar aus einer modernen Darstellung stammte. Der Betrug wurde nach kurzer Auseinandersetzung aufgedeckt. Tischendorf war bei der Entlarvung des Schwindlers beteiligt gewesen, und Simonides nahm Rache, indem er erklärte, der Uranius sei vollkommen echt, doch habe er eine andere Handschrift selbst geschrieben, nämlich den Codex Sinaiticus, den er 1840 nach einer Moskauer Bibel auf dem Berge Athos in einer Zeit von etwa sechs Monaten hergestellt habe. Die Unmöglichkeit dieser Geschichte war offenkundig, denn 1840 war Simonides erst 15 Jahre alt, es war ganz ausgeschlossen für ihn, 350 große Blätter alten Pergaments zu bekommen, die Abschrift ließ sich in 6 Monaten gar nicht herstellen, und eine Moskauer Bibelausgabe mit einem ähnlichen Text ist überhaupt nicht vorhanden. Außerdem ist der Codex von zum mindesten drei verschiedenen Schreibern geschrieben und zeigt eine große Anzahl von Korrekturen von verschiedener Hand . . . Für den Charakter des Simonides ist weiterhin bezeichnend, daß er ein wenig später berichtete, er habe unter den ägyptischen Sammlungen eines Herrn in Liverpool ein Papyrusexemplar des Matthäus, das fünfzehn Jahre nach der Himmelfahrt geschrieben worden sei, zusammen mit Handschriften des Jakobus- und Judasbriefes aus dem 1. Jahrhundert und andere ähnlich aufregende Dinge gefunden. Diese genialen Fälschungen sind heute noch in Liverpool zu sehen.« 14 Vorstehender Bericht enthält hochinteressante Mitteilungen. Zuerst findet der Leser durch diesen »komischen Zwischenfall« meine Behauptung bestätigt, daß Paläographen sich durch einen ungewöhnlich hohen Grad von Vertrauensseligkeit auszeichnen; denn der Fachwissenschaftler 34

W. Dindorf fiel glatt auf eine gefälschte »alte« Handschrift herein. Natürlich hat der Gelehrte das Exemplar gründlich nach allen Regeln der Relativmethode untersucht mit dem Ergebnis, daß die äußeren Merkmale (Material und Schrift) ihm durchaus Alter und Echtheit der Handschrift verbürgten. Bezüglich der äußerlichen Eigenschaften war also die Nachahmung des Echten vorzüglich gelungen, und die Fälschung wäre wohl »äußerlich« überhaupt nicht aufgedeckt worden, wäre dem Falsifikator nicht ein unverzeihlicher »innerer« Fehler unterlaufen. In die »alte« ägyptische Geschichte gehörte notwendig ein chronologischer Leitfaden. Nun weiß jeder Kundige, daß in der altägyptischen Chronologie die größte Verwirrung und Unsicherheit herrscht, von einer Einheitlichkeit der Meinungen konnte darum um 1850 unter den Ägyptologen gar keine Rede sein. Wie verhalte ich mich nun angesichts solcher chronologischer Schwierigkeiten? So fragte sich auch ein gewisser »Uranius«, und er grub sich selbst die Falle, als er seiner Darstellung eine moderne Chronologie zugrunde legte, was natürlich nicht lange unbemerkt bleiben konnte. Es wäre schlauer von ihm gewesen, wenn er sich dummgestellt und in loser Anlehnung an altägyptische Daten-Listen ein eigenes chronologisches System zusammenphantasiert hätte, dann wären ihm die Gelehrten für die Menge neuer Zeittafelprobleme sogar noch dankbar gewesen. Die den Codex Sinaiticus betreffenden Mitteilungen Kenyons erregen unser Interesse nicht weniger stark. Da hat also der erfindungsreiche Grieche Simonides, von Rache gegen Tischendorf getrieben, behauptet, der Uranius sei vollkommen echt, falsch sei dagegen der Codex Sinaiticus, der stamme nicht etwa aus dem 4. Jahrhundert, sondern sei das moderne Erzeugnis seiner geschickten Fälscherhände. Auf solches Geständnis hin entstand große Verblüffung und Empörung bei Theologen und Paläographen, die sich eine so prachtvolle alte Handschrift nicht wieder aus den Händen schlagen lassen wollten. Prüfen wir nun die von Kenyon angeführten Fakten, die beweisen sollen, daß Simonides als Falsifikator der Bibelhandschrift gar nicht in Frage kommen kann. Simonides sei, als er 1840 die Fälschung begangen haben wollte, erst 15 Jahre alt gewesen. Aber ein aufgeweckter Jüngling, falls er das Auge für diese Dinge hat, ist mit 15 Jahren sehr wohl in der Lage, nach Vorlagen Schriftzüge nachzuahmen. Simonides wolle die Abschrift in 6 Monaten hergestellt haben, das sei aber ganz unmöglich. Wie Kenyon berichtet, waren am Codex mindestens drei Scheiber tätig, von denen einer das ganze NT (und den Barnabasbrief) schrieb. Es würde allerdings für Simonides eine gewaltige Leistung bedeuten, die Evangelien, die Apostelgeschichte, alle Briefe und die Apokalypse in nur einem halben Jahre abzu- 35

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