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Handbuch der Mythologie

südamerikanischen

südamerikanischen Gesellschaften als Akt der Verwandlung, indem ein urzeitliches Geistwesen die Welt aus bereits Vorhandenem gestaltet. Bisweilen fehlt der eigentliche Schöpfungsakt und die Mythen beginnen mit dem Auftreten der ersten Menschen. Wie in Mesoamerika und im Andengebiet sind auch im restlichen Südamerika Mythen von der Zerstörung der Welt meist durch Sintflut oder Weltbrand bekannt. Manchmal fanden die Kataklysmen in einem früheren Weltzeitalter statt, vernichteten die damals auf der Erde lebenden Wesen oder verdrängten sie in andere kosmische Schichten. In anderen Fällen wird der Weltuntergang dereinst die heutige Menschheit auslöschen. Bereits in der ersten Hälfte des 16. Jh. berichteten Missionare von Wanderungen, die Ethnien der Tupi-Guaraní- Sprachfamilie auf der Suche nach dem ‚Land ohne Übel‘ durch ganz Brasilien führten. Sie glaubten, dass der Weltuntergang kurz bevorstünde, und wollten sich in diese mythische Region retten. Curt (Unckel) Nimuendajú (1883–1945) nahm zu Beginn des 20. Jh. bei den Apapokuva-Guaraní Mythen auf, die von dem baldigen Weltuntergang handeln. Die Erde sei schon alt, weshalb sie nicht mehr lange Bestand haben könne. Nur diejenigen Menschen könnten der Katastrophe entgehen, die sich zu Ñandecy (unserer Mutter) in das Land ohne Übel flüchteten. Das Hereinbrechen der Nacht (Apapokuva- Guaraní) (gekürzt) Ñanderuvuçú (unser großer Vater) hat seinen Wohnsitz inmitten der ewigen Nacht, obgleich, während er in seiner Hängematte liegt, aus seiner Brust das Licht hervorstrahlt, das schon sein Schöpfungswerk beleuchtete und nun seine Umgebung erhellt. Er herrscht nicht über die Welt, aber so wie er deren Schöpfer war, wird er auch ihr Zerstörer sein, wenn er dies beschließt. Die ewige Fledermaus, die die Sonne verzehren und so das Hereinbrechen der Nacht verursachen wird, hängt an Deckenbalken. Währenddessen wartet eine riesige Schlange an der Tür. Der Menschenfresser Jaguarovy – der Blaue Jaguar – liegt ausgestreckt unter der Hängematte Ñanderu-vuçús. Er ist groß, aber nicht riesig, und sein Fell ist von einer wunderbaren hellblauen Farbe. Wenn er auf göttlichen Befehl hin singend vom Himmel herabsteigt, wird auch der tapferste Krieger seiner Gefräßigkeit nicht entfliehen können. Kosmische Ordnung Häufig nehmen die Schöpfungsmythen Meso- und Südamerikas auf den Aufbau des Kosmos Bezug. Dabei zeigen sich in Mesoamerika und im Andengebiet Übereinstimmungen der altamerikanischen mit den heutigen Weltbildern. Der Kosmos besteht aus drei Schichten: 1. Himmel/Oberwelt, 2. Erde/Mittlere Welt, 3.Unterwelt/Erdinneres. In der Mythologie der Azteken ebenso wie in derjenigen

der Maya und der modernen mesoamerikanischen Gesellschaften sind die einzelnen Schichten weiter unterteilt. Aztekische Mythen beschreiben meist einen Himmel mit 13 Schichten, in denen verschiedene Gottheiten und mythische Wesen leben. Im obersten Teil des Himmels residiert Ometeotl, die Verkörperung der Dualität allen Seins und Schöpfergottheit, die am Anfang der Schöpfung steht. In der untersten Himmelsschicht befindet sich der Mond und Tlalocan (Ort des Tlaloc), ein paradiesisches Jenseits, das jenen Verstorbenen vorbehalten war, deren Todesursache mit dem Regengott Tlaloc in Verbindung stand, wie zum Beispiel den Ertrunkenen. Die Erde selbst wurde als riesiges, immer hungriges Ungeheuer gedacht. In der Unterwelt befand sich das Totenreich Mictlan (Ort der Toten), das in neun Schichten unterteilt war und in dem ewige Dunkelheit herrschte. Dorthin begaben sich die eines natürlichen Todes Verstorbenen, allerdings erst nachdem sie eine Anzahl von Prüfungen bestanden hatten, die der Totenseele den Weg ins Jenseits versperrten: Unter anderem waren acht Wüsten, acht Berge, ein Krokodil, ein Wind aus Obsidianmessern und ein Strom mit neun Wassern zu überwinden. Zur Überquerung des Jenseitsflusses war ein geopferter Hund als Psychopomp oder Totenbegleiter nötig. Im Totenreich angelangt, musste die Totenseele sich dem über die Toten herrschenden Götterpaar vorstellen und diesem ein Geschenk überreichen. Unter den Maya herrschen verschiedene mythische Traditionen zum Aufbau des Universums. Für die präkolumbischen Maya sind sowohl ein in 13 Schichten unterteilter Himmel überliefert als auch eine sechsstufige, pyramidal aufgebaute Oberwelt. Im Schöpfungsmythos des Popul Vuh (um 1550), demzufolge zuerst der Himmel existierte, wurde der himmlische Aspekt des Universums durch ‚Herz des Himmels‘ repräsentiert. Im Himmel residierte auch die ‚Schlange des Lebens‘, das kosmische Lebensprinzip, das von den neun Göttern gestohlen wurde. Weitere Gottheiten bevölkerten den Himmel der historischen Maya-Völker. Dazu zählten die Regengötter, die vier Chacs, die von den vier Ecken des Himmels Wasser auf die Erde gossen. Mythen heutiger Maya-Ethnien auf der Halbinsel Yucatán berichten, dass in den einzelnen Himmelsschichten wohlwollende Gottheiten regieren, die für die Lebensgrundlage der Menschen sorgen. Hingegen glauben die Tzotzil aus dem Süden Mexikos, die 13 Schichten des Himmels seien von übelwollenden Göttern bewohnt, die in der Gestalt von Tieren, u.a. des Jaguars oder Falken auftreten. Manchmal wird die Erde als von Wasser umgebenes Eiland vorgestellt. Verbreitet ist auch die Vorstellung, dass die Erde an den vier Kardinalpunkten durch Bäume begrenzt ist oder von Trägern gestützt wird. Anderen mythischen Traditionen zufolge befindet sich im Zentrum der Erde ein Weltenbaum, der den Himmel abstützt. Bei den Inka galt der Kosmos als dreigeteilt: Hanaq Pacha, die Oberwelt, Kay Pacha, ‚diese Welt‘, das heißt die Erdoberfläche, und Ukhu Pacha, die ‚untere/innere Welt‘, die Welt unter der Erdoberfläche. Gottheiten der Gestirne, Sonne, Mond und Sterne sowie der dreifaltige Blitz- und Donnergott nahmen ihren Sitz in der Oberwelt. Die unter der Erdoberfläche, der Welt der Menschen, angesiedelte ‚innere Welt‘ wurde nach der Conquista durch die Missionare mit der christlichen Hölle gleichgesetzt. Heute gilt für die Quechua aus der Region um

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