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Handbuch der Mythologie

Peru bis nach

Peru bis nach Mittelchile erstreckte. Im Unterschied zu Mexiko hatten die andinen Kulturen keine eigenen Schriftsysteme entwickelt, weshalb wir zu den Mythologien des Andengebietes bis zum Ende des 16. Jh. auf die Texte von Konquistadoren und Missionaren angewiesen sind. Zunächst erfolgte nur die Aufnahme mythischer Traditionen der Inka, die das riesige Gebiet bei Ankunft der Spanier beherrschten. Auf regionale und lokale Mythologien wurde man erst in der zweiten Hälfte des 16. Jh. aufmerksam. An den Grenzen des spanischen Kolonialreichs im Norden Mexikos und im Süden Südamerikas sowie im Tiefland Südamerikas begann die systematische Missionierung erst im 17. Jh., weshalb Aufzeichnungen zu den Mythologien dieser Regionen jüngeren Datums sind. Viele Gebiete im Landesinneren Brasiliens und im äußersten Süden des Kontinents kamen sogar erst im späten 18. und im 19. Jh. mit Europäern in Kontakt. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jh. setzte dann die systematische Erforschung der indigenen Mythologien Meso- und Südamerikas durch Ethnologen ein. Ein durchgängiges Element aller präkolumbischen Mythologien des amerikanischen Kontinents war das Fehlen der Kategorien ‚Gut‘ und ‚Böse‘. Sie wurden erst durch die christlichen Missionare eingeführt. Vor allem Trickster, wie der andine ‚Supay‘, der Menschen gleichermaßen wohlwollend als auch übel gesinnt sein konnte, nahmen als Folge der Missionierung häufig Charakteristika des christlichen Teufels an. Erschaffung der Welt und Weltzeitalter Die frühe Missionierung der meisten meso- und südamerikanischen Gesellschaften führte oft zur Überformung der jeweiligen indigenen Mythologien, die sich besonders in den Mythen über die Erschaffung des Universums niederschlug. So sind heute in weiten Teilen Meso- und Südamerikas die ursprünglichen Kosmogonien in Vergessenheit geraten und der christliche Gott wird als Schöpfer der Welt angesehen. Als erste Amerikaner kamen die Bewohner der karibischen Inselwelt mit den Europäern in Kontakt. Wegen der desaströsen Folgen für die Taino und Kariben, die in weniger als einem Jahrhundert nach der Landung der europäischen Entdecker beinahe ausgerottet waren, ist nur wenig über ihre Mythologie bekannt. Weder von den Taino noch den Kariben sind Mythen zur Erschaffung des Universums überliefert. Den historischen Quellen zufolge glaubten Taino und Kariben, dass das Universum schon immer existierte. Ähnliche Vorstellungen finden sich auch auf dem südamerikanischen Festland. Götter und Kulturheroen wirken in diesen Fällen mehr als Ordner des Universums oder des Lebens der Menschen. Von den mesoamerikanischen Kulturen auf dem mittelamerikanischen Festland sind hingegen ausführliche Schöpfungsberichte erhalten. Für die Azteken im Hochtal von Mexiko stand am Anfang der Schöpfung der androgyne Gott Ometeotl (Zweigott). Er/sie vereinte männliche und weibliche Schöpferkraft in sich und verkörperte somit die Idee der Dualität aller Dinge beziehungsweise der sich

ergänzenden Oppositionen, was auch in ihren/seinen Erscheinungsformen „Herr und Herrin, Vater und Mutter jeglicher Existenz“ (Ometecuhtli und Omecihuatl) zum Ausdruck kommt. Ometeotl brachte zunächst vier weitere Götter hervor, die den Schöpfungsakt weiterführten. Jede dieser Gottheiten war mit einer Himmelsrichtung und Farbe verbunden. Sie erschufen neben Feuer, Himmel, Erde, Meer und Unterwelt auch den heiligen Kalender sowie das erste Menschenpaar. Unter diesen Kindern Ometeotls traten in den aztekischen Schöpfungsmythen besonders Quetzalcoatl (Gefiederte Schlange) und der schwarze Tezcatlipoca (Rauchender Spiegel) hervor. Im Verlauf der Schöpfungsgeschichte agieren sie zunächst als Widersacher, dann als Verbündete. Der kosmische Kampf der beiden Brüder um die Vorherrschaft erzeugt die verschiedenen Weltzeitalter und sogar die Zeit selbst, die mit ihrer Auseinandersetzung beginnt. Ebenso wie die Schöpfungsmythen anderer meso- und südamerikanischer Völker waren diejenigen der Azteken mit dem Glauben an mehrere, sich durch Katastrophen ablösende Weltzeitalter verbunden. Götter wie Menschen waren dieser kosmischen Ordnung unterworfen, die als dynamisches und instabiles System auf die Zerstörung der Welt zusteuerte. Nach Auffassung der Azteken waren der gegenwärtigen Welt bereits vier Weltzeitalter (‚Sonnen‘) vorausgegangen, die jeweils in Kataklysmen endeten. Die ‚Fünfte Sonne‘, das Zeitalter der Azteken und die gegenwärtige Welt, steht unter dem Motto ‚Bewegung‘ (Nahui Ollin – Vier- Bewegung) und wird dereinst durch ein Erdbeben untergehen. Auch die bereits vergangenen Weltzeitalter waren mit bestimmten Kalenderdaten und den zugehörigen Elementen, nämlich Erde, Wind, Feuer oder Wasser verbunden, was auf Besonderheiten der jeweiligen ‚Sonne‘ und auf die Art ihres Endes hindeutet. Einer Tradition zufolge regierte Tezcatlipoca das erste mit der Erde verbundene Zeitalter, in dem Riesen die Erde bevölkerten. Diese Welt zerstörte sein Bruder Quetzalcoatl, der nun selbst Regent der nächsten Sonne mit dem Namen Vier-Wind wurde. Tezcatlipoca fegte diese Schöpfung mit einem gewaltigen Wind hinweg. Auch die dritte und vierte Schöpfung fielen Katastrophen zum Opfer.

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