»Ein Dülmener Dickkopf gibt nicht auf!«

jane4x

Aus dem Münsterland zu den Indios · Friedrich Kaiser (1903–1993) · ein Buch von Markus Trautmann

Markus Trautmann

» Ein Dülmener Dickkopf

gibt nicht auf!«

Aus dem

Münsterland

zu den

Indios

Friedrich Kaiser (1903–1993)


Markus Trautmann

»Ein Dülmener Dickkopf gibt nicht auf!«

Friedrich Kaiser (1903–1993)

Aus dem Münsterland zu den Indios

Laumann-Verlag Dülmen


ISBN: 978-3-89960-381-1

© 2012 by Laumann Druck & Verlag GmbH & Co. KG

48249 Dülmen/Westfalen, Deutschland

Lektorat: Maria Groothusen, Kevelaer

Umschlaggestaltung und Satz: Christiane Daldrup, Dülmen

Umschlagmotive: Erik Potthoff, Hildegard Lemmen und

Misioneras de Jesús Verbo y Victima, Peru

Druck: Laumann Druck & Verlag GmbH & Co. KG

Internetshop: www.laumann-verlag.de


»Ein Dülmener Dickkopf

gibt nicht auf!«

Friedrich Kaiser (1903–1993)

Aus dem Münsterland zu den Indios

von Markus Trautmann


Der Titel »Ein Dülmener Dickkopf gibt nicht auf!«

zitiert eine Selbstaussage Friedrich Kaisers

in seiner Ansprache im Anschluss an

die Bischofsweihe am 7. Dezember 1963.

El título »Un testarudo de Dülmen no se da por vencido«

cita una afirmación de Federico Kaiser en una

alocución, que tuvo lugar el 7 de diciembre de

1963 al final de la consagración episcopal.


„Wie sollen sie an den glauben,

von dem sie nichts gehört haben?

Wie sollen sie hören,

wenn niemand verkündigt? …

Darum heisst es in der Schrift:

Wie sind die Freudenboten willkommen,

die Gutes verkündigen!“

(Römerbrief 10,14 f.)


VORWORT

In diesem Jahr ist es 50 Jahre her, seit der Dülmener

Missionar Friedrich Kaiser im fernen Peru die Gemeinschaft

der „Missionsschwestern vom leidenden

und sühnenden Heiland“ ins Leben rief. Aus ihren

Reihen wurde seit Längerem der Wunsch geäußert,

das Wirken dieses Glaubenszeugen in besonderer

Weise zu würdigen und das Seligsprechungsverfahren

für Friedrich Kaiser in die Wege zu leiten.

Missionar? Glaubenszeuge? Seligsprechung?

Wir werden vielleicht irritiert durch derartige Begriffe.

Zu sehr haben wir uns als Kirche eingerichtet in den

Rückzug, in das ängstliche oder missmutige Verharren.

Die Auseinandersetzung mit Friedrich Kaiser kann

uns zu einer neuen Begeisterung verhelfen – also zu

einer Offenheit für jenen Geist, der am Pfingsttag verschlossene

Türen sprengt und die kleine verängstigte

Jüngergemeinde in die Vielfalt und Weite der Sprachen

und Nationen hineinführt.

Die vorliegende Darstellung versteht sich nicht als

wissenschaftliche Biografie oder umfassendes Charakterbild

Friedrich Kaisers, sondern sie will lediglich

einen ersten Zugang zu seiner Person und seinem Wirken

ermöglichen.

Um die Begegnung mit Friedrich Kaiser bei der Lektüre

zu erleichtern, werden die entsprechenden Originalzitate

im Text kursiv hervorgehoben. Die kleiner

gesetzten und eingerückten Passagen dienen der Vertiefung,

können aber notfalls übergangen werden,

ohne dass man den roten Faden verliert.

Dülmen, im Advent 2011

Markus Trautmann


INHALT

A. NÄHRBODEN UND AUSSAAT

„Mit dem Reich Gottes ist es so,

wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät.“

(Mk 4,26)

Münsterländische Parklandschaft .............................. 11

Dülmener Stadtgeschichte ............................................ 15

Dülmen um 1900 ............................................................ 20

Das Elternhaus von Friedrich Kaiser .......................... 23

Kirchliches Leben in Dülmen ...................................... 25

„Katholisches Milieu“.................................................... 28

Kirche und Staat im Spiegel der Presse ...................... 30

Friedens- und Kriegsjahre ............................................ 34

Friedrich Kaisers Firmung ........................................... 37

Schulentlassung und Abschied von Dülmen ............ 40

B. WACHSTUM UND ENTWICKLUNG

„Ich will den Boden um ihn herum aufgraben

und düngen.“ (Lk 13,8)

Die Gemeinschaft der Herz-Jesu-Missionare ............ 45

Schüler, Novize und Student ....................................... 48

Kirche und Gesellschaft

in der „Weimarer Republik“......................................... 56

Primiz und erste Priesterjahre ..................................... 59

Der Traum wird wahr .................................................. 64

Peru im Überblick .......................................................... 69

Friedrich Kaiser in Lima ............................................... 78


C. REIFE UND ERNTE

„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“

(Mt 7,16)

Prälat in Caravelí ......................................................... 87

Seelsorgeschwestern .................................................... 97

Die soziale Situation der Anden-Bewohner ............. 104

Pastorale Bemühungen ............................................... 111

Zweites Vatikanisches Konzil .................................... 117

Peru im Umbruch ........................................................ 121

Bischofsweihe ............................................................... 126

Jahre der Entfaltung .................................................... 131

Auf dem Weg zur Seligsprechung ............................ 138

Nachwort ....................................................................... 145

Anmerkungen .............................................................. 152

Bildnachweis ................................................................. 157


A. NÄHRBODEN UND AUSSAAT

„Mit dem Reich Gottes ist es so,

wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät.“

(Mk 4,26)

Münsterländische Parklandschaft

„Nie dürfen wir, um Heilige zu verstehen, sie herausreißen

aus dem Boden ihrer irdischen Heimat“, so formulierte

ca. 1925 der Augustinerpater Hermann Josef

Seller in der Einleitung eines Lebensbildes Anna Katharina

Emmericks (1774–1824). „Die Gnade, welche

heilige Seelen sprossen lässt, erfasst in ihren Anfängen

und in ihren Höhen auch die Natur. Sie bedient

sich ihrer als Stufe zum Aufstieg, als Rahmen, der das

kostbare Bild fassen soll. Es ist deshalb wichtig, Heimat

und Umgebung Emmericks zu kennen, aus der

sie herausgewachsen ist.“ 1 Dies soll auch für Friedrich

Kaiser gelten – zumal sich in der Schilderung seiner

Kindheit und Jugend im Abstand von rd. 100 Jahren

nicht allzu viele persönliche Konturen abzeichnen.

„Trotz des langen Aufenthaltes im fernen Peru ist Bischof

Kaiser jedoch ein Dülmener mit Leib und Seele

geblieben.“ Mit dieser Aussage schmeichelte die Hiltruper

Missionsschwester Willibrordis Bonefeld (1907–

2002) ihre Zuhörer in der Dülmener Pfarrkirche Heilig

Kreuz. Ende August 1987 waren sie und drei weitere

südamerikanische Ordensfrauen zu Gast in Dülmen,

um von der Arbeit und dem Wirken des mittlerweile

hoch betagten Friedrich Kaiser zu berichten. „Wenn er

etwas von Dülmen hört, so ist das seine größte Freude“,

meinte Schwester Willibrordis und fügte hinzu:

„Das ist ein echter Dülmener.“ Nach ihren Aussagen

sei der Bischof sehr heimatverbunden und lese sogar

regelmäßig die Dülmener Heimatblätter. „Seinen

11


Schwestern beschreibt er das Münsterland stets als einen

riesigen Park, wobei er die Borkenberge und den

Wildpark des Herzogs von Croy immer herausgehoben

habe“, so hielt die „Dülmener Zeitung“ die Ausführungen

des Gastes aus Peru fest. 2

Die erwähnten Borkenberge begrenzen im Süden von

Dülmen die so typische und von Friedrich Kaiser zeitlebens

verinnerlichte „Münsterländische Parklandschaft“;

sie gehören bereits zum heutigen Naturpark

„Hohe Mark“ und damit zu Haltern. Dagegen reicht

der von Schwester Willibrordis erwähnte Wildpark

bzw. der vorgelagerte „Vorpark“ des Herzogs von Croy

im Westen von Dülmen dicht an die alte Ortsbebauung

heran, bis an den früheren Verlauf der Stadtmauer mit

dem Tiberturm, in dessen Nähe sich das Elternhaus

Friedrich Kaisers befand. Kaum weiter entfernt lag in

Kaisers Kindheit der Schlosspark mit der klassizistischen

Residenz der Familie von Croy.

Eigentliche Natur-Attraktion Dülmens war und ist bis

heute allerdings, ebenfalls im Besitz der herzoglichen

Familie, das „Merfelder Bruch“. Dieses Areal, so hielt

1934 der Dichter Werner Bergengruen (1892–1964) in

seiner heute fast vergessenen „Deutschen Reise“ fest,

„umschließt eine Merkwürdigkeit: nämlich das einzige

Gebiet Deutschlands, in welchem es noch heute

Wildpferde gibt. Das ist ein weites Stück Land, unweit

von Merfeld gelegen, Wald, Weide, Wasser, in Freiheit

bewohnt von vielleicht hundert Ponys, Resten einer

urtümlichen Wildpferderasse, was sich noch in ihrer

Genügsamkeit und Widerständigkeit dartut: Sommers

und winters sind sie im Freien, … in einer drolligen

Mischung aus Plumpheit und Grazilität. Der Hufschlag

trommelt dumpfig über den feuchten Boden.“ 3

Naturräumlich wird das Münsterland zur „Westfälischen

Bucht“ gezählt. „Das Land ist ackerreich, kräf-

12


Luftaufnahme von Dülmen aus dem Jahre 1930;

am unteren Bildrand das Schloss und der Park des Herzogs von

Croy, am oberen Bildrand die Münsterstraße

tig und still, von Heiden und Wäldern durchsetzt, die

Wallhecken grenzen den bäuerlichen Besitz. Der rote

norddeutsche geht in den weißen mitteldeutschen

Fachwerkbau über.“ So beschrieb Werner Bergengruen

in der Reisebeschreibung seiner Radtour durch

Deutschland das Münsterland. Dülmen und der gesamte

Kreis Coesfeld werden wiederum dem „Kernmünsterland“

zugeordnet, einer geologischen Region

fruchtbarer Kreideschichten, deren Abgrenzung im

Süden von der Lippe, im Westen von den Baumbergen,

im Norden von der Ems und im Osten von den Beckumer

Bergen markiert wird.

„Ernst, still, gemessen in ihrer Freude, leben hier die

Kinder der roten Erde“, beschrieb Seller nach dem Ersten

Weltkrieg die Bewohner des Münsterlandes. „Einfach

und schlicht, wie die Väter es gewohnt seit Jahrhunderten,

ist Lebensart und Lebenssitte. Zäh hängen

sie am Hergebrachten. … Groß und fleischig, von nicht

13


allzu großer Muskelkraft ist ihr Körper. Ihre Züge sind

weich, oft äußerst lieblich und immer gewinnend durch

einen Ausdruck von Güte. Blendend weiß und rosig ist

die Hautfarbe. Sie widersteht den Sonnenstrahlen bis

ins überreife Alter. Hellblau schimmern die Augen der

einen, lichtblau strahlen die der andern. Das Hellblond

ihrer Haare ist ihnen sprichwörtlich.“ 4

Aber nicht nur die Beschaffenheit der Landschaft und

die Eigentümlichkeit ihrer Bewohner empfanden Außenstehende

immer wieder als reizvoll, sondern auch

den geistigen Einklang dieser Gegend. „Wo die Menschen

jahrhundertelang wohnten im segnenden Schatten

ihrer Klöster, wo der gleiche Glaube in seiner festen

Form dem Volke den Charakter der Beschaulichkeit

und in sich selbst arbeitender Abgeschlossenheit gab,

dort ist Münsterland“, meinte Seller. „Da ragen so viele

gotische Kirchen mit ihren himmelstrebenden Türmen

empor und die Glocken läuten Sonntags- und Feiertagsstunden

in den Werktag des Lebens; herrlich geschnitzte

Altäre und Kanzeln schmücken Kirchen und

Kapellen und viele Flügelbilder erfrischen den Ernst

des Raumes mit satten Farben auf leuchtendem Gold.

In feierlichen Seitenkapellen stehen die Bildwerke der

Schmerzhaften Mutter oder der heiligen Anna-Selb-

Friedrich Kaiser bei einem Besuch seiner

Angehörigen in Dülmen.

In vielen Wohnungen des Münsterlandes

befindet sich bis heute

das „Coesfelder Kreuz“.

14


dritt. Dort sieht das große Heiligtum der hl. Mutter

Anna zu Haltern, der Schmerzhaften Mutter zu Telgte,

des ‚Miraculösen Kreuzes’ in Coesfeld, der heiligen

Reliquien zu Freckenhorst die betenden Wallfahrer in

Scharen. Dort ist das fromme Münsterland.“ 5

„Das Münsterland ist altes Kirchengebiet“, so bemerkte

auch Werner Bergengruen. „An Landstraßen und

Wegekreuzungen, vor den einsamen Bauernhöfen

stehen die Bildstöcke, der Gekreuzigte, die Muttergottes,

Sankt Antonius; wunderbare Beseelung der Landschaft,

die Natur wird der Gnade unterstellt.“ 6

Dülmener Stadtgeschichte

Bergengruens Bezeichnung des Münsterlandes als

„altes Kirchengebiet“ beschreibt treffend die historische

Prägung sowohl der Region als auch der Stadt

Dülmen. Nach der kriegerischen Unterwerfung der

Sachsen durch die Franken (ab 772) wurde das heutige

Westfalen in das Reich Karls des Großen eingebunden

und zügig christianisiert. Im Jahre 804 wurde

Liudger zum Missionsbischof für Friesland und den

„Südergau“ (das heutige Münsterland) ernannt. Liudger

gründete in Mimigernaford ein Kloster („Monasterium“)

und damit den künftigen Mittelpunkt des

Bistums Münster. Das neu geschaffene Bistum erhielt

zur wirtschaftlichen Ausstattung bzw. für den Unterhalt

der Geistlichen sächsische Gehöfte zugewiesen,

so auch einen „Haupthof“ an der Stelle des heutigen

„Bült“ in Dülmen. Hier wird sich vermutlich schon

zu Beginn des 9. Jahrhunderts eine kleine Holzkapelle

befunden haben. Dieser später auch als „Richthof“

bezeichnete bischöfliche Besitz bildet den Ursprung

der späteren Pfarrei St. Viktor bzw. der Ortschaft Dülmen.

1074 erfolgte hier die Weihe eines romanischen ​

15


Peruanische Schwestern zu Besuch in der Viktor-Kirche in Dülmen;

im Vordergrund der romanische Taufstein

Kirchengebäudes. Rund 100 Jahre später wurde das

Bistum Münster zum „Fürstbistum“ erhoben und bildete

für Jahrhunderte ein souveränes Staatsgebilde innerhalb

des Deutschen Reiches; die Bischöfe nahmen

als „Fürstbischöfe“ landesherrliche Aufgaben wahr.

Aus der Zeit des Hochmittelalters hat sich bis heute

in der Viktor-Kirche der romanische Taufstein aus der

Mitte des 13. Jahrhunderts erhalten, das heute älteste

Kulturobjekt in Dülmen überhaupt. Über diesem

Taufbrunnen empfing auch Friedrich Kaiser das Sakrament

der Taufe.

Eng mit der Bistumsgeschichte blieb auch die künftige

Entwicklung Dülmens verbunden. Nachdem sich

im Laufe der Zeit im Einzugsbereich der Siedlung

Dülmen neben Ackerbau auch Handwerk und Handel

entwickelt hatten, war die Erhebung zur Stadt im

Jahre 1311 nur folgerichtig. Zwölf Jahre nach der Stadterhebung

erfuhr auch die Dülmener Viktor-Pfarre

eine wichtige Aufwertung, wurde sie doch 1323 durch

16


den bischöflichen Landesherrn mit einem Stiftskapitel

ausgestattet, dem zeitweise bis zu zwölf Kanoniker

angehörten. Ab Mitte des 14. Jahrhunderts begann die

Umgestaltung der bisherigen Pfarrkirche zu einer repräsentativen

„Stiftskirche“ im Stil der westfälischen

Hallengotik; der Chorraum wurde 1579 fertig gestellt,

der Turm 1601 vollendet. Kostbare Werke der Bildhauerkunst

wie das monumentale Triumphkreuz und das

ausdrucksstarke Vesperbild (beide aus Holz) oder die

Passionssäule und das Tabernakelhäuschen (beide aus

Sandstein) gehören bis heute zur künstlerischen Ausstattung

aus dieser Zeit.

Andrerseits belegen die tiefen Schleifrillen an der Außenwand

der Kirche auch die Not und Verzweiflung

verängstigter Menschen: Das durch Auskratzungen

gewonnene „heilige“ Steinpulver des Gotteshauses

wurde Salben beigemengt oder in Wasser aufgelöst

eingenommen, um sich vor drohenden Infizierungen,

etwa durch die Pest, zu schützen. Bis heute führt der

Bürgermeister bzw. die Bürgermeisterin die jährliche

Osternachtprozession an und erinnert damit an jene

Pestkatastrophe, die den gesamten Dülmener Klerus

dahinraffte. Schleifrillen und Pestprozession stellen

bis heute buchstäblich vor Augen, dass nicht nur

Wachstum und Wohlstand das städtische und kirchliche

Leben bestimmten. Die Jahre der Pest (1382 und

1566), die Münstersche Stiftsfehde (1450/57), der Spanisch-Niederländische

Krieg (1587/99), der Dreißigjährige

Krieg (1618/48) oder der Siebenjährige Krieg

(1756/63) brachten auch in Dülmen Not und Entbehrung,

Plünderungen und Zerstörungen mit sich.

Ein wirklich epochaler Umbruch von Gesellschaft

und Lebensgefühl ergab sich aus den Umwälzungen,

die im Gefolge der Französischen Revolution und der

17


Napoleonischen Feldzüge ganz Europa und die bisher

gültige Gesellschaftsordnung erschüttern sollten. Im

deutsch-französischen Friedensvertrag von Lunéville

1801 wurde festgelegt, dass Frankreich sein Staatsgebiet

bis zum Rhein ausbreiten würde und die infolgedessen

linksrheinisch enteigneten Adelsherrschaften

durch Gebiete in Deutschland zu entschädigen seien.

In diesem Sinne löste der „Reichsdeputationshauptschluss“

von 1803 zahlreiche kleinere und kleinste

Staatengebilde sowie sämtliche kirchliche und klösterliche

Grundherrschaften auf. Damit war auch nach

über 600 Jahren der Untergang des Fürstbistums

Münster und die Enteignung der bischöflich-landesherrlichen

Besitzungen besiegelt. Die säkularisierten

geistlichen Ländereien in Dülmen und Umgebung

fielen an das aus Frankreich stammende herzogliche

Haus derer von Croy, das zunächst auch die Landeshoheit

der „Grafschaft Dülmen“ wahrnahm.

„Allein das Zeichen, das dieser Stadt gebietet, ist nicht

der Croysche Herzogshut“, meinte feinsinnig über 100

Jahre später Werner Bergengruen. „Es sind die Wundmale

Christi, erschienen am armseligen, leidenden,

abgezehrten Körper der Augustinernonne Anna Katharina

Emmerick.“ 7 Als Anna Katharina Emmerick

aus Flamschen bei Coesfeld 1802 in das Dülmener

Kloster Agnetenberg eingetreten war, konnte sie kaum

ahnen, dass sich die im Münsterland in Jahrhunderten

geformte Welt der Klöster und Orden unweigerlich

ihrem Ende zuneigte und sie selbst zehn Jahre später

als letzte Klosterfrau den Konvent verlassen würde.

Das kirchliche Leben sollte sich vielerorts nämlich

erst dann einschneidend und unmittelbar ändern,

als durch ein napoleonisches Dekret von 1811 auch

die Aufhebung der Stifte und Klöster verfügt wurde,

also auch des Dülmener Viktorstifts und des traditi-

18


onsreichen Augustinerinnenklosters Agnetenberg. In

der Perspektive einer aufklärerischen Weltsicht hatten

Orden und Klöster ohnehin jede Berechtigung verloren,

wenn sie nicht im Dienste der schulischen Bildung

oder karitativen Fürsorge standen.

Sind die Jahre nach 1800 von einem beispiellosen Einbruch

des kirchlichen Lebens und überkommener

Frömmigkeitsformen gekennzeichnet, so sollte sich in

der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein ganz neues

Erwachen des Katholizismus in Deutschland abzeichnen.

Davon „profitierte“ übrigens auch die Emmerick.

Denn in der letzten Dekade vor dem Jahre 1900 erfolgte

die Eröffnung des diözesanen Informativprozesses

(1892) bzw. des vatikanischen Seligsprechungsverfahrens

(1899) als Vorbereitung einer Kanonisierung der

Emmerick sowie in Dülmen die Grundsteinlegung

(1897) zu einer Emmerick-Gedenkstätte. Stärker als

die eingangs erwähnten „Dülmener Wildpferde“ hat

die 2004 selig gesprochene „Mystikerin des Münsterlandes“

der Stadt Dülmen zu einer weltweiten Wahrnehmung

verholfen.

Das Grab von Anna Katharina Emmerick

vor der Errichtung der Heilig-Kreuz-Kirche

19


Auch Friedrich Kaiser war mit der Verehrung unserer

Heimatheiligen vertraut. Als Kaiser 1925 krankheitsbedingt

die Entlassung aus dem Noviziat fürchten

musste, ging er in seiner Not zum Grab der Emmerick.

Ich betete inständig. Und sagte schließlich unserer Landsmännin

ins Grab hinunter: Wenn ich nun doch noch zum

Priestertum komme, dann werde ich offen sagen, dass ich es

Dir verdanke. Und falls ich nicht zum Ziel komme, werde

ich nicht verhehlen, sondern ebenso offen sagen, dass ich auf

Deine Fürbitte gebaut habe, aber nicht erhört wurde. 8 Mit

dieser launigen Episode ist der Bogen der Dülmener

Geschichte zu jenem Sohn der Stadt und christlichen

Glaubenszeugen geschlagen, dessen Leben und Wirken

im Folgenden skizziert werden soll.

Dülmen um 1900

Kurz nach 1900 besuchte der dänische Dichter Johann

Jörgensen (1866–1956) Dülmen und berichtete darüber

in dem Bändchen „Reisebilder aus Nord und Süd“. Jörgensen,

der erst kurz zuvor zum katholischen Glauben

konvertiert war, wollte hier natürlich die Spuren Anna

Katharina Emmericks erkunden, „die für Dülmen ist,

was Goethe für Weimar – der Stadt eigentlicher Mittelpunkt

und Existenzberechtigung“. Es war an einem

der letzten Tage im August. Nachdem er sein Gepäck

in einem örtlichen Hotel deponiert hatte, unternahm

Jörgensen den ersten Spaziergang, „um Dülmen zu besichtigen.

Eine Gasse gerade vor dem Hotel führt unmittelbar

zur Kirche, der einzigen der Stadt. Um das

alte, gotische Gebäude breitet sich ein großer, mit Bäumen

bewachsener Platz, wo die Sonne zwischen dem

Laub der halb entblätterten Linden herab schien über

ein großes Steinkruzifix mit Kniebank davor. Nicht

weit vom Kirchplatz fand ich einen anderen großen,

20


provinz-stillen und provinz-öden Platz; hier liegt das

Rathaus und andere alte, ansehnliche Gebäude, große

Kaufmannshäuser, Wohnungen für die Patriziergeschlechter

der Stadt.“ Dann beschreibt er weitere architektonische

Eigenheiten des Städtchens. „Das westfälische

Haus – so wie man es in Dülmen noch findet,

unverfälscht von moderner Berliner Kultur – wendet

den Giebel nach der Straße, und die eine Hälfte des

unteren Stockwerkes wird eingenommen von einer

mächtigen Tür. Diese hat vier Flügel, zwei halbrunde

oben, zwei viereckige unten, und in diesen letzteren

sind wieder schmalere Türen angebracht, welche den

gewöhnlichen Ein- und Ausgang für die Bewohner abgeben.“

9

Dülmen, so empfand der Besucher, sei zu Beginn des

20. Jahrhunderts noch immer „in allem Wesentlichen

so, wie damals, als Anna Katharina Emmerick in den

Ringmauern lebte, im Kloster Agnetenberg oder in einem

der gemieteten Zimmer, welche sie nach der Aufhebung

des Klosters bis zu ihrem Tode bewohnte“. Im

Haus Neustraße Nr. 10 (heute Borkener Straße) besichtigte

Jörgensen auch das Sterbezimmer der Emmerick

und äußerte die Vermutung, „es wird wohl einmal

eine Kapelle daraus, denn Anna Katharina ist auf dem

Wege zur Heiligsprechung; ihre Sache wird in Rom

vom Augustinerorden, dem sie angehörte, vor der Ritenkongregation

geführt“. Tief ergriffen erlebte der

dänische Gast den Besuch der 1899 eingeweihten Emmerick-Gedenkstätte

an der Lüdinghauser Straße auf

Höhe der späteren Kreuzkirche. – „Gegen Abend nehme

ich einen neuen Rundgang durch Dülmen vor. Die

Sonne scheint über die stille, friedliche Stadt. Schma le,

wohlgepflasterte Straßen winden sich zwischen Reihen

von kleinen, roten, niedrigen Backsteinhäusern oder

an den Stadtmauern hin, deren runde Türme mit den

spitzen Dachkappen an Nürnberg erinnern. An vielen

Stellen sind Küchengärten mit grünbemaltem Staket

21


(Lattenzaun; Anm.) nach der Straße hin; überall findet

man Gestelle mit Blumen vor den Fenstern – Pelargonien,

Fuchsien, Pantoffelblumen – und über den niedrigen

Dächern und den hohen Stadtmauern erhebt sich

ein tiefblauer Himmel mit großen, schönen, silbernen

weißen Wolken.“ 10

So idyllisch man um 1900 die Wall- und Ringstraßen

von Dülmen bzw. die Reste der alten Stadtbefestigung

empfinden mochte: Schon längst entwickelte sich die

Stadt über die jahrhundertealte Umgrenzung hinaus.

Die Einwohnerschaft der Stadt Dülmen wuchs in den

20 Jahren zwischen 1890 und 1910 von rd. 4.900 auf rd.

7.500 Menschen an. 11 Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts

hatten sich vor den Toren der Stadt (d.h. außerhalb

der Wälle) die Eisenhütte Prinz Rudolf (1842),

das Franz-Hospital (1847), die evangelische Kirche

(1858), eine Gasanstalt (1865), der Bahnhof (1870), die

Textilbetriebe Bendix (1873), Ketteler (1883) und Leeser

(1888), das Postamt (1878), das Waisenhaus (1889), das

Kolpinghaus (1897) und der Wasserturm (1900) ange-

Frühling in Dülmen;

rechts der Tiberturm, im Hintergrund St. Viktor

22


siedelt. Die Stadtpläne aus dieser Zeit lassen auch die

expandierende Wohnbebauung, insbesondere Arbeiterhäuser,

an den Ausfallstraßen erkennen. Wichtiger

Motor dieser Entwicklung war der Bau der Eisenbahn,

der Dülmen gleich zweimal tangierte und der Stadt

zu einem Bahnknotenpunkt verhalf: 1870 wurde die

Bahnstrecke Essen–Münster eröffnet, 1875 folgte die

Verbindung Dortmund–Gronau.

Von den ursprünglichen Dülmener „Ackerbürgern“

gingen immer mehr Menschen einer Tätigkeit in der

Industrie nach, zunehmend auch im Bergbau im nahen

Ruhrgebiet. Insbesondere für die im 19. Jahrhundert

stark zurückgegangene häusliche Leinenweberei

„ist in unseren Tagen … in Dülmen vollwertiger Ersatz

geschaffen, indem hier unter Anlehnung an die

frühere Industrie mehrere größere Textilfabriken entstanden

sind“ 12 . In Dülmen dominierte zu Beginn des

20. Jahrhunderts ganz klar die baumwollverarbeitende

Textilindustrie. Nach Auskunft des Städtischen Verwaltungsberichtes

arbeiteten 1910 bei Bendix in der

Weberei 331 Beschäftigte und weitere 105 in der Spinnerei;

81 Personen arbeiteten bei Ketteler und 39 bei

Leeser. Weitere Arbeitsplätze hielten in größerem Umfang

(im Jahr 1910) die Eisenhütte Prinz Rudolf (274),

die Buchdruckerei Laumann (129), vier Schreinereien

(insgesamt 90) oder das Sägewerk Schlieker (31) bereit.

