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Handbuch der Mythologie

LITERATUR Joachim

LITERATUR Joachim Latacz: Troia und Homer. Der Weg zur Lösung eines alten Rätsels. Leipzig 5 2005 Stefanie Jahn: Der Troia-Mythos. Rezeption und Transformation in epischen Geschichtsdarstellungen der Antike. Köln, Weimar, Wien 2007 Barry Strauss: Der Trojanische Krieg. Mythos und Wahrheit. Stuttgart 2008 Kordula Wolf: Troja – Metamorphosen eines Mythos. Französische, englische und italienische Überlieferungen des 12. Jahrhunderts im Vergleich. Berlin 2009 SM Unterweltmythen Die Darstellung einer Unterwelt als Totenreich und damit überhaupt die Vorstellung, was die Menschen nach dem Tod erwartet, überliefern schon die ältesten schriftlichen Zeugnisse, die homerischen Epen (Ilias, 1. Hälfte des 7. Jh. v. Chr., und Odyssee, um 700 v. Chr.). Sie setzen sich dort aus verschiedenen, im Text verstreuten Motiven zusammen: dem Übergang aus der Welt der Lebenden in die der Toten, der Herrscherfigur im Totenreich, Büßerfiguren, die dort ewige Qualen leiden, und Jenseitswanderern, die als Lebende das Totenreich besuchen und wieder verlassen können. Dieses letzte Motiv findet die reichste erzählerische Entfaltung: angefangen bei Odysseus’ Unterweltsbesuch (XI. Gesang der Odyssee), wiederholt in Vergils Aeneis (19 v. Chr., VI. Gesang) und verbunden neben anderen insbesondere auch mit der Herakles- und der Orpheus-Figur. Trotz mancher Variationen und Abweichungen lässt sich folgendes Gesamtbild zeichnen: Der Tod wird als der Übergang eines Menschen von der sonnenbeschienenen Erde in ein finsteres Schattenreich vorgestellt. Licht und Dunkelheit markieren den Gegensatz von Leben und Tod. Das Totenreich lässt sich damit im wörtlichen Sinne als ‚Unterwelt‘ denken, es assoziiert das Unterirdische, was sich auch darin ausdrückt, dass der Weg der Jenseitswanderer als Abstieg und Aufstieg (gr. katabasis und anabasis) bezeichnet wird. Der Übergang erscheint konkret jedoch horizontal als Überfahrt über einen Fluss, der das Totenreich von den Lebenden trennt. Für ihn werden die Namen Acheron und Styx genannt. Im Namen des zweiten schwören die Götter ihre Eide. Die Überfahrt geschieht im kleinen Boot des Fährmannes Charon, wofür die Toten ihn mit einer kleinen Münze (gr. obolos) entlohnen. Zum griechischen Bestattungsritus gehörte es, dem Leichnam diese Münze (‚Charonsgroschen‘) in den Mund zu legen. Der Ausdruck Obolus hat sich bis heute sprichwörtlich für einen kleinen Geldbetrag erhalten. Der Gott Hermes begleitet und führt die Toten zu Charon. Dass er in dieser Funktion ‚Seelenbegleiter‘ (gr. psychopompos) genannt wird, belegt, dass der Tod individuell als Ablösung der Seele vom Körper gedacht wird. Die Erscheinung der Toten wird jedoch hauptsächlich ‚Schatten‘ genannt. Neben dem Fluss gibt es die Vorstellung vom ummauerten Totenreich, dessen Tor vom dreiköpfigen Höllenhund Kerberos bewacht wird. Er lässt keinen Lebenden hinein und keinen Toten hinaus. Übertragen gebraucht, bezeichnet der Ausdruck Zerberus bis heute einen besonders strengen Pförtner oder Wächter. Der Herrscher in der Unterwelt ist der Gott Hades, dessen Name aber auch

