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Handbuch der Mythologie

dargestellten Hunnen

dargestellten Hunnen visualisiert den zeitgenössischen Rassismus. Von der Romantik an hat die Nibelungenlied-Rezeption eine politische Intention. Der Text wird dabei in vielfältiger Weise genutzt: zur Selbstbeschreibung des deutschen Charakters, zur Beschreibung, Diagnose und Prophetie der deutschen Politik und auch zur politischen Agitation. Das geschieht über das 19. und die erste Hälfte des 20. Jh. vor allem in der politischen Lyrik, die mit einer Fülle von Nibelungen-Gedichten die politische Geschichte begleitet und kommentiert. Die eifrigsten, wirksamsten Autoren und die einschneidenden Ereignisse sind unter vielen anderen: Felix Dahn, Georg Herwegh und Ferdinand Freiligrath im Kontext der gescheiterten Revolution 1848, Emanuel Geibel und Christian Friedrich Beck im Kontext des Deutsch-Französischen Kriegs und der Reichsgründung 1870/71, Börries von Münchhausen und Josef Weinheber nach dem 1. Weltkrieg. In all diesen Gedichten geht es um das Unheil – den Mord an Siegfried und den Untergang der Nibelungen –, das jedoch konträr ausgelegt wird: zum einen als mythische Erklärung für das politische und militärische Scheitern (1848, 1918), zum anderen als mythischer Auftrag, das alte Heldenpotenzial im neuerlichen Kampf nicht untergehen, sondern triumphieren zu lassen. Mit den Motiven Heldentum, Verrat, Treue und Opferbereitschaft inspiriert das Nibelungenlied einen mythisierenden Nationaldiskurs, der über die Lyrik hinaus in die Rhetorik der politischen Akteure reicht: Im Vorfeld des 1. Weltkriegs beschwört der Reichskanzler Fürst Bülow die deutsche „Nibelungentreue“ zu Österreich, und nach der Niederlage 1918 stiftet die aus Hagens Siegfried-Mord abgeleitete und vor allem von Hindenburg und Hitler verbreitete Dolchstoßlegende den anhaltenden trotzigen Militarismus. Die nationalsozialistische Rassenideologie schließlich treibt den Nationalepos-Anspruch auf die kämpferische Spitze. Alfred Rosenbergs Mythus des 20. Jahrhunderts (1930, bis zum Kriegsende in zahlreichen Auflagen, die offizielle ‚Parteiphilosophie‘ der NSDAP) feiert das Nibelungenlied als „Höchstwert der nordischen Rasse“ und kanzelt mit ihm Antike und Christentum ab: Der antike Mythos verehre nur die Schönheit, der germanische dagegen Persönlichkeit und Wille; Petrus sei ein Verleumder seines Herrn, Hagen dagegen beweise gerade als Mörder und durch den Mord seine Treue. In dem Maße, wie die Dolchstoßlegende an Aktualität verliert, entwickelt sich eine Faszination für die finstere Figur des Hagen, der als treuer Vasall mordet. Der Wahlspruch der SS, „Meine Ehre heißt Treue“, hängt über diese Figur mit dem Nibelungenmythos zusammen. Seine letzte und grellste Bestätigung findet dies in einer Rundfunkansprache zur Schlacht um Stalingrad am 30.1.1943, in der Hermann Göring mit dem Ende des Nibelungenlieds den unerbittlichen Endkampf bis zum letzten Mann beschwört. Das Blutbad der Nibelungen an Etzels Hof dient als mythische Vorlage, nach der die nationalsozialistischen Führer zum Kriegsende den Kapitulationsgedanken verbieten und sich am eigenen Untergang berauschen.

Peter von Cornelius: Titelblatt zu den Nibelungen (nach dem Stich von Amsler & Barth), 1818, Berlin, Dietrich Reimer Verlag Nach dem 2. Weltkrieg ist die nationalsozialistische Verwendung des Nibelungenlieds als abschreckendes Lehrstück für den Mythos als politischen Irrationalismus gesehen und ideologiekritisch analysiert worden. Diese Perspektive hat einige Jahrzehnte überhaupt die Mythos-Diskussion in Deutschland beherrscht. Die germanische Mythologie schien dadurch insgesamt und nachhaltig in ihrem Ansehen beschädigt. Heiner Müllers Stück Germania Tod in Berlin (1971) bestätigt das, indem es die Nibelungenhelden satirisch als brutale, obszöne Soldaten inszeniert. Neben dieser ideologiekritischen Perspektive aber wurde der Stoff auch in ganz anderer, sentimentaler Weise lebendig gehalten, was der Film Die Nibelungen von 1966/67 beweist, der die Siegfried-Kriemhild-Geschichte als romantisches Liebesdrama zeigt. Der Film hat bis 1968 3 Millionen Zuschauer erreicht. In den letzten Jahren ist der Stoff, wie die germanische Mythologie insgesamt, vom Fantasy- und Action-Genre aufgegriffen worden: Der Regisseur Uli Edel komponiert seinen Film Der Ring des Nibelungen (2004) aus Wagners Oper und dem mittelhochdeutschen Epos. Der erfolgreichste deutsche Fantasy-Autor Wolfgang Hohlbein hat in Zusammenarbeit mit Torsten Dewi im letzten Jahrzehnt eine Nibelungen-Romantrilogie vorgelegt (2004: Der Ring, 2007: Die Rache, 2010: Das Erbe der Nibelungen). Zuvor erschien sein Roman Hagen von Tronje (1989). Doch auch außerhalb dieses Genres wird der Stoff wiederholt von Gegenwartsautoren gewählt. Jürgen Lodemanns Roman Siegfried und Kriemhild (2002) macht die germanischen Helden zu Vertretern einer besseren naturnahen Alternativkultur, die von der christlich-römischen Siegerkultur beseitigt wird. Moritz Rinkes für die Nibelungen-Festspiele vor dem Wormser Dom geschriebenes Pop-Schauspiel Die Nibelungen (2002) lässt die Frauenfiguren Kriemhild und Brünhild gegen die Männer triumphieren. So bleibt der Stoff zur Artikulation zeitgenössischer Probleme und Perspektiven produktiv. In der germanistischen Mediävistik ist das Nibelungenlied bis heute einer der zentralen kanonischen

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