Das Elternhaus von Friedrich Kaiser

Das Gesicht von Dülmen wurde nach den verheerenden

Zerstörungen des Ortes am 21. und 22. März 1945

und dem anschließenden Wiederaufbau ein fast komplett

anderes. Zwar ist der Verlauf der Wege und Gassen

größtenteils der alte, doch auch manche Straßennamen

wurden in den vergangenen 100 Jahren gewechselt.

23


Blick in die Tiberstraße in Richtung Südring;

rechts das Sterbehaus von Anna Katharina Emmerick, 1945 zerstört

Geht man nach den alten Straßennamen, dann befand

sich das Elternhaus von Friedrich Kaiser in der „Markusstraße“,

die sich zwischen der „Neustraße“ und der

„Bischof-Ludwig-Straße“ erstreckte – also in jenem Abschnitt

der heutigen „Tiberstraße“, der die „Borkener

Straße“ und den „Südring“ verbindet. Wo sich heute ein

Reihenhaus der Nachkriegszeit befindet (Tiberstraße

50, damals Markusstraße 19), wohnte die Familie Kaiser

– etwa auf der Hälfte der Luftlinie zwischen dem Tiberturm

und dem Sterbehaus der Emmerick. Hier erblickte

Friedrich Kaiser, ein Sonntagskind, am 24. Mai 1903

abends gegen 18.00 Uhr das Licht der Welt. Friedrich

Kaiser war das mittlere von insgesamt fünf Kindern der

Eheleute Josef und Wilhelmine Kaiser. 13

Josef Kaiser, der Vater, war Schreiner und arbeitete in

der Sägenschleiferei der Schreinerei Kirschner. 14 Er

wurde am 31. Mai 1867 in Dülmen geboren und am

selben Tag in St. Viktor getauft. Er starb am 14. Mai

24


1938 in Dülmen und wurde auf dem Waldfriedhof begraben.

Seine Eltern, also die Großeltern von Friedrich

Kaiser väterlicherseits, waren Joseph Kaiser (1828–

1899), gebürtig aus Paderborn, und Anna geb. Rentmeister

(1829–1916), gebürtig aus Haltern. Sie hatten

am 12. April 1866 in St. Viktor in Dülmen geheiratet.

Die Mutter von Friedrich Kaiser erblickte als Wilhelmine

Depel am 27. März 1872 im benachbarten Seppenrade

das Licht der Welt und wurde am folgenden

Tag in St. Dionysius getauft. Sie starb am 17. September

1928 in Dülmen und wurde auf dem Waldfriedhof begraben.

Ihre Eltern, also die Großeltern von Friedrich

Kaiser mütterlicherseits, waren Heinrich Depel (1826–

1894), gebürtig aus Seppenrade, und Wilhelmine geb.

Hertig (1841–1928), gebürtig aus Buldern. Sie hatten am

2. Juni 1863 in St. Dionysius in Seppenrade geheiratet.

Die Eltern von Friedrich Kaiser hatten am 17. Mai 1897

in St. Viktor in Dülmen geheiratet. Als ältere Geschwister

von Friedrich Kaiser wurden am 21. Juni 1898 seine

Schwester Maria und am 7. Mai 1901 sein Bruder Josef

geboren; nach ihm folgten als jüngere Geschwister am

14. Januar 1906 sein Bruder Karl und am 3. Januar 1909

seine Schwester Gertrud.

Drei Tage nach der Geburt, am 27. Mai 1903, erfolgte

in St. Viktor durch Kaplan Schlöter die Taufe auf den

Namen Friedrich August. Paten waren August Depel,

wohl ein Bruder der Mutter, sowie Catharina Martin

geb. Kaiser, wohl eine Schwester des Vaters. 15

Kirchliches Leben in Dülmen

Adolf Schlöter (1865–1932), durch den Friedrich Kaiser

die Taufe empfing, war seit 1899 Kaplan an St. Viktor

in Dülmen. Dem damaligen Pfarrer Wilhelm Börste

25


(1847–1925), der seit 1894 als Pfarrdechant in Dülmen

wirkte, standen vier Kapläne bzw. Vikare zur Seite,

später sogar fünf. 16 Von diesen Pfarrgeistlichen wurden

auch die Rektoratskirche in Hausdülmen und die

Kapelle von Visbeck betreut, während die Rektoratskirche

von Karthaus und die Kapelle von Merfeld über

je einen eigenen Geistlichen verfügten. Zwei weitere

Priester waren als Lehrer an der Rektoratsschule tätig.

In vielen sozialen Bereichen wirkten Ordensfrauen,

so etwa die Clemensschwestern in der Krankenpflege

(seit 1846, ab 1847 im Franz-Hospital) und in der

Heilig-Geist-Stiftung (seit 1891) oder die Vorsehungsschwestern

im Waisenhaus (seit 1889), in der Höheren

Mädchenschule (1893) oder im katholischen Kindergarten

(1898).

Ein ganz eigenes Engagement entfalteten die vielen religiösen,

sozialen und berufsständischen Zusammenschlüsse

und Verbände der Gläubigen. In der Tradition

der mittelalterlichen Bruderschaften standen in Dülmen

die 1851 neu organisierte „Männersodalität“ (von

1781) und die 1855 wieder belebte „Junggesellensodalität“

(von 1825). Im Jahre 1860 wurde ein katholischer

„Gesellenverein“ (heute Kolpingsfamilie) gegründet.

Frauen konnten sich seit 1863 im „Elisabethverein“

engagieren. In den 1870er Jahren entwickelte sich an

St. Viktor aus kleinen Anfängen ein Kirchenchor und

damit der „Cäcilienverein“. Im Jahre 1900 wurde der

„Mütterverein“ von St. Viktor gegründet; es folgten

1901 der „Katholisch-kaufmännische Verein“ (KKV)

und 1904/05 der „Arbeiter- und Knappenverein“ (heute

KAB) von St. Viktor. 17 Der „Volksverein für das katholische

Deutschland“ warb ebenfalls um Mitglieder

und hielt regelmäßig Sprechstunden im Kolpinghaus

ab. Als Ableger des „Gesellenvereins“ entstand der

26


„Lehrlingsverein“. Im Lauf der Zeit hatten sich die bestehenden

Sodalitäten auch der männlichen Jugendlichen

angenommen; für die Mädchen wurde 1908 eine

„Jungfrauen-Kongregation“ ins Leben gerufen.

Im Februar 1904 lebten auf dem Pfarrgebiet von St.

Viktor (einschließlich der Rektoratsgemeinden Karthaus

und Hausdülmen sowie der Kapellengemeinden

Visbeck und Merfeld) 10.352 Katholiken, 272 Protestanten

und 84 Juden. 18 In der Stadt Dülmen lebten zu

dieser Zeit über 6.000 Katholiken. Allein in der St.-

Viktor-Kirche wurden 1903 an Sonntagen sechs heilige

Messen gefeiert, nämlich um 5.45 Uhr, 7.00 Uhr,

7.45 Uhr, 8.30 Uhr, 9.30 Uhr und 11.30 Uhr; außerdem

fanden um 14.00 und um 18.00 Uhr Andachten statt. 19

Neben dem sonntäglichen Kirchgang wurde das Kirchenjahr

von kirchlichen Festtagen mit ihren zahlreichen

Bräuchen, Prozessionen und Andachten geprägt,

wobei als besondere Frömmigkeitsformen – auch im

Das Innere der Viktor-Kirche vor der Zerstörung

im Zweiten Weltkrieg

27


privaten Bereich – die Marien- und die Herz-Jesu-

Verehrung herausragten. Geradezu exemplarisch für

diese zeitgenössischen Andachtsformen haben sich bis

heute im Innern von St. Viktor (am Chorbogen) eine

Herz-Mariä- und eine Herz-Jesu-Figur des münsterischen

Bildhauers Heinrich Fleige erhalten.

Erwähnenswert ist die seit 1682 belegte jährliche Wallfahrt

der Dülmener „zum Hardenberg“, dem Marienwallfahrtsort

Neviges, die Ende Juni stattfindet. „Unter

großer Beteiligung wurden am Montag Abend die

Wallfahrer, welche gegen 7 Uhr von Hardenberg nach

zweitägiger Abwesenheit mittels Sonderzug zurückkehrten,

in Prozession vom Bahnhof abgeholt“, wusste

die örtliche Tageszeitung auch für das Jahr 1903 zu berichten.

„Die Teilnahme an der diesjährigen Wallfahrt

war wiederum eine besonders große; die Zahl der

Wallfahrer betrug 512 Personen.“ 20 An einem Sonntag

in der zweiten Julihälfte folgte dann die Fußwallfahrt

zum Annaberg bei Haltern, die 1903 von Vikar Berberich

und Kaplan Kämpers angeführt wurde. „Die Beteiligung

war eine recht große, während die musterhafte

Ordnung auf dem ganzen Wege sehr erbauend

wirkte“, meinte der Berichterstatter der Zeitung. „Das

Wetter war ebenfalls recht günstig.“ 21

„Katholisches Milieu“

Dülmen präsentierte sich vor dem Ersten Weltkrieg

weitgehend als ein gesellschaftliches Gefüge, das in

der Geschichtsforschung als „katholisches Milieu“

beschrieben wird. Gemeint ist damit soziologisch ein

eng gespanntes Netzwerk fast aller sozialen Beziehungen

auf konfessioneller Basis, eine Art kirchlich

gebundene „kollektive Sinndeutung“ des Lebens und

der Herausforderungen der Zeit. Dies bedeutete einen

28


hohen Grad an Identifizierung der Bevölkerung mit

der Kirche und dem katholischen Glauben und eine

starke Anbindung und Ausrichtung der Laien am Klerus

bis hinauf zum Papst. Zugleich entstand über den

rein religiösen Bereich hinaus ein engagiertes Hineinwirken

in die Öffentlichkeit auf sozialem, kulturellem

und politischem Gebiet.

Sosehr das „katholische Milieu“ eine integrierende Bindungskraft

besaß und dem kirchlichen Leben nach innen

wie nach außen eine hohe Vitalität ermöglichte, sosehr

lebte es zugleich quasi entlang einer Konfliktlinie

und in einer gewissen Abschottung zur gesellschaftlichen

Moderne und zum fortschrittsgläubigen Zeitgeist.

So wird dem „Milieukatholizismus“ gerade vor dem

Ersten Weltkrieg eine gewisse Wagenburgmentalität

vorgehalten.

Um die katholische Mentalität in Deutschland vor

dem Ersten Weltkrieg (und darüber hinaus) zu erfassen,

bedarf es eines Rückblicks auf die Zeit des „Kulturkampfes“,

der in den 1870er und 1880er Jahren entbrannte,

also in der Zeit, als die Eltern von Friedrich

Kaiser heranwuchsen.

Unter dem „eisernen Kanzler“ Otto von Bismarck (1815-

1898) ging der deutsche Staat und vor allem das Land

Preußen daran, den Einfluss der katholischen Kirche

und ihres Klerus im öffentlichen Leben mit aller Gewalt

zu brechen. Die Predigt der Priester und die kirchliche

Öffentlichkeitsarbeit, die kirchliche Schulaufsicht und

die Leitung sozialer Einrichtungen, die Zulassungen

zur Priesterweihe und Stellenbesetzungen – alles sollte

künftig der staatlichen Weisung untergeordnet werden.

Die Empörung und der Widerstand der Katholiken waren

massiv. Der spätere Pfarrdechant von St. Viktor (ab

1887) Christoph Bernhard von Galen saß als Kaplan in

Borken im Gefängnis, ebenso in Münster ein späterer

Dülmener Kaplan. In Dülmen selbst blieb das Pfarrleben

29


von St. Viktor von staatlichen Maßnahmen unberührt,

doch wurden die hiesigen Schwesterngemeinschaften

in ihrem Wirken massiv eingeschränkt. Im benachbarten

Rorup blieb über Jahre die Pfarrstelle unbesetzt, die

Redemptoristenpatres aus dem Kloster Maria Hamicolt

wurden vertrieben. Ein Verbot der Neviges-Wallfahrt

1874 wurde erst aufgehoben, nachdem die Dülmener

Hardenberg-Bruderschaft erfolgreich beim Appellationsgericht

Hamm geklagt hatte.

Der „Kulturkampf“ wurde Mitte der 1880er Jahre beigelegt,

nicht zuletzt weil als Nachfolger des eher unnachgiebigen

Pius IX. (1792–1878) der moderatere Leo

XIII. (1810–1903) den Stuhl Petri bestieg. „Schon im

Anfange seiner Regierung war es dem Heiligen Vater

vergönnt, bessere Beziehungen zu der preußischen

Regierung und dem Deutschen Reiche anzubahnen

nach den traurigen Zeiten des Kulturkampfes und

wenigstens den Übergang zum Frieden herbeizuführen“,

so der „Dülmener Anzeiger“ in einer Würdigung

des Pontifikates Leos XIII. 22 Die deutschen Katholiken

gingen aus dem Konflikt innerlich gefestigter denn je

hervor; die Zentrumspartei war die unangefochtene

politische Interessenvertretung in den Parlamenten

vom Stadtrat bis hinauf zum Reichstag.

Kirche und Staat im Spiegel der Presse

Ein Blick in den „Dülmener Anzeiger“ des Jahres

1903, des Geburtsjahres Friedrich Kaisers, offenbart

klar jene politische Konstellation bzw. gesellschaftliche

Befindlichkeit der Dülmener Bevölkerung, die nur

aus der soeben beschriebenen Vorgeschichte verständlich

ist und bis weit über den Ersten Weltkrieg hinaus

nachwirken sollte.

30


Blick auf den Dülmener Marktplatz und das Rathaus

Der „Dülmener Anzeiger“, der 1903 bereits im 30. Jahrgang

in der Horstmann’schen Buchhandlung gedruckt

und vertrieben wurde, war die einzige Lokalzeitung

in Dülmen und erschien an drei Tagen in der Woche.

Der von der Zeitungsredaktion in den vielfältigen politischen,

sozialen und kulturellen Fragen eingenommene

Standpunkt war stets unverrückbar an der Seite

von Klerus, Bischof und Papst und zugleich auf Seiten

der Deutschen Zentrumspartei. Ausführlich wurde

neben weltpolitischen Themen und den aktuellen

politischen Debatten in Berlin auch kirchlichen Bereichen

ein breiter Raum gewährt. Das umfangreiche

Hirtenwort des Bischofs zur Fastenzeit erschien über

drei Tage verteilt, selbstverständlich jeweils auf der Titelseite.

Selbst die „Fasten-Verordnung für das Bistum

Münster“ wurde in einer langen Spalte abgedruckt.

Allergisch reagierte die Zeitung auf antiklerikale Töne

von liberaler Seite oder auf klassenkämpferische und

zentrumskritische Parolen der SPD. So warnte die Redaktion

etwa am 4. Februar 1903, dass „dieser Tage …

31


die Sozialdemokratie hier in Dülmen massenweise ein

Flugblatt verbreitet“ habe, „das von Verleumdung und

niederträchtigen Angriffen gegen das Zentrum wimmelt

und den Mannheimer Katholikentag bearbeitet“.

Dass sich inzwischen die Katholiken mit dem preußischen

Staat arrangiert hatten, beweist eine umfangreiche

Huldigung Kaiser Wilhelms II. zu dessen 45. Geburtstag

in der Ausgabe vom 27. Januar. So dichtete ein

Dülmener für die Titelseite der Zeitung:

„Wachet auf in Schloss und Hütte!

Auf in Stadt und Dorf und Flur!

Denn nach alter, deutscher Sitte

gilt es heut dem Kaiser nur.

Lasst den heutgen Tag ihm weihen!

Fern sei aller Groll und Streit.

Denn hoch über den Parteien

steht des Kaisers Herrlichkeit.“ 23

Bei aller Würdigung sah der Leitartikel die Person

des deutschen Kaisers durchaus nicht unkritisch. Gegenüber

der Außenpolitik des Kaisers sei es schon

„schwieriger“, einen „einheitlichen Grundzug in seiner

inneren Politik zu finden“. Bei seinem Kampf gegen

die Sozialdemokratie könne man „nicht immer

… von einer glücklichen Wahl des Ausdrucks wie der

vorgeschlagenen Mittel sprechen, wie denn überhaupt

die impulsive Natur des Monarchen ihn wiederholt

bei der öffentlichen Meinung in Konflikt gebracht

hat“. Dennoch würdigt der Autor des „Dülmener

Anzeigers“ des Kaisers „glänzendes Auftreten, seine

schwungvolle Beredsamkeit, seine religiöse Gesinnung

und Gerechtigkeit gegen Andersgläubige, seine

unermüdliche Sorge für das Wohl des Reiches. … Vorübergehenden

Verstimmungen räumt das deutsche

32


Volk keinen dauernden Platz in seinem Herzen ein,

und es zweifelt nicht, dass die Veranlassungen dazu

immer seltener werden.“ – Übrigens war erst kurz zuvor

(wie die Zeitung am 20. Januar berichtete) der Bischof

von Münster Hermann Dingelstad vom Kaiser

mit dem „Kronenorden Erster Klasse mit Schwertern

am Ring“ ausgezeichnet worden.

Die eigentliche Identifikationsfigur im „katholischen

Milieu“ war jedenfalls nicht der Kaiser in Berlin, sondern

unangefochten der Papst in Rom. Als Leo XIII.

im Frühjahr 1903 die 25-Jahr-Feier seines Pontifikates

beging, griff der „Dülmener Anzeiger“ über Tage

hinweg „dieses in der Geschichte der Kirche nahezu

einzig dastehende Ereignis“ auf und schwärmte von

der „unbegrenzten Verehrung und kindlichen Liebe“

der Katholiken des Bistums Münster zum „erhabenen

Greis, der Christi Stelle auf Erden vertritt und der nun

volle 25 Jahre mit soviel Weisheit und Apostolischer

Festigkeit das Steuerruder der Kirche gelenkt hat“ 24 .

Die offiziellen Jubelfeiern der katholischen Kirche waren

für Sonntag, den 1. März anberaumt; am Vorabend

erklang vom Turm von St. Viktor festliches Geläute.

„Unsere Mitbürger brauchen wir gewiss nicht erst zu

bitten, an diesem hohen Freudentage der katholischen

Christenheit ihre Häuser aufs Festlichste zu beflaggen.

Mit allen Katholiken auf dem weiten Erdenrund wird

auch unsere katholische Gemeinde in diesen Tagen

inbrünstige Dank- und Bittgebete zu Gott empor senden

für die heilige Kirche und ihren ruhmreich regierenden

obersten Hirten, Papst Leo XIII.“ 25 – Tagelang

berichtete die Zeitung vom gesundheitlichen Zustand

des Pontifex, der am 20. Juli 1903 verstarb. Zum ersten

Mal überhaupt wurde die Titelseite des „Dülmener

Anzeigers“ durch eine Illustration geziert, nämlich

das großformatige Konterfei des verstorbenen Papstes.

33


In einer weiteren Ausgabe wurde ein Gedicht abgedruckt,

dessen letzte Strophe lautet:

„Das sei ein heißes Danken,

das sei ein heilger Schwur,

zu wandeln, ohne Wanken,

Papst Leo, Deine Spur!

Und wardst Du uns entrissen,

Du leuchtend Himmelslicht,

so tröst’ uns, dass wir wissen,

der Kirche Haupt stirbt nicht!“

Friedens- und Kriegsjahre

Nach dem Tod Leos XIII. wurde am 4. August 1903

Pius X. (1835–1914) zum Papst gewählt. Er war, anders

als seine Vorgänger, weniger an gesellschaftlichen

und politischen Impulsen und Strategien interessiert,

sondern verstand sich auch auf dem Stuhl Petri zuerst

als Seelsorger. Verschiedene pastorale und liturgische

Initiativen gingen von Pius X. aus. So ermunterte er

zum regelmäßigen Empfang der Eucharistie, was damals

keineswegs die Regel war, und führte die Erstkommunion

im Kindesalter ein.

Was tat sich in Dülmen? Im Dezember 1903 konnte der

Bürgermeister die Anmeldung des ersten Autos nach

Münster melden, das des Herzogs von Croy. Wenig

später meldete auch die Firma Bendix ein Auto an. 26

Am 8. Dezember 1904 jährte sich zum 50. Mal die

durch Papst Pius IX. vollzogene Dogmatisierung der

Unbefleckten Empfängnis Mariens. Zu diesem Anlass

wurde der Grundstein zu einer repräsentativen Mariensäule

an der damaligen „Bahnhofsstraße“ (heute

Lüdinghauser Straße) gelegt. Ein halbes Jahr später,

am 7. Mai 1905, konnte sie unter großer Beteiligung

34


der Gläubigen feierlich eingeweiht werden. In ihrer

künstlerischen Ausführung war sie dem 1897 nicht

weit entfernt errichteten Kriegerehrenmal ebenbürtig,

von ihrem Standort her aber in bevorzugter Lage. Die

Säule wurde 1945 zerstört; die bronzene Skulptur der

Immaculata steht seit 1959 in den Grünanlagen vor der

St.-Viktor-Kirche. Nicht weit entfernt ist ein weiterer

Blickfang bis heute die sechs Meter breite Freitreppe

hinunter zur Marktstraße. Sie wurde 1906 angelegt.

Im Zugehen auf das 600-jährige Stadtjubiläum wurde

ab 1908 die Viktor-Kirche neu verblendet. Der Turm

erhielt seine ursprüngliche umlaufende Galerie zurück

und wurde mit vier Ecktürmchen ausgestattet

sowie insgesamt um 13 Meter erhöht. Im Jahr darauf

folgte der Neuguss und die Weihe von vier Kirchenglocken.

Ebenfalls 1908 wurden die beiden frei stehenden

Rundtürme der alten Stadtbefestigung an der

Lüdinghauser Straße durch ein steinernes Mittelteil

verbunden, wodurch die heute vertraute Anlage des

„Lüdinghauser Tores“ entstand.

Blick vom Franz-Hospital auf das Lüdinghauser Tor

35


Durch dieses Tor sollte Friedrich Kaiser acht Jahre lang

zur Schule gehen, besuchte er doch ab Ostern 1909 die

Josefschule hinter dem Lüdinghauser Tor unweit des

früheren jüdischen Friedhofs. Schulbezirke und damit

verbindliche Zuweisungen einzelner Straßenzüge auf

die beiden Volksschulen (Josefschule und Overbergschule)

wurden in Dülmen erst während des Ersten

Weltkriegs eingeführt.

Wichtigste bauliche Attraktion und Verschönerungsmaßnahme

zum Stadtjubiläum 1911 war die Errichtung

des „Jubiläumsbrunnens“ auf dem Marktplatz,

der am 6. August feierlich der Öffentlichkeit übergeben

wurde. Er trägt die in Stein gemeißelte Inschrift: „Ihrer

Vaterstadt zum 600-jährigen Bestehen. 1311 – 1911.

Die Bürger Dülmens.“ Nach mehrmaligem Standortwechsel

befindet sich der Springbrunnen heute wieder

vor dem Rathaus.

Im Juni 1911 starb Bischof Hermann Dingelstad (1835–

1911), der seit 1889 das Amt des Bischofs von Münster

innehatte. Sein Nachfolger wurde im Herbst 1911 Felix

von Hartmann (1851–1919), der schon nach einem Jahr

als Erzbischof nach Köln wechselte. Von 1913 bis 1933

saß Johannes Poggenburg (1862–1933) auf dem Stuhl

des heiligen Liudger. 1912 erhielt Dülmen einen neuen

Bürgermeister, Dr. Karl Sicking (1878–1970), der das

Amt bis 1936 ausübte, ein überzeugter Katholik und

Zentrumsmann. Seine geradlinige Persönlichkeit verkörperte

gewissermaßen ein Stück an Kontinuität in

den gesellschaftlichen und politischen Turbulenzen

der folgenden 25 Jahre. Denn mit dem Ausbruch des

Ersten Weltkriegs wurde das Ende der im Rückblick

so empfundenen „guten alten Zeit“ eingeläutet. Abgesehen

von den innenpolitischen Wirren des Kulturkampfes

hatten die Menschen in Deutschland eine

36


Friedenszeit von mehr als 40 Jahren erlebt. In dieser

Zeit hatte gerade auch Dülmen auf dem Gebiet der

wirtschaftlichen Entwicklung, der Infrastruktur und

der sozialen Versorgung einen nachhaltigen Aufschwung

genommen.

Nicht zuletzt der Tod von Papst Pius X. im Sommer

1914 und dessen vergebliche Friedensappelle in seiner

letzten Lebensphase markieren im Rückblick die

Schwelle zum Niedergang der alten europäischen

Ordnung. Auch Dülmen wurde in den folgenden Jahren

in den Taumel der Kriegsbegeisterung und dann

in die ernüchternde Realität großer Entbehrungen

hineingezogen. Am Ende sollten die Stadt und das

Kirchspiel Dülmen 375 Kriegstote beklagen, deren Namen

bis heute auf dem Ehrenmal mit dem „trauernden

Löwen“ am Kirchplatz von St. Viktor in Stein gehauen

zu lesen sind.

Friedrich Kaisers Firmung

Inmitten des Krieges empfing Friedrich Kaiser durch

Weihbischof Theodor Kappenberg (1848–1920) das Sakrament

der Firmung. 27 Am Sonntag, dem 14. Mai 1916,

traf der Weihbischof, von der Firmung in Lette kommend,

um 18.00 Uhr in Dülmen ein. „Der hohe Herr,

der sich infolge des Krieges jede Empfangsfeierlichkeit

verbeten hatte, entstieg an der großen Treppe zum

Kirchhof seinem Wagen und wurde dann, begrüßt

von vier weiß gekleideten Engelchen, von der hochw.

Geistlichkeit und einer großen Menschenmenge zur

Kirche geleitet. Nach kurzem Gebete auf dem Chore

bestieg der Herr Weihbischof die Kanzel, um eine Ansprache

an die gläubige Schar zu richten.“ 28 Kappenberg

sprach über das Wirken des Heiligen Geistes in

der Welt der Arbeit und im Leben der Familie. Nach

37


der kirchlichen Feier wurde der Weihbischof von den

Geistlichen der Pfarrei zur Dechanei an der Münsterstraße

geleitet, wo er die Nacht verbringen sollte.

Da die Firmfeiern in jener Zeit im Abstand mehrerer

Jahre gehalten wurden, wurden jeweils mehrere Jahrgänge

junger Leute gleichzeitig gefirmt, so auch 1916.

Am Montagmorgen feierten alle 1.600 (!) Firmlinge

um 8.00 Uhr eine heilige Messe, der dann die eigentliche

Firmspendung folgte. Die ausgeklügelte Logistik

war in der Tageszeitung mitgeteilt worden: „Die

Schulknaben von Stadt und Land haben ihre Plätze an

der Epistelseite am Mittelgang, die Jünglinge im Seitenschiff,

die Gymnasiasten auf der Turmbühne, die

Schulmädchen von Stadt und Land auf der Evangelienseite

am Mittelgang, die älteren Mädchen in dem

Seitenschiff.“ 29 Nach dem Gottesdienst konnten die

Mädchen die Kirche zunächst wieder verlassen, weil

dann die Jungen gefirmt wurden. Danach kehrten sie

in die Kirche zurück auf ihre alten Plätze, um gemeinsam

mit den Jungen der Predigt des Bischofs beizuwohnen.

Nach der Predigt verließen die Jungen die

Kirche, und es begann die Firmung der Mädchen, die

sich bis 11.30 Uhr hinzog.

St. Viktor im Winter;

Blick auf die Westfassade mit dem Turm

38


In seiner Ansprache an die Firmlinge ging der Weihbischof

„in eindringlichen Worten“ auf die Gnaden des

Heiligen Geistes ein und „dass ohne dieselben nicht

einmal die Apostel imstande gewesen seien, Zeugnis

abzulegen von Jesus Christus. Aber ausgerüstet mit

der Kraft des hl. Geistes am hl. Pfingstfeste haben sie

mutig und standhaft das Evangelium in der ganzen

Welt verkündigt. So sollen auch die Firmlinge, gestärkt

durch die Gnade des hl. Geistes, Zeugnis ablegen von

Jesus Christus durch ein frommes, christliches Leben.

