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NK 02_2018

18 TITELINTERVIEW Kann

18 TITELINTERVIEW Kann es sein, dass das Geheimnis sich Patienten vor unnötigen Be- der mediterranen Kost gar nicht am handlungen schützen und wie sie Essen liegt, sondern der Tischgemein­ das Beste aus beiden Welten zu schaft? „Kum-pane“ ist der, mit dem ihrer Gesundheit zusammenbringen ich mein Brot teile. In Deutschland können. wird zunehmend alleine gegessen. Dr. Eckart von Hirschhausen: Bei Und zunehmend zugenommen. Nicht mir hört der Spaß auf bei Anbietern, was wir essen, macht uns dick, son­ die unrealistische Versprechungen dern das wie! Da muss man ran. Und machen, zum Beispiel Krebs, MS, dann muss auch keiner mehr darü­ Alzheimer oder Aids zu heilen oder ber diskutieren, was denn nun ge­ die eine Kooperation mit anderen sünder sei: drei Vierkornbrötchen oder Medizinern ablehnen! Seriöse An­ vier Dreikornbrötchen! bieter akzeptieren die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Nachweislich unsin­ NK: In Ihrem neuesten Buch „Wun- nig sind Iris-Diagnostik, Kinesiologie, der wirken Wunder“ vergleichen Sie Bioresonanz oder Aprikosenkernex­ die Vor- und Nachteile der Schul- trakt. Auch das „geistige Heilen“ hat und Alternativmedizin. Sie zeigen, Risiken und Nebenwir­ wie man heilsamen Zauber von ge- kungen, wie psy­ fährlichem Unsinn unterscheidet chische Ab­ und wie man gesund durch ein absurdes Gesundheitswesen kommt. Woran krankt unser Gesundheitswesen? Dr. Eckart von Hirschhausen: Die Wissenschaft hat die Magie aus der Medizin vertrieben, aber nicht aus den Menschen. Gerade weil wir keine Maschinen, sondern diese Idee aus Sicht gleich und wissen über was Sie im Ge- Lebewesen mit Leib und Seele welcher Partei, sicher nicht sundheitswesen sprechen. Was wür- sind, ist der Wunsch nach klei­ schlecht ist: Sie wären ein den Sie als Bundes-Gesundheitsmi- nen und großen Wundern im­ Garant für Wählerstimmen nister anpacken? mer da und findet zu jeder Zeit neue Ausdruckswege. Wenn ich als Kind aufs Knie gefallen bin, hat meine Mutter gepustet und gesagt „Schau, das Aua fliegt jetzt durchs Fenster!“ Mein ganzes Studium über kam nicht vor, wie man © Frank Eidel Aua wegpustet, dabei weiß jeder, dass es wirkt. Die wissenschaftliche Medizin ist grob VITA fahrlässig mit allem umgegangen, was über seelische Prozesse die Selbstheilungskräfte aktiviert und hat hängigkeit oder das Unterlassen einer wirksamen Be­ www.hirschhausen.com Dr. Eckart von Hirschhausen kategorisch alles als „nur Placebo“ handlung. findet jeder Tipps, welche Fragen Dr. Eckart von Hirschhausen (Jahrgang © Michael Zargarinejad abgetan. Und die Menschen rächen In „Wunder wirken Wunder“ gibt es man seinem Arzt vor jeder Behand­ 1967) studierte Medizin und Wissenschaftsjournalismus in Berlin, Lon­ sich, indem sie zu sehr unterschied­ deshalb zwei Kapitel: eins, wo es um lung stellen sollte und eine Über­ don und Heidelberg. Seine Spezialität: medizinische Inhalte auf hu­ lich qualifizierten Anbietern strömen, das Unheil durch Heilpraktiker und sicht sinnvoller Websites zur Ge­ morvolle Art und Weise zu vermitteln und gesundes Lachen mit nach­ die Zeit haben, besser zuhören oder „Alternative Krebstherapie“ geht, und sundheitsinformation. haltigen Botschaften zu verbinden. Seit über 20 Jahren ist er als Komi­ mehr versprechen. im zweiten, wie sich Patienten im In­ ker, Autor und Moderator in den Medien und auf allen großen Bühnen ternet sicher bewegen können und NK: Am 19.12.2017 feierten Sie in Deutschlands unterwegs. Durch die Bücher „Arzt-Deutsch“, „Die Leber NK: In „Wunder wirken Wunder“ die Seiten finden, deren Information Berlin mit Ihrem neuen Bühnen- wächst mit ihren Aufgaben“, „Glück kommt selten allein …“ und „Wohin verraten Sie, mit welchen Fragen nicht vor „alternativen Fakten“ wim­ programm „Endlich“ die Premiere. geht die Liebe, wenn sie durch den Magen durch ist?