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Handbuch der Mythologie

Versteck des

Versteck des Goldschatzes mitzuteilen, was dieser mit Hinweis auf seinen Gunther geleisteten Schweige-Eid verweigert. Auch als sie daraufhin Gunther enthaupten lässt und das abgeschlagene Haupt zeigt, schweigt Hagen. Kriemhild tötet ihn und wird ihrerseits von dem daneben stehenden Hildebrand erschlagen, der darüber entsetzt ist, dass ein so männlicher Held wie Hagen durch eine Frau umkommt. Auch wenn sie in ihrer konkreten Gestalt Fiktion sind, lassen sich einige Figuren und Ereignisse historisch belegen oder mit Historischem in Verbindung bringen. Belegt sind der Hunnenkönig Attila (Etzel) und sein Herrschersitz im Gebiet des späteren Ungarn sowie ein Sieg der Hunnen über die Burgunden, deren Heer von einem Gundohar oder Gundahar (Gunther) angeführt wurde. All das liegt im 5. Jh., der Nibelungenstoff stammt aus der Völkerwanderungszeit. Für die Stadt Worms ist allerdings keine Burgunden-Herrschaft nachweisbar, dafür aber im 6. Jh. eine Merowinger-Königin Brunichild, von der auch eskalierende Familienstreitigkeiten berichtet werden (Fredegar-Chronik, 7. Jh.). Die Nibelungensage knüpft damit an Historisches an, malt es jedoch zu fantastischen Heldenerzählungen aus. Genau dieser Charakter des Heroisch-Wunderbaren wird in den berühmt gewordenen Eingangsversen des Nibelungenlieds markiert: „Uns ist in alten mæren wunders vil geseit/von helden lobebæren …“ (In alten Geschichten wird uns vieles Wunderbare erzählt von ruhmreichen Helden). Ähnlich wie im Fall der Troja-Sagen kann man auch hier jahrhundertelange mündliche Überlieferungen und erzählerische Ausmalungen annehmen, die erst spät verschriftlicht wurden. Im Vergleich zu den altnordischen Fassungen der Sigurd-Sage lehnt sich das Nibelungenlied dabei viel enger an die reale Ritterwelt des Hochmittelalters an. Die Schauplätze und Zeremonien, die Kämpfe und Waffen, die Stände-Ordnung der Aristokratie und die soziale Interaktion zwischen Rittern sowie zwischen Rittern und Frauen entsprechen in vielem der zeitgenössischen Wirklichkeit oder der idealisierten Ritterlichkeit, wie sie die gleichzeitige, an Frankreich orientierte höfische Literatur zeigt. Ihr gegenüber aber hat der germanische Stoff vor allem im blutigen Finale an Etzels Hof eine höhere Brutalität, die sich auf ganz eigene Weise mit den Werten Ehre und Treue verbindet. Hagen z.B. ist ein heimtückischer Mörder, der Dieb an seines Opfers Witwe, der er zugleich den Mord anzuhängen versucht: Und doch stehen seine Nibelungen treu zu ihm, gehen alle in den Tod, anstatt ihn auszuliefern, und steht er selbst als Inbegriff der Treue und Ehre da, indem er sich dem Eid gegenüber seinem König über dessen Tod hinaus verpflichtet fühlt. Nur das Motiv, dass er von der sich rächenden Frau getötet wird, gilt als Schande des männlichen Helden. Über die Frage, wie das mittelalterliche Publikum das bewertete, kann man nur spekulieren. In der modernen Rezeption des Nibelungenlieds im 19. und 20. Jh. ist es als germanisch-deutscher Nationalcharakter erst verherrlicht und dann ideologiekritisch verurteilt worden. Das Nibelungenlied rückt ins Zentrum der Aufmerksamkeit, seitdem in der zweiten Hälfte des 18. Jh. ein neues Interesse an der germanischen Mythologie und an der deutschen Literatur des Mittelalters aufkommt. 1755 wird eine erste Handschrift aufgefunden, 1757 von dem Züricher Johann Jakob Bodmer in Auszügen und 1784 von Christoph Heinrich Myller vollständig ediert (in Sammlungen deutscher Gedichte aus dem XII., XIII. und XIV. Jahrhundert). Der