Dies sind sie schuldig unserer hl. katholischen Kirche,

in deren Schoß sie das unverdiente Glück hatten, geboren

und erzogen worden zu sein. Schuldig sind sie das

ferner sich selbst, denn nur durch Gebet und Selbstverleugnung

können wir hier auf Erden glücklich und dort

oben selig werden. Schuldig sind sie es endlich den Soldaten

an der Front, die Blut und Leben einsetzen, den

Feind von unserer Heimat fern zu halten, auch ihrerseits

durch Gebet und ein frommes, Gott wohlgefälliges

Leben die Kämpfenden zu unterstützen, damit, wenn

sie einst als Sieger wiederkommen, wir uns in Wahrheit

des Sieges freuen dürfen.“ 30

Am Nachmittag nach der Firmung und am kommenden

Tag besuchte Weihbischof Kappenberg noch das

Franz-Hospital, wo er die neue Kapelle einweihte und

eine weitere Firmung spendete, das Verwundeten-

Lazarett und andere „Wohltätigkeitsanstalten“, dazu

verschiedene Schulen, darunter auch das Gymnasium,

und die Vikarie in Merfeld. Am Dienstag, dem 17. Mai,

erfolgte am Nachmittag um 16.00 Uhr die Weiterreise

mit dem Wagen nach Sythen. „Die Bischofstage haben

in unserer Gemeinde überall herzliche Teilnahme und

große Begeisterung ausgelöst und boten einen neuen

Beweis dafür, dass hier an der alten Pflegestätte katholischen

Glaubens das kirchliche Leben rege weiter

blüht, das durch den jüngsten Besuch des hochwürdigsten

Herrn von neuem angeregt und wirkungsvoll

39


efruchtet worden ist“, kommentierte die „Dülmener

Zeitung“ rückblickend. „Möge diese Befruchtung reiche

Früchte tragen, so dass wir uns, wenn bald ein

glücklicher Friede, um den in diesen Tagen so oft und

inständig gebetet worden ist, ins Land zieht, voll und

ganz des Erfolges dieser Bischofsreise im Interesse

der Kirche, des Staates und der Gemeinden erfrischen

können. Das walte Gott!“ 31

Schulentlassung und Abschied von Dülmen

Im dritten Kriegsjahr ging Friedrich Kaisers Schullaufbahn

ihrem Ende entgegen. Friedrich wird von Zeitzeugen

als aufgeweckter Junge geschildert, dem auch

das Lernen nicht schwer fiel. Seine wache Auffassungsgabe

blieb nicht verborgen. „Sein Vater las gern

seinen Kindern aus den Werken von Augustin Wibbelt

vor. Anschließend zog der Vater das Resümee aus dieser

deftigen plattdeutschen Lektüre. Der schlagfertige

Fritz, denn so wurde er daheim immer genannt, wusste

jedoch stets seinem Vater die Pointe zu stehlen, worauf

der Papa nur noch zu sagen pflegte: ‚Usse Jung’,

dän Fritz, is ganz ute Aort schlougen.’“ 32

Schulleiter Müller riet den Eltern dringend: „Sie müssen

Ihren Sohn unbedingt etwas lernen lassen!“ Doch

diese wussten nicht so recht, wie sie sich für ihren

Sohn Fritz entscheiden sollten. Dem Vater gelang es,

den Sohn nach der Schulentlassung 1917 „auf dem

Kontor“ der Dülmener Eisenhütte Prinz Rudolph unterzubringen.

Schon Ende November 1918 traten Vater

und Sohn an die Geschäftsführung der Eisenhütte heran

und verzichteten auf die Stelle. „Herr Kaiser hätte

sicherlich mit bestem Erfolg seine Lehre beendet, er

verlässt uns aber, um eine höhere Schule zu besuchen

und diese zunächst zu absolvieren“, so heißt es im Ent-

40


Die 1892 errichtete Josefschule am Lüdinghauser Tor;

Foto vor dem Zweiten Weltkrieg

lasszeugnis für Friedrich Kaiser vom 30. November

1918. „Herr Fritz Kaiser ist seit dem 21. Februar 1917

bis zum heutigen Tage als Lehrling auf unserem kaufmännischen

Büro beschäftigt gewesen. Er hat die ihm

übertragenen Arbeiten sehr gewissenhaft und treu

ausgeführt, war zuverlässig, fleißig und pünktlich im

Dienst und von allen Bürobeamten gut gelitten wegen

seiner Dienstbereitschaft und Bescheidenheit.“ 33

Vermutlich war die Büroanstellung von vornherein als

Überbrückung gedacht. Jedenfalls hatte Friedrich Kaiser

seit Ostern 1918 bei dem geistlichen Studienrat Dr.

Joseph Feuerstein 34 Privatunterricht genommen und

hier bereits „die ersten Stunden Latein und höhere

Mathematik gepaukt, und das sogar bei Kerzenschein.

Er bereitete sich auf das Gymnasium vor, um Priester

zu werden.“ 35 Dr. Feuerstein konnte Ende November

1918 seinem Schüler bescheinigen, dass er das Latein-

Pensum der Sexta und Quinta beherrschte; „seit einiger

Zeit unterrichte ich ihn auch im Französischen. Er

hat sich bereits eine sichere Aussprache angeeignet. …

41


Auch im Deutschen und in der Geschichte hat er sich

mit Erfolg bemüht, sich weiterzubilden.“ 36 Bis heute

haben sich Aufsätze in französischer und deutscher

Sprache erhalten, die Dr. Feuerstein im Dezember 1918

seinen Zögling verfassen ließ, so „Unsere Eisenbahn

im Weltkriege“ oder „Wie man Weihnachten im Weltkriege

feierte“.

Eine „ältere Dame“ aus Dülmen betätigte sich als

Wohltäterin und stellte der Familie Kaiser einen Teil

der finanziellen Aufwendungen zur Verfügung, um

dem jungen Friedrich den Besuch eines Gymnasiums

zu ermöglichen. 37 Schon seit geraumer Zeit hatte der

Jugendliche im Briefwechsel mit den Herz-Jesu-Missionaren

in Hiltrup bei Münster gestanden. Ferner war

er in näheren Kontakt mit dem damaligen Dülmener

Kaplan Wilhelm Bruns 38 getreten, „der ihn förderte

und weitere Anregungen für die bereits aufgenommenen

Verbindungen gab“ 39 . Am 3. Januar 1919 meldete

sich Friedrich Kaiser beim Einwohnermeldeamt der

Stadt Dülmen offiziell ab; am Fest der Heiligen Drei

Könige verließ er die Stadt.

„Wieder stehen wir an der Schwelle eines neuen Jahres,

und diesmal zugleich an der Schwelle einer neuen Zeit“,

so schrieb die Januar-Ausgabe 1919 der „Hiltruper Monatshefte“

zur Jahreswende. Und weiter: „Das Alte ist

gestürzt; wir stehen vor Trümmern und Ruinen. Wird

daraus neues Leben erblühen? Wir hoffen es.“ Und

schließlich: „Lassen wir uns also an dieser wichtigen

Jahres- und Zeitenwende trotz aller widrigen Verhältnisse,

trotz der Enttäuschungen und bittersten Lasten,

die der Ausgang des Weltkrieges uns gebracht, unsre

Schwung- und Spannkraft nicht lähmen, sondern beginnen

wir mit neuem Mut und frischer Kraft! Auf zum

Gebet und zu rastloser Arbeit, mit Gottes Hilfe und

Gottes Segen!“ 40

42


Mehr als 40 Jahre später, im Anschluss an seine Bischofsweihe

in St. Viktor in Dülmen, hielt Friedrich

Kaiser in einem Dankgebet Rückschau auf die Zeit seiner

Kindheit und Jugend: Ich danke Dir für den Schöpfersegen,

den Du meinen Eltern geschenkt hast, die einst

hier am Traualtar knieten. Ich danke Dir für jene Stunde, da

der Wunsch in mir wach wurde, Priester und Missionar zu

werden. Ich danke Dir, dass Du mich zum Missionshaus in

Hiltrup geführt hast. 41


B. WACHSTUM UND ENTWICKLUNG

„Ich will den Boden um ihn herum aufgraben

und düngen.“ (Lk 13,8)

Die Gemeinschaft der Herz-Jesu-Missionare

Im Jahre 1854 gründete der französische Priester Julius

Chevalier (1824–1907) in Issoudun bei Bourges (Zentralfrankreich)

die Gemeinschaft der „Missionaires du

Sacré Coeur“ (lat. Missionarii Sacratissimi Cordis Jesu;

Ordenskürzel: MSC), zu deutsch: „Herz-Jesu-Missionare“.

Der Name des Ordens erinnert an die in der

zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreitete Herz-

Jesu-Verehrung, die sich im Frankreich jener Jahre

auch als christliche Antwort verstand gegenüber vielfacher

sozialer Not, geistiger Leere und gesellschaftlicher

Orientierungslosigkeit. Zunächst wirkten die

Missionare in Mittelfrankreich, wo ganze Landstriche

schon der Entchristlichung entgegenzugehen drohten,

doch die kirchenfeindliche Politik der „Dritten Republik“

zwang viele Ordensangehörige, Frankreich zu

verlassen. Ab 1881 wirkten die ersten Missionare in

der Südsee; in Europa entstanden neue Häuser: 1881

im niederländischen Tilburg und 1888 in Salzburg-

Liefering. An eine Niederlassung im Deutschen Reich

war wegen des dort herrschenden Kulturkampfes zunächst

nicht zu denken. Erst 1896 gab die Regierung in

Berlin die Erlaubnis, auch in Deutschland ein Missionshaus

zu errichten, um von hier aus den Nachwuchs

von Missionaren zu fördern und die Arbeit in fernen

Ländern ideell und materiell zu unterstützen. Seitens

der preußischen Obrigkeit waren die Motive durchaus

nicht uneigennützig: Deutsche Missionare sollten

in den neuen Südsee-Kolonien die französischen Ordensmänner

ablösen; seitdem wirkten deutsche Herz-

Jesu-Missionare auf Papua-Neuguinea.

45


Das Missionshaus Hiltrup im heutigen Zustand

Die Herz-Jesu-Missionare entschieden, ins Münsterland

zu gehen, und fanden in Hermann Dingelstad

einen Bischof, der ihrem Anliegen aufgeschlossen

begegnete. Mit dem Aufbau der Niederlassung und

damit einer deutschen Provinz des Ordens wurde der

Niederländer P. Hubert Linckens als künftiger Superior

betraut. Am 8. Dezember 1897 konnte an der Hammer

Straße in Münster-Hiltrup das „Missionshaus“ als

Ausbildungseinrichtung für künftige Missionsberufe

eingeweiht werden. Von Antwerpen aus machten acht

Patres, 14 Brüder und 22 Studenten den Anfang der

künftig so genannten „Hiltruper Missionare“. 1900

erfolgte die Gründung der „Missionsschwestern vom

Heiligsten Herzen Jesu“, der „Hiltruper Schwestern“.

Von Anfang an war dem Missionshaus Hiltrup ein

Gymnasium 42 mit Internat angegliedert, das für Jungen

aus dem kinderreichen Münsterland die Möglichkeit

eröffnete, das Abitur zu erwerben – und sie wohl

auch für den Ordensberuf begeistern sollte. Und tatsächlich

meldeten sich in den kommenden Jahren vie-

46


le Schüler und Kandidaten, um in die Gemeinschaft

der Hiltruper Missionare aufgenommen zu werden.

Das Missionshaus in Hiltrup, heute denkmalgeschützt,

beeindruckt noch immer durch seine großzügige Backsteinfassade

im Stil der Neugotik. Während des Ersten

Weltkrieges wurde das Gebäude samt Gymnasium und

Internat in ein Hilfslazarett umgewidmet. Während des

Zweiten Weltkrieges beschlagnahmten die Nationalsozialisten

1941 das Missionshaus und zwangen sämtliche

Missionare, innerhalb von zwölf Stunden Rheinland

und Westfalen zu verlassen. Der Orden erhielt das

Gebäude 1946 zurück und machte mit der Gründung

des nahe gelegenen Kardinal-von-Galen-Gymnasiums

einen schulischen Neuanfang. Ab den 1970er Jahren

wurden Gebäudeteile des Missionshauses an die „Deutsche

Hochschule der Polizei“ vermietet; die Herz-Jesu-

Missionare ließen sich 1975 in direkter Nachbarschaft

in einem neuen Ordenssitz nieder. Nachdem der Orden

die altehrwürdige Immobilie Anfang der 1980er Jahre

verkauft hatte, erfolgten weitreichende Umbau- und Sanierungsarbeiten,

in deren Folge großzügige und helle

Apartments entstanden. „Verschiedene Wohnungsgrößen

versprechen für jeden Geschmack einen individuellen

Wohnkomfort. Aber auch als Kulisse für einige

Filmproduktionen stand das Alte Missionshaus schon

zur Verfügung“, so heißt es in einem Informationstext

des „Wohnparks Hiltrup“. 43

In jenem Januar 1919, als sich Friedrich Kaiser als künftiger

Internatsschüler nach Münster-Hiltrup begab,

trat in der Nähe von Paris, in Versailles, die Konferenz

der alliierten Kriegsgegner Deutschlands und Österreich-Ungarns

zusammen. Im „Versailler Vertrag“

wurden die Reparationsforderungen und die europäische

Nachkriegsordnung geregelt; auch die endgültige

Abtretung der deutschen Kolonien und Schutzgebiete

in Afrika und Asien an den Völkerbund bzw. an die

Alliierten wurde beschlossen. Damit waren auch die

47


deutschen Herz-Jesu-Missionare zunächst ihrer bisherigen

Arbeitsfelder in der „Heidenmission“ beraubt.

Stattdessen konzentrierte sich die Gemeinschaft in

Deutschland auf die „Volksmission“ in Pfarrgemeinden;

zu diesem Zweck entstanden neue Niederlassungen

in Hamm und Oberhausen. 1922, zum 25-jährigen

Jubiläum der deutschen Herz-Jesu-Missionare, hatte

die deutsche Provinz insgesamt zwölf Niederlassungen.

1925 erfolgte die Teilung in eine norddeutsche

und eine süddeutsche Ordensprovinz.

Schüler, Novize und Student

In der Ausgabe der „Hiltruper Monatshefte“ vom Oktober

1919 ist ein Gruppenfoto abgedruckt, das über

hundert teilweise kostümierte Jungen zeigt, nämlich

„unsere Hiltruper Zöglinge bei ihrer Olympiafeier“,

wie die Bildunterschrift Auskunft gibt. Mit diesem

Ereignis zum Abschluss des Schuljahres war eine alte

Tradition – eine Mischung aus Schulkirmes und Wettkampfturnier

– wieder belebt worden, und „die Freude

war um so größer, da fast noch keiner von uns die-

Schüler des Gymnasiums Hiltrup bei ihrer „Olympiafeier“ 1919;

eingekreist (vermutlich) Friedrich Kaiser

48


ses Fest vor dem Kriege schon mitgemacht hatte“, so

ein Bericht erstattender Primaner in dem Artikel. „Der

Geist der alten Griechen wurde lebendig und durchzog

eine Klasse wie die andere, einen Schüler wie den

andern. In edlem Wettkampf wollten alle einen Preis

erringen. Die Spiele sollten, wie es schien, ihres Namens

würdig werden, und wie die Olympiaspiele im

Altertum für die Griechen jedes Mal ein Markstein

des betreffenden Jahres waren, so wird auch uns die

Olympiafeier des Schuljahres 1918/19 stets in freudiger

Erinnerung bleiben.“

Der Aufwand der Vorbereitung war immens, ein „Festkomitee“

sammelte Vorschläge, und „dann wurden die

Wettspiele aufgestellt und bekannt gegeben, damit jeder

sich zu den Spielen melden konnte, in denen er am

ehesten einen Preis zu erringen hoffte. Da man auf alle

Vorschläge gern hörte, waren die Spiele gar mannigfaltig

und sehr zahlreich. … Wettrennen mit und ohne

Hindernisse, Pfannenlecken, Froschtragen, Wanne-

Springen und wie sie alle heißen mögen.“ Aber auch

eingesandte Witze und Gedichte wurden vorgetragen

und prämiert, Gebäck und Getränke genossen, am Ende

ein Theaterstück vorgeführt – „und als man schon im

Bette lag, atmete man noch Festtagsstimmung und Festtagsfreude.“

44

Und doch: Derart unbeschwerte Ausgelassenheit

täuscht kaum über die Lage in jener Zeit hinweg. Zumal

in der Zeit der verheerenden Inflation verkauften

wir den Hiltruper Lesekalender für 3 Eier. Da galt das Ei

als wertbeständiges Hühnerprodukt, und der Tausendmark-

Schein war bloß wertloses Reichsbankprodukt. 45 Damals,

bei Kriegsende und in den ersten Nachkriegsjahren,

gab es nur spärliche Kost, und seitdem sollte Friedrich

Kaiser sein Leben lang mit einem nervösen Magen

zu kämpfen haben. Wenngleich er durchaus begabt

war und ihm das Lernen selbst keine Mühen machte,

49


so musste er doch zweimal wegen Erkrankung bzw.

schwacher Gesamtkonstitution die Schule unterbrechen

und Erholung suchen. „In dieser Zeit besuchte er

verschiedentlich die Dülmen nahe gelegenen Borkenberge

und machte Spaziergänge durch die Heide, wo

er völlig allein mit dem Herrgott Zwiesprache geführt

haben dürfte.“ 46

Nach fünf Gymnasialjahren in Hiltrup konnte Friedrich

Kaiser die Abiturprüfungen ablegen und in Vussem

bei Mechernich in der Eifel ins Noviziat eintreten.

Zuvor konnte ihm ein Arzt der Raphaelsklinik

Münster bescheinigen, dass er „wegen nervöser Erschöpfung

erfolgreich behandelt“ worden sei. 47 Wenn

der Dülmener Pfarrdechant Knepper später bei der

Primiz Friedrich Kaisers resümierte, „der Weg des

Neupriesters sei nicht immer ein gerader, sondern ein

beschwerlicher und mit Dornen besäter gewesen“ 48 , so

spielte er damit nicht nur auf die Schulzeit, sondern

auch auf die weiteren Jahre an.

Am 15. August 1924 erfolgte die „Einkleidung“ Friedrich

Kaisers. Lassen wir den späteren Missionsbischof

selbst zu Wort kommen: Vor Ende des Noviziatsjahres erkrankte

ich. Der Arzt entschied: Aussetzen. Wenigstens ein

Jahr. Und Wiederaufnahme des Studiums bleibt sehr fraglich.

Meine Vorgesetzten ließen mich klar merken, dass sie

den kranken Mann nicht wieder aufnehmen möchten. Ich

kehrte in meine Familie zurück. – Die Zukunft war finster.

Die Hoffnung auf dem Gefrierpunkt. Und dennoch wollte ich

Priester werden. Um jeden Preis. Von der „Erpressung“

der gottseligen Anna Katharina Emmerick durch den

verzweifelten Friedrich Kaiser, also von der Abmachung

in etwas einseitigem Vertrag (Zitat Kaiser), wurde

oben bereits berichtet. Im Juni 1925 wurde Friedrich

Kaiser offiziell beurlaubt.

50


Aus dieser Zeit, in der sich Friedrich Kaiser von einem

Neurologen in Kleve aufgrund psychosomatischer Beschwerden

(die nicht näher bekannt sind) behandeln

ließ, hat sich eine interessante Stellungnahme erhalten.

Friedrich Kaisers Beschwerden, so der behandelnde

Arzt im September 1925, seien zwar „nicht alle fort,

aber doch ganz erheblich gebessert. Seine Dickköpfigkeit

hat wohl sicher eine nervöse Unterlage. … Solche

Naturen muss man zu biegen, aber nicht zu brechen

suchen. Versteht man das, dann sind es später oft die

brauchbarsten Menschen, da ihr starker geübter Wille

Außerordentliches leistet.“ 49 Diese Aussage sollte sich

als prophetisch erweisen. Dass Friedrich Kaiser trotz

bleibender schwacher Konstitution sein späteres Wirken

in Peru derart leidenschaftlich und unter großen

Entbehrungen entfalten konnte, ist wohl auch dem

Umstand zu verdanken, dass seine Ordensgemeinschaft

ihm einerseits Erholung ermöglichte, ihn zugleich

aber auch forderte und so die weitere Formung

seiner Persönlichkeit und Disziplin förderte. Hatte

doch der besagte Neurologe den Oberen geraten, „bei

aller körperlichen und seelischen Plage … ihm das

‚Gehorchenlassen’ gründlich beizubringen. Fortiter in

re, suaviter in modo“, also fest in der Sache, aber nachsichtig

in der Form. 50

Der Arzt hatte eine längere Erholung angeordnet; dem

musste sich Friedrich Kaiser eher widerwillig fügen.

So verbrachte er fast die ganze erste Jahreshälfte 1926

in Dülmen. Pfarrdechant Knepper bescheinigte ihm,

dass er in den sechs Monaten der Erholung „regelmäßig

und mit Erbauung für alle“ am gottesdienstlichen

Leben der Gemeinde, „so viel ich weiß täglich“, teilgenommen

habe. Der Seelsorger regte an, nach Rückkehr

in den Orden „ihm die Zeit des Noviziats abzukürzen,

da er schon 9 Monate davon im ersten Noviziat

51


durchgemacht hat“ 51 . Daran war nicht zu denken; die

strengen Bestimmungen des Ordens sahen vor, im

Falle einer krankheitsbedingten Unterbrechung das

Noviziat ganz neu anzutreten. Dies geschah am 27.

August 1926 in Herten. 52

1926 nahm man mich wieder auf ins Noviziat, wenngleich

offensichtlich ungern. Der Pater Provinzial schrieb mir auf

meine Bitte um Wiederzulassung: „Wir müssen nun aber die

Garantie haben, dass Ihre Gesundheit anhält.“ Wie konnte

ich das garantieren? Meine Gesundheit blieb schwach. Aber

ich kam zu meinem ersten Gelübde. 53 Die erneute „Einkleidung“

Friedrich Kaisers fand einen Monat später,

am 29. September 1926, statt. „Er ist gediegen fromm,

höflich und willig und kommt mit seinen Confratres

gut aus“, fasste der Novizenmeister seinen abschließenden

Eindruck zusammen. Ferner sei er „lenksam“

und „unterwürfig“ (im damaligen Sinne des Wortes

anpassungsfähig und dem Gelübde des Gehorsams

gewachsen). „Gesundheitlich ist er nicht stark.“ 54

Dülmen vor 1945;

Blick in die Marktstraße in Richtung Coesfelder Straße

52


Blick auf das 1927 erbaute Kloster Freudenberg bei Kleve.

Der Grundstein der Klosterkirche, die 1986 abgerissen wurde,

befindet sich heute in der Pfarrkirche St. Antonius in Bedburg-Hau.

Nach Beendigung des Noviziats, am 30. September

1927, konnte Friedrich Kaiser die ersten „Zeitlichen

Gelübde“ ablegen. Nun war der Weg frei, zunächst

für das philosophische Studium in Kleve. Das dortige

Kloster Freudenberg war erst 1927 als philosophisches

Seminar der Herz-Jesu-Missionare eröffnet worden.

Dem philosophischen Grundstudium folgte das theologische

Hauptstudium, das „Scholastikat“ an der

Hochschule der Herz-Jesu-Missionare in Oeventrop

im Sauerland. Vom ersten Tag meiner Theologiestudien

in Oeventrop habe ich viel Zeit aufs Bibelstudium verwendet,

erinnerte sich Friedrich Kaiser 40 Jahre später. Ich

könnte mit Bischof Keppler zur Bibel sagen: „Dir verdanke

ich die schönsten Stunden meines Lebens, dir das Beste, was

je über meine Lippen floss.“ 55

Das „Herz-Jesu-Missionshaus“ in Oeventrop bei Arnsberg

war 1902 eingeweiht worden, nachdem sich immer

mehr junge Männer meldeten, um als Priester

bei den Herz-Jesu-Missionaren einzutreten. In seiner

53


imposanten Backsteinarchitektur war das Kloster

Oeventrop dem Missionshaus in Hiltrup gewiss ebenbürtig.

Bis 1969 (in jenem Jahr wurden Freudenberg und

Oeventrop als philosophisches Seminar bzw. theologische

Hochschule geschlossen) wurden an dieser theologischen

Lehranstalt rd. 500 Priester ausgebildet, die hier

zunächst Philosophie und anschließend Theologie studierten.

Sie gingen als Missionare in alle Welt oder blieben

in Deutschland und übernahmen hier verschiedene

seelsorgliche Aufgaben oder Lehrtätigkeiten. In diesen

sieben Jahrzehnten dozierten hier mehr als 40 Professoren;

neben einer Bibliothek mit 45.000 Bänden bestand

hier auch das Missionsmuseum „Schätze der Südsee“.

Auch Friedrich Kaiser träumte davon, eines Tages in

die Mission gesandt zu werden. In der von den Oeventroper

Studierenden herausgegebenen, dreimal im

Jahr erscheinenden Zeitschrift „Gottesreich“ verfasste

auch Friedrich Kaiser insgesamt drei theologische

Aufsätze, von denen sich zwei mit der Mission befassten.

Im Frühjahr 1930 erschien „Die Parusie bei Paulus“

über die Endzeiterwartung der jungen Kirche. 56

„Christus und die Heidenmission nach den Evangelien“

lautete im Frühjahr 1932 der Titel eines weiteren

Beitrags. 57 Zu den Heiden hatte Jesus gewiesen. An die Heiden

lieferte sein Volk ihn aus zur Tötung. Den Heiden sandte

der vom Tode Erstandene seine Apostel, so das Resümee

Kaisers am Ende dieses Aufsatzes. Die Weltmission

war auf dieser Erde letzter Zweck und Ziel seines Lebens,

Wirkens und Sterbens; der Weltmissionsauftrag war der Inhalt

seiner letzten Worte an die Seinen. Die Sendung seiner

Missionare an alle Völker … war sein Testament, das heilige

Vermächtnis seines großen, die ganze Erde umfassenden

liebenden Herzens. 58 Schließlich befasste sich Friedrich

Kaiser mit dem Missionsgedanken im Protestantismus

in dem Artikel „Der Methodismus im Rahmen

der protestantischen Missionsbewegung“. 59

54


Die ordensinternen Beurteilungen seiner Persönlichkeit

zeigen Eigenwillen und Eigenständigkeit Friedrich

Kaisers. So wird ihm im Zugehen auf die „Ewigen

Gelübde“ bescheinigt, sein Charakter sei „freundlich,

umgänglich, dienstwillig, bescheiden“, hinsichtlich

seines Talentes sei er „gut veranlagt und fleißig“. 60 Ein

halbes Jahr später bezeichnet ihn die einschlägige Stellungnahme

als „sehr fleißig“ und bestätigt ihm „gute

Erfolge“ und einen „guten Ordensgeist“. 61 Ein Jahr später:

Der Kandidat sei „sehr ernst, etwas leicht erregt,

durchweg aber ruhig, freundlich und dienstbereit“; ein

„religiös aufgebauter, guter Ordensgeist“ lasse sich bei

ihm feststellen. 62 Kurz vor der Diakonenweihe: Die Gesundheit

sei „nicht die stärkste, blass und schmächtig“;

vom Temperament her sei Friedrich Kaiser „durchweg

ruhig, aber doch cholerisch veranlagt“. 63

Am 30. September 1930 hatte sich Friedrich Kaiser

durch die „Ewigen Gelübde“ endgültig an den Orden

gebunden. Am 20. März 1932 empfing er in Oeventrop

die Diakonenweihe; am 10. August 1932 wurde er im

Das Missionshaus Oeventrop auf einer Postkarte

aus dem Jahre 1934

55


Dom zu Paderborn zum Priester geweiht. Von seiner

Familie war bei der Priesterweihe nur der seit vier Jahren

verwitwete Vater anwesend.

Kirche und Gesellschaft

in der „Weimarer Republik“

In vielen gesellschaftlichen Bereichen ließen die deutschen

Katholiken in den 1920er Jahren das vom Kulturkampf

geprägte Trauma des Kaiserreichs (1871–1918)

hinter sich und vollzogen in der neuen „Weimarer Republik“

den „Auszug aus dem Getto“. Von einem „katholischen

Frühling“ nach dem Ersten Weltkrieg hat

man später gesprochen, denn es geschah „fast über

Nacht das Wunderbare, das man vor einem knappen

Jahrzehnt für absolut unmöglich gehalten hätte: Der

deutsche Katholizismus hat sein Exil verlassen und

ist in sein Vaterland zurückgekehrt.“ So frohlockte

1924 der später als Professor in Münster anerkannte

Philosoph Peter Wust. Der deutsche Katholizismus sei

„endlich aus der ängstlichen und nervös verkrampften

Defensivhaltung herausgetreten und ist zur geistigen

Offensive übergegangen. Er hat das Gesetz des Handelns,

das ihm, nicht ohne viel eigene Schuld und also

nicht ganz durch Schicksalsfügung, entglitten war,

mit dem stolzen Bewusstsein seiner alten Kraft wieder

an sich gerissen.“ 64

Waren in Preußen bislang Katholiken etwa als Generäle

im Heer, an den Hochschulen als Professoren

(außer bei den Theologen) oder in der Verwaltung als

Regierungspräsidenten nahezu undenkbar gewesen,

so wurde „Katholischsein“ jetzt durchaus salonfähig.

