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Handbuch der Mythologie

Völker zieht. Und im

Völker zieht. Und im Lachen über ihn schwingt immer auch ein wenig die Trauer über sein Ende mit, das zugleich auch die Endlichkeit des menschlichen Lebens auf Erden widerspiegelt. Daher bleibt bei Geschichten über Maui und seine Trickster- Genossen ein melancholischer Rest. Das Lachen ist deswegen ein Aufbegehren, ein ‚Und trotzdem‘. Deswegen sind Gestalten wie Maui in den Mythen aller Völker auch so populär. Deswegen benötigt Maui keinen Kultus, er ist uns auch so immer gegenwärtig. Wenn auch die Trennung von Himmel und Erde katastrophal war, so war sie doch die Chance der kosmischen Entwicklung hin zum vorbildlichen Hier und Heute durch die Urstiftungstaten der übermenschlichen Personen, die danach erst ihre Kräfte entfalten konnten und eine letztlich auch von den Menschen gewollte Ordnung schufen. Maui starb, aber Tangaloa/ Tangaroa, Tu/Ku, Rongo/Lono und Tane/Kane und viele andere blieben oder kamen. Jetzt erst kam die Welt richtig in die Gänge, jetzt erst begann die große Zeit der Götter und Menschen, und sie dauert bis heute. Esoterische Herkunftsmythen und Genealogien Die Übergänge zwischen bloß unterhaltenden Fabeln und heiligen, wahren Geschichten sind oft fließend. Geschichten werden als Fragmente überliefert und dem Forscher mitgeteilt, die, im größeren, auch regionalen Zusammenhang betrachtet, als Teile eines umfassenden, geschlossenen Korpus wirken, wobei nicht gesichert ist, ob diese Geschlossenheit auch wirklich ‚in den Köpfen‘ der Einheimischen besteht – bzw. in den Köpfen einiger weniger Spezialisten – oder ob sie ein Artefakt der synthetisierenden Leistung des Forschers ist. Fabeln, esoterische Herkunftsmythen und Charta-Mythen sind in Polynesien Teile großer kosmogonischer Lehren, die sich auch in den Code der Genealogie kleiden, nämlich in Herkunftsgenealogien und Anspruchsgenealogien. Die Personen der Herkunftsgenealogien gründen in den ersten Anfängen der Welt, ihre Genealogien enden bei den großen mythischen Gestalten, den Königen, den ersten Namensträgern eines Häuptlingstitels, und werden oft auch in dieser Form übermittelt. Die Anspruchsgenealogien setzen dagegen bei den ersten Namensträgern an und enden beim gegenwärtigen Träger des Namens, mit ihnen vollzieht sich der Übergang zu den Charta-Mythen. Charta-Mythen bei den Trobriandern Die Trobriander bilden ihre Clangruppen nach dem Prinzip der matrilinearen Zuordnung über die mütterliche Linie. Bruder und Schwester gehören also demselben Matriclan an, aber die Zugehörigkeit zum Clan wird über seine weiblichen Mitglieder geregelt. Mythen über den Ursprung der Clangründer zählen zu den wertvollsten und begehrtesten Besitztümern auf den Trobriand-Inseln vor der Südostspitze von

Neuguinea. Diese mythischen Gründerpersonen, mehrere Schwestern und ihr Bruder, stiegen an bestimmten Orten, die über die ganzen Inseln verteilt sind, aus dem Boden empor. Sie brachten Schmuck, Güter, Tabus, magische Formeln, Tänze und Schnitztechniken mit sich, und viele von ihnen nahmen freies Land für Siedlungen und Gartenfelder in Besitz. Schwestern und Brüder lebten voneinander getrennt in eigenen Häusern, weil die Beziehungen zwischen ihnen durch eine Reihe von Tabus geregelt sind, die einen zwanglosen Umgang nicht gestatten. Manche lebten längere Zeit in verschiedenen Siedlungen und verdrängten andere Leute, die hier schon ansässig waren, in anderen Fällen teilten sich Alteingesessene und Neukommer das Land. Einige andere Gründerahnen fanden kein Land für Gartenfelder mehr, sie kamen zu spät und nur Land für die Ansiedlung in einer Ortschaft blieb für sie übrig. In diesen Ursprungsmythen hat sich also viel Konfliktstoff niedergeschlagen und für die Schlichtung von Streitigkeiten um Land ist es eine unabdingbare Voraussetzung, die Genealogien rezitieren zu können, die die Herkunft der Gründer und ihre Taten nachzeichnen. Die Ursprungsmythe der Heraufkunft der Gründerpersonen ist also kein museales Schaustück, sondern realpräsentische, gelebte Gegenwart. Diese Verhältnisse, die Bronislaw Malinowski erstmals zwischen 1915 und 1918 ethnographisch dokumentiert hat, haben sich, mit zeitbedingten Veränderungen, bis in die jüngste Vergangenheit erhalten. Die einzelne Mythe, die Teil eines In- und Miteinander einer ganzen komplexen Mythenstruktur ist, „übermittelt, bekundet und stärkt das grundlegende Faktum der lokalen Einheit und der verwandtschaftlichen Einheit der Gruppe von Menschen, die von einer gemeinsamen Ahnin abstammen. Erst mit der Überzeugung, dass nur gemeinsame Herkunft und gemeinsames Emportauchen aus dem Erdboden der Geschichte vom Ursprung ihre volle Berechtigung verleihen, wird sie buchstäblich zur gültigen Urkunde der Gemeinschaft.“ Dieses Einrücken der Lebensverhältnisse der Gegenwart in die mythische Substanz der Ursprungszeit verleiht der Verbundenheit der Gruppe mit ihrem Land eine Qualität, die sich nicht mit einem Geldwert messen lässt. Dies wird beispielsweise am Verhalten gegenüber dem Land der im Kriegsfall Besiegten deutlich: „So blieb das Territorium von Menschen einer besiegten Gemeinschaft, selbst wenn sie durch einen feindlichen Nachbarn von ihrem Grund und Boden vertrieben wurden, für immer intakt; und sie durften immer, nach einer gewissen Zeit und wenn ihre Friedenszeremonien beendet waren, an ihren Ursprungsort zurückkehren, ihr Dorf wieder aufbauen und ihre Pflanzungen wieder bearbeiten“ (Malinowski 1983, S.98). Ähnliches wird auch von den Tsembaga- Maring berichtet, deren Siedlungen im Gebiet der Bismarck-Berge im inneren Hochland von Neuguinea liegen: Die Sieger besetzten das Land der Besiegten, wenn überhaupt, erst nach geraumer Zeit, wenn sie sich sicher waren, dass die zu den Vertriebenen gehörenden Geister ihre angestammten Orte verlassen und mit den früheren Herren des Landes fortgezogen waren. Malinowskis Charta-Theorie von der sozialen Funktion des Mythos als Charta ist ein gewaltiger Fortschritt gegenüber den Vorstellungen, die seinerzeit in Bezug auf die Irrationalität der ‚Primitiven‘ auch in wissenschaftlichen Kreisen oft noch

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