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Die Faelschung der Geschichte des Urchristentums

Überliefert ist also

Überliefert ist also das Herrengebet, das Vaterunser, von Matthäus (6,9–15) und Lukas (11,1–4). Schlagen wir nun den Text in den Urkodi– zes nach, und zwar zuerst den Matthäus–Bericht, so stellen wir fest, daß alle wichtigen Handschriften – von inhaltlich unbedeutenden Kleinigkei– ten abgesehen — in der Textwiedergabe miteinander übereinstimmen. Dann mustern wir die Urahnen an der Parallelstelle beim Lukas–Evange– lium und stoßen auf eine ungeheuerliche Tatsache. Wohl bringen die Handschriften S, A, C, D auch im Lukas–Evangelium die sieben Bitten genau so, wie sie bei Matthäus lauten, aber gerade die angeblich älteste Handschrift B bietet ein Vaterunser mit – nur fünf Bittenl Im Kodex B fehlen beim Lukas die dritte Bitte (»Dein Wille geschehe«) und die sie– bente Bitte (»Erlöse uns von dem Bösen«). Und damit noch nicht genug der Überraschung: auch noch eine Reihe anderer Kodizes – wie die Altsy– rer – kennen nur das um zwei Bitten verstümmelte Herrengebet! Das Faktum dieser einschneidenden Varianten darf von uns nicht bloß vermerkt werden, es schreit nach einer Erklärung. Wie konnte nur so et– was geschehen? Wie ist es bloß möglich, daß der Schreiber der Hand– schrift B (und die Schreiber der altsyrischen Kodizes) zwei Bitten auslas– sen konnten? Die Schreiber waren doch Christen, die ihr Vaterunser ge– nau so gut (und richtig) im Gedächtnis bewahrten, wie ihre Glaubensge– nossen. Daß hier nicht ein Irrtum, nicht ein Versehen der Kopisten im Spiele ist, darüber sind sich auch die theologischen Forscher einig. Dann bleibt aber – bei Annahme einer »natürlichen« Entstehung der Varianten – nur die eine Erklärung übrig, die schwere Verstümmelung sei von den Ab– schreibern absichtlich vorgenommen worden. Und diese »Erklärung« taugt am allerwenigsten, sie ist überhaupt nicht ernst zu nehmen – wenn wir nämlich die Angelegenheit im Leben der Urchristenheit sich abspie– lend annehmen und betrachten. Was für irrsinnige Gesellen müßten jene Schreiber (oder deren Auftraggeber) gewesen sein, wenn sie auf den Ge– danken verfallen konnten, das allbekannte Gebet des Herrn nach eigenem Gutdünken umzuändern. Hätten sie das dennoch gewagt, sie wären im wirklichen Leben mit ihrer Verkrüppelung gebührend von den Mitchri– sten zurückgewiesen worden. Wir können uns vorstellen, wie verzweifelt die Theologen nach einem Ausweg aus dieser Situation gesucht haben. Irgendwie muß doch eine Er– klärung für das rätselhafte Verhalten des Schreibers von B zu finden sein. Sie glaubten denn auch einen letzten Ausweg entdeckt zu haben, um das Dasein der Varianten doch noch als »natürlich« begreiflich zu machen. Man argumentierte: Die Schuld liegt nicht bei den Kopisten, sondern beim Verfasser des Lukas–Evangelium. Nimmt man an, Lukas selbst habe 88

das Gebet bewußt verkürzt, dann ist nach diesen Kritikern alles in Ord– nung und bestens begreiflich. Wirklich? Der Theologe Feine bemerkt in seinem Buche über Jesus bezüglich dieses Punktes: »Hinsichtlich des Va– terunsers liegt die Annahme nahe, Lukas, der ja auch sonst oft gekürzt hat, habe in der Erkenntnis, daß Jesus ein kurzes Gebet habe formulieren wol– len, in der dritten und siebenten Bitte nur Ausführungen der zweiten und sechsten erblickt.« 59 Also: Lukas nahm an (!), Jesus habe wollen (!); was Jesus »wirklich« gesagt und gelehrt hat, daß er in diesem Falle sieben Bit– ten anbefahl, das ist nicht maßgebend für diesen frommen Evangelisten! Was hiermit die Theologen einem Urchristen unterstellen, klingt nicht bloß unwahrscheinlich, es ist, praktisch betrachtet, glatt unmöglich. Im »wirklichen« Leben der urchristlichen Gemeinden hätte niemand, auch Lukas nicht, die Verwegenheit und Pietätlosigkeit besessen, am Gebet des Herrn, das alle Welt in seiner »echten, ursprünglichen« Fassung kannte, zu deuteln und zu verbessern. Wie man darum diese Sache auch drehen und wenden mag, ob man die Verkürzung des Vaterunsers den Kopisten oder dem Evangelisten zur Last legen will, eine natürliche Erklärung der Varianten im Lukas–Evangelium des Kodex B läßt sich nicht auffinden. Das bedeutet, daß Phänomen wurde künstlich erzeugt, und zwar geschah die Anbringung der Textvarianten bereits im Zuge der Fälschungsaktion aus dem Zwange theologischer Erwägungen heraus. Unter welchem Zwange handelten die hochmittelalterlichen Kugeldre– her, als sie in einem der Hauptkodizes das Herrengebet in gekürzter Form unterbrachten? Aus welchem Grunde ließ man z.B. die dritte Bitte (»Dein Wille geschehe«) wegfallen? Man braucht sich nur ein wenig in die Ge– dankengänge der Theologen zu vertiefen, um die Lösung zu finden. Die mittelalterlichen Verfasser der Evangelien waren weise und gelehrte Män– ner, die im Vaterunser sehr bald zwei Steine des Anstoßes erkannten. So wird gewiß der demütige Christ in seiner Grundhaltung damit einver– standen sein, was Gott über ihn zu bestimmen für gut hält; er wird daher mit der Bitte: Dein Wille geschehe (nicht meiner!) zum Ausdruck bringen, daß er bereit ist, sich (prinzipiell) den Beschlüssen Gottes zu unterwerfen. Ein solches Unterwerfungswort enthält aber keine echte Bitte, sondern stellt ein Bekenntnis zum Gehorsam in Gottes Willen dar, der sich auf menschlich unerforschliche und unbeeinflußbare Weise verwirklicht. Wer betet, möchte aber nicht nur ein Unterwerfungsbekenntnis ablegen, er will nicht bloß beten, sondern bitten, d.h. er möchte Gott bewegen, ihm etwas, was ihm persönlich am Herzen liegt, zu gewähren. Soll immer nur Gottes Wille ohne Rücksicht auf den Betenden geschehen, dann kann das Vortragen menschlicher Wünsche eigentlich keinen Sinn mehr haben. 89

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