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Handbuch der Mythologie

Bei den Chamacoco des

Bei den Chamacoco des Gran Chaco in Paraguay und im Süden Brasiliens, aber auch bei den Cágaba in Kolumbien und den Yaruro in Venezuela nimmt eine weibliche Gottheit die oberste Position im Pantheon ein. Sie ist die Mutter der Waldgeister und der Wolken für die Chamacoco, die Mondgöttin und Frau des unbedeutenden Sonnengottes für die Yaruro. Kuma erschuf die Welt mit Hilfe zweier Brüder, der Wasserschlange und des Jaguars. Nachdem sie die Menschen erschaffen hatte, übernahm ihr Sohn die Rolle des Kulturheros, der die Menschheit lehrte. Kuma selbst residiert in einem Paradies, in dem von jeder Pflanzenart und Tierspezies gigantische Ebenbilder existieren. Nach Auffassung der Yaruro ist Kuma der Ursprung allen Seins. Sie hat auch das Leben der Yaruro so eingerichtet, wie es ist, und die anderen Gottheiten und Kulturheroen gehorchen ihren Gesetzen. Unter Ethnien der Tupí-Guaraní-Sprachfamilie, die im frühen 16. Jh. die Küstenregion Brasiliens bevölkerten und in der Gegenwart noch im Südosten Amazoniens, in Paraguay, Uruguay und Argentinien zu finden sind, war und ist der Glaube an ein Höchstes Wesen allgemein verbreitet. Bei den Tupinambá der frühen Kolonialzeit scheint den spärlichen Angaben zeitgenössischer Quellen zufolge der Gott Monan für die Schöpfung zuständig gewesen zu sein. Jedenfalls vernichtete er die erste Menschheit durch Weltbrand und Sintflut, weil sie sich als ungehorsam und ignorant erwiesen hatte. In den Mythen der Tupinambá tritt Monan ein zweites Wesen zur Seite, Maire-Monan, der ‚Umgestalter‘ Umwandler‘. Als Kulturheros führte er bei den Tupinambá den Anbau von Nahrungspflanzen ein und lehrte sie die Medizinpflanzen von giftigen Kräutern zu unterscheiden. Weitere ‚Verwandte‘ von Monan ergänzten das von Maire-Monan begonnene zivilisatorische Werk. Möglicherweise repräsentierten alle diese Einzelfiguren nur Aspekte Monans und gehen letzten Endes auf die Gestalt des mythischen Großvaters Tamoi zurück. Als ‚Unser Großer Vater‘ (Ñanderuvuçu) bezeichnen auch die Apapokuva-Guaraní aus derselben Sprachfamilie den Schöpfergott (▸ -Erschaffung der Welt und Weltzeitalter). Seine Frau Ñandecy (‚Unsere Mutter‘) lebt im Land ohne Übel, einem paradiesischen Ort, der die einzige Zuflucht bieten wird, wenn Ñanderuvuçu dereinst die Erde vernichtet. In der Mythologie der historischen und modernen Ethnien der Tupí-Guaraní- Sprachfamilie kommt den Zwillingsheroen große Bedeutung zu. Übereinstimmend berichten die mythischen Erzählungen von einem Zwillingsbrüderpaar, das zwar von einer Mutter, doch nicht immer vom gleichen Vater abstammt. Einer der Brüder hat den Schöpfergott zum Vater, während der andere entweder von einem Menschen oder einem weniger bedeutenden Geistwesen gezeugt wurde. Jedenfalls macht sich die Mutter der Zwillinge, nachdem sie von ihrem Mann verlassen wurde, schwanger auf den Weg, der sie in das Dorf der Jaguare führt. Dort wird sie von der Großmutter der Jaguare versteckt, die aber nicht verhindert, dass die Jaguar-Enkel sie aufspüren und fressen. Nachdem die Jaguare auf verschiedene Weise vergeblich versucht haben, die Zwillinge zu töten, bleiben diese bei der Jaguar-Großmutter und wachsen sehr schnell heran. Von einem Vogel erfahren sie das Schicksal ihrer Mutter und der göttliche Sohn belebt sie wieder. Schließlich rächen sich die Zwillingsheroen an den Mördern ihrer Mutter und töten die meisten der Feliden. Umfangreiche Mythenzyklen widmen sich den weiteren Abenteuern der Zwillinge.