Nicht nur unter Literaten gab es eine Tendenz, zur

katholischen Kirche zu konvertieren. Auf politischer

Ebene konnte 1929 das „Preußenkonkordat“ mit dem

56


Vatikan abgeschlossen werden – eine Geste des Gegenübers

von Staat und Kirche „auf Augenhöhe“. Die

Zentrumspartei, seit dem 19. Jahrhundert die politische

Interessenvertretung der kirchlich gesinnten Katholiken,

gehörte fast während der ganzen Weimarer

Republik (1919–1933) den Reichsregierungen an und

bekannte sich in der schwarz-rot-goldenen Koalition

(zusammen mit der SPD und der liberalen DDP) zum

demokratischen Deutschland.

Im kirchlichen Raum wirkten charismatische Jugendführer

und Geistesgrößen wie Romano Guardini

(1885–1968), der in einem berühmt gewordenen Wort

1922 das „Erwachen der Kirche in den Seelen“ konstatierte

und zu den Vordenkern der kirchlichen Erneuerung

wurde. Moderne Kunst und modernes Kulturschaffen

fanden damals Eingang in Theologie, Liturgie

und Kirchenbau. Zeitgemäße Großstadtseelsorger wie

Carl Sonnenschein (1876–1929) in Berlin oder Rupert

Mayer (1876–1945) in München machten von sich reden.

Im Laienkatholizismus entfalteten nicht nur die

Zentrumspartei und die bisherigen Verbände eine eifrige

Tätigkeit, sondern auch die neu entstandene „Liturgische

Bewegung“ und vor allem die „Jugendbewegung“.

Hier sind Gruppierungen wie „Jungschar“

bzw. „Sturmschar“, „Quickborn“, „Neudeutschland“

bzw. „Heliand“ oder auch die Schönstatt-Bewegung

zu nennen.

Junge Menschen hatten wahren Hunger nach einer tiefgreifenden

menschlichen und spirituellen Prägung. Eine

jugendliche Freude an der Gemeinschaft von Gleichgesinnten,

an Natur und Gesang, die sich nicht zuletzt in

der Fahrtenbegeisterung ausdrückte, sowie der Idealismus,

mit einem erwachten christlichen Volksempfinden

in Gesellschaft und Kirche mitzuwirken, waren wesentliche

Merkmale der katholischen Jugendverbände jener

57


Jahre. Dem Ideal von Einfachheit und Natürlichkeit folgend,

gab sich die Jugendbewegung nach außen betont

unkonventionell. Im Bistum Münster stellt rückblickend

der selige Karl Leisner (1915–1945) so etwas wie die personifizierte

Jugendbewegung dar.

Anfang September 1930 fand in Münster der 69. Deutsche

Katholikentag statt. Gäbe es nicht ein atemberaubendes

Foto, so wollte man es kaum glauben: 130.000

Menschen versammelten sich am 8. September 1930 auf

dem Platz vor dem Schloss zum Schlussgottesdienst

mit anschließender Kundgebung. Es seien „Tage heiliger

Begeisterung für unsern katholischen Glauben,

für unsere katholische Kirche“ gewesen, so frohlockte

Bischof Johannes Poggenburg (1862–1933), „Tage katholischer

Einheit und Geschlossenheit!“. Besonderer

„Star“ dieser Tage war der aus Münster stammende

Heinrich Brüning (1885–1970). In Vorahnung der kommenden

Dinge versuchte der Bischof Zuversicht zu

vermitteln: „Sollten Stürme kommen, und ich fürchte,

sie werden kommen: Wir haben Sterne, zu denen wir

blicken in den Stürmen des Lebens. Es sind die Wahrheiten

unseres heiligen Glaubens, es sind die Verheißungen

des Stifters unserer heiligen Kirche. Diese

Sterne holt niemand vom Himmel.“

Tatsächlich brachen die geahnten „Stürme“ bald los.

Hatte die junge Republik verschiedene politische Aufstände

und die Inflation von 1923 überwunden und

auch außenpolitisch – etwa durch den Eintritt in den

Völkerbund – neues Ansehen erlangt, so wuchsen

nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 und ihren verheerenden

Folgen der Widerstand und der Hass gegen

den Staat sowohl im linken als auch im rechten Lager

ins Maßlose. Am 30. Mai 1932, exakt zwischen Diakonen-

und Priesterweihe Friedrich Kaisers, wurde der

letzte Reichskanzler der Zentrumspartei, der eben

58


erwähnte Heinrich Brüning, nach zwei Jahren Kanzlerschaft

zum Rücktritt gezwungen. Damit nahm im

Sommer 1932 der Niedergang der „Weimarer Republik“

einen weiteren Schritt; rechtsgerichtete Parteien

lenkten die Geschicke des Staates bis zur Machtübernahme

Adolf Hitlers (1889–1945) im Januar 1933.

Primiz und erste Priesterjahre

Auch in Dülmen eskalierten in dieser Zeit die politischen

Konflikte bis hin zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Doch davon war nichts zu spüren, als

Friedrich Kaiser am Sonntag, dem 15. August 1932

(Fest Mariä Himmelfahrt), in St. Viktor in Dülmen seine

Heimatprimiz feierte.

„Die Pfarrgemeinde Dülmen hat durch die überaus

große und rege Teilnahme sich selbst geehrt“, resümierte

in der „Dülmener Zeitung“ ein Berichterstatter.

„Herrlich war die ganze Feier. Vom Turm der Kirche

wehten die Fahnen. Die Nachbarhäuser der Wohnung

des Neupriesters hatten festlichen Schmuck angelegt.

Das Straßenbild bekam ein gar prächtiges Aussehen

Dülmen;

Blick in die Schlossstraße vor 1945

59


durch die Anbringung schöner Triumph- und Ehrenbogen

aus Tannengrün. Auch die Anwohner der

Münsterstraße, des Bült und des Kirchplatzes, durch

welche der Pater morgens von der Dechanei aus zur

Kirche geleitet und nach dem Festhochamt zurückgebracht

wurde, hatten ihre Häuser beflaggt. Eine große

Zahl Gläubiger bildete in den Straßen Spalier.“ 65

Zu diesem Zeitpunkt wird der Neupriester noch gehofft

haben, schon bald in die Mission geschickt zu

werden. In diesem Sinne bestärkte der Primizprediger

die Hoffnungen Friedrich Kaisers: „Jetzt sei er am Ziele

seiner Wünsche. Doch nicht ganz.“ So zitierte die

Zeitung Pfarrdechant Theodor Knepper (1876–1944).

„Er wisse noch nicht, wo sein Arbeitsfeld sei. Wenn

über einige Zeit der Ruf an ihn erginge, ins Heidenland

zu ziehen, um dort zu arbeiten und zu wirken,

werde er gerne die Opfer und Mühen auf sich nehmen,

folgend dem Befehl Christi: ‚Gehet hin in alle Welt und

lehret alle Völker.’“ 66

Erst 1927 hatten die deutschen Herz-Jesu-Missionare

wieder ein eigenes Missionsgebiet in China übernommen.

Priester war ich. Nun musste ich Missionar werden,

so erinnert sich Friedrich Kaiser rückblickend an seine

Stimmung nach der Priesterweihe. Ich hoffte, 1933 in die

Mission zu reisen, nach China oder in die Südsee. So hatte

ich schriftlich gebeten. Antwort: „Sie bleiben in Deutschland,

Ihre Gesundheit ist nicht sehr stark.“ Aus war’s. Ein harter

Schlag! 67 Friedrich Kaiser wurde in Hiltrup in die Provinzialverwaltung

seines Ordens eingebunden; zugleich

erhielt er die Anweisung, sich in die Volksmission

einzuarbeiten, doch das Einarbeiten und einige Praxis

waren von kurzer Dauer. Dennoch: „Als erfolgreicher

Exerzitienprediger betätigte sich auch P. Kaiser auf

Norderney“, so hielten etwa die „Mitteilungen aus der

60


Norddeutschen Provinz“ der Herz-Jesu-Missionare im

Oktober 1934 fest. 68 Kurz zuvor war Friedrich Kaiser

von Münster nach Hamm versetzt worden, wo er ab

dem 15. Oktober 1934 als Verwalter des Herz-Jesu-

Klosters wirken sollte. „P. Kaiser, unermüdlich tätig,

intra et extra muros, potens opere et sermone (innerhalb

und außerhalb des Hauses, kraftvoll in Wort und

Werk; Anm.), übernahm zugleich … das Amt eines Direktors

der Erzbruderschaft Unserer Lieben Frau vom

heiligsten Herzen Jesu an unserer Klosterkirche. Nicht

zuletzt dank seinen aus Begeisterung fließenden und

Begeisterung weckenden Predigten bei den Monatsversammlungen

ist die Erzbruderschaft … in gutem

Aufschwung begriffen.“ 69

Nicht lange nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten

zeigte sich, dass sich die Rechtsbrüche seitens

des Regimes häuften, jede oppositionelle Gesinnung

immer härter verfolgt wurde und die Repressalien

an Andersdenkenden an Brutalität zunahmen. Nach

der Liquidierung des organisierten Laienkatholizismus

bzw. Gleichschaltung des katholischen Vereinswesens

setzten die Machthaber in einem weiteren Schritt alle

Hebel in Bewegung, um einen Keil zwischen die Gläubigen

und ihren Klerus zu treiben. So sollte das Ansehen

der Kirche und ihre moralische Integrität durch

eine Welle von „Devisenprozessen“ beschädigt werden.

Hierbei ging es um die Anklage von Geistlichen, in

groß angelegten Transaktionen illegal Finanzmittel ins

Ausland geschafft und damit vorsätzlich die deutsche

Wirtschaft geschädigt zu haben. Zumal Ordensgemeinschaften

und kirchliche Hilfswerke boten aufgrund

ihrer traditionellen internationalen Beziehungen eine

gewisse Angriffsfläche.

Im März 1935 starteten die Nazis eine Offensive gegen die

Kirche mittels Auffindung und Erfindung von Devisenverbrechen,

erinnert sich Friedrich Kaiser später. Am

61


Donnerstag, dem 14 März 1935, begannen gegen 9.00

Uhr am Morgen die Hausdurchsuchungen im Missionshaus

Hiltrup, die bis zum Samstagabend dauerten

und von der Zoll-Hauptfahndungsstelle Dortmund

geleitet wurden. Unser Provinzial und sein Verwalter gingen

ins Gefängnis. Das war freitags oder samstags. Als ich

am Sonntagabend in Hl. Kreuz in Münster auf die Kanzel

steigen wollte zur Fastenpredigt, kommt der Haussuperior

von Hiltrup auf mich zu: „Sie wissen doch Bescheid?“

Nichts wusste ich. „Pater Provinzial und sein Verwalter

sind verhaftet. Devisengeschichten. Sie müssen morgen oder

übermorgen nach Hiltrup kommen und die Provinzialverwaltung

übernehmen.“ Während meiner Predigt liefen vor

meinem Geist zwei Filme ab; der eine: unsere beiden Patres

im Gefängnis; der andere: meine Predigt. Friedrich Kaiser

wurde am 19. März 1935 aus der Verwaltung des Klosters

in Hamm bzw. aus der Volksmission abgezogen,

um die Amtsgeschäfte des Provinzials zu übernehmen,

„eine unter diesen Umständen wenig beneidenswerte

Aufgabe. … Trotz der ehrenvollen Berufung auf

den höchsten Verwaltungsposten der Provinz nahm er

schweren Herzens Abschied, wie auch wir den bei al-

Hiltrup;

Eingangsbereich des Missionshauses

62


ler Arbeit stets hilfsbereiten Konfrater nur mit Bedauern

für ihn und uns weggehen sahen.“ 70 Die Ansprachen

in den Monatsversammlungen der erwähnten

Erzbruderschaft, „die sich gewiss nicht zuletzt auch

des Predigers wegen so reichen Besuches erfreuen“,

behielt Friedrich Kaiser von Münster aus bei.

Die nächsten Monate hatte ich mich mit Gestapo und Zollfahndung

herumzuschlagen. Dann kam die Verurteilung unserer

Patres. Radio und Zeitungen verbreiteten, wiederholten

und hämmerten ein: Hiltruper Devisenschieber zu vier

Jahren Zuchthaus verurteilt! Unser Rechtsanwalt Robert

Reichling, Münster, knirschte. Ich sehe ihn noch. Noch höre

ich ihn sagen: „Jetzt laß ich sämtliche Minen springen. Die

Kerle sollen mal sehen.“ Die Hiltruper Missionare legten

Berufung ein; der Rechtsanwalt führte verschiedene

Unterredungen mit braunen Rechtsverdrehern (Zitat Kaiser)

und nahm dabei kein Blatt vor den Mund. Da er

tapfer für die Wahrheit eintrat, bedrohten sie ihn mit Verhaftung.

Kriegten ihn aber nicht klein. Vielmehr erreichte

er, dass man die beiden Gefangenen freilassen musste schon

vor der neuen Gerichtsverhandlung. Natürlich – Radio und

Zeitungen sagten darüber kein Sterbenswörtchen. 71 Dann

kam es in Berlin zu einer neuen Gerichtsverhandlung,

Friedrich Kaiser war zugegen. Den Vorsitz führte ein

weißhaariger Richter. Seine ruhige, vornehme Haltung, die

feinen Gesichtszüge des Denkers gaben mir Vertrauen. Sehr

aufmerksam hörte er der Verteidigung unseres Anwalts zu.

Das Kinn auf beide Hände gestützt. Die Augen unverwandt

auf dem Mund des Anwalts. Er unterbrach mit keinem

Wort. Fragte nichts. Nickte jedoch mehrmals sehr zustimmend.

Man zog sich zurück zur Beratung. Für etwa eine

halbe Stunde. Dann die Urteilsverkündung: Das erste Urteil

wird „in allen Teilen aufgehoben“. Froh reiste ich wieder

zum Westen. Und wiederum blieben Radio und Zeitungen

über den Fall mäuschenstill.

63


Wenn auch die Zeiten immer turbulenter wurden:

Friedrich Kaiser konnte seiner Tätigkeit als „Prokurator“

nichts Spannendes abgewinnen und war alles andere

als glücklich. Ich tue weiter meine Verwaltungsarbeit.

Jeden Samstagnachmittag und Sonntag helfe ich irgendwo

irgendeinem Pfarrer. Und bisweilen frage ich mich: Soll ich

mein Leben lang Verwalter sein? Keine Arbeit liegt mir so

wenig wie diese. 72

Der Traum wird wahr

Das Wirken der Kirche im nationalsozialistischen

Deutschland wurde zunehmend eingeschränkt. Unverhohlen

nahmen die Nationalsozialisten Vertragsbrüche

gegenüber den Konkordatsvereinbarungen

von 1933 in Kauf, um immer rücksichtsloser gegen die

christlichen Kirchen und ihre Verbände, Verlage, Einrichtungen

und Veranstaltungen vorzugehen. Insbesondere

die katholischen Orden und Klöster blieben

im Visier der Machthaber. Nachdem die „Devisenprozesse“

in der katholischen Bevölkerung relativ wenig

Eindruck hinterlassen hatten, legte die Propagandamaschinerie

nach: 1936 begannen die sogenannten „Sittlichkeitsprozesse“,

in denen sich Ordensmänner und

Priester wegen sexueller Übergriffe an Schutzbefohlenen

in Schulen und Kinderheimen verantworten mussten

und die Klöster und kirchlichen Schulen als Stätten

des Lasters und der Unmoral vorgeführt wurden.

„Man hat gesagt: ‚Wenn diese Prozesse zu Ende sind,

werden die Katholiken wohl ihre Achtung vor den Ordensleuten

verloren haben’“, so versuchte Bischof Clemens

August von Galen in einem Hirtenbrief vom 9.

Juni 1936 die Inszenierung zu entlarven. Und weiter:

„Das katholische Volk, aus dessen Familien unsere Ordensleute

hervorgegangen sind, vor dessen Augen sie

leben und wirken, weiß, dass in Deutschland eine gro-

64


ße Schar ausgezeichneter Ordenspriester Seite an Seite

mit unseren Weltpriestern treu und selbstlos in der

Seelsorge arbeitet, dass rund 75.000 Ordensschwestern

und über 3.000 Brüder im Dienste der christlichen Caritas

stehen. … Darum lässt sich das katholische Volk

nicht irremachen in seiner Hochachtung vor all jenen

Ordensleuten, die auf alles verzichtend, sich ganz und

selbstlos nur dem Dienste an den Armen und Kranken

jeglicher Art weihen.“

Im Jahr darauf protestierte Papst Pius XI. (1857–1939) in

einer Enzyklika umfassend und öffentlich gegen die

Einschüchterungen und Übergriffe auf das kirchliche

Leben durch den deutschen Staat. Dieses päpstliche

Rundschreiben, datiert am 14. März 1937, wurde am

darauf folgenden Palmsonntag in allen katholischen

Gemeinden Deutschlands verlesen.

Wieder einmal machte „Rom“ deutlich, dass die inneren

Vorgänge eines Landes oft von außen klarer erkannt

und benannt werden können, als etwa die Bischöfe dieses

Landes selbst dies leisten können. Bei aller späteren

Kritik an seiner angeblichen Unzulänglichkeit bleibt

das Dokument „Mit brennender Sorge“ ein Ruhmesblatt

der Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts. Die

Abfassung einer Enzyklika in einer Landessprache war

erstmalig und wich von der bisherigen Gepflogenheit

ab. – Die Enzyklika veranlasste das NS-Regime natürlich

nicht, einzulenken; die Aggressivität staatlicher

Willkür wuchs eher noch.

Vielen der verantwortlichen Entscheidungsträger in

den Orden wurde zunehmend klar, dass der Staat

auch die Existenz ihres Wirkens bzw. ihrer Niederlassungen

immer mehr beeinträchtigen und eines Tages

ganz unterbinden würde. Auch die Hiltruper Missionsgesellschaft

schaute sich nach Ausweichmöglichkeiten

im Ausland um. 1938 gingen die ersten drei Hiltruper

Herz-Jesu-Missionare nach Peru.

65


Friedrich Kaiser (rechts) im Kreis seiner Familie anlässlich

der Hochzeit seiner Schwester Gertrud im Sommer 1938

in Burgsteinfurt

„Unsere letzten Grüße hatten wir Pater Kaiser mitgegeben,

der uns zum Schiff begleitet hatte“, erinnerte sich

später ein Peru-Missionar der ersten Ausreisegruppe.

„Er bedauerte sich und uns, dass er als Provinzialverwalter

jedem von uns nur 10 Reichsmark mitgeben

konnte. Die scharfen Devisenbestimmungen der Regierung

gewährten uns für die Reise und als Grundkapital

für die Neugründung in Peru nicht mehr Geld. Wir

versprachen ihm, sparsam zu sein und dieses Zehrgeld

nicht zu verjubeln. Pater Kaiser wäre am liebsten mitgefahren.

Halb im Scherz gaben wir ihm unser Wort,

ihn sobald wie möglich herüberzuholen. Wir konnten

nicht ahnen, dass wir ihn noch vor Jahresfrist in Peru

begrüßen durften.“ 73

Als der Superior im Missionshaus Hiltrup seine Eindrücke

aus Peru schilderte und über die künftigen

pastoralen Herausforderungen im fernen Südamerika

referierte, meldete sich – wieder einmal – Friedrich

Kaiser spontan und bat, den Peru-Missionaren folgen

zu dürfen. Nachdem sein Vater im Mai 1938 verstorben

66


war, fühlte er sich noch ungebundener und vom Fernweh

gepackt; umso mehr war er der Schreibtischtätigkeit

in der Hiltruper Zentrale überdrüssig. Und siehe

da, es meldete sich ein junger Mitbruder, der gerne Provinzialverwalter

sein würde. Nach etlichen Monaten Einarbeit

wurde er mein Nachfolger. Das war Ende 1938. 74

Am 26. März 1939 konnte Friedrich Kaiser mit zwei

weiteren Herz-Jesu-Missionaren die Ausreise und die

Überfahrt nach Südamerika antreten. Das Datum ist

von Bedeutung, feiert doch die Diözese Münster an

diesem Tag das Gedenken an den Todestag des heiligen

Liudger als liturgisches Hochfest. Der heilige Liudger

(742–809), Gründerbischof des Bistums Münster,

verstand sich als Missionar und Pilger im Dienst des

Evangeliums. Geboren in Utrecht, lebte und wirkte er

an vielen Orten Europas von York in England bis nach

Rom und Montecassino, um schließlich den Friesen

und den Sachsen die christliche Botschaft zu bringen.

Doch zurück zu Friedrich Kaiser. Aufgrund der strikten

Devisenbestimmungen durfte jeder ein Barvermögen

von lediglich 10,- Reichsmark mitführen; aus

Kostengründen reiste er nicht auf einem Passagier-,

sondern auf einem Frachtschiff. Die sechswöchige

Fahrt über den Atlantik, durch den Panamakanal und

dann entlang der südamerikanischen Pazifikküste

nutzte Kaiser, um Spanisch zu lernen.

Der Zweite Weltkrieg warf bereits seine Schatten voraus,

spätestens seitdem Hitlers Truppen im März 1939

in die Tschechoslowakei einmarschierten und den

Staat auflösten. Als dann die deutsche Wehrmacht

am 1. September 1939 Polen überfiel, lebte Friedrich

Kaiser bereits einige Monate in Lima. Wir hatten den

Auftrag, hier im Land ein neues missionarisches Arbeitsfeld

zu schaffen, mit der Möglichkeit, dass später viele unserer

67


Priester und Brüder nachkommen könnten, erinnerte sich

Friedrich Kaiser 40 Jahre später. Es war damals schon

sehr klar, dass die braunen Machthaber in Deutschland kein

Kloster bestehen lassen würden. Sobald sie den Schlag täten,

könnten die Missionare bei uns zum Einsatz kommen. Hier

sei angemerkt: als die Patres und Brüder 1941 in der Heimat

aus ihren Häusern vertrieben wurden, war Krieg. Und da

konnte keiner von ihnen mehr zu uns gelangen. 75

Im Sommer 1941 setzten die Nationalsozialisten in

Deutschland zum „Klostersturm“ an. Bald nach dem

deutschen Überfall auf die Sowjetunion beschlagnahmte

das Regime in ganz Deutschland Klöster und

kirchliche Häuser – offiziell mit der Begründung, die

Räumlichkeiten für Lazarette verwenden zu müssen.

Allein im Münsterland wurden die Benediktiner von

Gerleve, die Benediktinerinnen von Vinnenberg, die

Missionsklarissen aus Wilkinghege oder die Immaculata-Schwestern

und die Jesuiten aus Münster vertrieben

– und die Hiltruper Missionare.

In seiner zweiten der drei weltberühmten Predigten

prangerte Bischof Clemens August von Galen (1878–

1946) am 20. Juli 1941 auch ausdrücklich die Übergriffe

auf die Hiltruper Missionare an. Erst am Vortag, so der

Bischof, habe die Gestapo „auch das deutsche Provinzialhaus

der Missionare vom heiligsten Herzen Jesu, das

euch allen wohlbekannte große Missionskloster in Hiltrup,

besetzt, beschlagnahmt und enteignet. … Die noch

dort wohnenden Patres und Brüder mussten bis gestern

Abend 8 Uhr ihr Heim und ihren Besitz verlassen. Auch

sie sind aus Westfalen und wiederum auch aus der

Rheinprovinz ausgewiesen. Die dort noch wohnenden

Patres und Brüder: Ich sage das mit besonderer Betonung.

Denn aus den Reihen der Hiltruper Missionare

stehen zur Zeit, wie ich kürzlich zuverlässig erfuhr, 161

Männer als deutsche Soldaten im Felde, teilweise direkt

vor dem Feinde.“ Von diesen zum Militär einberufenen

68


Ordensmännern seien „53 Patres … als Sanitäter im

Dienste der verwundeten Soldaten tätig, 42 Theologen

und Brüder dienen als Soldaten mit der Waffe dem Vaterland,

sind teilweise schon mit dem Eisernen Kreuz,

dem Sturmabzeichen und anderen Auszeichnungen geschmückt.“

76

Mehr als 80 Hiltruper Missionare kamen durch den

Krieg ums Leben. Am Ende lag fast ganz Europa zerstört

am Boden. Friedrich Kaisers Heimatstadt Dülmen

wurde am 21. und 22. März 1945 nahezu dem

Erdboden gleichgemacht. Als Friedrich Kaiser 1949/50

erstmals wieder seine Heimat besuchte, war die europäische

Nachkriegsordnung eine komplett andere als

zehn Jahre zuvor.

Peru im Überblick

Auf dem heutigen peruanischen Staatsgebiet lassen

sich drei große Landschaftsräume unterscheiden, die

das Land von Norden nach Süden durchziehen:

Ganz im Westen, entlang des Pazifiks erstreckt sich über

mehr als 2.000 Kilometer das Küstentiefland („Costa“),

das relativ schmal und nur im Norden etwa 140 Kilometer

breit ist. Die Region ist weitgehend eine Küstenwüste;

Landwirtschaft ist hier fast nur entlang der Flüsse

möglich, die aus den Anden zum Meer fließen.

Östlich der schmalen Küstenregion erheben sich die

Bergzüge der Anden („Sierra“). Im Norden des Landes

bleiben die Anden unterhalb der Schneegrenze und

sind sehr vegetationsreich. Dagegen reicht das Bergmassiv

im mittleren Bereich der „Sierra“ mit Höhen

über 6.000 Metern zum ewigen Eis heran. Weiter nach

Süden hin (ungefähr ab dem Breitengrad der Hauptstadt

Lima) geht das extreme Hochgebirge in eine Art

69


Landschaft in den Anden

im Gebiet vor Caravelí

Hügelland zwischen 3.000 und 4.000 Metern über, unterbrochen

von einigen Fünftausendern. Im weiteren

Verlauf nach Süden verbreitern sich die Anden und

bilden ein relativ einheitliches Hochland bzw. eine

eher abgeflachte Hochebene. Hier im Süden der peruanischen

Anden, in der Provinz Arequipa, liegt Caravelí,

die spätere Wirkstätte Friedrich Kaisers.

Den dritten und größten peruanischen Landschaftsraum

bildet die Regenwaldregion („Selva“). Nur wenige

Menschen leben hier (darunter bis heute noch nicht

kontaktierte Indianerstämme), denn der peruanische

Regenwald ist dicht und nahezu undurchdringlich.

Die in den Anden in weiten Flussschlingen zum Amazonas

strömenden Flüsse sind die einzigen Verkehrsadern

durch die weiten Waldgebiete, abgesehen von

Flugverbindungen.

70


Die sehr ungleichmäßige Verteilung der Bevölkerungsdichte

auf die drei Regionen stellt sich wie folgt dar: Die

„Costa“ (der Küstenstreifen) umfasst nur rd. 11 % der

Staatsfläche, allerdings leben hier rd. 52 % der Einwohner

Perus, allein ein Drittel der Gesamtbevölkerung im

Großraum Lima. Die Landschaftszone der „Sierra“ (die

Anden) erstreckt sich auf einer Fläche von rd. 15 % des

Landes und rd. 37 % der Bevölkerung. Der größte Teil

der Landesfläche, die „Selva“ östlich der Anden (der

Regenwald zum Amazonasbecken hin), umfasst rd. 64

% des Landes und nur rd. 11 % der Peruaner.

