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Handbuch der Mythologie

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mexikanischen Stadt Cholula, in der sich vor der Conquista eine große Kultstätte Quetzalcoatls befand, identifizieren den aztekischen Gott mit dem christlichen Teufel. In den mythischen Erzählungen über die ‚diabolische Schlange‘ tritt allerdings ein zwiespältiges Bild des Teufels/Quetzalcoatls hervor: Neben den üblichen negativen Eigenschaften der christlichen Teufelsfigur gilt der Biss der riesigen Schlange doch auch als heilkräftig. Die ‚teuflische Schlange‘ lebte unter der Marienkirche, die im 16. Jh. über der Kultstätte Quetzalcoatls errichtet wurde, und gehorcht seither den Befehlen der Heiligen Jungfrau. In den Erzähltraditionen indigener Völker Mexikos und Mittelamerikas leben viele der alten Götter und mythischen Wesen weiter fort. Im mexikanischen Bundesstaat Puebla hat die präkolumbische Vorstellung des ‚Nahual‘, des Alter Ego eines Menschen in Tiergestalt, unterschiedliche Interpretationen erfahren. Hier meist als unheilvolles Hexen-Wesen verstanden, weisen einige Mythen die ‚Nahuales des Wassers‘ als prinzipiell wohlwollend aus. Allerdings könnten diese als Gebieter über die Kräfte der Natur ebenso Schaden anrichten. Auch in der mexikanischen Erzählung vom Heiligen Kreuz, das in der Art eines katholischen Heiligen verehrt wird, treten als Kinder des Heiligen Kreuzes die aus mesoamerikanischen Mythen bekannten Maisschwestern auf. In Südamerika spiegelt die facettenreiche Götterwelt die Verschiedenheit der indigenen Kulturen wider. Im Inkareich überlagerten sich die Mythen der Küstenkulturen und diejenigen des Hochlandes. Nach der Unterwerfung durch die Inka kam es zudem zu einer Verschmelzung regionaler andiner Traditionen mit denjenigen der Eroberer. Als Schöpfergott verehrten die Inka Viracocha, hingegen führten die Bewohner der peruanischen Küste das Schöpfungswerk auf den Gott Pachacamac zurück. Seine Kultstätte südlich der Stadt Lima besuchten Pilger aus dem gesamten Andengebiet, um das Orakel des janusköpfigen Gottes zu konsultieren. ‚Pacha‘ bedeutet u.a. ‚Erde, Zeit‘, ‚camac‘ ‚erschaffen‘. ‚Pachacamac‘ lässt sich demnach mit ‚Schöpfer der Welt, des Universums‘ übersetzen. Die Mythensammlung von Huarochirí (um 1608) im zentralen Hochland schrieb der alten Küstengottheit auch zerstörerische Kräfte zu. Als „Derjenige, der die Erde erzittern lässt“ konnte Pachacamac mit einer Bewegung seines Kopfes ein Erdbeben auslösen. Sollte er sich gar einmal um sich selbst drehen, würde das den Untergang der Welt herbeiführen. Im angrenzenden Hochland war für die Menschen von Huarochirí der mit einem hohen Berggipfel der Region identifizierte Gott Pariacaca von größter Bedeutung für den Fortbestand ihrer Gemeinschaft. Pariacaca, aus fünf Eiern geboren, gebot über den Blitz und konnte schwere Wolkenbrüche hervorrufen, wie sich in seinem Kampf gegen den zuvor in diesem Gebiet verehrten Gott Huallallo Carhuincho zeigt. Die Überlieferungen von Huarochirí erzählen von dem Götterkampf, der nicht nur mit dem Sieg Pariacacas endete, sondern zugleich die Vertreibung der früheren Bewohner nach sich zog, die Anhänger der unterlegenen Gottheit waren. Zahlreiche Mythen solcher Götterkämpfe in den kolonialzeitlichen Quellen aus dem Andengebiet belegen die weite Verbreitung dieses Motivs.

Wie der Gott Pariacaca gegen Huallallo Carhuincho kämpfte (Huarochirí, Peru, um 1608) Da Pariacaca aus fünf Männern bestand, ließ er aus fünf Richtungen wolkenbruchartige Regenfälle auf die Erde niederprasseln; dieser Regen war gelb und rot; danach schleuderte er aus den fünf Richtungen Blitze auf seinen Widersacher; aber vom Morgengrauen bis zum Abend blieb Huallallo Carhuincho am Leben, als riesiges Feuer, das bis zum Himmel hinaufreichte; er ließ sich nicht töten. […] Und als die Wassermassen einen See gefüllt hatten, löschte Pariacaca das immense Feuer und schickte weiterhin ohne Unterlass Blitze. Dann floh Huallallo Carhuincho in die Region, die man Anti nennt [d.h. über die Anden in den Regenwald]. In einigen Mythen von solchen Götterkämpfen, manchmal unter Brüdern oder Götterpaaren, findet sich das von Ad. E. Jensen so benannte Motiv der ‚Dema- Gottheit‘, aus deren zerstückeltem Leichnam verschiedene Nutzpflanzen entstehen. Nach einer mythischen Tradition tötete der Schöpfergott Pachacamac seinen Halbbruder und verstreute die Körperteile auf der Erde. Aus den Zähnen des getöteten Bruders ging der Mais hervor und aus den Gliedmaßen wurden verschiedene Knollenfrüchte. In der imperialen Mythologie der Inkas nahm der Sonnengott (Inti) eine bedeutende Position ein. Er galt als mythischer Vater des Inkaherrschers und in den Provinzen des Reiches repräsentierte der Sonnenkult die Staatsreligion. Auch stellte das Sonnenheiligtum Coricancha (goldener Hof) in der Hauptstadt Cuzco das Herz des Reiches und die zentrale Kultstätte des Inkastaates dar. Die Mauern der Coricancha beherbergten neben Repräsentationen der Sonne und des Mondes sowie der dreifaltigen Gottheit von Blitz und Donner weitere Standbilder, u.a. von Göttern der von den Inka eroberten Andenvölker. Aus den Mythen geht allerdings nicht hervor, in welchem Verhältnis der Schöpfer Viracocha zum Sonnengott stand. Viracocha verfügte zwar über einen eigenen Tempel in Cuzco und trat in den mythischen Traditionen der Inka als zentrale Schöpfergottheit auf, im kultischen Leben des Staates stand jedoch der Sonnengott im Vordergrund. Als ‚Sohn der Sonne‘ repräsentierte der Inka seinen göttlichen Vater auf der Erde. Andererseits wies Viracocha den ersten Inkas, einer Gruppe von vier Brüdern und vier Schwestern, als Kulturheroen die Aufgabe zu, die übrigen Andenvölker zu unterrichten und zu zivilisieren. Von der Mythologie der von den Inka unterworfenen Küstenkulturen wissen wir nur wenig. Aus den Mythen des Chimú-Reiches, das um 1000 nach Christus die Nachfolge der Moche-Kultur antrat und bis zur Eroberung durch die Inka um 1470 die peruanische Küste auf einer Länge von ungefähr 1300 km kontrollierte, ist immerhin bekannt, dass im Unterschied zu den Vorstellungen der Inka in den Küstenkulturen die Mondgöttin wichtiger war als die Sonne. Man glaubte, sie sei mächtiger als die Sonne, da die männlich gedachte Sonne nur tagsüber sichtbar war, während der Mond sowohl des Nachts als auch am Tage am Himmel erschien. Verehrung genossen das Meer und die Venus. Beide wurden ‚Ni‘ genannt und

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