sprachlich und kulturell französisch orientierte Preußenkönig Friedrich II. hält diese altdeutschen Dichtungen zwar, wie er dem Herausgeber brieflich am 22.2.1784 mitteilt, für „nicht einen Schuß Pulver werth“. Doch ändert sich die Einschätzung im Zuge der Romantik und insbesondere der Napoleonischen Eroberungen und Besatzung radikal: Das Nibelungenlied wird zum Basistext der sich gründenden Germanistik und ihrer nationalkulturellen Mission. Der Jurist und Philologe Friedrich Heinrich von der Hagen, der erste Inhaber eines Lehrstuhls für germanische Altertumskunde an der 1810 gegründeten Berliner Universität, bringt den Text 1807 in neuhochdeutscher Übersetzung heraus und erklärt ihn zu dem deutschen Nationalepos. Im Widerstand gegen die französische und als Alternative zur klassizistisch-antikisierenden Kultur wird das Nibelungenlied zur deutschen Identitätsstiftung popularisiert. Die neuhochdeutsche Übertragung durch den Philologen und Dichter Karl Simrock (1827) machen den Text und den Übersetzer berühmt. Die Stilisierung des Nibelungenlieds zur deutschen Ilias, zum germanischen Gegenstück zu den homerischen Epen, wird zum Gemeinplatz der Literaturgeschichtsschreibung (August Wilhelm Schlegel und Friedrich Schlegel) und auch der germanistisch-literaturwissenschaftlichen Diskussion (neben von der Hagen und Simrock auch Jacob Grimm in zahlreichen Abhandlungen). Die Wertschätzung drückt sich ferner darin aus, dass die in der Klassischen Philologie entwickelten Standards der Textkritik auf das Nibelungenlied übertragen werden. 1826 liefert Karl Lachmann die erste wissenschaftliche Edition. Auch kommt der Text auf den gymnasialen Lehrplan. In der 1842 eröffneten deutschen Ruhmeshalle „Walhalla“ (▸ Walhall) wird eine Gedenktafel für den Dichter des Nibelungenlieds angebracht. 1905 stellt die Stadt Worms eine monumentale Bronzeplastik auf: Hagen, der den Nibelungenschatz in den Rhein wirft. Neben Wissenschaft, Schule und Memorialkultur wirken die Schriftsteller an der Popularisierung mit, vor allem durch mehrteilige Dramatisierungen des Stoffes, die großen Bühnenerfolg haben: Friedrich de la Motte Fouqué Der Held des Nordens (Trilogie, 1810), Friedrich Hebbel Die Nibelungen. Ein deutsches Trauerspiel (Trilogie, 1862). Einen Höhepunkt markiert Richard Wagners Oper Der Ring des Nibelungen (Textveröffentlichung 1852, Uraufführung 1876 in Bayreuth), der sich zwar mehr an die altnordische Überlieferung als an das mittelhochdeutsche Epos hält, trotzdem aber die Siegfried-Sage und den Namen ‚Nibelungen‘ als Inbegriff des germanisch-deutschen Mythos kulturell etabliert. Durch Buchillustrationen des Malers Peter Cornelius (Aventiure der Nibelungen, 1817) und durch fünf von Julius Schnorr von Carolsfeld großflächig ausgemalte Säle in der Münchner Residenz (1867) erhalten die Figuren und Motive des Nibelungenlieds auch eine populäre optische Präsenz: als weiblich idealisiertes und männlich heroisiertes Märchen- Mittelalter. Eine im Vergleich damit viel aggressivere Ästhetik bietet der Film Die Nibelungen von Fritz Lang (1924, nach der Romanvorlage Das Nibelungenbuch, 1923, seiner Frau Thea von Harbou). Durch modern stilisierte, sehr strenge Kostüme und Ausstattung, durch die expressive Gestik herausragender Stummfilm- Schauspieler und durch monumentale Kulissen und Massenszenen macht Lang den alten Stoff für das moderne Filmpublikum lebendig. Die Gegenüberstellung der erhabenen, aufrechten Nibelungenhelden und der hässlichen, abstoßend

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