Die drei landschaftlichen Zonen der Küsten-Region,

der Anden-Region und der Regenwald-Region bilden

eine Gesamtfläche Perus von 1.285.216 km² (Gesamtfläche

Deutschlands: 357.111 km²). Im Jahre 2009 zählte

Peru rd. 29,165 Millionen Einwohner. Knapp drei Viertel

der Peruaner leben in den Städten, ein Viertel auf

dem Lande – bei anhaltender Landflucht. Lima ist ein

Zauberwort für unsere Bergbewohner, so schrieb Fried-

Elendsviertel im Randbereich von Lima

71


ich Kaiser im Frühjahr 1984. An Lima denken sie. Von

Lima träumen sie. Nach Lima möchten sie. Nach Lima reisen

sie. In Lima bleiben sie mit Kind und Kegel. Sie lassen ihre

Berge. Lassen ihre Hütte, ihren Acker, ihr Kleinvieh. Und

landen in einem Winkel des Elendsgürtels, der die Landeshauptstadt

breit und weit umschließt. Als ich vor 45 Jahren

nach Peru kam, hatte Lima 600.000 bis 700.000 Einwohner;

heute sind es 6 bis 7 Millionen. 77

Heute sprechen rd. 80 % der Peruaner Spanisch als

Muttersprache, außerdem sind die indianischen Sprachen

Quechua und Aymara anerkannte Amtssprachen.

Der Abstammung nach wird gegenwärtig fast

die Hälfte der peruanischen Bevölkerung als „Indigene“

gezählt und mehr als ein Drittel als „Mestizen“;

eine weiße Oberschicht europäischer Abstammung

lebt vornehmlich in den Städten.

Die große Mehrheit der Peruaner ist christlich, weit

mehr als 80 % sind Katholiken. Schon seit den 1960er

Jahren lässt sich die Ausbreitung evangelikaler Gruppen

in Peru beobachten. Adventisten sind plötzlich von

der Küste heraufgekommen, berichtete Friedrich Kaiser

im Februar 1974. Sie durchwanderten die ganze Gegend

und gingen in den Dörfern von Haus zu Haus. Die Straßen

bedeckten sie mit ihren Propagandaschriften – und hatten

Erfolg! Auch neugeworbene Katechisten scheinen jetzt unsicher

geworden zu sein und gehen uns vielleicht verloren. 78

Und im Juni 1979 berichtete Kaiser über den 800-Seelen-Ort

Ayabamba im Norden Perus: Vor etwa zwölf

Jahren war zum letzten Mal ein Priester dort. Er feierte eine

heilige Messe, taufte und ging. Seit einigen Jahren besucht

nun mit gewisser Regelmäßigkeit ein protestantischer Pastor,

ein Argentinier, den Ort. Er wohnt in einem entfernten Dorf

und missioniert die ganze Gegend. In Ayabamba sind etwa

vierzig Personen evangelisch geworden. Aber alle Bewohner,

72


ausgenommen Don Rafael und seine Familie, sympathisieren

offen mit dem Pastor. Ihr Übertritt zum Protestantismus

ist so gut wie sicher. Die Leute brauchen nur noch etwas

mehr Zeit, um sich an den Gedanken zu gewöhnen. 79

Katholische Traditionen, religiöse Feste und Rituale

bilden aber weiterhin eine große Vielfalt im privaten

und öffentlichen Leben der Menschen. Sie gehen zum

größten Teil zurück auf den jahrhundertelangen Einfluss

der spanischen Kolonialherren, enthalten aber

auch Elemente und Überlieferungen der „vorkolumbischen“

Zeit.

Die Eroberung und damit einhergehend die Christianisierung

Perus begann im Jahre 1532. Das von den

Spaniern gegründete und der spanischen Krone unterstellte

„Vizekönigreich Peru“ reichte zeitweise vom

heutigen Panama bis zur Südspitze des Kontinents.

Insbesondere das heutige Peru, einst Zentrum des von

den Spaniern zerschlagenen Inkareichs und bis zur Gegenwart

reich an Bodenschätzen, diente während der

spanischen Kolonialzeit als wichtiger Rohstofflieferant.

„Ein Goldrausch hatte die Männer befallen, die Peru

eroberten, und trieb sie zu unerhörten Teufeleien“, so

schilderte in den 1930er Jahren Hans Hümmeler in

dem volkstümlichen Buch „Helden und Heilige“, das

im ganzen deutschsprachigen Raum vor und nach

dem Zweiten Weltkrieg eine weite Verbreitung fand.

„Vergebens bemühten sich die spanischen Priester, die

Ausschreitungen des spanischen Kriegsvolkes zu bannen.

Unter ihren Augen wurde die Urbevölkerung des

Landes versklavt, geschändet und ermordet. Mit bluttriefendem

Schwert aber kann man nicht dem milden

Gottessohn den Weg bereiten. Während in den Hafenstädten

prachtvolle christliche Kirchen emporwuchsen,

flohen die verängstigten Indios in die Kordilleren und

wichen den Glaubensboten aus, weil diese die gleiche

73


Sprache redeten wie ihre Unterdrücker.“ 80 In dieser von

Habgier und Rücksichtslosigkeit durchzogenen Zeit

begegnet uns die irritierende Gestalt der heiligen Rosa

von Lima (1586–1617). „Aus demselben Volk, das ein solches

Maß von Blutschuld auf sich geladen“ habe, sollte

ein Mensch hervorgehen, der aus Mitgefühl ein Zeichen

der Liebe und der Buße zu setzen bereit war angesichts

der Beleidigung, die Menschen durch ihr menschenverachtendes

Verhalten Gott selbst zugefügt haben. „Ein

schwaches Mädchen bot sich zu diesem Sühnopfer an,

Rosa von Lima, geboren von armen Eltern und erwählt

vom Heiligen Geist zu einem Wunder der Gnade.“ Die

Biografie der heiligen Rosa weist Ähnlichkeiten zur

Dülmenerin Anna Katharina Emmerick auf: „Rein und

schön schwebt ihre Gestalt über der trüben Schlammflut

von Habgier und Wollust, die Lima verpestete. Nur

wenige Menschen wussten von ihrem Opferleben; denn

sie floh das Gerede der Leute und ging nur verschleiert

den Kirchweg. Zehn Stunden am Tag half sie als Näherin

und Stickerin das Brot für ihre zehn Geschwister

verdienen, weitere zehn Stunden täglich weilte sie in

ihrer ‚Gartenzelle’, einer selbst gezimmerten Bretterhütte,

und redete mit Gott und Heiligen, die sie in vielen

Verzückungen schaute. … Lange Zeit wurde ihr Sühneleiden

von den eigenen Eltern missverstanden und

als Schwärmerei gedeutet, zumal sie alle Heiratspläne

standhaft ablehnte. Willig duldete sie von ihrer Mutter

dafür Spott und Schläge; den Frieden und die Fröhlichkeit

des Herzens konnte ihr nichts rauben.“

Das bittere Erbe kolonialer Vergangenheit wirkt bis in

die Gegenwart fort: Der Indio ist an sich verschlossen, ist

misstrauisch und teilt sich nicht leicht mit, urteilte Friedrich

Kaiser im September 1971. Lange Zeiten der Unterdrückung

und Ausbeutung haben ihm von den Ahnen her

dieses Misstrauen als Erbe vermittelt. 81 Andrerseits waren

oft genug die Missionare unermüdliche Anwälte der

Eingeborenen. „Ihre Leistungen bei der Missionierung,

ihre endlosen Reisen und körperlichen Strapa-

74


Szene auf einem peruanischen Dorfplatz

zen sind uns heute unvorstellbar“, schrieb im Sommer

1960 in den „Hiltruper Monatsheften“ ein Mitbruder

Friedrich Kaisers, der ebenfalls im Gebiet von Caravelí

wirkte. „Sie waren die Freunde und Beschützer der

ausgebeuteten Indios. Noch heute zeugen von ihrer

Arbeit zahllose Klöster und gewaltige verfallene Kirchenbauten

in den entlegensten Dörfern der Anden.“ 82

Zugleich musste der Pater einräumen: „Natürlicherweise

konnte bei den riesigen Entfernungen und der

kleinen Schar der Glaubensboten die religiöse Durchdringung

des Volkes nur oberflächlich sein. Vieles blieb

getauftes Heidentum bis zum heutigen Tag. Es ist sehr

aufschlussreich zu sehen, was der peruanische Mensch,

in Form einer Auslese, vom reichen Glaubensgut der

Kirche an erster Stelle annahm und seiner Erlebniswelt

aufs innigste verband: Es war die Andacht zum Leiden

75


Christi. Der leidgewohnte Mensch findet im leidenden

Christus seinen Bruder und Erlöser. … Das Osterfest ist

ihm fremd. Es gibt keine Osterbräuche, kein Osterlied.

Der Peruaner ist unter dem Kreuz stehen geblieben.“

Auch der spätere Mitkonsekrator Friedrich Kaisers bei

der Bischofsweihe, der peruanische Bischof von Abancay

in den Anden, Alcides Mendoza, Einheimischer,

drückte in der Dezember-Ausgabe 1963 der „Hiltruper

Monatshefte“ seinerseits eine tiefe geistige Tragik

der Indios aus. Die religiösen Einseitigkeiten und auch

Oberflächlichkeiten „lassen sich gewiss entschuldigen,

wenn man bedenkt, dass die Indios ständig ohne

priesterlichen Beistand auskommen müssen. Die Priesterarmut

hat meines Erachtens neben anderen Erscheinungen

dazu geführt, dass die religiöse Veranlagung

der Indios in eine alttestamentliche Glaubenshaltung

gedrängt wurde; denn der Indio fürchtet Gott, aber er

liebt ihn nicht so sehr.“ 83

Nach einer Reihe von Aufständen gegen die koloniale

Unterdrückung und Ausbeutung des Landes gelangte

Peru 1821 kurzzeitig und endgültig 1824 zur Unabhängigkeit.

Die Befreiung von spanischer Herrschaft vollzog

sich interessanterweise nicht durch Rebellion im

Innern des Landes, sondern mittels Eroberung durch

benachbarte Staaten.

In dieser Zeit, so Friedrich Kaiser einmal, sei die Ursache

für den eklatanten Priestermangel in Südamerika

zu finden: In der spanisch-portugiesischen Kolonialzeit

waren gewiss Missionare in ausreichender Zahl am Werk.

Dann aber kam die Zeit der Unabhängigkeitsbewegung und

der Befreiungskriege, ein Land nach dem anderen schüttelte

die fremde Herrschaft von sich ab. Mit den Kolonialherren

verließen damals Scharen von Priestern den Kontinent.

Nur wenige einheimische Seelsorger blieben zurück. Mit

diesem Zusammenbruch hörte die Ausbildung junger Priester

schlagartig auf. In den Seminarien fehlten die Lehrer, es

76


fehlten die Mittel zum Unterhalt theologischer Hochschulen.

Von dieser Katastrophe hat sich die Kirche in Lateinamerika

bis heute nicht erholt. 84

Bürgerkriege, Freimaurerei und ein überzogener Liberalismus

der herrschenden Klasse verschlechterten im

19. Jahrhundert die Lage der Kirche noch mehr. Der

verbliebene Klerus ließ zudem in Erziehung, Bildung

und Disziplin viel zu wünschen übrig. Das religiöskirchliche

Leben des Volkes lag danieder; der Aberglauben

wucherte. Erst unter Papst Leo XIII. hörte der

kirchenpolitische Konflikt auf, und damit setzte auch

eine Wiederbelebung des religiösen Geistes und ein

Neuaufblühen der Kirche und der Mission in Peru

ein. Der Papst berief im Mai und Juni 1899 ein Plenarkonzil

für Mittel- und Südamerika nach Rom, auf dem

Bestimmungen für die sittlich-religiöse Hebung des

Klerus getroffen wurden. Europäische Priester und

Ordensgemeinschaften zogen nun ins Land.

Eine Indiofrau spinnt Wolle.

Bild aus den 1980er Jahren

77


Innenpolitisch wurde Peru bis weit ins 20. Jahrhundert

von autoritären Präsidialregierungen bzw. Militärdiktaturen

geführt. Nach dem Ersten Weltkrieg erlebte

das Land einen spürbaren Modernisierungsschub;

andrerseits wurde die sozialdemokratische bzw. marxistische

Opposition massiv bekämpft. Außenpolitisch

unterhielt Peru in den 1930er Jahren zunächst

gute Beziehungen zu Francos Spanien und zum nationalsozialistischen

Deutschland. Während der Militärdiktatur

unter Manuel Prado (1939–1945) unterstützte

dagegen Peru die Alliierten des Zweiten Weltkrieges

mit Rohstofflieferungen.

Friedrich Kaiser in Lima

In dieser weltpolitisch angespannten Lage, in der sich

vom Epizentrum Europa aus die Erschütterungswellen

bis nach Südamerika auswirkten, begann Friedrich

Kaiser seinen neuen Lebensabschnitt in Peru. Die

Bevölkerung erreichte damals weniger als ein Viertel

der heutigen Zahl: Bei der Volkszählung von 1940

wurden 7.023.111 Peruaner registriert. Irgendwann im

April 1939 kam Friedrich Kaiser in Lima an, wo er in

der deutschen Kolonie Miraflores, einem Vorort von

Lima in herrlicher Lage am Meer, auf die im Vorjahr

Eingewanderten stieß. Wie die drei vor mir, reiste auch

ich mit Kleiderkoffer und Bücherkiste aus, erinnerte sich

Kaiser später. 85 Hiltruper Missionsschwestern vom heiligsten

Herzen Jesu waren einige Wochen vor unseren ersten

Patres nach Peru gekommen. Sonst kannte uns niemand,

half uns niemand. Auch kein peruanischer Bischof oder

Ordensobere zeigte sich in besonderer Weise für die

Neuankömmlinge verantwortlich, wenngleich der

Erzbischof von Lima gegenüber den deutschen Missionaren

wie ein väterlicher Freund gewesen sei. Um Hilfe

78


gebeten, musste er jedoch angesichts seiner verschuldeten

Diözese einräumen: „Meinen Segen haben Sie,

aber mit Geld kann ich Ihnen nicht helfen.“

Die nach Peru eingewanderten Hiltruper Patres (bis

1940 waren es neun) und Schwestern der ersten Stunde

blieben zuversichtlich, auch wenn es in der ersten

Zeit herzlich schlecht zuging. Aber unsere Stimmung blieb

gut. Wir mussten uns eingewöhnen, einarbeiten und einhungern.

Alles gelang. Nie haben wir so viel gescherzt und

gelacht und so viel und froh gesungen wie in den Feierabendstunden

jener Zeit.

„Wenn die Patres in jenen Zeiten – die jüngeren Patres

bezeichnen sie mit gutmütigem Spott als die ‚Zeiten der

Heroen’ – nach des Tages Last und Hitze sich abends

zusammensetzten, war der Superior bei besonderen

Anlässen großzügig genug, eine Flasche Sprudel zu

spendieren, natürlich auch nur die billigste, die zu haben

war.“ So leitete mehr als zwanzig Jahre später ein

Mitbruder Friedrich Kaisers eine Anekdote ein. „Eines

Abends kaufte ein Pater offensichtlich in einer Anwandlung

von Leichtsinn eine Flasche, die 2 Pfg. teurer war;

statt 16 Pfennige kostete sie 18. Ob dieser Verschwendung

musste er eine geharnischte Rüge des Superiors

über sich ergehen lassen. – Prälat Kaiser, dem ich diese

Anmerkungen zur Gründungsgeschichte unserer Werke

verdanke, war in jenen Tagen ständig vom Hunger

geplagt. Aber als guter Ordensmann wollte er über solche

Nebensächlichkeiten nicht reden, bis ihm eines Tages

die Geduld platzte und er den anderen zurief: Habt

ihr eigentlich keinen Hunger? Daraufhin zeigte sich der

Superior wieder von der besten Seite und kaufte etwas

Brot mehr; ich vermute, weil es das billigste war, was an

Lebensmitteln zu haben war.“ 86

Bei alledem fand sich Friedrich Kaiser in der neuen

Heimat schnell zurecht und fühlte sich wohl. Nach

wenigen Wochen erklärte ich den anderen: „Hier bleib’ ich.

79


Und werde Peruaner. Hier will ich arbeiten und sterben.“

Allerdings spürte ich für dies letztere keinerlei Eile. 87 Immerhin

standen ihm noch mehr als 50 Lebensjahre

bevor.

Zunächst half Friedrich Kaiser ein halbes Jahr als Spiritual

im Priesterseminar der Diözese von Huánuco im

Landesinnern. Danach folgte mehr als ein Jahr als Kaplan

beim Dechanten von Ica, rd. 200 Kilometer südlich

von Lima.

Friedrich Kaiser musste sich in so manchen Dingen

des Alltags mit einer ganz anderen Mentalität der Peruaner

vertraut machen. Als ich ein Jährchen hier in Peru

war, hab’ ich mal als braver Europäer eine Brücke gesucht, die

nicht da war, weil sie wirklich nicht nötig war. Was war los?

Kaiser sollte in einer Ortschaft außerhalb Limas eine

Missionswoche abhalten und musste dazu einen Fluss

überqueren. Nachdem er vergeblich nach einer Brücke

Ausschau gehalten hatte, kam ein Uralt-Vehikel, in dem

schon zehn andere Reisende saßen. Wir sitzen gepresst

wie Kieler Sprotten im Döschen. Deutsche fangen in solcher

„Bedrängnis“ an zu schimpfen; das tun die Peruaner nicht.

Friedrich Kaiser überquert auf

einem Reittier einen Fluss.

80


Alle sind recht liebenswürdig, und der Lotse am Steuer lächelt

freundlich. Mit allen Insassen und Gepäckstücken

durchquerte dann der Wagen den Fluss. Alle Mitfahrenden

heben ihre Körbe und Kästchen und Pakete und Taschen

und Füße hoch. Ich hab’ keine Körbe und Pakete. Aber Füße!

Stimmt! Schnell heb’ ich sie hoch. Und jetzt – geht unser Wagen

in das Wasser, und das Wasser geht in unsern Wagen,

und unser Wagen hoppelt und schaukelt und wackelt langsam,

langsam, weiter, immer schön weiter zum anderen Ufer hin.

… Und dann, dann geht unser Wagen aus dem Wasser, und

das Wasser geht aus unserem Wagen, und alle Leute stellen

ihre Füße und Taschen und Pakete und Kästchen und Körbe

wieder auf den Boden. Auch meine Füße gehen aus der erhabenen

Schwebe wieder nieder, wo sie hingehören. Und weiter

geht die Fahrt. So ist die Brückenfrage wieder gelöst, ganz

ohne Brücke. Wie einfach so was ist! Und amüsiert stellte

der Missionar rückblickend fest: Ja, ein alter Europäer

macht sich immer Sorgen. 88 Jahre später, 1975, erinnerte

sich Kaiser: Als ich vor 36 Jahren hier im Lande ankam,

fragte mich ein alter europäischer Priester: „Haben Sie auch

genügend Geduld mitgebracht?“ „Ich hoffe es.“ „Nun“, sagte

er dann, „ist auch einerlei. Wer keine Geduld hat, der lernt sie

hier. Und wer sie hat, der verliert sie hier.“ 89

In das Jahr als Seelsorger in Ica fällt eine unscheinbare

Begebenheit, die Friedrich Kaiser rückblickend als

eine Art frühestes Schlüsselerlebnis für den „Ruf aus

den Anden“ deutete, nämlich die Begegnung mit einer

Indio-Frau. Durch sie erreichte mich zum ersten Mal

der dringende Ruf aus diesen Bergen. Sie hatte ihre schlichte

Wochenbeichte abgelegt. Dann sah ich sie gleich darauf in

der Kirche heftig weinen. Ich fragte sie nach dem Grund. Da

kam die Klage: „Ich bin aus den Bergen droben. Nur diese

beiden Monate habe ich an der Küste verbracht. Hier konnte

ich jede Woche beichten, hatte täglich meine Messe und

die Kommunion. Morgen muss ich wieder hinauf. Bei uns

droben gibt es keinen Priester. Und wenn ich einmal sterbe,

sterbe ich wie die anderen. Ohne Priester, ohne Beichte, ohne

81


Kommunion, ohne heilige Ölung.“ Hier hörte die Klage auf.

Lautes, krampfartiges Schluchzen erstickte die Stimme. Wie

viele lebende und sterbende Indios unserer Berge klagten mit

in ihrer Klage, weinten mit in ihren Tränen … 90

Zunächst waren die Weichen allerdings auf einen längeren

Verbleib im Küstenland gestellt. In Lima wies uns

der Erzbischof einen ausgedehnten Bezirk zur Gründung einer

eigenen Pfarrei an, natürlich ohne Pfarrhaus, ohne Kirche,

ja ohne alles, erinnerte sich Friedrich Kaiser später.

Wir sollten in jenem Stadtteil den Anfang machen. 91 Hier,

im Vorort Orrantia, errichteten die Hiltruper Missionare

ab 1941 zunächst ein Ordenshaus und dann die

Kapelle San Felipe, um von hier aus die neue Pfarrei

aufzubauen. Friedrich Kaiser wurde der Pfarrverwalter

und später Pfarrer.

„In Lima selbst konnten wir jedenfalls dem Namen der

Herz-Jesu-Missionare – von den Leuten einfach ‚Padres

alemanes’ (deutsche Patres) genannt – Klang und Ansehen

verschaffen“, erinnerte sich rückblickend ein Mitbruder.

„Wir erreichten dies durch die Pfarrseelsorge,

durch den Religionsunterricht an den Volksschulen und

Gymnasien, durch die Studentenseelsorge, durch unsere

Bemühungen in der Katholischen Aktion, in der liturgischen

Bewegung, im Exerzitienwerk, mit der Herausgabe

religiöser Schriften und durch Vorlesungen an der

Universität. Zugleich richteten wir unser Augenmerk auf

das rings um die Hauptstadt weit ausgedehnte ‚campo’,

die riesigen Baumwollfarmen und Landwirtschaftsbetriebe

mit ihren religiös verwaisten Arbeitermassen.“ 92

Nicht ohne Ironie beschrieb Friedrich Kaiser seine persönliche

„Karriere“ der folgenden Zeit: Dieser Anfang

war erfolgversprechend. Als er gelungen war, hieß es: „Jetzt

kann das wohl ein anderer tun.“ Ich versuchte es sodann

auf höheren Hinweis, selbstverständlich – in der Schule.

Vorher hatte ich in meiner Eigenschaft als Pfarrer manchmal

82


Straßenszene einer

peruanischen Ortschaft

die Feststellung gemacht, dass unsere Pfarrei zu groß sei und

dass wir davon einen beträchtlichen zu einer neuen Pfarrei

umgestalten müssten, wo allerdings wieder Kirche und

Pfarrhaus fehlten. Nun, nach all der Bettelei und der Bauzeit

für die erste Pfarrkirche rieb ich mir als Religionslehrer

die Hände: Gut, dass mich das nichts mehr angeht! Doch

die anderen waren überzeugt, dass ich getrost noch einmal

den Anfang machen sollte. 1946 konnte die große Herz-

Jesu-Pfarrkirche der Hiltruper Missionare eingeweiht

werden. Erst als auch das gut gegangen war, begann ich mit

meiner Lehrtätigkeit in den Schulen und an der Universität,

schrieb Lehrbücher und hielt Bibelstunden. 93

Doch bei all dieser Arbeit wie beim Religionsunterricht in

Schulen, bei Konferenzen und anderen Tätigkeiten, bei allem

war mein Herz nicht an der Küste, sondern in den Bergen,

im peruanischen Felsengebirge, so erinnerte sich Friedrich

Kaiser. Dort fehlte es an Priestern noch viel mehr als

in Lima. Immer wieder versuchte ich mich als Missionar

außerhalb Limas, auf dem Lande. So hielt ich eine Woche

83


Vor einem improvisierten Altar:

Friedrich Kaiser predigt.

hindurch eine Mission in Lurigancho. Der Ort liegt nur eine

Fußstunde weg vom Regierungspalast, aber schon im wirklichen

Peru! 94 Diese Missionsarbeiten auf dem Lande

waren mir eine Freude, gewiss. Aber die Erfüllung meiner

Sehnsucht waren sie nicht. In meinem Innern rief auch weiterhin

diese Stimme, ertönte immerzu dieser Ruf aus den

Bergen. So blieb es die achtzehn Jahre hindurch, die ich in

Lima verbrachte. 95

Am 12. Februar 1945 trat Peru an der Seite der Alliierten

in den Zweiten Weltkrieg ein; alle im Lande befindlichen

Deutschen mussten sich für einige Monate

in Lima aufhalten. Friedrich Kaiser hatte zu dieser

Zeit schon entschieden, seine Nationalität dahingehend

zu klären, dass er ebenfalls 1945 die peruanische

Staatsbürgerschaft erwarb. In den folgenden Jahren

nannte er sich mitunter „Federico Kaiser Depel“; die

Hinzufügung des Geburtsnamens der Mutter ist eine

in Südamerika verbreitete Gepflogenheit.

1949 errichteten die Hiltruper Ordensleute in Lobatón,

einem anderen Vorort von Lima, die Kirche Unserer

Lieben Frau mit einem Schwesternhaus. 1951 unternahm

eine Gruppe von Missionaren erstmals einen

Vorstoß in die Anden, um in Huaraz Kloster und

84


Kirche zu errichten und hier eine Pfarrei aufzubauen.

Friedrich Kaiser gehörte nicht zu ihnen. Er sollte 1957

als Regionalsuperior die Leitung der gesamten peruanischen

Sektion der Hiltruper Missionare antreten.

Doch es kam anders.


C. REIFE UND ERNTE

„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ (Mt 7,16)

Prälat in Caravelí

Der Ruf aus den Bergen bekam am 4. November 1957

plötzlich eine neue Klangfarbe. Diesmal kam der Ruf aus den

Bergen – ich müsste sagen in die Berge – von seiten der Kirche.

96 Der Heilige Stuhl in Rom rief im südlichen Peru

eine neue „Prälatur“ ins Leben, nämlich in den entlegensten

Gebieten der Diözesen Arequipa und Ayacucho.

97 Sitz des Oberhirten würde Caravelí sein. Und der

Prälat – wäre ich!

Am 4. November 1957 wurde ich zur Nuntiatur gebeten,

erinnerte sich Friedrich Kaiser zehn Jahre später. Der

Nuntius bot mir in seinem Arbeitszimmer Platz an. … Der

Nuntius griff nach einem Papier auf dem Tisch, hielt es vor

sich und sagte mit leiser, fast geheimnisvoller Stimme: „Rom

hat die Personalfrage entschieden. Der erwählte Prälat sind

Sie!“ Meine Bestürzung war groß und mein Protest keineswegs

leise, sondern ziemlich kräftig: „Nein, nein, nein!“ Der

Nuntius schwieg zunächst und lächelte. Danach sprach er,

ohne zu lächeln: „Selten im Leben wissen wir mit Sicherheit,

ob wir den Willen Gottes tun. Gewiss – Sie sind frei,

anzunehmen oder abzulehnen. Deshalb habe ich Sie gerufen.

Außer Rom weiß niemand etwas von dieser Wahl, auch meine

Sekretäre nicht, sondern nur Sie und ich. Ich halte es für

meine Pflicht, Ihnen zu sagen: Wenn Sie jetzt annehmen,

tun Sie bestimmt den Willen Gottes.“ Nach kurzer Pause

kapitulierte ich. 98

Nun wurde Friedrich Kaiser verantwortlich für ein

Missionsgebiet in den Anden, etwa so groß wie das

Land Nordrhein-Westfalen. Aber ohne seine Wege.

Dort wirkten vor dem Amtsantritt Friedrich Kaisers

87


Friedrich Kaiser im Gespräch mit Kindern

20 Priester, nämlich zwölf Peruaner, fünf Franzosen

und drei Deutsche. Es gab nicht eine einzige Ordensfrau.

Hier also war ich bei den Verlassensten.

Das den Hiltrupern zugewiesene Gebiet zählte rd.

180.000 Einwohner. „Das Küstengebiet der Prälatur ist

fast unbewohnt, das Hochgebirge stärker besiedelt. Einige

Pfarreien liegen über 3000 Meter.“ So schilderte

ein Missionar in einem Brief im Dezember 1957. „Noch

haben wir keine Ahnung, wie wir das neue Gebiet

betreuen können. Es wird wohl nichts anderes übrig

bleiben, als einige unserer jetzigen Pfarreien aufzugeben,

um Patres freizubekommen. Etwa dreißig Patres

werden gebraucht, und es stehen nur sechs zur Verfügung,

wenn wir drei Pfarreien aufgeben.“

„Mittlerweile bin ich von Huaraz nach Caravelí versetzt

worden“, schrieb derselbe Pater ein knappes Jahr später,

88


im Oktober 1958. „In deutschen Atlanten ist Caravelí

nicht so leicht zu finden. In Südperu liegt es, nördlich

von Arequipa. Huaraz liegt 400 Kilometer nördlich, Caravelí

800 südlich von Lima, der Hauptstadt Perus. In

Atico biegt man von der Küstenstraße ab und kommt

über eine Landstraße nach 75 Kilometern in Caravelí

an. Ein Mitbruder hatte in Lima zu tun, nahm mich mit

und brachte mich im ‚Bischofswagen’ in zwölf Stunden

nach Caravelí. – In der Nähe von Atico sind noch einige

Ölgärten und Weinfelder zu sehen, dann aber auf der

ganzen Strecke nach Caravelí kein einziger Baum, kein

Haus, kein Feld. In einem Tal zieht die Straße sich entlang,

bis hinauf auf 2.000 Meter Höhe. Dann steigt sie

wieder hinab in das Tal von Caravelí, das sieben Kilometer

hinter dem Pass in etwa 1.800 Meter Höhe liegt.