“ wurde er mit meln. Jeder hat das Recht auf eine Gleich Anfang des neuen Jahres Auflagen von über fünf Millionen Exemplaren einer der erfolgreichsten eigene Meinung, aber nicht auf ging es auf eine Mammut-Tournee Autoren Deutschlands. Sein neues Buch „Wunder wirken Wunder – eigene Fakten! Auch auf durch Deutschland, Österreich und Wie Medizin und Magie uns heilen“ wirft einen humorvollen Blick auf meiner Website die Schweiz. Was erwartet die Zu- die bunte Wunderwelt der Heilkunst und steht seit Erscheinen im Ok­ schauer beim „Endlich“-Programm? tober 2016 an der Spitze der SPIEGEL-Bestsellerliste. Im Dezember Dr. Eckart von Hirschhausen: Zwei 2017 feierte sein neues Bühnenprogramm „ENDLICH“ Premiere. In der Stunden, die verfliegen, aber noch ARD moderiert Eckart von Hirschhausen die Wissensshows „Frag doch lange nachwirken. Das schönste Kom­ mal die Maus“ und „Hirschhausens Quiz des Menschen“. pliment, das ich für meine Program­ Hinter den Kulissen engagiert sich Eckart von Hirschhausen mit seiner me und Bücher bekomme, ist, dass Stiftung HUMOR HILFT HEILEN für mehr gesundes Lachen im Kran­ sie so nah dran sind am prallen Le­ kenhaus, Forschungs- und Schulprojekte. Er ist ein gefragter Redner ben und jeder sich darin wiederfin­ und Impulsgeber für Kongresse und Tagungen und hat einen Lehrauf­ det und etwas mit nach Hause oder trag für Sprache der Medizin. Als Botschafter und Beirat ist er für die in seinen Alltag nimmt. Ich zaubere, „Deutsche Krebshilfe“, die „Deutsche Bahn Stiftung“, „Stiftung Deutsche mein wunderbarer Pianist Christoph Depressionshilfe“, die Mehrgenerationenhäuser und „Phineo“ tätig. Als Reuter ist wieder mit dabei, es gibt Schirmherr von „Klasse 2000“, dem Programm gegen Tabakabhängig­ Live-Experimente, viel Spontanes und keit „Be smart Don´t start“ und mit dem „Nationalen Aktionsplan Ge­ ganz viel zum Lachen. Denn Humor sundheitskompetenz“ bringt Eckart von Hirschhausen schon lange hilft heilen und Lachen bleibt die Me­ gesunde Ideen in den Bildungsbereich. Über fünfJahre hat er auch die dizin, die man nicht als Tablette be­ Entwicklung von Schulmaterial zum Sozialen Lernen, Gesundheit und kommt, dafür aber als Ansteckung! Glück gefördert. Unter dem Titel GEMEINSAM LEBEN LERNEN sind Übungen und Beispielstunden frei auf nachstehender Homepage zu NK: Da wir gerade quasi „regierungs- finden. los“ sind, müsste es erlaubt sein, Sie www.humorhilftheilen.de in die Rolle des Bundes-Gesundheitsministers zu versetzen. Wobei © Frank Eidel

TITELINTERVIEW 19 Wunder wirken Wunder Die Wissenschaft hat die Magie aus der Medizin vertrieben, aber nicht aus den Menschen. Eckart von Hirschhausen macht sich auf, den Streit zwischen Schul- und Alternativmedizin zu entkrampfen. Spielerisch wechselt er die Perspektiven, von klaren Worten zu wunderbarer Komik, von Hintergrundwissen zu Selbsterfahrung, von Anklage zur Anekdote. Mal als Arzt, mal als Zauberer, mal als Patient – aber immer als Mensch. Mit viel Humor zeigt er, wie jeder mit geschärftem Blick bessere Entscheidungen für die eigene Gesundheit treffen kann, was jeder für sich tun oder besser auch lassen sollte: Warum wirken Placebos sogar, wenn man nicht an sie glaubt? Warum ist Nicht-Pusten unterlassene Hilfeleistung? Und wirken Klangschalen besser als Kortison? Jetzt mal Buddha bei die Fische! Klartext statt Beipackzettel. Was ist fauler Zauber, was heilsame Selbsttäuschung? Und wenn wir so viele Möglichkeiten haben, mit dem Geist den Körper zu beeinflussen – warum tun wir es so selten gezielt? Hirschhausen ist auf der Seite des Patienten und scheut sich nicht, die schwarzen Schafe zu benennen, auf beiden Seiten: Er fördert die harten Seiten der sanften Medizin und die obskuren Methoden der Heiler-Szene zutage. Genauso belegt er den Unsinn einer seelenlosen Überversorgung und klärt auf: Warum wird so viel operiert und so wenig geredet? Und mit welchen fünf Fragen kann sich jeder vor unnötigen Eingriffen schützen? „,Wunder wirken Wunder‘ ist mein persönlichstes Buch, denn ich erzähle von meiner eigenen Reise zwischen Krankenhaus und Kabarett, Fernheilungsseminar und Fernsehen und warum mein linkes Knie operiert wurde – und das rechte nicht, obwohl sie beide genau gleich alt sind!