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Handbuch der Mythologie

Theseus Theseus, Sohn

Theseus Theseus, Sohn des athenischen Königs Aigeus (oder des Gottes Poseidon) und der Aithra, gehört der Heldengeneration an, die vor dem ▸ Trojanischen Krieg lebte. Er galt als mythischer König von Athen und wurde dort als Staatsheld verehrt. Der Mythos war in verschiedenen Gattungen verbreitet; er besteht aus zahlreichen Episoden, die verschiedene Facetten des Helden aufzeigen: Abenteurer, Staatsmann, Liebhaber, Unterweltsfahrer. Die ausführlichsten Zeugnisse sind mythographische Werke wie Ovids Metamorphosen (VII 404–452; VIII 157–187, 270–546 und XII 227–260), Hyginus’ fabulae (30; 37; 38; 41; 42; 43; 47; 79 und 241) aus dem 1. Jh. v. Chr., Plutarchs mythische Lebensbeschreibung Theseus aus dem 1. Jh. n. Chr. sowie Ps.-Apollodors Bibliotheke (III 216–218 und Epitome 1) aus dem 1./2. Jh. n. Chr. Nach der Zeugung von Theseus in Troizen, der Heimatstadt Aithras, kehrt sein Vater nach Athen zurück, bevor sein Sohn das Licht der Welt erblickt. Er verbirgt aber sein Schwert und seine Sandalen unter einem großen Felsen und trägt der Mutter auf, wenn ihr Sohn erwachsen und stark genug sei, um den Felsen anzuheben, solle er mit den Erkennungszeichen zu seinem Vater nach Athen reisen. Theseus wächst also bei seiner Mutter und seinem Großvater Pittheus, dem König von Troizen, auf. Nach der Bergung der Erkennungszeichen als Erwachsener zieht er auf dem Landweg nach Athen; unterwegs säubert er die Straße von zahlreichen Wegelagerern. Nach seiner Ankunft in Athen muss er aufgrund der Bosheit seiner Stiefmutter, der Zauberin ▸ Medea, den Stier von Marathon bezwingen und entkommt einem Giftanschlag, bevor er von seinem Vater erkannt wird. Hierauf vollbringt er seine bekannteste Heldentat: Er bezwingt auf Kreta mithilfe der Königstochter Ariadne den Minotauros, dem bis dahin jährlich athenische Jungen und Mädchen geopfert werden mussten. Auf dem Rückweg nach Athen lässt er Ariadne auf Naxos zurück. Kurz vor Erreichen der Heimat vergisst er mit dem Wechsel der Segelfarbe von Schwarz auf Weiß seinen Erfolg anzukündigen; daraufhin stürzt sich sein Vater im Glauben, Theseus sei umgekommen, in den Tod und Theseus wird König von Athen. Später nimmt er an einem Feldzug gegen die Amazonen teil und erbeutet Antiope (in einer anderen Version Hippolyte) als Gattin; der gemeinsame Sohn Hippolytos stirbt aufgrund einer Anschuldigung seiner Stiefmutter Phaidra durch den Fluch seines Vaters (▸ Phaidra und Hippolytos). Zuvor hatte Theseus Antiope der am meisten verbreiteten Mythenversion zufolge im Zuge eines Amazonenangriffs zur Befreiung Antiopes eigenhändig getötet. Im fortgeschrittenen Alter nimmt er am Kampf der Lapithen und Kentauren teil und unternimmt mit seinem besten Freund Perithous, dem Lapithenkönig, seine letzten Abenteuer: Sie entführen für Theseus die junge Helena aus Sparta, werden allerdings bei dem Versuch, für Perithous Persephone, die Gemahlin des Hades (▸ Demeter und Persephone) zu entführen, in der Unterwelt festgesetzt und erst durch die Hilfe des ▸ Herakles gelangt Theseus wieder an die Oberwelt. Dort muss er feststellen, dass der athenische Thron von Menestheus besetzt wurde. Er zieht