– Als Wohnung dienen uns hier zwei gut ausgestattete

Baracken, mit fließend Wasser. Schwestern kochen für

uns, und ich habe guten Hunger, obwohl es tagsüber

sehr warm ist. Gewöhnlich steigt die Temperatur bis auf

dreißig, fünfunddreißig Grad Celsius an. Abends aber

kühlt es sich wieder ab. Nachmittags fegen Sandstürme

durch den Ort. – Leider hat Caravelí nur sehr schlechte

Verkehrsbedingungen. Auf den Karten ist noch eine

zweite Straße eingezeichnet, die von der Küste her nach

Caravelí führt. Diese Straße existiert aber leider nur auf

dem Papier. Eine weitere Straße ins Innere ist geplant,

aber vorläufig sitzen wir hier in einer Sackgasse. Und

zur Pfarrei Caravelí gehören Orte, die vierzig Kilometer

und mehr von hier entfernt sind.“ 99

Friedrich Kaiser musste wahrnehmen, dass für sein

neues Seelsorgegebiet noch ganz andere Maßstäbe

als für Lateinamerika im Allgemeinen galten. In

der April-Ausgabe der „Hiltruper Monatshefte“ 1959

präsentierte Friedrich Kaiser seinen Spendern einige

eindrucksvolle Zahlen zum Vergleich, um zu zeigen,

dass ihr wirklich dort helft, wo die Not am größten ist. Nach

dieser Statistik gab es Ende der 1950er Jahre in Europa

einen Priester für 1.000 Gläubige, in Südamerika

89


einen für 5.700 und in der Prälatur Caravelí einen für

10.000 Gläubige. Bezogen auf die Fläche: In Europa

lebte ein Priester auf 2 qkm, in Südamerika einer auf

800 qkm und in der Prälatur Caravelí einer auf 1.600

qkm! Die Situation der Kirche in den lateinamerikanischen

Ländern hat sich nicht erst in den letzten Jahren so unheilvoll

entwickelt, meinte Friedrich Kaiser fünf Jahre später

in einem Interview. Bestürzend wirkt nur dies: Erst

vor wenigen Jahren haben die Christen in Europa erfahren,

ja man muss sagen entdeckt, dass Lateinamerika so wenige

Priester hat. … Wir müssen dabei bedenken: Die Länder

dieses Riesenkontinents sind durchweg dünn besiedelt.

Die große Schwierigkeit für die geringe Zahl der Seelsorger

liegt in der endlos weiten Ausdehnung der Pfarrbezirke. Die

Arbeit in diesen Pfarrbezirken wird zudem erschwert durch

miserable Wege und Verkehrsbedingungen. Somit ist es für

den Seelsorger ungeheuer schwer, den Menschen nachzugehen.

Wenn in Europa ein Priester für eine Gemeinde von

4.000 Christen zu sorgen hat, kann er sie einigermaßen gut

Porträtfoto von

Friedrich Kaiser

90


etreuen. Drüben bei uns aber verschwinden die Gebiete von

drei oder vier europäischen Bistümern im Gebiet einer einzigen

Pfarrei. 100

Was ist eine Prälatur bzw. eine Territorial-Prälatur?

Kirchenrechtlich war damit die Vorstufe zu einer Diözese

gemeint. Der beauftragte „Praelatus nullius“

(„minderer“/außerordentlicher Prälat) erhielt die administrativen

Vollmachten eines regulären Bischofs,

war aber eben nicht mit der sakramentalen Vollmacht

der Bischofsweihe ausgestattet, konnte beispielsweise

keine Priesterweihe spenden. Die bischöflichen Insignien

durfte ein solcher Amtsträger führen: Ring, Mitra

und Brustkreuz, nicht jedoch den Bischofsstab.

Als Friedrich Kaiser im Oktober 1961 wieder einmal

in seiner Heimat weilte und am 8. Oktober anlässlich

des Patronatsfestes in der Dülmener Viktor-Kirche die

Eucharistie feierte, erregte das „Pontifikalamt“ mit

dem „ersten Dülmener mit Bischofswürde“ allgemeine

Aufmerksamkeit.

Die „Dülmener Zeitung“ erging sich in Superlativen:

„So war der feierliche Gottesdienst für Dülmen Stadt

und Land ein seit dem tausendjährigen Bestehen der

Gemeinde noch nicht erlebtes festliches Ereignis, das

fast anderthalbtausend Gläubige jeden Alters und Standes

in die Viktorkirche zog. Unter dem Jubel des fünfstimmigen

Geläutes wurde der Prälat von der Dechanei

in seine Taufkirche geleitet. Seit Aufhebung des alten

Kollegiatstiftes St. Viktor durch Napoleon vor 150 Jahren

– es war besetzt vom Propst, Dekan, dreizehn Kanonikern

und zwei Kaplänen – hat man in St. Viktor

nicht mehr ein so großes Klerikergeleit gesehen.“ Übrigens

wurde an diesem Tag das noch heute gebräuchliche

silberne Vortragekreuz der Viktor-Gemeinde in

Dienst genommen. Vermutlich noch üppiger als bei der

Bischofsweihe zwei Jahre später konnte sich hier die

91


„alte Liturgie“ entfalten: „Das alte hochgotische Chor

der Viktorkirche bot ein malerisches Bild: Rings um den

Altar das von der Schola und Priestern besetzte Chorgestühl;

im Brennpunkt der heiligen Handlung der Prälat

im bischöflichen Ornat, in liturgischen Festgewändern

die Assistenten. … Das erhabene liturgische Gesamtkunstwerk

wurde in seiner ganzen Majestät und Mannigfaltigkeit

erlebt: Orgelklang, Chorgesang in linearer

Gregorianik und harmoniesatter Polyphonie, im

Sonnenlicht glutende Glasfensterfarben, byzantinische

Musik, ausstrahlende Gewänder, edle Bewegungen und

Gruppenwechsel der amtierenden Priester und Leviten;

das ganze Bild umrahmt von der frohen gotischen

Architektur, bei der das vor kurzem restaurierte Sakramentshäuschen

mit dem hellen Baumberger Sandstein

besonders hervorleuchtete.“ Es folgt die Schilderung

der musikalischen Leistung des Kirchenchores und des

Orgelspiels durch Organist und Chorleiter Georg Wiegand.

Nach dem Festgottesdienst nahm Prälat Kaiser in

der „Mütterschule“ ein Mittagsmahl ein. Am Nachmittag

wurde in St. Viktor eine Pontifikalvesper gesungen,

gefolgt von einer Andacht mit sakramentalem Segen.

Der ganze Tag, so die Tageszeitung, „war ein Festival

ersten Ranges; das war die Meinung aller Teilnehmer.

In einer Pfarrkirche einen so feierlichen Gottesdienst zu

erleben, dürfte sich sobald nicht wieder ereignen.“ 101

Doch zurück nach Peru, wo sich die pastorale Wirklichkeit

alles andere als üppig und gepflegt darstellte.

Friedrich Kaiser war noch nicht von Lima nach Caravelí

umgesiedelt, als eine erste Abordnung von Indios

aus den Anden, die einige Tage unterwegs gewesen

war, ihn aufsuchte. Wieder der Ruf aus den Bergen! Er

verstummt nicht. Ich weiß, wie ehrlich und schmerzvoll dieser

Ruf nach Hilfe ist. Hunger nach Gott! Auf meiner letzten

Firmreise vor drei Wochen gab es Tage, an denen ich bis zu

zwölf Stunden im Beichtstuhl verbrachte. Viele – im Alter

von acht bis zu fünfzig Jahren – beichteten zum erstenmal.

92


Mehrfach musste ich Gruppen von 30 oder 40 Leuten vor

dem Beichtstuhl stehen lassen, weil die Zeit nicht mehr reichte.

Wie bedauerten sie es! Wie bettelten sie mich an! Diese

bettelnden Blicke waren kaum zu ertragen. Sie schneiden einem

ins Herz. Aber ich hatte doch pflichtgemäß noch vieles

andere zu tun und war dazu halb krank vor Erschöpfung. Ja,

hier ist Hunger nach Gott. Hungersnot! Darum der Ruf, der

Schrei aus den Bergen – der Schrei nach einem Priester. 102

Zugleich konnte er bemerken: Jedes Mal, wenn solche

Indios vor mir stehen, spüre ich unwillkürlich Ehrfurcht. 103

Anfang März 1958 machte sich Friedrich Kaiser mit einigen

Mitbrüdern auf den beschwerlichen Weg nach

Caravelí, am 8. März erfolgte die offizielle Übernahme

seines neuen Amtes. Es folgten die Jahre eines neuen,

unseres schwersten Anfangs. Die Patres hatten zunächst

kein eigenes Zuhause. Erst nach zwei Monaten mühsamer

Arbeit war unser Holzhaus fertig; arm, bescheiden, aber

fest. Bald kamen auch die Hiltruper Schwestern. Auch sie

bekamen ihr Holzhaus, ähnlich dem unseren. 104

Dorfbewohner begrüßen den Bischof und geleiten ihn

feierlich in den Ort.

93


Nachdem er seinen Sitz in Caravelí genommen hatte,

erkundete Friedrich Kaiser nach und nach seinen

künftigen Sprengel. Enger Begleiter wurde ihm sein

aus Dülmen stammender Neffe Reinhold Frieling,

ebenfalls Hiltruper Missionspriester. In den folgenden

Jahren bereiste ich fast die ganze Prälatur, erinnerte sich

Friedrich Kaiser später. Mit dem Auto drangen wir jedes

Mal vor, so weit es ging. Doch das war nicht sehr viel.

Den weit größten Teil dieser Seelsorgereisen marschierten

wir, kletterten wir oder ließen uns tragen vom Pferd oder

Maultier. Was wir sahen, hörten und erlebten, war trostlos.

Fast überall gutgesinnte, unwissende, „verheidete“ Leute.

Und allerorts das Bitten, das Flehen, der Ruf: „Wir möchten

einen Priester!“ Auch drangen uns die bitteren Worte

ins Herz: „Wir sind vergessen von Peru und von der Kirche.“

105 Tatsächlich entdeckte ein Hiltruper Missionar

noch nach Jahren, nach vierjähriger Seelsorgetätigkeit

in diesem Gebiet, ein Dorf, von dessen Existenz er bis

dahin nichts wusste. 106

Friedrich Kaiser bei einer

Grundsteinlegung

94


Als eine der ersten bedeutenden Maßnahmen legte

Friedrich Kaiser Ostern 1959 in Caravelí den Grundstein

zum Bau eines „Vorseminars“, eines Internats, aus

dem künftige Priesterkandidaten hervorgehen sollten,

und gegen Ende des Jahres rüsteten wir zur Aufnahme der

ersten Schüler. Dann wurde ein verfallener Bau in der

Nähe der Schwesternniederlassung zu einer Pfarrschule

ausgebaut, dann konnten die Kleinen in die Obhut

der Schwestern kommen. Die Kirche von Caravelí erhob

Kaiser in den Rang einer „Kathedrale“, außerdem gab

es im Ort noch eine Kapelle. Die „Kathedrale“ befand sich

in argem Zustand, die Kapelle war sehr baufällig. Durften wir

es wagen, darin noch Gottesdienst zu halten? Als die Kapelle

erneuert worden war, die Pfarrschule eröffnet und

das Vorseminar seine ersten Bewohner erwartete – da

kam am 13. Januar 1960 ein verheerendes Erdbeben!

Die Pfarrschule war völlig zerstört, gleichfalls die „Kathedrale“.

Die renovierte Kapelle hatte den Erschütterungen dank

des eingezogenen Betonbogens standgehalten; dennoch war sie

stark mitgenommen worden. Das Seminar bot einen trostlosen

Anblick. Wir standen vor einer Wüste von Trümmern. Was

nun? – Auf Gott vertrauen und die Zähne aufeinander gebissen

– wir fingen wieder an! Gewiss, dieser Anfang war nicht

„ganz von vorn“. Dennoch war er schwerer als der erste. Alle

legten tapfer Hand an, keiner scheute vor diesen Überlastungen

zurück. Vielleicht haben wir unsere Schwestern niemals

so bewundert wie in jenen Tagen und Wochen. Erst allmählich

wurde es licht in der trostlosen Düsterheit. Wir erfuhren von

den Anstrengungen unserer Mitbrüder in der Heimat, wir

spürten die Hilfe von Freunden und Wohltätern der Hiltruper

Missionare. Allen anderen voran sprach der Heilige Vater,

Papst Johannes XXIII., unserer hart geprüften Prälatur sein

Mitempfinden aus. 107

Die Hauptkirche wurde erst einmal nicht wieder aufgebaut,

wohl eine neue, erdbebensichere Pfarrschule

errichtet sowie Kapelle und Vorseminar erneuert. Mit

95


Nach dem Erdbeben wurde die Fassade der Kathedrale von Caravelí

nur provisorisch repariert.

einem Jahr Verspätung zogen darin im April 1961 die

ersten Jungen ein. Mitte der 1960er Jahre besuchten 36

Jungen das Vorseminar und 250 Kinder die Pfarrschule

der Hiltruper Schwestern.

Doch eine verhängnisvolle Sorge blieb und bleibt: Uns fehlen

Priester! Außer in der Stadt Caravelí konnten nur vier

Pfarreien mit Herz-Jesu-Missionaren besetzt werden:

Acarí, Yauca, Puquio und Utec. Das sind gewiss sehr

kostbare, hochwertigste Tropfen auf den heißen Stein. Dass

der Heilige Stuhl 1962 einige Landstriche der Prälatur

abtrennte, verringerte das Dilemma nur geringfügig.

Immerhin wirkten 1964 schon doppelt so viele Priester

wie vor dem Eintreffen der Hiltruper Missionare, also

statistisch ungefähr einer für 10.000 Gläubige.

96


Seelsorgeschwestern

Als erste personelle Maßnahme fasste Friedrich Kaiser

die weitere Ansiedlung von auswärtigen Priestern

und Ordensschwestern ins Auge. In Deutschland, Holland,

Belgien und Spanien suchte ich Priester und Schwestern.

Das Echo auf meinen Ruf war überall das eintönige,

einsilbige Nein. Nur für zwei Orte erhielt ich Hiltruper

Schwestern. Was tun? 108

Nach all den vergeblichen Bemühungen reifte in

Friedrich Kaiser der Gedanke, selbst eine Gemeinschaft

von Seelsorgeschwestern ins Leben zu rufen.

Kinder dieses Landes müssten es sein. Sie verstünden am

besten jene, die ihre Landsleute sind. Bei den Leuten selbst

müssten sie wohnen. Ihre Verlassenheit teilen. Mit ihnen erleben

und erleiden, was es heißt, ohne Priester, ohne Arzt,

fast ohne Verbindung mit der Welt zu leben, in den Regenzeiten

für Wochen oder Monate von jeder Verbindung mit

der Küste völlig abgeschnitten zu sein. Dort zu wohnen, wo

es keine Postverbindung oder nur so etwas wie „Postspuren“

gibt. Diese Schwestern müssten die Leute wieder zum Christentum

führen. Und wenigstens drei- oder viermal jährlich

käme ein Priester, sie zu besuchen. Er könnte dann in Zusammenarbeit

mit den Schwestern in drei oder vier Tagen

eine reiche Seelsorgeernte einbringen. 109

Friedrich Kaiser suchte 1960 den Apostolischen Nuntius

in Lima auf und schilderte ihm seine Pläne. Der

Nuntius war rasch überzeugt und drängte ihn, möglichst

bald das Abenteuer einer solchen Gründung zu

wagen. „Aber“, so wandte ich ein, „ich müsste eine erfahrene

Ordensfrau als Hilfe haben. Ich kenne eine, die in Frage

käme.“ Und die Antwort: „Bitten Sie deren Generaloberin

darum.“ „Und wenn es Schwierigkeiten gibt?“ „Dann helfe

ich Ihnen.“ 110

97


Die Ordensfrau, die sich Friedrich Kaiser als Mitstreiterin

vorstellte, war Schwester Willibrordis. Sie wurde

am 8. März 1907 in Paderborn als Therese Bonefeld

geboren. Am 11. Februar 1932 trat sie den Missionsschwestern

vom Heiligsten Herzen Jesu in Hiltrup

(Hiltruper Missionsschwestern) bei; anderthalb Jahre

später legte sie am 15. August 1933 ihre erste Profess

ab. Sie gehörte zu den ersten Hiltruper Missionspatres

und -schwestern, die am 7. Juni 1938 die Ausreise

nach Peru antraten. Schwester Willibrordis, ausgebildete

Erzieherin, sollte, nachdem sie 1961 formell

die Gemeinschaft der Hiltruper Missionsschwestern

verlassen hatte, bis 1986 die erste Generaloberin der

neuen Schwesterngemeinschaft von Caravelí sein. Im

Oktober 1998 wurde Schwester Willibrordis für „ihren

unermüdlichen Einsatz … als Botschafterin der

Nächstenliebe“ mit dem Großen Verdienstkreuz der

Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Sie starb

2002 und wurde im folgenden Jahr gemeinsam mit

Bischof Friedrich Kaiser im Mutterhaus der Gemeinschaft

in Caravelí beigesetzt.

Schwester Willibrordis (2. v. l.) und Schwester Antonia (r.)

zusammen mit P. Schmidt MSC und Schwester Reinhilde MSC

98


Neben Schwester Willibrordis war Schwester Antonia

die einzige Deutsche im Kreis der peruanischen Seelsorgeschwestern

von Friedrich Kaiser. Sie wurde am

11. Dezember 1915 als Hildegard Jürgens in Emsdetten

geboren und war am 6. November 1935 den Hiltruper

Missionsschwestern beigetreten. Beruflich zur

Medizinisch-technischen Assistentin (MTA) ausgebildet,

war sie wenige Tage nach Friedrich Kaiser, am 1.

April 1939, nach Peru ausgereist. Sie starb bereits 1971

infolge eines Schlaganfalls, in voller Seelsorgearbeit bei

den Indianern der Anden verausgabte sie ihre letzte Kraft. 111

Friedrich Kaiser entwickelte ein Werbeblatt, mit dem er

junge Frauen in Peru für seine Idee gewinnen wollte. Im

Sommer 1961 stellte er den Inhalt, ins Deutsche übersetzt,

in den „Hiltruper Monatsheften“ vor. Das Werbeblatt

umreißt die geistliche Grundlage und Ausrichtung

seines Vorstoßes gegenüber der ins Auge gefassten Zielgruppe

und soll daher in voller Länge wiedergegeben

werden:

Jungmädchen, ruft Dich Dein Heiland? – Unsere Prälatur

Caravelí ist weit ausgedehnt. Sie umfasst fünf Provinzen. Nur

einige wenige Priester sind da für die Seelsorge der zweihunderttausend

Gläubigen, die in den Bergen und Tälern verstreut

wohnen. Die ungeheure Mehrheit unserer Katholiken

leben und sterben in einer Verlassenheit, über die man weinen

möchte. – Darum brauchen wir dringend Schwestern. Aber es

muss eine ganz besondere Art von Schwestern sein, eine recht

mutige Schar, die vor keinerlei Opfer zurückscheut. Ihre wesentliche

Aufgabe wird sein, die beiden Grundübel in der Prälatur

zu bekämpfen: die furchtbare religiöse Unwissenheit und

die ebenso furchtbare Sünde. Sie weihen sich dem Heiland, um

ein Leben der lehrenden und büßenden Liebe zu führen. Dazu

sind sie da. Es wird ein hartes, aber glückliches Leben sein.

– Um ihre Aufgaben zu erfüllen, müssen sie die Verlassenheit

unserer Gläubigen teilen. In Gruppen zu dritt und viert

werden sie dort wohnen, wo es keinen Priester gibt und wohin

nur alle zwei oder drei Wochen oder gar nur alle zwei bis drei

99


Monate ein Priester kommt. So werden sie wochen- oder monatelang

ohne heilige Messe, ohne Sakramente bleiben. – Ihre

Sorge gilt den Armen, Kranken und Sterbenden. Sie werden

ferner die Kinder rechtzeitig taufen. Sie werden sich bemühen,

dass die Ehen korrekt und sakramental geschlossen werden.

Sonn- und feiertags halten sie einen Gottesdienst mit Gebeten

und Liedern, Lesung und Unterricht. Auf das Kommen eines

Priesters bereiten sie die Leute so vor, dass sie der heiligen

Messe mit Frucht beiwohnen und die Sakramente gut empfangen

können. – Mit einem Wort: Sie werden alles tun, was

der Priester tut, außer dem, wozu Priesterweihe und eigentliche

priesterliche Vollmacht erforderlich ist. – Ferner werden

sie Kindergärten führen und, wo immer es möglich ist, die

Grundschulen übernehmen. Außerdem führen sie Haushaltskurse.

Höhere Schulen übernehmen sie auf keinen Fall. Sie

sind ausschließlich für die Armen da, voll und ganz und für

immer. – Sie müssen arm sein mit den Armen, aus Liebe zu

Christus, den sie in den Armen verehren und lieben. Darum

achten sie streng darauf, dass sie in Wohnung, Nahrung und

Kleidung nicht mehr haben als das, was wir vernünftiger und

gerechter Weise auch für die Armen fordern und anstreben. –

Friedrich Kaiser und Schwester Willibrordis (oben links) und die

Gemeinschaft der Seelsorgeschwestern von Caravelí

100


In einer gründlichen Ausbildung werden die Schwestern sich

vorbereiten auf ihr Leben der lehrenden und büßenden Liebe

in der Einsamkeit unserer Berge. Die Ausbildung wird vor

allem biblisch sein. Das Wort Gottes muss ihre tägliche Speise

werden. Sie nehmen die Richtlinien ihres Lebens aus dem

Worte Gottes, z. B. aus dem, was Paulus schreibt: „Ich möchte

selber ein Verbannter sein, fern von Christus, zu Gunsten

meiner Brüder.“ Sie werden sich Worte in die Seele einprägen

wie das des heiligen Johannes: „Ich war auf der Insel Patmos,

um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen.“ – Die

Bibel muss für die Schwestern ein Tabernakel werden, in dem

sie den Heiland finden als göttliches Wort und göttliches Opfer,

‚voll Gnade und Wahrheit’, als Quelle der Kraft und des

Trostes, des tiefen Glückes und der heiligen Freude. – Jungmädchen,

möchtest Du Dich Deinem Heiland weihen, dem

göttlichen Wort und dem göttlichen Opfer, in einem Leben der

lehrenden und büßenden Liebe? 112

Vor dem Hintergrund dieses Ansatzes, so den pastoralen

Notstand in der Prälatur von Caravelí zu lindern,

entstand mit Gründungsdatum vom 22. Juni 1961

die Genossenschaft der „Misioneras de Jesús Verbo

y Victima“ (MJVV), also die „Missionsschwestern

vom lehrenden und

sühnenden Heiland“, wie Friedrich

Kaiser die Bezeichnung ins Deutsche

übersetzt.

Das den Hiltruper Missionaren vertraute

Bild des geöffneten Herzens Jesu wird in dieser

Bezeichnung in eine Beziehung zu den Menschen gesetzt.

Christus, der sich der Menschen erbarmt, lehrt

sie das Evangelium vom anbrechenden Gottesreich

und gibt als guter Hirte sein Leben für die Seinen dahin.

Die Schwestern, die ich gründete, tragen eine Brosche

mit der Inschrift „Caridad Docente y Penitente“ – „Lehrende

und Büßende Liebe“. Wie das Kreuz die Schwestern zum

Büßen ruft, so die Bibel zum Lehren. 113

101


„Als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit

ihnen, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten

haben“ (Mt 9,36). Und ein anderes Mal: „Als Jesus die

vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. … Dann

begann er zu reden und lehrte sie“ (Mt 5,2). Hier ist

„Lehre“ nicht als dürre Theorie gemeint, sondern „er

lehrte sie wie einer, der göttliche Vollmachten hat, und

nicht wie ihre Schriftgelehrten“ (Mt 7,29). Die Wahrhaftigkeit

seines Anspruchs besiegelt Jesus am Kreuz mit

seinem Blut: „Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde

ich alles an mich ziehen“ (Joh 12,32). Sühne meint: dem

Bösen das Gute entgegensetzen; der Schuld die Liebe;

dem Versagen die Verzeihung. Am Kreuz setzt Jesus

der Bosheit und Gleichgültigkeit der Menschheit seine

Liebe entgegen und wirft sozusagen seine eigene Hingabe

in die Waagschale, die so viel tiefer, konsequenter,

gewichtiger ist und alles aufwiegt, was der Mensch dagegenhält.

In seinem leidenden Sohn zeigt Gott: Keine

Schuld der Welt könnte so groß sein, als dass er sich von

uns abwenden könnte; kein Versagen des Menschen

könnte so abgründig sein, als dass sich Gott „zurückziehen“

müsste. Hier vollzieht sich die Versöhnung

(„Sühnung“) der Menschheit mit Gott. Der Kirche ist

aufgetragen, das „Wort von der Versöhnung“ (2 Kor

5,19) zu verbreiten und alle Völker zu lehren, „was ich

euch geboten habe“ (vgl. Mt 28,20).

Wohl kein Studium reift den Menschen so sehr wie das

betende Studium der Bibel, so Friedrich Kaiser. Bei der

Aufnahme ins Noviziat wird den Schwestern feierlich eine

Bibel überreicht. Vorher hält der Priester die Bibel empor,

wie vor dem Empfang der heiligen Kommunion die Hostie,

und sagt: „Seht das Wort Gottes, das erleuchtet die Finsternis

der Welt.“ Dreimal antwortet die Schwester: „Herr, ich

bin nicht würdig, Dein Wort zu empfangen, aber vertrau Es

mir an, und ich will Es den Menschen verkünden.“ 114 Das

Wort Gottes zu verkünden und die Menschen dabei zu

begleiten, als Versöhnte (mit Gott, mit dem Nächsten,

102


Friedrich Kaiser überreicht einer

Novizin die Heilige Schrift.

mit sich selbst) zu leben – dies ist der Anspruch und

Auftrag, der in der Bezeichnung „Misioneras de Jesús

Verbo y Victima“ enthalten ist.

Das Gründungs- und Mutterhaus erhielt den Namen

„Cenáculo“, benannt nach dem lateinischen Wort für

den Abendmahlssaal. Die Außenstellen der Schwestern

wurden, wie schon im Werbeblatt Friedrich Kaisers

angesprochen, „Patmos“ genannt – in Anlehnung

an die besagte Passage im Buch der Offenbarung: „Ich

war auf der Insel, welche Patmos heißt, wegen des

Wortes Gottes und wegen des Zeugnisses für Jesus“

(Offb 1,9). In einem „Patmos“ arbeiten sechs bis acht

Schwestern, von einem solchen Missionszentrum aus

werden zahlreiche Ortschaften betreut.

Im Wirken als Seelsorgeschwestern sind nicht nur

praktische Fertigkeiten unabdingbar, sondern auch

ein theologisch-spirituelles Fundament. Die Ausbildung

und Vorbereitung der Schwestern für ihren Einsatz

103


dauert insgesamt wenigstens fünf Jahre. Bibelstudium, Dogmatik,

Moraltheologie, Kirchengeschichte, Liturgie und Kirchenrecht

sind die Hauptfächer. Dazu kommen Pastoral, Katechese,

Beredsamkeit, Sozialwissenschaften, Studium der

Indianersprache, Kurse und Praxis in Krankenbehandlung

und -pflege und anderes mehr. 115

Die soziale Situation der Anden-Bewohner

Es wäre vermessen, auf wenigen Seiten ein umfassendes

Bild der sozialen und pastoralen Situation in den

Anden zeichnen zu wollen, zumal für einen relativ

langen Zeitraum von rd. 35 Jahren, in denen Friedrich

Kaiser hier wirkte. Gleichwohl hat Friedrich Kaiser

selbst es immer wieder versucht, seinen Freunden und

Gönnern in Europa zumindest einen Eindruck von der

Lage der Kirche in Peru und zumal in der „Sierra“ zu

vermitteln. In dem schon erwähnten Buch „Der Ruf

aus den Anden“ finden sich zahlreiche Erlebnisberichte

und Landschaftsbeschreibungen – die jede Spur

einer vielleicht vermuteten Sozialromantik vermissen

lassen.

