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Handbuch der Mythologie

Lorenzo Bernini, 1622,

Lorenzo Bernini, 1622, vgl. Abb. S. 163). Ursache dafür ist ein Wettstreit des Apoll mit Amor/Cupido, wessen Pfeile mehr bewirken. Apoll unterliegt und wird im Blick auf Daphne vom Liebespfeil getroffen. Auf Daphne trifft gleichzeitig ein anderer Pfeil, der die Abscheu gegen die Liebe eingibt (I,452–567). Im Flötenspiel- Wettstreit mit dem Satyr Marsyas dagegen siegt Apoll und er bestraft den Unterlegenen aufs Grausamste, indem er ihm bei lebendigem Leibe die Haut abzieht (VI,382–400). Im sportlichen Wettkampf mit Apoll kommt der Jüngling Hyakinthos durch ein Missgeschick zu Tode. Apoll betrauert ihn und verwandelt ihn zum Gedenken in die Blume Hyazinthe (X,162–216). Nicht bei Homer, sondern in den römischen Weitererzählung der Troja-Sage ist es Apoll, der den todbringenden Pfeil des Paris auf Achill lenkt (XII,597–606; ebenso Vergil, Aeneis, VI,56–57). Aus dem Sieg über den Drachen Python leitet sich Apolls Herrschaft über das Delphische Orakel ab. Denn anfangs gilt dieser Drache als Hüter des Orakels, woran noch der Name der Priesterin Pythia erinnert, die Apoll einsetzt, um seine Weissagungen durch ihren Mund den in Delphi Rat Suchenden mitzuteilen. Durch diese Orakelsprüche zeigt sich Apoll als Mittler zwischen Himmel und Erde, zwischen der göttlichen Ordnung und dem menschlichen Leben. In dieser Funktion wirkt er widersprüchlich: einerseits als Rat gebender, göttlich richtender Helfer (etwa wenn er Orest als Sühne für den Muttermord aufträgt, die Artemis-Statue von Tauris nach Griechenland zu holen) sowie als ethisch Belehrender und Ermahnender (etwa wenn er dem reichen König Gyges einen armen Bauern als den glücklichsten Menschen vorhält; zu dieser Funktion gehört auch die Inschrift „Erkenne dich selbst“ am Eingang des delphischen Tempels). Andererseits aber bleibt er auch rätselhaft, verleitet zum gefährlichen Missverständnis (wenn er dem König Krösus ankündigt, er werde ein großes Reich vernichten, was sich am Ende gerade nicht als Eroberung, sondern als eigener Niedergang erweist) und verkündigt das Unabänderliche, dem die Menschen vergeblich zu entkommen versuchen (wie im Falle des ▸ Ödipus, der trotz aller Verhinderungsbemühungen dennoch seinen Vater erschlägt und seine Mutter heiratet). Hinter den in den Mythen vielfach erzählten Orakelsprüchen steht eine reale, von Priestern am Apollon-Tempel in Delphi organisierte Weissagungspraxis, die erst von dem christlichen Kaiser Theodosios I. im Jahre 390 beendet wurde. Die christlichen Ovid-Auslegungen des Mittelalters deuten Apoll aufgrund der Licht-Symbolik und seiner Verbindung zur Weisheit und Heilkunst als Christus- Allegorie: „Phebus, dieus de sapience,/Solaus et lumiere du monde,/C’ est Christus“ (Phöbus, Gott der Weisheit, Trost und Licht der Welt, ist Christus) (Ovide moralisé, Beginn des 14. Jh., I,2672–2674). Der Drache Python erscheint dabei als Teufel, den der Heilsbringer ein für alle Mal besiegt. In der neuzeitlichen Rezeption ist die Apollon-Figur vor allem in der polaren Gegenüberstellung zu ▸ Dionysos zur Geltung gekommen. Ihre wirksamste Formulierung hat diese Entgegensetzung bei Friedrich Nietzsche gefunden (Die Geburt der Tragödie, 1872), der mit dem Begriffspaar „apollinisch – dionysisch“ eine dualistische Anthropologie und Kulturtheorie formuliert. Die Bedeutung der beiden Begriffe ergibt sich jeweils aus den mythisch erzählten Eigenschaften der Götter. Apoll steht dabei für Klarheit, Ordnung, Rationalität, Moralität, Schönheit

und Individualität, der Weingott Dionysos für Rausch, Irrationalität, Triebhaftigkeit und Kollektivität. Nietzsche geht es dabei insbesondere darum, das Dionysische als Teil der griechischen Antike neu zu entdecken und anzuerkennen, nachdem es in der klassizistischen Griechenverehrung seit der Renaissance vom Apollinischen überstrahlt und verdrängt worden sei. Tatsächlich gewinnt die Apollon-Figur zentrale Bedeutung bei der Idealisierung der griechischen Antike. Wie keine andere verkörpert sie zugleich die sinnlich-künstlerische Schönheit, Sittlichkeit und Transzendenz. In dieser Verbindung repräsentiert Apoll das Ideal, das die neuzeitlichen Bewunderer der Antike in ihr gesucht und gesehen haben: die schöne Vollkommenheit und transzendente Überhöhung der sinnlich-geistigen Menschlichkeit. Insofern ist Apoll nicht einfach ein Teil, sondern die Symbolfigur für das Ganze der idealisierten Antike; die klassizistische Graecophilie ist eine Art Apollon-Frömmigkeit. Ein frühes Zeugnis gibt davon die Rede „Über die Würde des Menschen“ von Giovanni Pico della Mirandola (De dignitate hominis, 1486), die als Manifest des Renaissance-Humanismus im christlichen Kontext Apoll als den „wahren und nicht erdichteten Gott“ preist, „der jede Seele erleuchtet“. Im deutschen Klassizismus des 18. Jh. gibt Johann Joachim Winckelmanns Beschreibung des ‚Apoll vom Belvedere‘ dafür den herausragenden Beleg. Er erhebt diese Statue enthusiastisch zum „höchsten Ideal der Kunst unter allen Werken des Alterthums“, womit vor allem die Transzendenz der sinnlichkörperlichen Schönheit zum „Himmlischen Geist“ gemeint ist (Geschichte der Kunst des Alterthums, 1764). Friedrich Hölderlins Oden Dem Sonnengott und Sonnenuntergang (1798) rufen Apoll als Heilsbringer an, der aus der Gegenwart hinweggegangen und dessen Rückkehr sehnsüchtig erwartet wird. Der englische Lyriker John Keats preist in einer Ode und einer Hymne Apoll ehrfürchtig als den „great God of Bards“ (Ode to Apollo, 1815, Hymn to Apollo, 1816). Wie stark und breit die klassizistische Tradition der Apollon- als idealisierender Antikenverehrung ist, zeigt sich ex negativo auch an der Satire, die sie herausfordert. Daran haben sich die namhaftesten literarischen Spötter beteiligt: Jonathan Swift liefert gleich drei satirische Gedichte auf den akademischen Apollon-Kult (Apollo Outwitted, 1709, Apollo to Dean Swift, 1721, Apollo: or, A Problem solved, 1731), Heinrich Heine macht die Götterfigur als Verkleidung eines bildungsbürgerlich assimilierten Juden lächerlich, der in seinem antikisierenden Aufputz zum Abgott einer jungen Nonne wird (Der Apollogott, in Romanzero, 1851).

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