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Handbuch der Mythologie

gegenüber den Farbigen:

gegenüber den Farbigen: Medea ist hier die vom weißen Kulturstolz ausgestoßene Schwarze. Der Amerikaner Robinson Jeffers zeigt sie in seiner Medea (1947) als naturnahes, wildes Individuum gegenüber einer degenerierten Zivilisation. Allen dreien geht es um den Konflikt zwischen Natur und Zivilisation. Medeas Morde gelten hier nicht einfach als ‚widernatürlicher‘ Gräuel, dass die Mutter ihre eigenen Kinder tötet, sondern auch als eine Art Reflex der durch Unterdrückung beschädigten Natur. Jean Anouilhs Médée (1948) hat dagegen eine existenzialistische Perspektive auf die verlassene Frau, die mit der Verstoßung durch den Geliebten ihre Identität verliert. Diese im Ausgestoßensein um sich selbst gebrachte Medea endet im Selbstmord. In einer monologisch-tiradenhaften Szene lässt Heiner Müller (Medeamaterial, 1982) Medea rückblickend mit ihrem Schicksal als einer ins Verderben führenden Kette von Verrat und Gewalt abrechnen. Eine neue Wendung bringt die feministische These, dass der Kindsmord eine Verleumdung sei, die der ‚Mann‘ Euripides an der in ihrer Andersartigkeit und Macht gefürchteten, unschuldigen Frau begangen habe. Der tradierte Mythos soll so als patriarchale Schmähgeschichte entlarvt werden, die es zu revidieren gilt. Einen signalhaften Anfang macht dazu das Gedicht Brief an Medea (1977) von Helga M. Novak: „Medea du Schöne dreh dich nicht um/vierzig Talente hat er dafür erhalten/von der Stadt Korinth/der Lohnschreiber der/daß er dir den Kindermord unterjubelt.“ Ihre größte und bekannteste Entfaltung findet diese These in Christa Wolfs Medea. Stimmen (1996), einer rückblickenden Reflexion der Geschehnisse in Monologen der beteiligten Figuren. Hier erscheint Medea als friedfertige, heilkundige und herausragend kluge Frau, die als Einzige die skrupellosen männlichen Machtspiele durchschaut, denen sie in einer patriarchalen Welt jedoch hilflos ausgeliefert ist. Den Tod ihrer Kinder hat nicht sie, sondern haben die gegen sie demagogisch aufgestachelten Korinther zu verantworten. Christa Wolf zeigt Medea als Sündenbock einer machtkorrumpierten männlichen Gewalt-Welt. In der Malerei dominiert neben dem Kindermordmotiv die Flucht der Medea auf dem Drachenwagen (z.B. Charles-Antoine Coypel, 1715; Carle Van Loo, 1759). Der Kindermord wird sowohl als offensichtliche Bluttat dargestellt (z.B. Eugène Delacroix, Médée furieuse, 1862; Theaterplakat von Alfons Mucha für eine Aufführung mit Sarah Bernhardt als Medea, 1898) als auch mittelbar, indem der Moment vor oder nach der Tat gewählt wird und der Mord vom wissenden Betrachter nur vorzustellen ist: Ein pompejanisches Wandbild (1. Jh. n. Chr.) zeigt Medea mit dem Schwert in der Hand neben den arglos spielenden Kindern, die sie noch nicht wahrnehmen, Anselm Feuerbach (1873) stellt sie trauernd neben einer Urne sitzend dar, auf der die Mordszene angedeutet ist. Auf einem anderen Gemälde Feuerbachs (Medea auf der Flucht, 1870) hält sie ihre beiden Kinder liebevoll im Arm. Nur eine in Trauer gehüllte und ihr Gesicht verbergende Gestalt neben ihr weist indirekt auf die Bluttat voraus. Der Medea-Film (1969) von Pier Paolo Pasolini zeigt mit den Griechen und Kolchis den Gegensatz zwischen einer rationalistisch-materialistischen und einer mythisch-animistischen Kultur. Die Bildästhetik und das Prestige der Hauptdarstellerin Maria Callas verleihen dem Mythisch-Animistischen dabei

Gewicht und Reiz, die sich gegen die rationalistisch-materialistische Moderne behaupten. Zwischen 1953 und 1962 war Maria Callas zuvor in der Titelrolle von Luigi Cherubinis Oper Medea (1797) hervorgetreten und hatte durch ihre künstlerische Leistung dieses weniger bekannte Werk vorübergehend populär gemacht. LITERATUR James J. Clauss, Sarah Iles Johnston (Hg.): Medea: Essays on Medea in Myth, Literature, Philosophy and Art. Princeton 1997 Ludger Lütkehaus (Hg.): Mythos Medea. Leipzig 2001 Inge Stephan: Medea. Multimediale Karriere einer mythologischen Figur. Köln 2006 Yixu Lü: Medea unter den Deutschen. Wandlungen einer literarischen Figur. Freiburg 2009 Heike Bartel, Anne Simon (Hg.): Unbinding Medea: Interdisciplinary Approaches to a Classical Myth from Antiquity to the 21 st Century. London 2010 SM Musen Die Musen, Töchter des Zeus und der Mnemosyne (des ‚Gedächtnisses‘), sind die Schutzgöttinnen der Künste, später auch teilweise der Wissenschaften. Ihre Namen und ihre Anzahl von neun gehen auf einen der ältesten Texte der altgriechischen Überlieferung zurück, auf Hesiods Theogonie (um 700 v. Chr.). Dort (Verse 36–79) sind sie von ihrer Beschreibung und von der Bedeutung ihrer Namen her auf Tanz, Gesang und Musik bezogen. Die Ausweitung auf weitere Künste und auch die Wissenschaften erfolgte nach und nach. In der römischen Antike gelten sie allgemein als Schutzpatroninnen der geistigen Ansprüche des Menschen in den Künsten, Wissenschaften und der Philosophie. Bildungsgeschichtlich grundlegend ist hier Ciceros Formulierung, die das humanistische Gelehrtendasein als ein Leben mit den Musen bezeichnet („cum Musis, id est cum humanitate et doctrina“, Tusculanae disputationes, Gespräche in Tusculum, 45 v. Chr., V 23,66). Auch wenn sie variieren und oft auch ganz offen bleiben können, haben sich über die Tradition folgende Zuordnungen und typischen Attribute ergeben: Kleio, lat. Clio, ‚die Rühmende‘, Geschichtsschreibung, mit Griffel und Buchrolle; Euterpe, ‚die Erfreuende‘, vom Flötenspiel begleitete Lyrik, dargestellt mit der Doppelflöte (Aulos); Thaleia, lat. Thalia, ‚die Festliche‘, Komödie, mit komischer Maske, Efeukranz und Krummstab; Melpomene, ‚die Singende‘, Tragödie (auch Gesang), mit tragischer Maske, Keule und einem Kranz aus Weinlaub; Terpsichore, ‚die froh im Reigen Tanzende‘, von Saiteninstrumenten begleitete Lyrik und Tanz, mit Lyra und Plektron, oft in tanzender Stellung; Erato, ‚die Liebliche‘, Lyrik, insbesondere Liebeslyrik, mit Saiteninstrument; Polyhymnia, ‚die Liederreiche‘, Gesang, später auch Geometrie, ohne Attribut, zumeist ernst, in nachdenklicher Haltung; Urania,

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