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Die Faelschung der Geschichte des Urchristentums

einer neuen Wendung. Wir

einer neuen Wendung. Wir fragen deshalb weiter: warum soll denn der Wortlaut (beispielsweise der Evangelien und der Apostelgeschichte) an– fangs nicht festgestanden haben? Er lag doch in den angeblich erst ganz vor kurzem entstandenen Originalschriften fixiert vor? Um Abschriften dieser Autographen geht es doch! Die Theologen haben viel über dieses Grundrätsel der neutestamentlichen Überlieferung nachgegrübelt; es ist ihnen aber nicht wohl dabei, denn sie müssen zugeben, die Sache sei schwer begreiflich zu machen. Schließlich fand man aber doch ein paar »natürliche« Erklärungen für das Hereinbrechen der Variantensintflut in den ersten Jahrhunderten. Danach wäre das Schwanken des Textes »im Grunde genommen« sogar für ganz selbstverständlich zu erachten. Neu– gierig geworden, hören wir uns solche Erklärungsversuche aufmerksam an. E. Nestle will in der Dummheit der Kopisten die Ursache der Textver– wirrung entdeckt haben. »Die Schreiber waren vielfach unwissende Leu– te, die mit großer Treue [!], aber ebenso großer Einfalt [!] ihre Vorlagen kopierten. Daher die zahllose Menge von Verschreibungen.« E. Fascher ist anderer Ansicht: er führt im Gegenteil das Chaos auf die Klugheit der Kopisten zurück. »Diese Handschriften stammen von Men– schen, welche nicht bloß mechanisch eine Vorlage abgeschrieben haben, sondern auf Grund eigenen Nachdenkens den Text besserten, verdeutlich– ten oder besser verständlich machten, wie sie meinten. Indem sie so ver– fuhren, wurden sie zu Deutern und Auslegern eines abzuschreibenden Textes, den der die Handschrift bestellende Auftraggeber gar nicht zu se– hen bekam, d.h., also: zwischen Text und Abschrift scheibt sich der deu– tende Abschreiber und nötigt seinem späteren Leser seine Deutung auf, da er noch kein Wissen um einen autoritativen Text hat. « 63 Nestle und Fascher führen Argumente an, die sich wie Minus und Plus verhalten und im Endeffekt aufheben. Es gilt nun, die Dinge oder viel– mehr die soeben geschilderten Personen (Schreiber) in die (angebliche) Wirklichkeit des 1./2. Jahrhunderts zu projizieren, um beurteilen zu können, wie sich ihr Dasein und Verhalten im urchristlichen Milieu aus– nehmen. Nach Nestle waren die Kopisten einfältige Menschen; ihre vielen Fehler und Verschreibungen rühren aus ihrer Unwissenheit her. Aber was verlangte man denn in christlichen Kreisen der Frühzeit hinsichtlich der Qualitäten eines Abschreibers? Diese Leute brauchten wirklich keine ge– lehrten Mathematiker oder Philosophen zu sein. Sie waren für ihren Beruf gebildet genug, wenn sie erstens Schreiben gelernt hatten, zweitens Grie– chisch verstanden und drittens mit den Hauptlehren (Begriffen) ihrer Re– ligion vertraut waren. Zweifellos hätten »damals« die Kopisten diesen An– 96

forderungen auch genügt, andernfalls konnten sie schwerlich damit rech– nen, als Abschreiber griechischer Bibelkodizes Verwendung zu finden. Und dann mußte zu allen Zeiten ein guter Kopist noch eine Grundbedin– gung erfüllen: er mußte die ihm aufgetragene Arbeit »mit großer Treue« erledigen; und das war nach Nestle bei den »altchristlichen« Abschreibern gottlob der Fall! Was folgt daraus? Daß solche zwar einfältigen, aber ge– wissenhaft arbeitenden Menschen auch im 1.12. Jahrhundert die allerbeste Garantie für gute, fehlerarme Abschriften bieten konnten. Denn wer mit großer Treue kopiert, verfährt nicht flüchtig, sondern ist genötigt, unter ständiger Anspannung der Aufmerksamkeit zu hantieren. Solch gewis– senhafter Mensch wird sich auch, wenn er etwa ein Wort seiner Vorlage nicht selbst enträtseln könnte, Rat bei einem Kollegen holen; kurz und gut: gerade der Nestlesche Schreiber wäre ein idealer Kopist gewesen, der ein sehr sauberes Manuskript mit nur wenigen Schreibfehlern abgeliefert hätte. Anders der Kopist, den Fascher sich gemalt hat; er entpuppt sich als Musterbeispiel eines Schreibers, wie er nicht sein sollte. Untersuchen wir, wie sich diese Sorte in einer christlichen Urgemeinde, d.h., im wirklichen Leben ausnimmt. Zwar strotzt er von Bildung, aber von Treue im Kopie– ren hält er nichts. Er weiß manches, um nicht zu sagen alles viel besser, als seine Vorlage, d.h. als der Autor, der Evangelist. Es ist unter seiner Wür– de, mechanisch zu kopieren; er schreibt nicht einfach ab, er »schafft«, in– dem er den überlieferten Text selbstherrlich seiner »Deutung« unterwirft. Von einer autoritativen Bedeutung des Werkes, das er abschreiben soll, weiß er nichts, obwohl es sich um in hohem Ansehen stehende kirchliche Schriften handelt, deren Originale angeblich erst vor wenigen Jahren ver– faßt worden waren! Seine Hauptaufgabe erblickt der Faschersche Schrei– ber darin, möglichst viel zu »verbessern« und »deutlicher« zu machen. Je– der biblischen Vorlage drückt er so kräftig den Stempel seines Geistes auf; und siehe da: den Auftraggebern – einem Presbyter oder Bischof – gefällt dies Verfahren, entzückt nehmen sie die »modifizierten« Abschriften ent– gegen und benutzen sie frohgemut in Predigt und Lehre – ohne daß ein Gemeindemitglied daran Anstoß nimmt, daß nun heilige Bücher im Ge– brauch sind, die sich im Wortlaut an nicht wenigen Stellen widersprechen! Fascher und andere Theologen werden sagen: zugegeben, solche Frei– heit in der Textbehandlung seitens der urchristlichen Schreiber mag uns unglaublich vorkommen; wir müssen uns aber den Tatsachen beugen, denn die alten Kodizes bezeugen es doch handschriftlich, wie wenig Re– spekt man vor dem Wortlaut empfand. Und darum suchen die theologi– schen Forscher immer wieder nach einer Erklärung für die (papierne!) 97

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