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Neuroarchitektur

978-3-86859-468-3 https://www.jovis.de/de/buecher/details/product/neuroarchitektur.html

12 Architektur

12 Architektur Madeleine-Region – Neuronale Spuren Die neuroarchitektonische Forschung bezieht sich in ihrer Themenfindung zu Recht auf das literarische Werk Marcel Prousts, dessen Madeleine- Erlebnis ein Universum multisensorischer Erinnerungsbilder auszulösen vermochte. Eingebettet in eine atmosphärisch meist bedrohliche und abweisende Umgebung wird ein sensorisches Erlebnis zum Zentrum einer biografischen Schilderung und zum Leitfaden der Erzählung, deren Suche nach Spuren und Bildern der Erinnerung kaum ohne ein Verzeichnis von Namen und Orten zu entschlüsseln ist. Prousts Stilistik macht im Zeichen einer Sensibilité sinnliche Erlebnisse zur Grundlage seiner Beschreibungen − aus heutiger Sicht neurologisch motivierte Perspektiven –, die durch die Nähe zu Henri Bergson und dessen Theorie der Erinnerung angeregt sind. Bereits in den ersten Abschnitten werden Erinnerungen als Einschreibungen ins Gedächtnis beschrieben. Gravuren, Spuren und dann auch Muster zeugen von sensorischen Erfahrungen und beziehen sich auf Räume und Atmosphären. Hier entsteht eine Verbindung kognitiv wirksamer Ereignisse auf dem Feld der Architektur, bei der neurologische Forschung und praxisorientierte Anwendungen miteinander verknüpft werden. Syntax und Bezüge zu entschlüsseln wird zur besonderen Aufgabe der Lektüre. Gilles Deleuze sieht in der Anlage und besonderen Komplexität von Prousts Werk einen ausgebreiteten Plan, den er mit einer nahezu unüberschaubaren Ansammlung von Schachteln und Gefäßen 1 vergleicht, in die Dinge, Personen und Namen eingelassen sind. Die Lektüre wird zur Entfaltung von sich aufeinander beziehenden Räumen und deren Architektur, die wie eine fremde Stadt durch Erfahrungen und dann verinnerlichte Pläne, Karten und Mind-Maps erschlossen werden kann. Was in den letzten Jahren an Schnittstellen der Forschung zwischen Neurologie, Hermeneutik (Erinnerungs- und biografischer Forschung), Ortungstheorien und Architektur entwickelt wurde, ist im Werk Prousts als literarisches Material in seltener Dichte identifizierbar. Mehr noch, das Madeleine- Erlebnis kann nur im Kontext kontrastierender räumlicher Situationen jene Kraft

ARCHITEKTUR 13 entfalten, die sich dann als Sensibilité in einzelnen Akten manifestiert. Es wird zum regelrechten Haltepunkt und zur Station für den Leser und suggeriert eine Chronologie der Ereignisse, die aber als Erinnerungsbilder mehrfach überlagert sind. Daher lebt die Qualität des Textes von sensorisch übersteigerten, sogar hypersensiblen Momenten, deren stilisierte Wahrnehmung jenseits als „gesund“ empfundener Grenzen liegen mag. Übersteigerung wird zum System, sensuelle Ereignisse werden zu den Eckpunkten der Erzählung. „Der Autor entwickelt mit bewundernswerter Genauigkeit Grenzbereiche und Nuancen menschlicher Wahrnehmung und Gefühle, er entdeckt ihre Wandelbarkeit, ihre Verwirrung, ihre Unaufrichtigkeit und Mehrdeutigkeit ebenso wie ihren Adel.“ 2 Und er stellt seine Erzählung in den Rahmen einer ebenso genau beschriebenen Architektur. Die Qualität der so entwickelten Details stellt Proust in den Bereich einer Literatur, die eine eigene Typologie auszeichnet. „Strukturell lassen sich Merkmale der Literatur erkennen, die mit dem aufklärerischen Sensibilité-Begriff eng verbunden sind. Der homme sensible ist eine identifikationsstiftende Figur, die dem Publikum die eigene Rührungsfähigkeit und moralische Qualität vor Augen führen soll. Nicht Unterhaltung, sondern rührende Belehrung ist das Ziel der empfindsamen Literatur in Frankreich und England.“ 3 Der Autor selbst beschreibt sich als ein Gefäß und als einen Raum, dessen Körper mit anderen Körpern in Gestalt von Menschen, Dingen und eben auch Architektur in Beziehung steht. Deleuze nutzt das Bild der Schachtel und der Verschachtelung sowie deren Anordnung in einer zeitlichen Folge und verweist auf die musikalische Dramaturgie der Erzählung. Sie handelt von komponierten Zeiträumen und bedient sich einer Metaphorik, die auf Arthur Schopenhauer verweisen kann. Besonders zu untersuchen sind zunächst durch Proust herausgestellte idealtypische Räume in den Häusern seiner Kindheit, die in vergangenen Zeiten als atmosphärisch aufgeladene Umgebungen beschrieben werden. Körpererfahrungen sind hier immer Raumerfahrungen, in eine selten nuancierte, feine Schilderung der Räume eingebettet, die eine besondere Sicht auf die Architektur bedingt. Vor den architektonischen Details des Ambientes kommen zunächst die Proportionen, die von Samuel Beckett wie folgt beschrieben werden: „Der Erzähler kann in einem fremden Raum nicht schlafen, eine hohe Decke wird ihm zur Folter, denn er ist an eine niedrige gewöhnt.“ 4 So bietet die Lektüre jene Szenen einer sensuell übersteigerten Wahrnehmung, wie sie vom zarten, kränkelnden und pubertierenden Jungen erlebt wird. Der Autor inszeniert sich als Mittelpunkt einer Szenerie, die zwischen Erleben und Erinnern ihren zeitlichen Verlauf findet, deren wechselnde Ebenen aber durch die Konstanten sinnlicher Bilder gesetzt werden. Um die Erzählung und ihre zeitlichen Bezüge herausarbeiten zu können, werden die Szenen in ein jahreszeitlich bedingtes Gefüge eingepasst. Die Dramaturgie der Jahreszeiten spiegelt sich in verschiedenen Orten eines kleinen Städtchens und in privaten Räumen. Sommer- und Winterzimmer von Land- und Stadthäusern offenbaren ihre Bestimmung bei Tag und Nacht.