In der Mythologie der Apapokuva sind sie für allerhand Besonderheiten in der Natur verantwortlich: Sie gaben einer kleinen Ente eine rote Kehle, den Papageien die Sprache und der Beutelratte die Hautfalte, in der sie ihre Jungen säugt. Außerdem erschufen die beiden Brüder eine Reihe von Tier- und Pflanzenarten, vielfach durch Verwandlung. Für Trickster-Mythen können die Mataco im Norden Argentiniens als beispielhaft gelten. Ein umfangreicher Mythenzyklus dokumentiert die Abenteuer des Tricksters Takjuaj (Tokhuah, Tawkxwax). Viele Erzählungen drehen sich um seine Beziehungen zu bestimmten Tieren, die er zu übervorteilen sucht, was ihm allerdings manchmal recht schlecht bekommt. Als er im Zweikampf gegen ein Gürteltier unterlag, tötete ihn der Keulenschlag seines Gegners. Viele Tage lagen seine Knochen auf der Erde, bis ein Fuchs des Weges kam und die Knochen fragte, was geschehen war. Der Fuchs sammelte die Knochen ein und sagte: „Steh auf, Tawkxwax“, woraufhin der Trickster sich erhob und vollkommen wiederhergestellt war. Eine andere Variante der Erzählung von der Wiederbelebung des Tricksters verdeutlicht, dass diese mythische Figur trotz des bisweilen tölpelhaften Benehmens auch ein Kulturheros mit göttlichen Attributen ist. Tod und Wiederauferstehung von Tawkxwax (Mataco, 1939) Tawkxwax konnte unter Wasser gehen. Einst unternahm er eine lange Reise unter Wasser. Er wurde müde und starb. Aber bevor er starb, warf er seine Haut, Schädel und Knochen ab. Er nahm einen anderen Körper und tauchte wieder unter. Tawkxwax ist wie ein Gott. Wie eine Schlange kann er seine Haut wechseln und bleibt weiter am Leben. Bei vielen indigenen Völkern im Tiefland Südamerikas kommt der Jagd ein hohes Prestige zu, selbst wenn sie für die Subsistenzwirtschaft geringere Bedeutung hat als der Bodenbau, was sich in zahlreichen mythischen Überlieferungen über Tierherren oder Tiermütter niederschlägt. Diese können entweder über alle Tierarten gebieten beziehungsweise diese beschützen oder nur für manche Tierarten zuständig sein. Als Schutzgeist der Wildtiere und der Wälder nimmt Corupira oder Caaporá eine zentrale Stellung ein. In Brasilien, wo Corupira auch Eingang in die Vorstellungswelt der neobrasilianischen Bevölkerung fand, stellt man sich den Waldgeist als kleinen Mann vor, der zwar kahlköpfig ist, dafür jedoch am ganzen Körper dichte Behaarung aufweist. Er hat nur ein Auge, blaue oder grüne Zähne, seine Füße sind nach rückwärts gewendet und er verfügt über außergewöhnliche Kraft. Er leitet Jäger in die Irre oder führt ihnen das Wild zu, wie es ihm beliebt. Bei Guaraní in Argentinien ist Caaporá eine Herrin der Tiere des Waldes, die den Jagdhunden frevlerischer Jäger zusetzt, sodass das Wild entkommen kann. Im Unterschied zu Corupira, der eher Waldgeist als eine Gottheit des Wildes ist, sehen die Mundurukú an den südlichen Zuläufen des Amazonas die Tiermutter als eine abstrakte Kraft, die sich manchmal in bestimmten Tieren oder in steinernen Objekten manifestiert. Sie hat keine feste Gestalt und nimmt nur

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