Wir haben nicht allein an die Seelen gedacht, betonte

Friedrich Kaiser in den „Hiltruper Monatsheften“ im

August 1963. Gerade in Südamerika sind die religiösen

Schwierigkeiten engstens mit den sozialen verknüpft. Predigten

in unserer Kirche in Lima, die sich mit der sozialen

Haltung der Kirche beschäftigten, sind mehr als einmal als

„kommunistisch“ verketzert worden. In den Oberklassen

der höheren Schulen, vor den Jugendgruppen und Studenten

haben wir die Grundbegriffe der sozialen Gerechtigkeit

dargelegt. Manches ist in die Herzen und Köpfe der Jugendlichen

eingegangen, von dem sie vorher nie eine Vorstellung

hatten. Sie verschlossen sich diesen Gedanken keineswegs. 116

Dieses Resümee bezieht sich auf Lima und den Küs-

104


tenstreifen; die Lage in den Anden stellte sich ungleich

problematischer dar.

Da sind zunächst die für westeuropäische Maßstäbe

nur schwer vorstellbaren geografischen und klimatischen

Eigenheiten der Anden. Sie bieten nur unzureichende

Voraussetzungen für eine entwickelte Zivilisation

und erklären die seit Jahrzehnten anhaltende

Landflucht hinunter in den Küstenstreifen – wenngleich

sich auch hier die Hoffnungen auf ein besseres

Leben schnell zerschlagen. Aber wenigstens sind Witterung

und Vegetation am Pazifik eine freundlichere

als in den Anden, wo Menschen in Gegenden von 3.000

bis 4.000 Höhenmetern leben. Überall leben die Leute im

größten Elend. Sie sind arm an allem, nicht nur in religiöser

Hinsicht, sondern auch an materiellen Gütern. Arm sind sie

ferner an Gesundheit, an Arbeitslust, sind sogar vielfach arm

an Mut zum Leben. Kaiser nennt auch das kalte Klima mit

seinen starken Schneefällen. Nachtfröste und Hagelschlag

Friedrich Kaiser klettert über

einem Abgrund entlang,

nachdem der ursprüngliche

Weg bei einem Erdrutsch

weggerissen wurde.

105


sind häufig. Sie schaden der Ernte oft oder vernichten sie

völlig. 117 In diesen schwierigen Verhältnissen kann von

einer intakten Infrastruktur und von allseits respektierten

sozialen Standards nicht immer ausgegangen

werden. Die unmittelbarste Ursache des Elendes ist die

ständige Plage der Viehdiebstähle. Organisierte Banden gehen

darauf aus. Aber auch Einzelpersonen machen diese Art

Diebstahl zu ihrem Gewerbe. Es ist eine soziale Seuche. Die

Banden sind nicht auszurotten. Die genannten Faktoren,

verursacht durch Naturkräfte oder böse Menschen, ziehen

die beklemmende Folge nach sich, dass sich die Menschen

häufig ohne Motivation und phlegmatisch in ihr

Schicksal fügen. Wer hat Lust, zu säen oder zu pflanzen?

Frost und Hagel vernichten zu oft alles. Wozu sich um größere

Herden bemühen? Gerade größere Viehmengen ziehen

die Raubbanden an. Wo die Aufzucht von Pflanzen und

Tieren nur ungenügend betrieben werden kann, da

wird auch die gesunde Ernährung unmöglich. Allüberall

finden wir, dass die Leute ganz ungenügend zu essen

haben. Sie nähren sich von Gerstensuppe, meist aber von

erfrorenen Kartoffeln, die man kocht, aber ohne Salz; denn

das ist sehr rar und teuer. … Die Mehrzahl aller Erwachsenen

klagt über Kopfschmerzen und Schwindelgefühl. Sie

möchten Medizinen von uns haben. Aber die Ursache des

Übels ist der Hunger. Die einzige Medizin dagegen wäre eine

bessere Ernährung. 118

Als ein Hungertal bezeichnete Friedrich Kaiser die Gegend

um Caravelí. Trotz seines wundervollen, trockenen

Höhenklimas gibt es unter den Leuten viele Tuberkulosekranke.

Meistens ist das eine Folge von Unterernährung.

Wir haben den Leuten helfen dürfen, und sie danken uns,

resümierte Friedrich Kaiser 1963. Und er blickte in die

Zukunft: Das Tal von Caravelí könnte sehr fruchtbar sein,

wenn Wasser vorhanden wäre. Regen kennen wir nicht; deshalb

hängt der Ernteertrag von der künstlichen Berieselung

106


Eine Seelsorgeschwester im Gespräch mit einem Indio

ab, die wir von einem Fluss ableiten. Auch dabei konnten

wir behilflich sein mit einer Gabe des „Misereor“-Opfers.

Außerdem erreichten wir bei den Behörden in Lima, dass

eine Verbesserung der Straße aus dem Hochland zur Küste

in Angriff genommen wird. Die Hiltruper Missionare

hätten in Caravelí schon wirksame Hilfe geleistet; im

Hinterland der Prälatur wartet aber immer noch viel Elend

auf unsere Hilfe. Dabei soll die Gemeinschaft der einheimischen

Schwestern wirksam Hand anlegen. 119

In diesem Hinterland, zumal in den Hochlagen der Anden,

existierte eine besondere Not: Die Kälte ist einer der

Gründe, weshalb die Leute unserer Sierra das Feuerwasser

lieben. Mitunter, so schildert Friedrich Kaiser seine Erfahrungen

von Pastoralbesuchen in den Anden, seien

ganze Ortschaften regelrecht verschnapst. 120 „Wozu habt

ihr uns eigentlich gerufen? Gewiss nicht aus Liebe zur

Gottesmutter. Sicher nicht, um ihren Festtag würdig

zu feiern“, so beschwerte sich in einem der Erlebnisberichte

Kaisers eine Seelsorgeschwester bei den Bewohnern

einer Ortschaft, wo das Kirchweihfest begangen

107


werden sollte. „Eure Religion besteht aus Schnaps, Fußball

und Prozession. Schämt euch. Ihr seid Heuchler.

Nur an euch selbst denkt ihr. Nichts kümmert euch

Gott, das Gotteshaus. Nichts kümmert euch seine Mutter.

Denkt nur an Fußball, Essen und Schnaps. Ich empfehle

euch, den Festtag nächstes Jahr anzukündigen

als ‚Patronatsfest von Schnaps und Fußball in Hingas’.

Und sagt eurem Bürgermeister und seinem Rat, dass ihr

Wort so wertlos ist wie sie selbst. Sie sind keine Männer.

Sie sollen polleras (= einheimischer bunter Frauenrock)

anziehen. Das stände ihnen.“ 121

Diese Erscheinungen sind nur die Folgen sozialer Perspektivlosigkeit.

Zu den Ursachen gesellschaftlicher

Rückständigkeit müssen die immensen Entfernungen

und weiten Wege gezählt werden. So ist der Weg von

Caravelí im Süden des Landes bis Andabamba, dem nördlichsten

„Patmos“, in Kilometern fast genauso lang wie

die Luftlinie von Königsberg im äußersten Osten des alten

Deutschland bis nach Brest im äußersten Westzipfel Frankreichs,

versuchte Friedrich Kaiser die Dimensionen zu

verdeutlichen. Neulich kam eine Schwester vom „Patmos“

Friedrich Kaiser und zwei Seelsorgeschwestern auf Reittieren, 1965

108


Progreso nach Caravelí. Auf diesem Weg verbrachte sie sechzehn

Stunden auf dem Pferd, acht Stunden auf einem Lastwagen

und etwa vierzig Stunden in Omnibussen. 122

So fand Friedrich Kaiser Ortschaften vor, in denen vor

zehn Jahren zuletzt ein Priester gesehen wurde. Dann

gab es wiederum Missionsgebiete, in denen nicht einmal

Spanisch gesprochen wurde. Manche Schwestern

sprechen die Indiosprache (Quechua) von klein auf. Die anderen

lernten sie in Caravelí. 123

Dass sich unter solchen Umständen seit Generationen

kaum eine tief greifende Verkündigung des Evangeliums,

eine spirituelle Praxis einschließlich Liedern und

Gebeten, eine wirkliche religiöse Prägung des gemeinschaftlichen

Lebens nachhaltig entfalten konnte, liegt

auf der Hand. Treuherzig und traurig bekannten die Indios:

„Schwester, wir sehen und hören nie etwas von einem Priester;

noch weniger ist je eine Schwester hierher gekommen.

Wir wissen nicht, was Messe und Beichte ist. Auch sonntags

denken wir nicht mehr an Gott.“ Und sie bettelten: „Schwester,

wenn wenigstens Sie einmal im Jahr zu uns kämen. Wir

sind ganz verlassen. Niemand denkt an uns.“ 124

Es ist leicht vorstellbar, dass mit der religiösen auch

eine geistige Abgeschiedenheit einhergeht, dass abergläubische

Vorstellungen die Menschen belasten können.

So berichtet Friedrich Kaiser, dass eine seiner

Schwestern im Fach „Naturkunde“ die jungen Mitschwestern

ausbildete. Wozu das? Die Menschen hier

haben nur abergläubische Erklärungen für die Naturerscheinungen

wie Regen und Schnee, Donner und Blitz, Wind

und Erdbeben. All dies bewirken gute oder böse Geister und

Mächte. Unterweisungen und klare Begriffe sind das wirksamste

Mittel gegen den Aberglauben. 125

109


Friedrich Kaiser im Gespräch mit einem Andenbewohner

Friedrich Kaisers Aufzeichnungen lassen stets gekonnt

die Tragik oder Komik einer erlebten Situation

erfassen. Stets sprach er aber mit Respekt und Mitgefühl

von den ihm anvertrauten indianischen Gläubigen

und warb um Verständnis. Es gibt Bräuche bei den

Christen in den Anden, die den Europäern eigenartig, ja

fremdartig vorkommen, die aber hingenommen und respektiert

werden müssen. 126 Alles andere wäre vergebliche

Mühe. Daher konnten auch Friedrich Kaisers Seelsorgeschwestern

nicht einfach das Gegensätzliche

betonen, sondern mussten ein Nebeneinander und

bestenfalls ein Miteinander von vorgefundenen Gegebenheiten

und christlichem Verkündigungsauftrag

suchen. Vor allem muss zunächst beachtet werden, dass für

unsere Indianer die alten Gewohnheiten und Bräuche viel

wichtiger sind und von ihnen viel höher geachtet werden als

jedwedes Gesetz. 127

Mit ehrlicher Anteilnahme fragte Friedrich Kaiser einmal:

Was können wir tun, um die lieben, armen, verheideten

Christen wieder katholisch zu machen? 128

110


Pastorale Bemühungen

Die „Missionarinnen vom lehrenden und sühnenden

Heiland“ wurden im Laufe der Zeit mit immer mehr

Aufgaben betraut.

Sie lehren und taufen, feiern Wort- und Kommuniongottesdienste,

predigen, reichen die Hl. Kommunion, sorgen für sakramentale

Eheschließungen, stehen Kranken und Sterbenden

bei, leiten die Begräbnisse, bilden Katechisten aus und fördern

deren Arbeit, führen die Pfarrbücher, arbeiten als Krankenschwestern,

wirken in der Geburtshilfe und im Mutter- und

Kinddienst, betätigen sich als Zahn-„Ärztinnen“, walten als

Haushaltslehrerinnen, erteilen Mädchen und Frauen Kochunterricht,

geben Zuschneide- und Nähkurse, bekämpfen

Alkoholismus und Kokaismus. So stellte Friedrich Kaiser

1987 einen Überblick zusammen. Und er fügte hinzu:

Das Gesundheitsministerium hat diese Tätigkeit der Schwestern

ausdrücklich durch ein Dekret autorisiert. 129

Wichtige seelsorgliche Methode der Schwestern ist der

regelmäßige Besuch in den zahllosen mitunter kleinsten

Ortschaften der Andenregion – auch wenn die

Dorfbewohner begrüßen die eingetroffenen Schwestern

und ihre Reittiere.

111


Reise Tage dauern kann und der Aufenthalt vor Ort

nur kurz währt. Wohin die Missionarinnen kamen, waren

die Bewohner völlig überrascht und zugleich überglücklich,

Schwestern zu sehen, so schildert Friedrich Kaiser

einmal die Erlebnisse der Schwestern bei einer ihrer

Seelsorgereisen. Dass es im fernen Pauza Schwestern gab,

das war zu ihnen gedrungen. Dass aber die Schwestern je zu

ihnen kommen würden, das hatten sie nicht gedacht. Nun

waren sie wahrhaftig da. So schnell verflog der eine Tag, den

die Schwestern jedem Ort widmen konnten, so bald kam der

Abschied. … Während dieser Tage tauften die Schwestern

18 Kinder, nur kleine. Die größeren und die Erwachsenen

müssen bei einem späteren Besuch genügend vorbereitet

werden. 130

Der Ort hat nur 80 Einwohner, aber 60 sind bei allen Gottesdiensten

zugegen, so ein anderer Tätigkeitsbericht. Die

Schwestern belehren die Leute, singen und beten mit ihnen.

Sie erklären ihnen das Wesentliche der Eucharistie, und dass

die Todsünde von der Kommunion ausschließt. Über zwanzig

Personen empfangen nachher den verborgenen Gott.

Den ganzen Tag über gibt es Arbeit. Jugendliche bis zu 15

Jahren müssen auf die Taufe und Erstkommunion vorbereitet

werden. Dann die Paare, die heiraten wollen. Dazu kommt

Besuch der Kranken, denen Medikamente und Verhaltensregeln

gegeben werden müssen. 131

Wie fast alle Orte hat auch dieser eine Kapelle; aber der Tabernakel

fehlt, eben wie überall. Leider ist er ja auch überflüssig,

da Jahre hindurch keine heilige Messe gefeiert und

die Eucharistie nie aufbewahrt wird. So die Schilderung

aus einem weiteren Ort. In solchen Fällen feiern die

Schwestern Wortgottesdienste und spenden die Kommunion.

Auf ihren Missionsreisen tragen die Schwestern

das Allerheiligste unter dem Kleid auf der Brust. 132 Was

heute ganz geläufig klingt, war zunächst eine große

112


Neuheit: Friedrich Kaiser war der erste Seelsorger in

Peru, der für seine Schwestern die Genehmigung erlangte,

die Kommunion reichen zu dürfen. Aber was

nützt das, wenn die Schwestern nicht selten klagten,

ihre missionarische Arbeit werde durch die fast totale religiöse

Unwissenheit der Bewohner mitbestimmt?

Die Vermittlung und Spendung der kirchlichen Sakramente

wie Taufe, Buße, Eucharistie oder Trauung ist das

eine. Etwas Anderes sind Bräuche und Volksfrömmigkeit,

die nicht nur in Peru mitunter ein starkes Eigenleben

entwickelt haben. Insbesondere hat bei den Indios

die Sorge um die Verstorbenen einen hohen Stellenwert.

„Während der drei Tage mussten wir Gottesdienste halten,

einen für die Toten fast jeder Familie“, so schilderte

eine Schwester ihren Einsatz. „Jeder von uns brachte es

täglich auf sieben oder acht. Eine wirkte in der winzigen

Kirche, die andere in der Schule. In jedem Gottesdienst

predigten wir Grundwahrheiten des Glaubens.

Friedrich Kaiser bei der

Einweihung eines Friedhofs

113


In den Zwischenzeiten sprachen wir zu Gruppen, die

sich immer einfanden. Die Leute umdrängten uns ständig.

Wir zogen auch mit der ganzen Einwohnerschaft

zum Friedhof und segneten die Gräber mit Weihwasser.

Das haben wir ja immer bei uns.“ 133

In den Anden, so berichtet Friedrich Kaiser, seien Todesfälle

durch Unglück oder Verbrechen nicht selten.

Da gibt es Abstürze in den Bergen, Ertrinken beim Durchqueren

eines Flusses, Bisse von giftigen Schlangen und anderem

Getier sowie Totschlag und Mord. Für den Glauben

und die Mentalität der Indios sei es bezeichnend, dass

der Verstorbene so lange keine Ruhe finden könne, bis

am Ort des Todes ein Kreuz oder Gedenkstein errichtet

sei. Hier mischt sich betende Trauer mit abergläubischem

Brauch. 134

Besonders, so eine Beobachtung Friedrich Kaisers,

entsprechen feierliche Prozessionen, oft mehrtägig,

dem Gemüt und Geschmack der Indios. Anlass ist in

der Regel das Patronatsfest oder sonst ein Heiligen-

Gedenktag. Soweit man schauen kann, stehen Altäre. Bei

Seelsorgeschwestern begleiten eine Prozession.

114


jedem Altar ist die betreffende Familie versammelt, die hofft,

dass ihr Altar heute noch an die Reihe kommt. Viele Männer

und Frauen sind bereits völlig betrunken. Hier und da liegt

und hängt eine betrunkene Person schlafend über dem Altartisch.

Und bei jedem Altar befindet sich eine „Musikkapelle“,

drei oder vier Männer mit Gitarre, Harfe, Klarinette oder

sonstigen Instrumenten. Manche lassen nur ein Grammophon

laufen, aber recht laut, damit es gegen die Konkurrenz

ankommt. Jede Kapelle spielt ihre eigenen Weisen, ganz unbekümmert

um das, was die Nachbarkapellen produzieren.

Also: gleiches Recht für alle! Das Ganze ist eine Nervensäge,

ein Höllenlärm; nennt sich aber „Musik“. 135

Das Bemühen der Seelsorgeschwestern ging dahin,

wenigstens zweimal im Jahr einen Priester in ihre Pfarrgebiete

zu bekommen. Und das gelingt auch nicht immer. Er

kommt zu Leuten, die im Glauben unterrichtet sind, die betend

und singend an der heiligen Messe teilnehmen, die vorbereitet

sind auf den Empfang des Bußsakramentes und der

heiligen Kommunion. 136 Oft muss dies unter freiem Himmel

geschehen, da ein Kirchenraum nicht vorhanden

oder zu klein ist. Trotz der furchtbaren Kälte beeilt sich der

Priester nicht im geringsten, so schildert Kaiser einmal

eine derartige Situation. Die Predigt fällt aus. Aber seine

Haltung und sein Handeln sind Predigt. Die Schwestern

und einige Leute, die gestern Abend noch beichteten, kommunizieren.

Hier eine unliturgische Pause: Der Pater reibt

sich die Finger. Die sind starr vor Kälte. Auch danach kann

er nur mit Mühe die hl. Hostie fassen, die er zur Kommunion

reicht. Während der Gebete des Priesters nach der Kommunion

betet eine der Schwestern laut und in freier Formulierung,

in Worten, die nochmals zum Ausdruck bringen: Hier

ist Golgota! Derselbe Opferpriester, dieselbe Opfergabe, dieselbe

Opferliebe im Herzen des Welterlösers. Zur Rettung

der Seelen. 137

115


Eine Seelsorgeschwester betrachtet mit Kindern eine Zeitung.

Begriffe wie „Opferliebe“ oder „Rettung der Seelen“

lassen den katholischen Westeuropäer des 21. Jahrhunderts

möglicherweise ratlos werden. Auch der Eifer der

Seelsorgeschwestern von Caravelí um einen gültigen

Vollzug und Empfang der Sakramente unter derart

eingeschränkten und primitiven Umständen irritiert.

Hierzu einige kritische Einwürfe zum verbreiteten Verständnis

vom sakramentalen Handeln der Kirche: Wo

die Wirkmächtigkeit des Sakramentes auf einen sozialen

Appell reduziert wird, da wird auch der Dienst des

Priesters nebensächlich und der Berufung zum Priesteramt

kaum mehr Verständnis, geschweige denn Wertschätzung

entgegengebracht. Wenn insbesondere das

eucharistische Geschehen kaum mehr im Kontext der

Realpräsenz des Herrn und seiner Lebenshingabe gedeutet

und vermittelt wird, da wird auch die gläubige

und liebevolle Verehrung der eucharistischen Gestalten

von Brot und Wein fragwürdig; da gelangt folgerichtig

auch die Teilnahme am Gottesdienst in den Bereich der

Beliebigkeit. So ist auch das Bemühen der „Misioneras

de Jesús Verbo y Victima“, die Beziehung der Gläubigen

gerade zur Eucharistie zu stärken und derart hin-

116


gebungsvoll das Wirken der Priester zu unterstützen

bzw. deren Fehlen nach Möglichkeit auszugleichen,

manchem heutigen Zeitgenossen kaum verständlich.

Wenn Friedrich Kaiser hin und wieder mit Blick auf seinen

Seelsorgesprengel von den vielen Getauften spricht,

die auch noch Christen werden müssen, so beschreibt dies

heute eine Wirklichkeit auch der Kirche in Deutschland

und Europa.

Zweites Vatikanisches Konzil

Doch wir sind den Ereignissen vorausgeeilt und zu

den pastoralen Entwicklungen in Westeuropa abgeschweift,

die sich erst ab den späten 1960er Jahren immer

klarer abzeichnen sollten. Ihnen voraus gingen

große gesellschaftliche und kirchliche Umbrüche, die

insbesondere in Europa zunächst als Aufbrüche in

eine neue Zeit begrüßt wurden. Knapp ein Jahr, nachdem

Friedrich Kaiser vom Vatikan zum Leiter der neuen

Prälatur von Caravelí berufen worden war, starb

Papst Pius XII. (1876–1958) im Oktober 1958. Mit dem

Tod dieses Papstes ging ein Pontifikat zu Ende, das

fast zwei Jahrzehnte gewährt hatte: Seit März 1939 (als

Friedrich Kaiser nach Peru ausreiste) hatte Pius XII.

auf dem Stuhl Petri gesessen. Ihm folgte mit Johannes

XXIII. ein ganz anderer Typ: Der rundliche, joviale Angelo

Roncalli (1881–1963), ein Bauernsohn, ließ sich so

gar nicht mit seinem asketischen, aristokratischen Vorgänger

Eugenio Pacelli vergleichen. Als die Kardinäle

den 77-jährigen Patriarchen von Venedig zum neuen

Oberhaupt der katholischen Kirche wählten, dachten

sie wohl an eine Art „Übergangspapst“, von dem man

kaum nennenswerte Umwälzungen zu erwarten bzw.

zu befürchten habe. Das Gegenteil sollte sich schon

bald erweisen, kündigte er doch bereits Anfang 1959

die Einberufung eines Konzils an.

117


Papst Johannes XXIII. wollte die Kirche näher an die

Wirklichkeit der modernen Welt heranführen und

„Fenster öffnen“, damit ein „frischer Wind“ die Kirche

erfülle. Sein verbreitetes Diktum vom „aggiornamento“

meinte ein „Heute-Werden“ kirchlicher Verkündigung

und Pastoral, aber auch eine zeitgemäße Umformung

der äußeren Gestalt der Kirche. Mit dem Zweiten Vatikanischen

Konzil (1962–1965) wurde eine innerkirchliche

Umwälzung eingeleitet, die noch wenige Jahre

zuvor undenkbar gewesen wäre und deren Folgen bis

heute noch immer nicht absehbar sind. Die Neubesinnung

auf das Wesen der Kirche stellte die Begriffe vom

„Volk Gottes“ und einer „pilgernden Kirche“ in den

Mittelpunkt. Ganz neu betont wurde die Beteiligung

der Laien am kirchlichen Leben und Verkündigungsauftrag

und ihre Eigenverantwortung im persönlichen

Glaubensvollzug, in Familie und Öffentlichkeit. Ein

weiterer Schwerpunkt der verhandelten Themen bildete

ein erneuertes Verständnis vom Priester- und Bischofsamt

und damit vom kirchlichen Leitungsstil, der nicht

länger ausschließlich hierarchisch, sondern ergänzend

unter dem Grundgedanken der „Kollegialität“ definiert

wurde. Auch nach außen hin vollzog das Konzil eine

korrigierte Standortbestimmung gegenüber den anderen

Konfessionen, Religionsgemeinschaften und überhaupt

zur modernen Lebenswelt in ihren vielen gesellschaftlichen

Facetten und politischen Systemen.

Friedrich Kaiser gehörte von Anfang an, schon als Prälat,

zu den „Konzilsvätern“ des Zweiten Vaticanums

und war Teilnehmer an allen vier Sitzungsperioden.

Er sprach dort mit vielen anderen Konzilsvätern, und

zwar, wenn ich das einmal sagen darf, mit ganz gezielter Absicht.

Er schildert möglichst vielen Amtsbrüdern die

bedrängende pastorale Lage in seinem Land. Manche

haben mir eingestanden: Wir haben nicht gewusst, dass es

so schlimm ist, dass es so etwas heute noch gibt. Ein aus

Deutschland stammender Missionsbischof, der in Indien ar-

118


Friedrich Kaiser (r.)

als Teilnehmer des Zweiten

Vatikanischen Konzils auf

dem Petersplatz in Rom

beitet, hat mir versichert: Nein, so etwas gibt es bei uns in

Indien nicht. Friedrich Kaiser betonte in seinen Gesprächen,

die Zahl der Priester sei nicht nur ungerecht, sondern

sogar unrichtig über die Erde verteilt. Kein Staat kann es

sich leisten, seine Truppen nur auf wenige Abschnitte seines

Riesengebietes zu konzentrieren, den großen Rest seines

Landes aber dem Feind ungeschützt zu überlassen. 138

In Rom konnte Friedrich Kaiser auch an ganz konkreten

Beratungen teilnehmen. Eine Option für die Missionsgebiete:

Ein Priester allein genügt in den lateinamerikanischen

Pfarreien nicht. Es müssen Gruppen von drei

Priestern sein, die wechselweise zu zweit in die Dörfer der

Umgebung wandern, während immer einer in der Stammgemeinde

bleibt.

Als das vorletzte von insgesamt 16 Dokumenten verabschiedeten

die Konzilsväter, zu denen bei sämtlichen

Sitzungsperioden auch Friedrich Kaiser gehörte, im

Dezember 1965 das Dekret „Ad Gentes“ über die Missionstätigkeit

der Kirche. Hier wird „Mission“ nicht

119


als Randerscheinung kirchlichen Wirkens gesehen,

sondern als eine Form von Grundvollzug kirchlichen

Auftrags: „Der Grund dieser missionarischen Tätigkeit

ergibt sich aus dem Plan Gottes, der ‚will, dass alle

Menschen heil werden und zur Erkenntnis der Wahrheit

gelangen. Denn es ist nur ein Gott und nur ein

Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch

Christus Jesus, der sich selbst als Lösegeld für alle hingegeben

hat’ (1 Tim 2,4-6), ‚und in keinem andern ist

Heil’“ (AG 7). Deutlich stellt das Konzilsdokument heraus,

dass – „um allen Menschen das Geheimnis des

Heils und das von Gott kommende Leben anbieten zu

können“ – die Kirche sich „einpflanzen“ lassen müsse

in die sie umgebenden Gesellschaften und Gruppen,

„und zwar mit dem gleichen Antrieb, wie sich Christus

selbst in der Menschwerdung von der konkreten

sozialen und kulturellen Welt der Menschen einschließen

ließ, unter denen er lebte“ (AG 10).

Eine weitere starke Formulierung sei hier zitiert: „Um

dieses Zeugnis Christi mit Frucht geben zu können,

müssen sie (die Christen) diesen Menschen (den Nichtchristen)

in Achtung und Liebe verbunden sein. Sie

müssen sich als Glieder der Menschengruppe, in der sie

leben, betrachten; durch die verschiedenen Beziehungen

und Geschäfte des menschlichen Lebens müssen

sie an den kulturellen und sozialen Angelegenheiten

Taufe eines Kindes durch

eine Seelsorgeschwester

120


teilnehmen. Sie müssen auch mit ihren nationalen und

religiösen Traditionen vertraut sein; mit Freude und

Ehrfurcht sollen sie die Saatkörner des Wortes aufspüren,

die in ihnen verborgen sind. Sie sollen aber auch

den tief greifenden Wandlungsprozess wahrnehmen,

der sich in diesen Völkern vollzieht. Sie sollen dahin zu

wirken suchen, dass die Menschen unserer Zeit, allzu

sehr auf Naturwissenschaft und Technologie der modernen

Welt bedacht, sich nicht den göttlichen Dingen

entfremden, sondern im Gegenteil zu einem stärkeren

Verlangen nach der Wahrheit und Liebe, die Gott uns

geoffenbart hat, erwachen. Wie Christus selbst das Herz

der Menschen durchschaut und sie durch echt menschliches

Gespür zum göttlichen Licht geführt hat, so sollen

auch seine Jünger, ganz von Christi Geist erfüllt,

die Menschen, unter denen sie leben und mit denen

sie umgehen, kennen; in aufrichtigem und geduldigem

Zwiegespräch sollen sie lernen, was für Reichtümer der

freigebige Gott unter den Völkern verteilt hat; zugleich

aber sollen sie sich bemühen, diese Reichtümer durch

das Licht des Evangeliums zu erhellen, zu befreien und

unter die Herrschaft Gottes, des Erlösers, zu bringen“

(AG 11).

