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Handbuch der Mythologie

Anna-Lena Klaus:

Anna-Lena Klaus: Inszenierte Nation. Das National-Denkmal im 19. Jahrhundert: die Walhalla und das Hermannsdenkmal. Marburg 2008 Der Weltenbaum Yggdrasill Der konkret als Esche vorgestellte Weltenbaum Yggdrasill ist ein Symbol für den mythischen Kosmos. Als vertikale Achse zeigt er dessen Aufbau und Stufung, seine Wurzeln und Zweige umfassen und durchdringen ihn als Zeichen der Lebenskraft. Er ist immergrün und er spendet den Tau, der die Täler bewässert. Seine drei Wurzeln gründen im Reich der Menschen, der Riesen und der Totengöttin Hel (über das Verb ‚hehlen‘, ‚verbergen‘ hängt ihr Name mit dem Wort ‚Hölle‘ zusammen); sein Wipfel reicht in den Himmel und den Wohnort der Götter. Unter seinen Wurzeln liegen die Quellen des Schicksals und der Weisheit. In den Edda-Liedern werden ihm eine Reihe verschiedener Figuren zugeordnet. Das älteste Edda-Lied (Völuspá, Die Weissagung der Seherin, um 1000 entstanden) nennt drei der Quelle entsteigende Schicksalsgöttinnen (Nornen), die über das Menschenleben entscheiden, indem sie Runen in den Stamm ritzen. Mit dem Zittern des Baumes beginnt der Weltuntergang im Kampf der Götter und Riesen. Im Grimnirlied ist er von einer Reihe von Tieren besiedelt. Auf seinem Wipfel sitzt ein Adler, der wiederum einen Habicht zwischen seinen Augen trägt (ein gesteigertes Symbol der Weit- und Scharfsicht, das mit der Vorstellung verwandt ist, dass Odin von seinem Hochsitz aus die Welt überblickt). An den Wurzeln sitzen und nagen Schlangen. Zwischen Adler und einer der Schlangen läuft das Eichhörnchen Ratatosk hin und her und trägt beiden wechselseitig Gehässigkeiten zu (was zur mythischen Begründung der Feindschaft dieser beiden Tiere dient). An den Trieben des Baums weiden Hirsche, am Stamm beginnt er zu faulen. So schwindet die Lebenskraft des Weltenbaumes. Als Symbol des Kosmos ist ihm der Verfall eingeschrieben. Unter dem Baum versammeln sich die Götter zum Gericht. Darin kann man den mythischen Reflex einer realen Gerichtspraxis sehen. Der Geschichtsschreiber Adam von Bremen (Gesta Hammaburgensis Ecclesiae Pontificum, Taten der Hamburger Kirchenfürsten, 1074–1076) erzählt von einem kultisch verehrten immergrünen Baum in Uppsala, in dem Leichname hingen. Das mag auf Menschenopfer oder Todesurteile (oder beides zugleich) deuten. Schon Tacitus berichtet sowohl von Menschenopfern bei den Germanen als auch von Todesurteilen, die man durch Erhängen an Bäumen vollstreckt (Germania, 98 n. Chr.). Der Name Yggdrasill bedeutet ‚das Pferd (drasill) des Schrecklichen (Ygg)‘ oder, da man Ygg als einen Beinamen Odins verstehen kann, ‚Odins Pferd‘. Das hängt mit der Erzählung zusammen, dass Odin sich als Verwundeter an einen Baum hängt, um durch dieses Selbstopfer Weisheit, insbesondere die Kenntnis der Runen zu erlangen (im Edda-Lied Hávamál, Die Sprüche des Hohen). Da ‚Ross‘ und ‚Reiter‘ im Altnordischen eine übliche Metapher für den (Galgen-)Baum und den Gehängten sind, verweist der Name des Weltenbaums auf Odins Selbstopfer. Durch die Motivparallele zu dem verwundet am Kreuz hängenden Jesus hat man die

germanische Weltesche mit dem christlichen Symbol in Verbindung gesehen. Ein Indiz dafür liefert eine allegorische Kreuzesbeschreibung in der althochdeutschen Evangeliendichtung Otfrieds von Weißenburg (Liber Evangeliorum, 863–871), die das Schema des germanischen Weltenbaums erkennen lässt: Die Spitze zeige in den Himmel, die Arme reichen bis an die Weltenden, es stehe inmitten der Welt und reiche vom Himmel bis in den Abgrund. In allegorischer Fantasie vermischen sich so heidnische mit christlichen Motiven. Das ist wohl auch beim Weihnachtsbaum der Fall, der jedoch keinen unmittelbaren Bezug zum Motiv des Weltenbaums hat. Beide überschneiden sich nur in der Symbolfunktion des Immergrünen, ohne dass die kosmische Dimension des Weltenbaumes hier eine moderne Fortsetzung fände. Richard Wagners Oper Der Ring des Nibelungen (1852) greift das Motiv gleich zweimal auf und macht es damit bekannt: Zu Beginn der Walküre steht „der Stamm einer mächtigen Esche, dessen stark erhabene Wurzeln sich weithin in den Erdboden verlieren“, im Zentrum der Bühne. Am Anfang der Götterdämmerung singen die Nornen von der Weltesche als Verfallssymbol. Wagner motiviert es so, dass Wotan dem Baum einst einen Ast abschlug, um daraus einen Speer zu schnitzen. Von dieser Wunde erholt sich der Baum nicht mehr, er welkt und Wotan lässt ihn fällen, nachdem auch der Speer zerbrochen ist. So überträgt Wagner das Baumsymbol der Edda auf den Nibelungenstoff. Im Zuge der modernen Popularisierung der germanischen Mythologie macht der Weltenbaum als pittoreskes Gliederungsschema Karriere. Auf vielen Internetseiten wird er für einen imaginären Gesamtaufriss der altnordischen Mythenwelt genutzt. Er suggeriert Konsequenz und Ganzheit einer Weltanschauung, die die alten Quellen freilich nicht hergeben. Zur Popularisierung gehört auch, dass sich 2001 eine schwedische Folk-Metal-Band den Namen Yggdrasill gab und dass die färöische Post 2003 eine Briefmarke mit dem Motiv der Weltesche und den drei Nornen herausbrachte. LITERATUR Régis Boyer : Yggdrasill. La religion des anciens Scandinaves. Paris 1992 Wilhelm Heizmann: Die Esche als Weltenbaum in der mythischen Überlieferung der Nordgermanen. In: Beiträge zur Esche. Fachtagung zum Baum des Jahres 2001. LWF-Wissen Nr. 34. 2002. S. 62–70 Sigurd/Siegfried Sigurd ist die bekannteste männliche Hauptfigur der altnordischen Heldensagen. Sie entspricht dem Siegfried des mittelhochdeutschen ▸ Nibelungenlieds (um 1200). Die nordgermanischen Sigurd-Sagen gehören zu demselben Stoff, den auch das süddeutsche, im Donau-Raum zwischen Passau und Wien entstandene Heldenepos bearbeitet. Obwohl weder Sigurd noch Siegfried mit historischen

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