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Handbuch der Mythologie

Memphis Weil es in

Memphis Weil es in der Genesis des Alten Testaments partiell Parallelen zu dem nun zu schildernden Schöpfungsakt durch das Wort gibt, sei die Kosmogonie von Memphis, unweit südwestlich von Heliopolis, hier ebenfalls kurz referiert. Doch muss zuvor mit allem Nachdruck darauf hingewiesen werden, dass der relevante Text sich zwar den Anstrich eines hohen Alters gibt, zahlreiche Indizien aber dagegen sprechen, nicht zuletzt sprachliche. Diese scheinbare Anciennität von religiösen Traktaten beobachtet man recht häufig im altägyptischen Schrifttum, und die Debatte um deren Glaubwürdigkeit wird immer noch mit aller Schärfe geführt. Das entscheidende Vehikel der memphitischen Kosmogonie ist das im Herzen des Schöpfergottes erdachte und auf seiner Zunge ausgesprochene Schöpferwort. Die Sargtexte des Mittleren Reiches sind bereits reich an entsprechenden Ideen und Konzepten. Stets ist es dort der aus Heliopolis bekannte Atum, der mit dem Instrument des Schöpferwortes agiert. Seine Hypostasen Sia und Hu, das sind die Erkenntnis und der kreative Ausspruch, helfen ihm das Werk zu vollbringen. Im Neuen Reich wird dann besonders in Hymnen dem thebanischen Amun diese Potenz bescheinigt, sowohl die „erstmalige“ (ägyptisch zp-tpj) creatio als auch die allmorgendlich aufs Neue vollzogene creatio continua. So heißt es etwa zu Erster im großen Kairener Amun-Hymnus auf Papyrus Boulaq XVII aus der frühen 18. Dynastie (Zt. Amenhotep II, ca. 1427–1401): „Jubel dir, Schöpfer der Götter, der den Himmel hochhob und den Erdboden abdrängte!“ (V. 39–40) Amun übernimmt hier als Luft- und Lichtgott die Rolle des heliopolitanischen Schu. Und die alltägliche Wiederholung des Uranfangs an späterer Stelle preist der Hymnus so: „Du bist der Eine, der alles Seiende geschaffen hat, der Eine Einsame, der schuf, was ist. Die Menschen gingen aus seinen Augen hervor, und die Götter entstanden aus seinem Mund.“ (V. 107–110; Übersetzung Assmann, 1975) In dieser Passage kommt zugleich ein weiteres und zudem beliebtes Motiv bzw. Produkt der Schöpfung ins Spiel, und das sind die Menschen. Wenn sie den Augen des Schöpfers entspringen, dann basiert das auf einem gern als Wortspiel deklarierten etymologischen Verfahren, der Gleichsetzung von Wesen und Dingen über ihre gleich- oder ähnlich lautenden Namen. So ist z.B. das ägyptische Wort für ‚Menschen‘ phonetisch eng dem für ‚Tränen‘ verwandt, die den Augen des Urgottes entströmen. Andere Texte machen denn auch des Öfteren Gebrauch von diesem transitiven Akt ‚Tränen > Menschen‘. Die memphitische Lehre ist uns nicht auf einem Papyrus erhalten, auf dem sie ursprünglich niedergeschrieben worden sein soll, wie alle Texte dieses Genres ursprünglich auch. Sie ist vielmehr eingraviert auf einem schwarzen Basaltblock, dessen Inschriften aufgrund seiner modernen Verwendung als Mühlstein schwer

gelitten haben. Dieser Stein befindet sich seit 1805 im Britischen Museum in London. In der Ägyptologie läuft er entweder als Denkmal memphitischer Theologie oder unter dem Namen Schabaqa-Stein. Schabaqa war ein König der 25. Dynastie nubischer Abstammung (716–702). In der Einleitung spricht dieser König von dem Auffinden einer wurmzerfressenen Papyrusversion, deren Wortlaut er dann auf den – dauerhafteren – Stein habe übertragen lassen. Die Datierung des Textes wurde seit Ermans Erstbearbeitung im Jahre 1909 in das hohe 3. Jt. bzw. Alte Reich gesetzt, seit den kritischen Einwänden von Junge (1973) ist man da aber vorsichtiger und geht von einer Textversion aus, die nicht vor der Ramessidenzeit (13. – 12. Jh.) liegen kann. Was ist nun der Inhalt des Textes, soweit erhalten? Der oberste und damit älteste Gott ist Ptah und „aus ihm entstehen“ die Götter bzw. er „verwandelt sich in“ diese. Die ägyptische Formulierung gestattet beide Übersetzungen: „Die Götter, die aus Ptah entstanden sind/zu Ptah geworden sind: Ptah auf dem Großen Thron […] Ptah-Nun Der Vater, der Atum [zeugte] Ptah-Naunet Die Mutter, die Atum gebar Ptah-Wer (= der Große/Älteste) Das sind Herz und Zunge der Neunheit […] entstanden durch das Herz als Sinnbild des Atum, entstanden durch die Zunge als Sinnbild des Atum, indem es groß und gewaltig war.“ Weiter heißt es dann: „Ptah überwies [Leben allen Göttern] und ihren Kas durch dieses Herz, aus dem Horus, und durch diese Zunge, aus der Thot entstand aus Ptah. So geschah es, dass das Herz und die Zunge Verfügungsgewalt erhielten über alle anderen Glieder aufgrund der Lehre, dass es (= das Herz) jedem Leib und sie (= die Zunge) jedem Mund vorsteht von allen Göttern, allen Menschen, allen Tieren und allem Gewürm, das da lebt, indem (das Herz) alles denkt und (die Zunge) alles befiehlt, was sie wollen. Seine Neunheit war vor ihm als Zähne, d. i. der Same des Atum und als Lippen, d. i. die Hände des Atum.“ Hier stehen Zähne und Lippen stellvertretend für die heliopolitanischen Organe Phallus und Hand des dortigen Urgottes Atum, wie der Text jetzt weiter kommentiert: „Es war ja die Neunheit des Atum entstanden durch seinen Samen und durch seine Finger. Die Neunheit aber ist in Wahrheit Zähne und Lippen in diesem Munde dessen, der die Namen aller Dinge erdacht hat,

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