metonymisch für die Unterwelt selbst (‚der Hades‘) stehen kann. Er ist der Bruder der Götter ▸ Zeus und Poseidon, dem nach der Aufteilung der Welt nach dem Sieg der Olympier über die Titanen die Unterwelt als Herrschaftsbereich zufällt. Poseidon bekommt das Meer, Zeus den Himmel (vgl. Ilias, XV, 187–195). Seit dem 5. Jh. v. Chr. ist Hades mit dem Gott Pluto identisch, dessen Name (von gr. plutos = Reichtum, Fülle) damit erklärt wird, dass „der Reichtum von unten aus der Erde kommt“ (Platon, Kratylos, 403a). Diese Aussage kann man auf die Feldfrüchte und den Ackerbau beziehen. Seine Frau Persephone raubt Pluto von deren Mutter ▸ Demeter, der Göttin des Wachstums, der Fruchtbarkeit und des Ackerbaus. Sie beklagt sich vor Zeus über die Entführung ihrer Tochter in die Unterwelt, woraufhin Zeus den Kompromiss vermittelt, dass Persephone nur jeweils die Hälfte des Jahres bei ihrem Gatten im Totenreich weilt, die andere Hälfte aber bei ihrer Mutter auf der Erde. Daraus ergibt sich die mythische Erklärung der Jahreszeiten, die im Mittelmeerraum bei kurzen Übergangszeiten von Frühling und Herbst vor allem durch den Gegensatz von Sommer- und Winterhalbjahr geprägt sind: Das eine ist die glückliche Jahreshälfte der Demeter, in der sie ihre Tochter bei sich hat, das andere die unglückliche, in der Wachstum und Ackerbau pausieren. In der römischen Mythologie trägt der Gott der Unterwelt die Namen Dis oder Orcus, wobei Orcus wie Hades metonymisch für das Totenreich selbst stehen kann. Umgangssprachlich bezeichnet der Ausdruck Orkus heute den Abfall; die Wendung ‚in den Orkus schicken/befördern‘ steht euphemistisch für die Beseitigung einer Sache oder einer Person. Ähnlich der christlich-populären Vorstellung von der Hölle ist die Unterwelt auch ein Ort der Strafe, an dem irdische Sünder für ihre Vergehen büßen. Die bekanntesten dieser Büßerfiguren sind Tantalos und Sisyphos. Die Strafe des Ersten besteht darin, dass er hungrig und durstig bis zum Kinn im Wasser steht, über ihm hängen von reifen Früchten schwere Zweige hinunter. Doch Wasser und Zweige weichen zurück, sobald er zu trinken oder in eine Frucht zu beißen versucht. Der Ausdruck Tantalus-Qualen ist sprichwörtlich geworden. Seine Vergehen werden unterschiedlich erzählt: Zum einen habe er als Vertrauter der Götter deren Geheimnisse ausgeplaudert oder die den Göttern vorbehaltene, unsterblich machende Speise Ambrosia geraubt und an Menschen verteilt. Die andere Erzählung ist drastischer: Um den Allwissenheitsanspruch der Götter zu prüfen, habe er seinen eigenen Sohn Pelops getötet und ihnen sein Fleisch als Speise untergeschoben. Aufgrund dieser Gräueltat verfluchen die Götter ihn und seine sämtlichen Nachkommen (Tantalus-Fluch). Orest, ▸ Iphigenie und Elektra sind die letzte Generation, auf der dieser Fluch lastet. Der andere Büßer, Sisyphos, ist vor allem durch seine Buße bekannt: Er muss unaufhörlich einen schweren Stein den Berg hinaufwälzen, der immer wieder hinunterrollt, sobald Sisyphos ihn unter größter Anstrengung zum Gipfel geschafft hat. Das ist die Sisyphus-Arbeit, die generell zum Ausdruck für ergebnislose Anstrengungen geworden ist. Weniger bekannt sind dagegen seine Vorgeschichte und die Verfehlungen, die zu dieser Strafe führen. (Das liegt auch daran, dass in der Odyssee nur die Buße vorkommt. Die Vorgeschichte hat man vielleicht erst später hinzugedichtet.) Sisyphos ist der Gründer und König von Korinth, der den Tod zu überlisten versucht hat. Als dieser,

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