“ © Michael Zargarinejad Dr. Eckart von Hirschhausen: Die Stimmung in den Krankenhäusern und Praxen macht mir ernsthaft Sorgen. Wir geben so viele Milliarden im Gesundheitswesen aus und sparen an der falschen Stelle: den motivierten Menschen und der Kommunikation. In den 1980er-Jahren kamen Unternehmensberater auf die glorreiche Idee, dass es doch egal sei, ob eine Krankenschwester ein Tablett zum Patienten bringt oder eine ahnungslose Hilfskraft für die Hälfte. Heute haben wir den Salat, dass die besten Leute keine Lust mehr haben, in dem System zu arbeiten, auswandern oder ausbrennen. Dafür importieren wir massenweise Pflegekräfte und Ärzte, die kein Deutsch können. Das ist doch absurd. Das rein ökonomische Denken geht am Kern der Idee des „Hospitals“ vorbei –ein Ort für Gäste. Das Wort „Charité“ kommt nicht von „Shareholder“ sondern von „Caritas“ – der Nächstenliebe, die in einem Patienten erst einmal den sieht, dem man Leiden lindern möchte, und kein DRG-Fall und keinen Kunden. Das Anreizsystem ist falsch und dreht immer weitere kranke Spiralen, das weiß jeder, aber keiner traut sich, daran zu rütteln. Und was die sprechende Medizin angeht, braucht es viel stärkere Belohnung für Reden und Aufklären statt Röntgen und Operieren. Dafür würde ich auch an der Ausbildung der nächsten Generation ansetzen. Die Kommunikationsfähigkeiten sind die Basis der ärztlichen Tätigkeit. Sie könnte wie an einigen holländischen Universitäten bereits Teil der Zulassung zum Studium sein und sein zentraler Inhalt. Im Kleinen gibt es in Deutschland gute Initiativen, wie zum Beispiel die Trainings mit Schauspielern oder die Module „Arzt mit Humor“ in Leipzig. Ich kann die Kollegen und die Pflegekräfte gut verstehen, die auf die Barrikaden gehen oder resignieren. Die Kürzungen am Personal ist desaströs, denn gerade Zeit und menschliche Zuwendung sind durch nichts zu ersetzen und dürfen nicht der Profitmaximierung unterliegen. Mit meiner Stiftung HUMOR HILFT HEILEN möchte ich nicht nur Clowns in Krankenhäuser bringen, sondern auch gezielt diejenigen ansprechen, die noch viel länger als die Patienten unter den Bedingungen leiden: die Mitarbeiter. Sonst ist es keine Human-Medizin mehr. NK: Herr Dr. von Hirschhausen, Amerika hatte mal einen Schauspieler als Präsidenten. Da würde doch Deutschland ein gewitzter, promovierter Arzt als Bundes-Gesundheitsminister zustehen. Aber Ihre Millionen Zuschauer wollen Sie sicher lieber als ihren Doktor, der die Gesundheit mit Humor erklärt und die kleinen Sünden nicht verbietet. Dr. Eckart von Hirschhausen: Für einen Politiker bin ich zu ungeduldig. Aber ich berate Stiftungen, Institutionen und gebe Impulse auf Kongressen und Tagungen. Die Anliegen, die früher oder später uns alle betreffen, sind komplex, und deshalb auch nur durch intelligentes Querund Vernetzt-Denken lösbar. In den letzten Jahren habe ich viel hinter den Kulissen gearbeitet, zum Beispiel mit dem Think Tank „Die Brückenköpfe“ den Deutschen Pflegetag mitgestaltet, die „Allianz für Gesundheitskompetenz“ für das Gesundheitsministerium moderiert, bin an einem In novationsprojekt zu „Gemeinsam ent scheiden“ beteiligt und habe mit meiner eigenen Stiftung HUMOR HILFT HEILEN neue Konzepte für Pflegeworkshops entwickelt, finanziert und evaluiert. An einigen Unis werden jetzt Seminare eingeführt, wo es um Humor in der Arzt-Patienten-Kommunikation geht. Das wäre alles vor zehn Jahren undenkbar gewesen. Mal schauen, was in zehn Jahren ist – dann dürfen Sie mich gerne wieder fragen!