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Handbuch der Mythologie

Beginn

Beginn der schriftlichen Aufzeichnung in den unterschiedlichen Regionen Nordamerikas bereits europäisches Gedankengut in die Mythen der Ureinwohner Einzug gehalten hatte. Im Südosten der USA konnte zudem ein afro-amerikanischer Einfluss nachgewiesen werden. Vor allem der Einfluss christlich-religiöser Ideen im Zuge der Missionierung hatte einen nachhaltigen Effekt auf die Veränderungen von Motiven. Für die Ureinwohner im heutigen Nordamerika stellen Mythen einen wichtigen Bestandteil ihres kulturellen Überlebens und der Wiederbelebung ihre Kultur und Traditionen dar. Auch die Tradition der mündlichen Überlieferung, der Repräsentation von Mythen in Zeremonien und die Schaffung von mythischen Kunstobjekten erlebt in jüngster Zeit eine starke Wiederbelebung. Mythen werden als wichtiger Bestandteil indianischer Identität gesehen, was heute vor allem moderne indigene Künstler und Literaten zum Ausdruck bringen. Das Ideal des Gleichgewichts Grundlegend für die Denk- und Lebensweise der Ureinwohner Nordamerikas ist das Ideal, alles ist im Gleichgewicht und an seinem Platz. Kosmos, Welt, Umwelt, Lebewesen und der Mensch befinden sich ursprünglich in einem Zustand der Balance. Dies gilt auch für mythische Welten und deren Bewohner. Im Zustand der Balance ist alles neutral: Mythische Wesen und ihre Mächte sind in diesem Zustand weder negativ noch positiv – oder nach europäisch-christlicher Tradition weder ‚gut‘ noch ‚böse‘. Idealerweise ist alles gleich verteilt und in gleicher Menge vorhanden. Aktionen und ungleiche Verteilung, ob positiv oder negativ, bringen die Welt aus dem Gleichgewicht. Erst durch ihre Handlungen werden Akteure zu positiven oder negativen Akteuren und deren Mächte und Fähigkeiten zu positiven oder negativen Kräften. Ein Ungleichgewicht bedeutet aber, dass eine Reaktion erfolgen muss, um die Welt wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Negativ empfundenes Handeln hat hierbei oft Bestrafung zur Folge. Auf dieser Grundidee ist die Mythologie wie auch das Leben der Ureinwohner Nordamerikas aufgebaut. Ursprungsmythen In Nordamerika gibt es keinen allgemeinen Ursprungsmythos. Vielmehr kann man acht grundlegende Mythen-Typen unterschieden, die auch in Mischformen auftreten. In vielen Mythen, die sich mit der Entstehung der Welt und der Menschen befassen, gehören Menschen und Tiere ursprünglich zur gleichen Kategorie von Lebewesen, wobei die Tiere meist schon vor den Menschen existierten. Tiere können sprechen und sich verhalten wie Menschen. Sie besitzen in einer primordialen Welt, die die spätere Erde abbildet, bereits die gleiche Kultur

und Fähigkeiten wie die Menschen. Durch Wandlung und Transport auf die Erdoberfläche – meist mit Hilfe von Transformern und Heroen – erhalten alle Dinge und Lebewesen ihre heutige Form. Der Erdtaucher: Der Erdtaucher-Mythos ist der am weitesten verbreitete Schöpfungsmythos Nordamerikas und tritt meist in Zusammenhang mit dem Motiv eines Urmeeres auf. Er erzählt von einem Wesen, welches auf den Grund des Urmeeres taucht, um Sand oder Schlamm heraufzuholen, aus dem die Erdoberfläche geformt wird. Manchmal ist das Material schon mit Samen durchsetzt und wird auf dem Wasser oder einem Tierrücken ausgebreitet. Am Anfang ist das Land flach, schwach und schwankt. Daher muss es an den vier Himmelsgegenden festgemacht werden. Während die Erde wächst, sendet der Schöpfer ein Tier aus oder wandert selbst umher, um herauszufinden, wie groß die neu erschaffene Welt ist und wie sie aussieht. Das ausgesandte Tier hält an und schlägt mit seinen Flügeln, wodurch es Berge und Täler erschafft, aber dadurch auch die Anordnung des Schöpfers missachtet, wofür es bestraft wird. Die Zwei Schöpfer: In diesem Mythos führt die Erschaffung der Erde durch den Erdtaucher zur Geburt von zwei Brüdern, die positive und negative Kulturheroen sind. Hierbei kann es zwei Schöpfer oder einen Schöpfer und seinen Begleiter geben. Diese können zwei Brüder oder Schwestern (auch Zwillinge) oder Verwandte verschiedener Generationen (Vater und Sohn, Onkel und Neffe) sein. Manchmal sind es auch zwei mythische Wesen, die zufällig aufeinandertreffen und gegenseitig ihre Stärke messen, wobei das ‚Gute‘ am Ende immer über das ‚Böse‘ triumphiert. Die Welt-Eltern (Himmelsvater und Erdmutter): In diesen Mythen werden Himmel und Erde als Mann und Frau erschaffen, Himmelsvater und Erdmutter. Ihre Kinder sind Kulturheroen, die von den Menschen verehrt werden. Die Emergenz: Der Emergenz geht in vielen Fällen eine große Flut voraus, durch die die Erde gereinigt wird, indem bösartige Wesen von der Flut hinweggespült werden. Die Menschen ziehen sich vor dieser Flut in eine Höhle zurück. Sobald die Erde gereinigt und fertiggestellt ist, können die Menschen die Höhle verlassen. Als Anführer werden ihnen mythische Wesen gesandt, die sie aus der Höhle an die Erdoberfläche führen. Der Aufstieg kann in Form des Hinaufkletterns an einem Baum oder einer Kletterpflanze erfolgen, welche eine Spalte in die Höhlendecke reißt. In einer alternativen Variante graben Tiere ein Loch in die Decke. Bei sesshaften Indianerstämmen befindet sich der Ort des Aufstiegs oft an einer fixen Stelle im Siedlungsgebiet und wird als ‚Erdnabel‘ bezeichnet. Die Spinne als Schöpfer: In dieser Erzählung webt die Spinne ihr Netz als Untergrund für die Erde und befestigt sie an den vier Weltecken. Das Konzept der Spinne als erstes Wesen wird ihrer Fähigkeit zugeschrieben, auf dem Wasser stehen oder in der Luft schweben zu können. Die Erschaffung der Welt durch Raub, Kampf oder Wettbewerb: In diesen Mythen erhält die Welt ihre Beschaffenheit durch Raub, Kampf oder Wettbewerb, indem ein Schöpfer, Heros oder Trickster Sonne, Feuer, Wasser, Tiere und andere für die Menschen wichtige Dinge stiehlt, erkämpft oder gewinnt. Keine dieser Mythen erwähnt, wer die ursprünglichen Besitzer sind, das zentrale Motiv ist das Erlangen

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