Aufrufe
vor 6 Monaten

Neuroarchitektur

978-3-86859-468-3 https://www.jovis.de/de/buecher/details/product/neuroarchitektur.html

88 Paul Klee, Bewegungen

88 Paul Klee, Bewegungen in Schleusen (1929)

89 Neuromusikologie – Neuroarchitektur Musik als Erfahrung von Bewegung So wie gelungene Architektur die Bewegung des Menschen im Raum motiviert, so kann Bewegung als das Wesen von Musik erkannt werden. Wahrscheinlich ist es für die Beschreibung von Musik naheliegend, lediglich zwei Aspekte besonders zu berücksichtigen: Bewegung und Klang. Aktivitätsbereiche von Musik können dann als neurobiologische Vorgänge gelesen werden, die auf dem Feld komponierter Musik vor allem Parallelen zu literarischen Texten und Landkarten aufweisen. Beide werden zielgerichtet in zeitlichen Abläufen erfasst. Und sie lassen sich verinnerlichen. Sind es in der Literatur die Handlungsstränge, die sich im Verlauf der Erzählung aufrollen, entfalten, kreuzen und wieder auflösen, so ist es bei der Sichtung einer Landkarte der Nachvollzug einer Strecke, die als Weg erschlossen wird. Strukturen und Pläne mentaler Erfahrungen schreiben sich in unser Gedächtnis ein. Je intensiver wir diese Wege erleben, desto tiefer verinnerlichen wir sie. Viele Bereiche musikalischer Bewegungen sind gleichzeitig aktiv, bereits ein einzelner Ton besteht aus zahlreichen Faktoren, die sich in verzweigten physikalischen Phänomenen zeigen lassen und nur im intentional gerichteten Hören näherungsweise analysieren lassen. Töne sind bewegte Körper im Raum. Schon auf einer einfachen Ebene können wenige Töne als unmittelbare räumliche Erfahrung von Musik erlebt werden. Diese Erfahrung kann gleichsam als Durchschreiten einer imaginierten Architektur beschrieben werden. Jedes Gehirn wird zum Speicher musikalischer Erlebnisse, der durch Erfahrung und Konditionierung sein individuelles Profil erhält. Doch der Speicher selbst kann in seinen funktionalen Abläufen nur näherungsweise beschrieben werden. Einzelne Gesetzmäßigkeiten lassen sich benennen. Jeder Mensch hört Musik, doch jeder erlebt sie anders. Die ihn umgebenden Geräusche verbinden sich mit der Geschichte seiner musikalischen Erfahrung und werden in Erlebnissen von Räumen reflektiert. Bei Musikern sind die Fähigkeiten, architektonische Resonanz und Raumerfahrung bewusst zu erleben und zu beschreiben, besonders ausgeprägt. Sie bilden sich früh aus. Vom Erlernen der Notenschrift über das Studium einfacher bis komplexer Partituren und das Instrumentalspiel bis hin zum motorischen Gedächtnis. Musiker sind in der Lage, ohne visuelle Kontrolle des Instruments direkt vom Blatt zu spielen und sogar prima vista im Ensemble zu musizieren. Sie