nach Skyros und erleidet dort einen ruhmlosen Tod. Die große Bandbreite von Facetten des Helden schlug sich auch in der antiken Bearbeitung des Mythos nieder. Obwohl aus der Literatur Rückschlüsse auf mehrere Theseus-Epen gezogen werden können, hat sich kein eigenständiges Epos um Theseus erhalten; Kallimachos beschränkt sich in seinem Kleinepos Hekale auf eine rührende Nebenepisode. In mehreren Tragödien des 5. Jh. v. Chr. spielt Theseus in seiner Funktion als idealer Staatsmann eine wichtige Rolle: In Sophokles’ Ödipus auf Kolonos, Euripides’ Die Bittflehenden und Der rasende Herakles tritt er als Hüter der Menschlichkeit und zivilisierten Ordnung auf (so auch noch in Statius’ Thebais XII 519–796). Aufgrund dieser Funktion und seiner zahlreichen Heldentaten rückt er in die Nähe des ▸ Herakles, ohne jedoch dessen gesamtgriechische Bedeutung zu erlangen. Gefördert wurde diese Gleichstellung insbesondere von dem athenischen Politiker Kleisthenes (spätes 6. Jh. v. Chr.), um der Polis Sparta – Herakles war Dorer – einen eigenen Staatshelden entgegensetzen zu können. Für die athenischen Epheben (Jungen im Alter von 12 bis 18 Jahren) stellte Theseus eine Identifikationsfigur dar, da er in ihrem Alter seine ersten Abenteuer bestritt, und gewann dadurch Bedeutung für Initiationsriten. Es verwundert deswegen nicht, dass Theseus in Kult und Kunst vor allem während der Blüte Athens im 5. Jh. v. Chr. stark präsent war. Wahrscheinlich förderte bereits das athenische Herrschergeschlecht der Peisistratiden (etwa 669/8–514/3 v. Chr.) den Kult und sehr früh existierte ein Heiligtum, Theseus wurde als Staatsfigur dann jedoch 475 v. Chr. durch die Überführung seiner Gebeine nach Athen von dem athenischen Politiker Kimon sehr popularisiert. Im 8./7. Jh. v. Chr. beschränkten sich die Vasendarstellungen zu Theseus noch auf die Tötung des Minotauros, ab dem 6. Jh. v. Chr. kamen die Kämpfe gegen die Kentauren und die Wegelagerer dazu. Die letzte Episode war prominent am Schatzhaus der Athener in Delphi dargestellt, das etwa 490 v. Chr. errichtet wurde. Auch an öffentlichen Gebäuden in Athen war Theseus im 5. Jh. v. Chr. sehr präsent; im Anschluss an die Perserkriege wurde vor allem seine Teilnahme an einem Amazonenfeldzug politisch instrumentalisiert. Die große Beliebtheit zu dieser Zeit spiegelt sich in den zahlreichen Vasendarstellungen und dem prominentesten Vertreter wider, dem sogenannten Theseus-Maler (505–485 v. Chr.; z.B. die schwarzfigurige Lekythos aus Eretria, die Theseus zeigt, wie er den Wegelagerer Prokrustes erschlägt, ca. 500–490 v. Chr., Athen, Nat. Mus. 515). Ab dem 4. Jh. v. Chr. nimmt die Anzahl der Theseus-Darstellungen merklich ab, nicht zuletzt wegen der rapide abnehmenden politischen Bedeutung Athens. Auch die spätere Rezeption beschränkte sich auf wenige Elemente des Theseus- Mythos und ließ Theseus selbst zusehends in den Hintergrund treten: Einerseits traten die vielen Beziehungen zu Frauen (Medea, Ariadne, Aigle, Antiope, Phaidra, Helena) in den Vordergrund. Bereits Catull (carmen 64) und Ovid (Heroides 10) gestalteten diese Seite des Helden aus. Zu den ersten Bearbeitungen der Neuzeit, in denen dieser Aspekt hervorgehoben wurde, zählt Giovanni Boccaccios Versepos Teseida (1339–1342), das für spätere Schriftsteller wegweisend war. So nimmt u.a. William Shakespeare die Hochzeit von Theseus und Hippolyte auf und verwendet

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