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Die Faelschung der Geschichte des Urchristentums

Tatsache. Eine

Tatsache. Eine natürliche Erklärung läßt sich aber nicht finden, das lehrt auch der Versuch, den Fascher unternimmt. Wir brauchen nicht viele Worte mehr darüber zu verlieren, denn der Faschersche »Deuter« ist als psychologische Massenerscheinung – wie es ja der Fall gewesen sein soll – im Milieu des Urchristentums unmöglich. Kenyon und andere warten mit folgender Erklärung auf: Sie wollen nicht leugnen, daß die Evangelisten bei Abfassung ihrer Erzählungen über das Leben Jesu und das Werk seiner Apostel einen praktischen Zweck ver– folgten, nämlich »die Kenntnis ihres Lehens und Lehrens in der christli– chen Gemeinde zu verbreiten«. Aber – und jetzt präsentiert Kenyon seine Erklärung –»an die Zukunft dieser Schriften dachte dabei niemand, denn diese war ja angesichts der Wiederkunft Christi ohnehin von kurzer Dau– er, warum sollte man da so sehr auf wörtliche Treue bedacht sein?« 64 Ke– nyon findet dieses Argument unmittelbar einleuchtend, denn er versi– chert: »Angesichts solcher Umstände braucht man sich natürlich (!) über die Entstehung einer Vielheit von Varianten nicht zu wundern.« Wir er– achten seine Erklärung keinesfalls für natürlich, denn sie setzt bezüglich der Kopisten wiederum ein Massenauftreten von Besserwissern voraus. Man vergegenwärtige sich auch einmal die Geistesverfassung eines from– men Christen aus der »frühesten« Zeit; er erwartet das baldige Ende dieser Welt, bzw. die baldige Wiederkehr des Herrn! Da will und muß er für die– sen Tag gerüstet sein. Wie kann er sich gebührend vorbereiten? Indem er das Richtige (Gottgewollte) tut und glaubt! Was richtig ist, das steht für ihn in den »Evangelien« geschrieben, die Jesu Taten und Lehren zum Vorbild und zur Mahnung enthalten. Und den »Geist« der Lehren findet der Fromme in bestimmte Worte gekleidet – wie hätte es nun in dieser Si– tuation der Erwartung der nahen Wiederkunft des Herrn einem Christen ernstlich einfallen können, als Kopist am Wort des Heilandes (am Wort– laut seiner schriftlich fixierten Lehre) zu deuteln und zu bessern! Wie hätte nicht nur einer, nein, wie hätten sich viele Schreiber in solcher spannungs– vollen Lage bereitfinden können, den »heiligen« Text ganz unbekümmert nach Gutdünken zu verändern! Die Auftraggeber und die ganze Ge– meinde würden solch einen Besserwisser (oder auch einen schludrig arbei– tenden Kopisten) aus der Schreibstube verwiesen haben. Schrieb man »damals« die Evangelien ab, so dachte man freilich nicht »an die Zukunft« dieser Schriften, desto mehr aber an die notwendige Gegenwart dieser Bü– cher, an ihr augenblickliches Vorhandensein. Und vor allen Dingen hätte jeder fromme Christ darauf gedrungen, eine Abschrift mit dem »richti– gen« Wortlaut in die Hand zu bekommen. In »Wirklichkeit« hätten also alle Kopisten unter dem Zwange gestanden, den Text der Vorlage so treu 98

wie nur irgend möglich zu übertragen, d.h., der Einbruch einer Varian– tensintflut schon innerhalb eines Jahrhunderts hätte niemals stattfinden können. Auch der gescheiteste Theologe wird keine natürliche Erklärung für die Entstehung des Variantenwirrwarrs finden, der in den Handschriften (aus der »Frühzeit«) herrscht, aus dem einfachen Grunde nicht, weil hier er– wiesenermaßen ein künstlich erzeugtes Problem auf der Lauer liegt. Wie oft haben wir nun schon solche künstlichen Probleme aufgestöbert; die handschriftliche Überlieferung des NT – und nicht bloß die biblische! – wimmelt davon. Wir werden sogleich ein neues Problemknäuel kennen– lernen, wenn wir uns jetzt auf der Brücke der Textüberlieferung vom 2. ins 4. Jahrhundert begeben. Immer noch kühn vorausgesetzt, die biblische Überlieferung besitze hi– storische Faktizität; dann können wir feststellen, daß sich vom 2. bis 4. Jahrhundert im üppigen Bezirk der Varianten allerlei ereignet haben muß. Zwar hüllen sich die »Zeitgenossen«, die sonst sehr redselig sind, hinsicht– lich dieser Vorgänge in Schweigen, als fürchteten sie, Geheimnisse zu ver– raten. Das 4. Jahrhundert gilt bekanntlich als das Geburtssäkulum unserer berühmten biblischen Pergamentgreise, und wir wissen bereits, daß mit dem Auftreten der Standardkodizes auch die drei großen Textfamilien er– scheinen und sich zu vermehren beginnen. Das Phänomen der Textauf– spaltung in drei Hauptgruppen muß nun noch einmal begutachtet wer– den, und zwar handelt es sich an dieser Stelle um die Frage nach der Ent– stehung dieser Dreischichtigkeit. Bildlich gesprochen: im 1./2. Jahrhun– dert wogt vor uns ein Varianten–Meer, im 4. Jahrhundert sehen wir dies Gewässer in drei Strombetten dahinfließen. Wie sind aber diese Kanäle entstanden? Wer hat sie gegraben und das Variantenwasser in sie hineinge– leitet? Diese wichtige Angelegenheit muß doch »damals« von Menschen (Christen) geplant und ausgeführt worden sein; aber von welchen Instan– zen? Tiefes Schweigen im weiten Umkreise der »Zeitgenossen«. Die Theologen von heute belehren uns dahin, es seien irgendwann und irgendwo in jener Epoche – vor dem 4. Jahrhundert –Revisionen am Text vorgenommen worden, um irgendwie Ordnung im Wirrwarr der Varian– ten zu schaffen. Und zwar müssen nach Ausweis der Standardhandschrif– ten drei große Textrevisionen stattgefunden haben. Fragen wir einmal Ke– nyon nach den näheren Umständen. Er zuckt die Achsel und bekennt: »Zu welcher Zeit und von wem die Revisionen unternommen wurden, auf die unsere heutigen Textfamilien zurückgehen, wissen wir nicht . . . alles, was wir sagen können, ist, daß um das 4. Jahrhundert die Hauptunter– schiede in den einzelnen Überlieferungen sich herausgebildet hatten.« (Es 99

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