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Handbuch der Mythologie

Mythologien Meso- und Südamerikas Iris Gareis Einleitung D as riesige Gebiet – heute unter dem Begriff Lateinamerika zusammengefasst – erstreckt sich von Mexiko im Norden bis nach Feuerland im äußersten Süden des südamerikanischen Subkontinents und lässt sich in mehrere große Kulturräume gliedern: In Mesoamerika und im Andengebiet bildeten sich in präkolumbischer Zeit die Staaten der Azteken und Inka heraus, während in den Kulturräumen der Karibik, in Zentralamerika und im nordwestlichen Südamerika als politische Organisationsform Häuptlingstümer vorherrschten. Die Völker im Tiefland Südamerikas, der Südanden Chiles, Patagoniens und Feuerlands lebten bei Ankunft der Europäer mehrheitlich in tribalen Gesellschaften mit schwachen Zentralautoritäten. In den präkolonialen Staaten Meso- und Südamerikas waren mit der mythischen Überlieferung Spezialisten betraut, die insbesondere historische, dynastische und mit der Herrschaft verbundene religiöse Traditionen bewahrten. Dagegen lag bei den nicht-staatlich organisierten Gesellschaften Mittel- und Südamerikas die Tradierung kulturellen Wissens und der Mythologie in den Händen religiöser Spezialisten, wie Kultpriestern oder Schamanen. Nur in Mesoamerika gab es bereits in vorkolonialer Zeit Schriftsysteme, mit denen neben anderen Informationen auch mythische Überlieferungen festgehalten wurden. Alle anderen Gesellschaften Mittel- und Südamerikas überlieferten ihre Mythen in oralen Traditionen. Die Ausbildung eigener Schriftsysteme zählte neben weiteren Merkmalen zu den Kennzeichen, die den Kulturraum Mesoamerika vom geographischen Raum Mittelamerika unterschieden. Mesoamerika umfasste Gebiete der heutigen Staaten Mexiko, Guatemala, Belize, Honduras und El Salvador. Hierzu gehörten die Völker des Alten Mexiko und die südlich angrenzenden Maya-Kulturen. Übereinstimmend sind von der präkolumbischen Ära bis in die Gegenwart kosmogonische und kosmologische Mythen von fast allen Völkern Meso- und Südamerikas überliefert, wobei die Vorstellung von einem dreigeteilten Kosmos überall verbreitet ist. Häufig nehmen die Mythen Bezug auf mehrere aufeinanderfolgende Weltzeitalter, die jeweils durch Kataklysmen ihr Ende fanden, wobei die Wesen der vorangegangenen Epochen manchmal vernichtet oder in andere kosmische Schichten verdrängt wurden. Weitere, auch in der Gegenwart in Meso- und Südamerika verbreitete Mythentraditionen berichten von der Herkunft

der Menschen und dem Wirken von Kulturheroen. Darüber hinaus weisen die einzelnen Mythologien der verschiedenen großen Kulturräume Parallelen auf, in denen jeweils bestimmte mythische Traditionen als charakteristisch hervortreten. So spielen etwa im Tiefland Südamerikas die Tiere des Waldes, wie der Jaguar, in den Mythenzyklen vieler Ethnien eine bedeutende Rolle, während in den Mythologien der Azteken und der Inka ihr Führungsanspruch über die von ihnen unterworfenen Völker hervortritt. Unsere heutige Kenntnis der präkolumbischen Mythen Meso- und Südamerikas geht hauptsächlich auf Berichte von Kolonisatoren und Missionaren zurück, also auf kulturell fremde Beobachter, die den mythischen Traditionen der indigenen Gesellschaften meist nicht unvoreingenommen entgegentraten und denen es vielfach an den notwendigen Informationen mangelte, um die Mythen überhaupt zu verstehen und korrekt schriftlich festzuhalten. Verfälschungen des Gehörten und Auslassungen in den aufgezeichneten Texten waren die Folge. Mit Ausnahme der mesoamerikanischen Gesellschaften, die über eigene vorkoloniale Schriftsysteme verfügten, kamen die Veränderungen hinzu, denen orale Traditionen unterworfen sind, wenn sie schriftlich fixiert werden. Andere Varianten der mythischen Erzählung entfallen, sofern nicht wie heute üblich versucht wird, möglichst alle Versionen zu erfassen. Bei der Mehrzahl der mündlich tradierten Mythen, die während der Kolonialzeit aufgezeichnet wurden, handelt es sich zudem um Übersetzungen aus den jeweiligen einheimischen Sprachen. Nur einige wenige mythische Überlieferungen liegen in der Originalsprache als Schrifttext vor. Viele Mythen wurden auch erst lange Zeit nach dem ersten Kontakt mit Europäern aufgenommen, als sie bereits christliche Elemente inkorporiert hatten. So erfolgte die schriftliche Niederlegung der bedeutenden Mythensammlung von Huarochirí (Peru) im Quechua, der Staatssprache des Inkareiches, erst um 1608, das heißt etwa siebzig Jahre nach der spanischen Conquista des Andengebietes, die 1532 begann. 1492 nahm Christoph Kolumbus die Bahamas-Insel Guanahaní für die spanische Krone in Besitz. Bei seiner zweiten Reise im folgenden Jahr beauftragte er die ersten Missionare, Informationen über mythische Traditionen der einheimischen Bevölkerung einzuholen. Die Taino, denen Kolumbus bei seinen ersten beiden Reisen in die karibische Inselwelt begegnete, ließen sich ab 500 v. Chr. ursprünglich vom südamerikanischen Festland kommend auf den Großen Antillen nieder. Sie gehörten der Aruak-Sprachfamilie an. Ihre Mythologie verband sich mit Elementen der dortigen Bevölkerung, die lange zuvor aus dem Gebiet Mesoamerikas eingewandert war. 1521, nach der Eroberung Mexikos durch Hernán Cortés (1485–1547), stellten Franziskaner-Missionare erstmals systematische Untersuchungen über die Religion der Azteken an. Der Franziskaner Bernardino de Sahagún (um 1499–1590) verfasste mit seinen indigenen Mitarbeitern ab 1558 im sogenannten Florentiner Codex eine umfassende Studie der aztekischen Kultur in Nahuatl, der Sprache der Azteken, die maßgeblich zu unserer Kenntnis der mexikanischen Mythologie beitrug. Ab 1532 unterwarfen spanische Konquistadoren unter Führung Francisco Pizarros das Inkareich, das sich an der Westflanke Südamerikas vom heutigen Südkolumbien über Ecuador und

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