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Handbuch der Mythologie

ihm, was geschehen war.

ihm, was geschehen war. Sogleich wurde diesem klar, dass sie Śiva nicht erkannt hatten, als sie ihren Fluch gegen ihn aussprachen. Um diesen gutzumachen und Śiva gnädig zu stimmen, sollten sie, so riet ihnen Brahmā, den abgefallenen Phallus des Gottes verehren. Da zeigte sich Śiva ihnen in seiner herrlichsten Gestalt und lehrte sie selbst das Ritual der Liṇga-Verehrung, das damit eingerichtet war (BrahmāṇḍaPurāṇa I 2,27–123). Göttinnen Anders als die so zahlreichen Mythen, die sich um die vielen Götter des hinduistischen Pantheons ranken, sind die, die von den Taten einer Göttin erzählen, nur wenige und überdies thematisch sehr eng gehalten. Denn wiederholt wird berichtet, dass die Götter trotz ihrer Macht nicht imstande waren, einen überstarken Dämon zu besiegen, und deshalb all ihre Kräfte aus sich entließen und zu einer Göttin bündelten, die dann das leistete, was ihnen nicht möglich war: den Bösewicht zu töten. Dieses Grundmuster ändert das alte Märchenmotiv der ‚Menschen mit den wunderbaren Eigenschaften‘ bedeutungsvoll ab und stellt zugleich die im Mythos so wichtige Gestalt des liminalen Wesens in den Mittelpunkt. Daran schließt sich oftmals noch an, dass sich der Zorn einer solchen Göttin in Gestalt einer noch furchterregenderen entlädt. Dadurch wird, wie im Falle Śivas auch, mit Hilfe des Mythos theologische Arbeit geleistet, indem zunächst voneinander ganz unabhängige Göttinnen identifiziert wurden und auf diese Weise solche mit immer mehr Eigenschaften und Funktionen geschaffen wurden, ehe am Ende dieses Prozesses die eine ‚Große Göttin‘ stand, der, neben dem Appellativ Devī, der Eigenname der jeweils am wichtigsten erachteten Göttin beigelegt wurde. Gerade an den drei Mythen, die den Kern des wichtigsten Textes der frühen Göttinnen-Verehrung bilden, lässt sich dies bestens sehen. Denn firmieren in ihnen auch jeweils andere Göttinnen als Protagonistinnen, bedeutet ihre Vereinigung in einem Text, dass diese Göttinnen als Formen der einen Göttin betrachtet wurden. Der erste dieser Mythen, der von der Tötung von Madhu und Kaiṭabha handelt, ist dort zwar noch, wie seit alters, mit Visṇu verbunden. Doch macht erst die Göttin Mahāmāyā, ‚Große Illusion‘, die Besiegung dieser Dämonen möglich, als sie Visṇu verlässt, den sie in Schlaf hielt, weshalb sie auch Yoganidrā (‚Yoga-Schlaf‘) genannt wird. Sie ist deshalb die eigentliche ‚Kraft‘ (śakti), ohne die der Gott ohne alle Macht ist. Der zweite Mythos handelt von der Tötung des Büffeldämons Mahiṩa durch eine Göttin mit Namen Caṇḍikā. Was es auch immer mit dieser ‚Zornigen‘ auf sich hat, sie wurde schließlich mit Durgā identifiziert, die, begleitet von ihrem Löwen, den Kampf gegen den von Göttern nicht zu besiegenden Unhold aufnahm und ihn enthauptete. Entstanden ist sie so: Als Viṩṇu und Śiva von Brahmā von den Untaten Mahiṩas hörten, verzerrten sich ihre Gesichter vor Zorn. Aus dem Mund eines jeden kam eine Flamme hervor und auch aus den Körpern der anderen anwesenden Götter. All diese Flammen vereinigten sich zu einer. Und die wurde zu einer Frau: Ihr Kopf entstand aus der

Glutflamme Śivas, ihre beiden Arme aus der Viṩṇus, ihre beiden Beine aus der Brahmās … Diese Frau war Durgā, noch unüberwindlicher als selbst Götter und Dämonen (Skandapurāṇa III 1,6.32–42). Die auf einem Löwen reitende Göttin Durgā kämpft gegen den Büffeldämon Mahisa (Mahishamardini- Mandapa, Mamallapuram, Tamil Nadu) Auch der dritte Mythos des Devīmāhātmya erzählt von der Tötung zweier Dämonen namens Śumbha und Niśumbha. Denen hatten ihre Diener, Caṇḍa und Muṇḍa, von der außerordentlichen Schönheit der Göttin Ambikā berichtet, was in Śumbha unbändige Lust entfachte. Seinem ‚Antrag‘ begegnete Ambikā mit der Auskunft, nur wer sie im Kampf besiege, könne ihr Ehemann sein. Außer sich vor Wut schickt Śumbha seine beiden Diener, um sie mit Gewalt zu holen. Als sie dies versuchen, verkörpert sich der Zorn der Göttin in Kālī, die ihren Augenbrauen entspringt. Sie tötet Caṇḍa und Muṇḍa und trägt fortan den Namen Cāmuṇḍā. Für die nun folgende Schlacht mit Śumbha vereinigen sich – wiederum – die gesammelten ‚Kräfte‘ der Götter zu Durgā, die nach langem Kampf den Dämon eine Art ‚Liebestod‘ sterben lässt. Während Lakṩmī, Viṩṇu vom Mythos als Gattin zugeordnet, im Mythos kaum in Erscheinung tritt, nimmt in ihm Śivas Gattin eine wichtige Rolle ein. Von den vielen Erzählungen soll hier kurz auf die Selbstverbrennung Satīs, der Gattin Śivas, eingegangen werden, von der bereits im Kontext des Opfers des Daks.a die Rede war. Der von dieser erzählende Mythos mündet in den meisten Versionen in einen ätiologischen, der die Herkunft und die Heiligkeit bestimmter Orte, an denen Śakti verehrt wird, erklären soll. Denn Śiva, so der Mythos, habe seine geliebte Gattin, noch ehe sie vollständig verbrannt war, aus dem Feuer genommen und sei mit der Toten auf seinem Kopf und ganz von Sinnen durch die Welt gezogen, wobei er seinen wilden Tanz aufgeführt habe. Da seine Raserei den Bestand der Welt gefährdete, erklärte sich Viṩṇu bereit, den toten Körper Satīs zu zerstückeln, damit Śiva zur Vernunft komme: Dann schlug … Viṩṇu, der Beschützer der Welt, … mit seinem Diskus Sudarśana den

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