In seiner Wahrnehmung und Wirkung hat das hier zitierte

Konzilsdekret „Ad Gentes“ über die kirchliche

Mission bei Weitem nicht jene Bedeutung und Ausstrahlung

erlangt wie andere Konzilsdokumente.

Peru im Umbruch

„Ad Gentes“ war noch gar nicht publiziert, da nahmen

die „Hiltruper Monatshefte“ in ihrer Dezember-Ausgabe

1965 schon einen Rückblick auf die vorangegangene

Zeit des konziliaren Aufbruchs vor. „Es ist schwer,

sich jetzt schon ein Urteil zu bilden, inwieweit das

Konzil in der Gesamtkirche greifbare und dauernde

Früchte zeitigen wird“, meint der Herz-Jesu-Missionar

121


Bernhard Siebers. „Noch schwieriger ist das in Südamerika,

hier in Peru, weil die Tagesmeinungen so

schnell wechseln, dass morgen vergessen sein kann,

was heute in aller Munde ist. Eins ist sicher: Das große

Geschehen in Rom ist hier mit Interesse verfolgt worden,

und alle stehen aufnahmebereit und bejahend

zu den Entscheidungen des Konzils. Verschiedene

Arten von Parteibildung und Auseinandersetzungen

zwischen jung und alt, zwischen konservativen und

fortschrittlichen Gruppen, wie sie aus europäischen

Ländern berichtet werden, gibt es hier nicht. Freilich

fehlt hier auch für einen ‚Kampf’ der Ideen grundsätzlicher

Art die Voraussetzung: ein breites, theologisch

geschultes Publikum und die entsprechende Presse.“

139 Dies wird für das Anden-Hochland und für den

Amazonas-Regenwald noch mehr gegolten haben als

für die Städtelandschaft in der Küstenregion Perus.

„Äußerlich betrachtet hat die Erneuerung rasche Fortschritte

erzielt“, meinte Siebers. „Ich glaube den Leuten,

die es wissen können, dass Peru in dieser Hinsicht

das fortschrittlichste Land Südamerikas ist.“ Zu den

äußeren Veränderungen zählte er, „dass die Soutane

des Priesters durch den dunklen Anzug abgelöst wurde.“

Da mag man es als eine vielsagende Beobachtung

deuten, dass in derselben Ausgabe der „Hiltruper Monatshefte“

Friedrich Kaiser in Soutane bei einem Ritt

auf dem Pferd zu sehen ist …

In eben jenem Heft erhalten wir auch einige schmale

Hinweise zur Lage der Kirche in Peru in jener Zeit. So

bemerkt ein anderer Autor und Herz-Jesu-Missionar,

Leopold Wesselmann, dass man sich wundern müsse,

dass in Peru „die Kirche wieder die große Rolle

spielt, die sie spielt“. Er gibt rückblickend auf die jüngere

Geschichte zu bedenken, „wie gering der Einfluss

der Kirche nach einem Jahrhundert der Kirchenfeind-

122


Zwei Mädchen studieren die Heilige Schrift.

lichkeit“ geworden sei. „Für lange Zeit war der Kirche

jeder Einfluss auf die Erziehung, überhaupt jede

öffentliche Tätigkeit untersagt. Diese Entwicklung

aber ist einer der Gründe für den Priestermangel in

Peru, der in solchem Ausmaß und für so lange Zeit

in der Kirchengeschichte einmalig ist.“ Nun, 1965, sei

die Kirche in Peru „anwesender“, als manche zugeben

wollten und anderen lieb sei. Keine politische Gruppe

mit Aussicht auf Erfolg wage es, eine antichristliche

Haltung einzunehmen. Allerdings sei es zu wenig, die

Kirche nur als gesellschaftliche Gegnerin oder als die

im Volk respektierte Größe zu fürchten. „Wichtiger ist,

die vorhandene Macht und das Ansehen im Volk zum

Guten zu nützen, das heißt: alle zur Verantwortlichkeit

anzuhalten für eine neue Ordnung in Gerechtigkeit

und Freiheit.“ Dieser für die unmittelbare Nachkonzilszeit

so typische Zukunftsoptimismus tritt aus

den Zeilen Wesselmanns deutlich hervor. Und er stellt

die Frage: „Ist die Kirche in Peru – das gilt auch für andere

Länder Lateinamerikas – das, was Christus von

123


seinen Jüngern verlangt: Salz der Erde und Licht der

Welt?“ Die Antwort fällt, eben auch im Vergleich mit

der Vergangenheit, zuversichtlich aus: „Wer den Aufschwung

im Leben der Kirche miterlebte, der in den

letzten Jahren begonnen hat, wer sieht, wie die Jugend

sich aus christlicher Verantwortung für das Programm

der Regierung einsetzt – der muss zugeben, dass der

Tiefpunkt überwunden ist.“ 140

Mit dem erwähnten Programm der Regierung ist jene

„Acción popular“ („Volksbewegung“) gemeint, die ins

Leben gerufen wurde, um staatlicherseits die Rückständigkeit

der Andenbewohner anzugehen.

Hintergrund dieser Aktionen war letztlich die per

Gesetz angestrebte Bodenreform. Seit Jahrhunderten

hielt eine ganz schmale Oberschicht den größten Teil

des Landes in Besitz. Die Bodenreform war ein großes

Thema in der peruanischen Gesellschaft ab der Mitte

der 1960er Jahre, über die die damaligen Ausgaben der

„Hiltruper Monatshefte“ auch berichteten. „Hohe Kosten

sind damit verbunden. Die Verantwortlichen fragen

sich ferner, ob die Reform den Indios wirklich Hilfe

bringt: Werden sie aus dem zugeteilten Land mehr herausholen,

als sie notwendig brauchen? Bedarf es nicht

zunächst einer gediegenen Ausbildung der Leute, die

heute noch ihre Äcker bewirtschaften wie zur Zeit der

spanischen Eroberung? Wer aber soll ihnen die Maschinen

und andere Hilfsmittel kaufen? Man sieht bei

solchen Fragen gern auf das Beispiel Boliviens, das vor

einigen Jahren die Bodenreform durchgeführt hat. Dort

sind die Indios heute ärmer als damals.“ 141

Die Regierung rief daher eine Informations- und Aufklärungskampagne

ins Leben, um „die Indios aus ihrem

Dornröschenschlaf aufzurütteln. Ideal gesinnte

junge Leute durchziehen die kleinsten Ortschaften in

den Anden und verkünden das Programm der Selbst-

124


Kinder zeigen dem Bischof ihr Spielzeug.

hilfe zum wirtschaftlichen Fortschritt. Es bleibt nicht

bei der Ankündigung. Die ersten Straßen und Schulen

sind bereits gebaut worden. Und man belehrt die Indios,

wie sie ihren Boden nutzbringender bearbeiten

können. Gelingt es den Helfern der Volksbewegung,

dem zivilisatorischen Auf-der-Stelle-Treten der Indios

ein Ende zu setzen?“ 142

Wer den Artikel „Seelsorge in den peruanischen

Anden organisieren“ in der Münsterschen Bistumszeitung

„Kirche und Leben“ vom 2. September 2007

gelesen hat, der spürt nach mehr als 40 Jahren den

bleibenden Widerspruch zwischen damaligem Optimismus

und heutiger Realität in den Anden und

im Gebiet von Caravelí. Zwar leben keine Seelsorgeschwestern

mehr in Ortschaften ohne Zufahrtsstraßen

und Elektrizität; diese gibt es aber in den Höhenlagen

der Anden auch heute noch.

125


Bischofsweihe

Als Folge der Reflexionen des Konzils über das Bischofsamt

ergab sich, dass es jenes kirchenrechtliche

Konstrukt nicht länger geben solle, nach dem ein Prälat

mit bischöflichen Vollmachten und Insignien ausgestattet

sei, ohne die Bischofsweihe empfangen zu

haben. Fortan sollten auch die Leiter von Territorialprälaturen

die Bischofsweihe erhalten und zumindest

mit einem „Titularbistum“ ausgestattet werden. Ein

Titularbistum ist keine real existierende, sondern eine

irgendwann einmal untergegangene Diözese.

Am 29. Oktober 1963 wurde Friedrich Kaiser zum Titularbischof

von Berrhoea (sprich: Beröa) ernannt. Das

antike Berrhoea lag im heutigen nördlichen Griechenland.

Nachdem am 4. Dezember 1963 in Rom die II.

Sitzungsperiode des Konzils mit einer öffentlichen

Sitzung abgeschlossen worden war, konnte Friedrich

Nach der Bischofsweihe:

Dr. Joseph Höffner, Alcides Mendoza, Friedrich Kaiser,

Johannes Hoehne, Theodor Dümpelmann (v. l. n. r.)

126


Kaiser schon wenige Tage später in seine Heimatstadt

Dülmen aufbrechen. Hier sollte er in der St.-Viktor-

Kirche die Bischofsweihe empfangen. Das große Ereignis

vollzog sich am Sonntag, dem 7. Dezember. „Ein

Sohn der Stadt Dülmen, der in der über 1150 Jahre alten

Viktorkirche getauft, zum ersten Mal zum Tisch

des Herrn ging, hier das Sakrament der hl. Firmung

empfing und später seine Heimatprimiz feierte, kam

an den Ort zurück, um hier zum Bischof geweiht zu

werden und seinen Landsleuten den Segen als Nachfolger

der Apostel zu erteilen“, so die „Dülmener Zeitung“.

143 Ganz bewusst hätten die Hiltruper Missionare,

so der Pater Provinzial in einer Ansprache nach

der Weihe, Dülmen und damit die Viktor-Kirche als

Ort der Bischofsweihe gewählt, um der Stadt zu danken,

dass sie den Missionaren einen Bischof geschenkt

habe und für die Unterstützung der Missionen in aller

Welt durch Gebet und finanzielle Opfer. „Dülmen“, so

sagte er wörtlich, „möge weiterhin kostbare Erde bleiben,

die Missionare hervorbringt!“ 144

Bischof Kaiser und Bischof

Höffner auf dem Kirchplatz

von St. Viktor

127


Hauptkonsekrator, also Spender der Bischofsweihe

Friedrich Kaisers, war der Münsteraner Bischof Dr.

Joseph Höffner (1906–1987). Ihm assistierten als Mitkonsekratoren

der Hiltruper Missionsbischof Johannes

Hoehne (1910–1978) aus Rabaul in Ozeanien sowie

Alcides Mendoza (* 1928) aus der Nachbardiözese von

Caravelí, Albancay. „Nach dem Evangelium nahm

Bischof Joseph in einer kurzen Predigt Bezug auf diesen

bedeutungsvollen Tag“, notierte die „Dülmener

Zeitung“. „Er zog eine Parallele zum Ökumenischen

Konzil, als er von der weltweiten Kapazität der katholischen

Kirche sprach, da ja in St. Viktor Bischöfe aus

Peru, der Südsee und Europa anwesend seien. Er beglückwünschte

die Gemeinde zu dieser einzigartigen

Stunde.“ – Das von Bischof Kaiser „im Schmuck seiner

bischöflichen Insignien“ öffentlich vorgetragene

Dankgebet wurde bereits an früherer Stelle erwähnt.

Der für die Weiheliturgie angefertigte „Kathedra“-

Stuhl aus dunklem Holz mit rotem Kunstlederbe-

128

Gratulationen für Friedrich Kaiser

beim Empfang im Kolpinghaus


zug befindet sich heute im Pfarrhaus von St. Viktor.

– Dagegen wurde der an diesem Tag an Pfarrdechant

Theodor Dümpelmann (1889–1970) verliehene Titel

„Propst“ nicht weitervererbt …

Schon vor Gründung der „Misioneras de Jesús Verbo

y Victima“ führte Friedrich Kaiser in seinem Prälatenwappen

die lateinischen Begriffe „verbum et victima“,

die nun auch sein Bischofsmotto wurden. Während in

der Regel der Leitgedanke eines Bischofs das persönliche

Selbstverständnis des Oberhirten oder einen Aspekt

des kirchlichen Auftrags hervorhebt, verweist der

Gedanke „verbum et victima“ eher auf Aussagen über

Jesus Christus selbst. Im mittleren Feld des bischöflichen

Wappens steht ein mit

einem Herzen geschmücktes

Kreuz – Hinweis auf Jesus

Christus und ferner auf die

Gemeinschaft der Herz-Jesu-

Missionare. Die Darstellung

des Kreuzes wird auf den

weiteren Wappenfeldern

flankiert von einem Buch

(die Bibel) und einem Kelch (Symbol für die Eucharistie).

Somit wird eine Beziehung zur liturgischen

Gegenwart des Herrn bzw. zum liturgischen Geschehen

der Wortverkündigung und zur Eucharistiefeier

hergestellt. Wie zwei Brennpunkte einer Ellipse stehen

die Grundgedanken „Wort“ und „Opfer“ zueinander,

zumal sich das Konzil intensiv um neue Zugänge zur

Heiligen Schrift und zur Erneuerung der Messfeier

mühte.

„Unser Erlöser hat beim Letzten Abendmahl in der

Nacht, da er überliefert wurde, das eucharistische Opfer

seines Leibes und Blutes eingesetzt, um dadurch

das Opfer des Kreuzes durch die Zeiten hindurch bis

129


zu seiner Wiederkunft fortdauern zu lassen und so der

Kirche, seiner geliebten Braut, eine Gedächtnisfeier seines

Todes und seiner Auferstehung anzuvertrauen“,

so formulierte die Konzilskonstitution „Sacrosanctum

Concilium“ über die heilige Liturgie (SC 47). Und an anderer

Stelle: „Auf dass den Gläubigen der Tisch des Gotteswortes

reicher bereitet werde, soll die Schatzkammer

der Bibel weiter aufgetan werden, so dass innerhalb einer

bestimmten Anzahl von Jahren die wichtigsten Teile

der Heiligen Schrift dem Volk vorgetragen werden“

(SC 51). In durchgreifender Weise vollzog die nachkonziliare

Neuordnung der Messliturgie eine veränderte

Zuordnung von Wortgottesdienst und Eucharistiefeier,

gestalterisch im Kirchenraum umgesetzt durch die Betonung

von (freistehendem) Altar und Ambo zum Vortrag

und zur Auslegung der Heiligen Schrift.

Nach einer viel zitierten Aussage der Liturgiekonstitution

„ist die Liturgie der Höhepunkt, dem das Tun der

Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all

ihre Kraft strömt“ (SC 10). Vor dem Hintergrund dieses

Verständnisses lässt sich – in etwas freierer Auslegung

– die spirituelle Tiefe und Relevanz des Bischofsmottos

Friedrich Kaisers für das praktische Tun der Kirche

und des einzelnen Gläubigen erahnen: Verkündigung

und Hingabe; Zuspruch und Handeln; Ermunterung

und Leidenschaft – oder einfach: Rat und Tat.

Im historischen Chorraum der Dülmener Viktor-Kirche

ist übrigens das Wappenmotiv Friedrich Kaisers

gestalterisch umgesetzt: Vom gotischen Gewölbe herab

bildet das monumentale Triumphkreuz mit der auffälligen

Herzwunde Jesu den optischen Mittelpunkt.

Darunter finden wir auf der einen Seite das gotische

Sakramentshaus zur Aufbewahrung der Eucharistie,

auf der anderen Seite die modern gearbeitete Evangelien-Stele

mit einem Glasschrein zur Aufbewahrung

der Heiligen Schrift.

130


Jahre der Entfaltung

Umgehend nach der Bischofsweihe flog Friedrich Kaiser

nach Peru zurück, um das Weihnachtsfest bei den

Indios feiern zu können. Auch wenn der Bischof von

Münster ihm als Weihegeschenk die Kaufsumme für

ein Kraftfahrzeug überreicht hatte: Der pastorale Alltag

des frischgebackenen Bischofs wird nach seiner

Rückkehr nach Peru kaum ein anderer gewesen sein.

Weiterhin stützte sich das seelsorgliche Mühen auf

den Einsatz und den Ausbau der Gemeinschaft der

Seelsorgeschwestern. Da der Gründungsort Caravelí sehr

abgelegen ist und in Peru fast unbekannt war, kamen in den

ersten Jahren nur sehr wenige Berufe. Nur ganz allmählich

wurden die Schwestern bekannt. Und damit wuchs dann die

Zahl der Eintritte. Die jährliche Zahl der Eintritte steigerte

sich von sechs über acht auf zwölf. In den letzten Jahren

schnellte die Zahl nach oben. Wir verzeichnen jetzt jedes

Jahr zwanzig bis dreißig Eintritte. 145 So Friedrich Kaiser

Mitte der 1980er Jahre.

Ein weiterer wichtiger Schritt war ab Ende der 1960er

Jahre die Ausbildung von Katechisten.

Schon zehn Jahre zuvor hatte Friedrich Kaiser in einem

Beitrag für die Oktober-Ausgabe 1959 der „Hiltruper

Monatshefte“ die dramatischen Umstände geschildert,

unter denen er und andere Priester sich durch fast

gänzlich unwegsames Gebirge kämpfen mussten, um

so – viel zu selten – die entlegensten Dörfer zu erreichen

und um dann diese vielfach völlige Unwissenheit bei

Kindern und Erwachsenen zu erleben. Unwissenheit und

Finsternis. … Das macht nichts? Wenn jemand Krebs hat und

weiß nichts davon, macht das dann nichts? Dass sie den Vater

und den Sohn nicht mehr kennen, noch seine Kirche und seine

Sakramente, das ist das Schwerste, was uns belastet. Das ist

das Schwerste, sowohl während unserer Reisen als auch nachher,

immer, bei Tag und bei Nacht. Darum bauen wir unser

131


Seminar; wir brauchen Priester! Darum möchten und müssen

wir eine Katechetenschule bauen; wir brauchen Laienapostel!

Ja, wir haben Eile. Noch ist ja der Hunger nach Gott in den

Seelen. Wie lange noch? Auf die Dauer wird er sich verlieren.

In vielen Seelen ist Dämmerung und Finsternis; das kann enden

in ewiger Nacht. Darum beeilen wir uns. Möglichst bald

müssen wir Priester und Laienapostel als Lichtträger einsetzen,

möglichst bald und an möglichst vielen Stellen.

Da eine erste Antwort auf die Herausforderung die

Gründung der Gemeinschaft der Seelsorgeschwestern

war, trat die Idee der Katechistenschulung zunächst

in den Hintergrund. Nicht zuletzt durch das Konzil

erhielt sie auch in der Prälatur von Caravelí einen

neuen Aufschwung. „Das Amt der Katechisten hat in

unseren Tagen, da es für die Glaubensunterweisung

solcher Massen und den Seelsorgedienst nur wenige

Kleriker gibt, allergrößte Bedeutung“, betonte das

schon vorgestellte Missionsdokument des Zweiten Vatikanischen

Konzils. „Deshalb muss ihre Ausbildung

so vervollkommnet und dem kulturellen Fortschritt

angepasst werden, dass sie ihr Amt, das durch neue

Friedrich Kaiser (2. v. r.) als Teilnehmer des Domjubiläums

in Münster im Oktober 1965

132


und ausgedehntere Aufgaben erschwert wird, als fähige

Mitarbeiter der Priester möglichst gut ausüben

können“ (AG 17).

1969 hielten die Seelsorgeschwestern Friedrich Kaisers

in dem Ort Pauza einen ersten Ausbildungskurs. Sie

hatten zunächst englischsprachige katechetische Handbücher

aus dem Gebrauch von Missionaren in Korea

und auf Formosa herangezogen. Aber das Endergebnis all

dieser Studien war noch keineswegs zufrieden stellend. Dann

erkundeten zwei Schwestern ein Modell der Katechistenausbildung

im benachbarten Bolivien. Dort besuchten

diese Schwestern acht verschiedene Orte und die

dort befindlichen katechistischen Ausbildungszentren.

Sie wurden dort von den Priestern und Schwestern, die die

Schule führen, aufs beste informiert über deren zwölfjährige

Arbeit auf diesem Gebiet, über ihre Zielsetzungen und Erfahrungen,

über Versuche und Änderungen in Programm und

Methode, die sich aus ihren Erfahrungen ergeben hatten, über

Enttäuschungen und Fehlschläge und schließlich über ihre

sich dann doch einstellenden Freuden und Erfolge. 146

Gleichwohl schildert uns Friedrich Kaiser in mitunter

launiger Weise die bleibenden Schwierigkeiten bei der

Rekrutierung und Formung der künftigen Katechisten.

Der Unterricht ist sowohl theoretisch als auch praktisch:

Lesen, Schreiben, Sprechen (spanisch und quechua). In manchen

Gegenden, so Friedrich Kaiser, sei das Spanisch

der Indios mangelhaft, ihr Quechua dagegen gut. Aber

lesen können sie alle ihre Muttersprache kaum und schreiben

gar nicht. Jetzt wird gelehrt, gelernt und geübt. Sie fühlen

sich wie Universitätsstudenten, haben großen Eifer, und so

geht es zügig vorwärts. Die meiste Zeit gilt dem Religionsunterricht.

Überaus schnell gewinnen die Männer eine große

Liebe zur Bibel. Sie sind unermüdlich im Lernen und Fragen.

Alles möchten sie sich aufschreiben, … machen ihre Notizen,

um ja alles nach Hause mitzunehmen. 147 Aufgabe des

Katechisten wurde die Feier des Wortgottesdienstes

133


am Sonntag, der Religionsunterricht in der Woche, das

Sprechen von Gebeten bei verschiedenen Anlässen, die

Feier der Nottaufe, die Begleitung Sterbender und die

Verabschiedung der Toten.

Bereits an anderer Stelle wurde auf das Unbehagen

Friedrich Kaisers gegenüber Verwaltungsaufgaben

hingewiesen. Folgerichtig legte er schon 1971 die Leitung

der Prälatur Caravelí nieder. Nachfolger (bis

2005) wurde der Hiltruper Missionar Bernhard Kühnel

(* 1927), gebürtiger Schlesier und in Ascheberg-Herbern

aufgewachsen. Kaiser widmete sich fortan ganz

dem Aufbau und der Begleitung „seiner“ Schwesterngemeinschaft.

Mehr als zwei Jahrzehnte waren ihm,

dem einst kränkelnden Schüler und Studenten, noch

vergönnt. Eine gediegene geistige und geistliche Formung

seiner Schwestern lag ihm am Herzen; das entsprechende

Lehr- und Unterrichtsmaterial stellte er

selbst zusammen. Aber auch darüber hinaus widmete

sich Friedrich Kaiser einer regen schriftstellerischen

Friedrich Kaiser beim

Beten seines Breviers

134


Tätigkeit. Der von ihm verfasste Katechismus zur

Vorbereitung auf die Erstkommunion erlangte eine

Auflage von über 350.000 Exemplaren. Im Mai 1971

verfasste Friedrich Kaiser den ersten von zahlreichen

eigenen Rundbriefen an die Gönner und Freunde der

Gemeinschaft von Caravelí, in denen er spannend und

informativ das seelsorgliche Wirken in den Anden

schilderte – Grundlage für das 1988 erschienene Buch

„Der Ruf aus den Anden“.

Schon seit den 1960er Jahren engagierte sich in Deutschland

die „Mariengemeinschaft Hiltrup e.V.“ in besonderer

Weise für die Unterstützung des Wirkens von Bischof

Friedrich Kaiser. Die Mariengemeinschaft war ein

geistlicher Zusammenschluss christlicher Frauen („Marienschwestern“),

die sich von Hiltruper Patres spirituell

begleiten ließen, etwa durch Exerzitien und Vortragsveranstaltungen.

Sie übernahmen eine besondere Patenschaft

über die Seelsorgeschwestern von Caravelí und

warben in eigenen Rundbriefen für deren Unterstützung.

Auch in Friedrich Kaisers Heimatstadt Dülmen

gab und gibt es immer wieder Kollekten-Initiativen.

Friedrich Kaiser bei Exerzitien der „Marienschwestern“

im April 1962 in Wattenscheid-Höntrop

135


Der Rückzug aus der Leitung der Prälatur Caravelí

fiel Friedrich Kaiser nicht schwer. Schwieriger war es

wohl eher, sich und „seine“ Gemeinschaft den neuen

Gegebenheiten unterzuordnen. Es wird schon manches

völlig Falsches und Verdrehtes über jene Gemeinschaft gesagt

– so hatte er schon 1967 einen verbreiteten Argwohn

gegen die „Misioneras de Jesús Verbo y Victima“

angedeutet. 148 Erst recht trat unter Kaisers Nachfolger

ein handfester Streit über den künftigen Einsatz der

Missionsschwestern bzw. ihre Kooperation mit den

Priestern der Prälatur zutage. Ich bin traurig und etwas

mutlos, ließ Friedrich Kaiser 1975 seinen Provinzial

wissen, denn jetzt ist alles finsterer als je. War unser Hoffen

und Mühen umsonst? 149 Später bittet er, ein auf Heimaturlaub

befindlicher Mitbruder möge doch bitte nichts

Unerquickliches gegen unsere Schwestern oder mich propagieren.

Wir haben einen Wohltäterkreis in Deutschland

und daher unseren guten Namen dort noch notwendig. 150 –

Im fernen Dülmen wurde,

ebenfalls im Jahre 1975, die

Straße zum Waldfriedhof

„Bischof-Kaiser-Straße“

benannt.

Die Schwestern zogen sich aus der Prälatur zurück.

Nur in Caravelí selbst blieben das Mutterhaus und das

Exerzitienzentrum bestehen; hier lebte auch Bischof

Kaiser weiterhin. Dass sich die Gemeinschaft nach neuen

Niederlassungen und Wirkungsfeldern umschauen

musste, zog ihre weitere Ausbreitung und einen spürbaren

Aufschwung nach sich. 1977 erhielt die Schwesterngemeinschaft

von Caravelí als Knotenpunkt und

Versorgungszentrum aller Niederlassungen die „Procura

Santa Teresa” in Lima. Am 14. September 1982

erfolgte die Umwandlung der Gemeinschaft von einer

diözesanen Genossenschaft in eine Kongregation

136


päpstlichen Rechts. Zu diesem Zeitpunkt gehörten ihr

226 Mitglieder an, nämlich 28 Postulantinnen, 36 Novizinnen

und 162 Professschwestern. 1986, im Jahr des

25-jährigen Bestehens der Gemeinschaft, zählte sie rd.

300 Schwestern. Im selben Jahr gab es 14 Niederlassungen

in Peru, zwei in Bolivien und sechs in Argentinien.

Es fehlt hier der Raum, der gesellschaftlichen Entwicklung

in Peru und dem Wandel im kirchlichen

Leben in den vergangenen 50 Jahren eingehender

nachzugehen. Allein der sprunghafte Anstieg der

Bevölkerungszahlen spricht eine deutliche Sprache.

Lebten 1961, im Jahr der Gründung der „Misioneras“,

10,218 Millionen Menschen in Peru, so waren es zehn

Jahre später, als Kaiser als Bischof zurücktrat, schon

13,569 Millionen Peruaner. Als Friedrich Kaiser 1993

starb, war die Bevölkerungszahl auf 23,087 Millionen

Menschen gestiegen.

Gegenwärtig hat die Prälatur Caravelí 22 Pfarreien mit

mehr als 450 Dörfern. Auch der heutige, mittlerweile

dritte Bischof von Caravelí ist ein Herz-Jesu-Missionar,

allerdings erstmals ein Peruaner. „Sowohl der jetzige

Bischof als auch die peruanischen Diözesanpriester

und ein Großteil unserer Bevölkerung sind junge

Menschen“, lesen wir in einem Bericht der „Hiltruper

Monatshefte“ zum 50-jährigen Bestehen der Prälatur.

„Man spürt Kraft und Begeisterung. Und das lebendige

Herz der Kirche: den auferstandenen Christus!“ 151

Und die Zukunft?, so fragte Friedrich Kaiser im hohen

Alter von 84 Jahren mit Blick auf „seine“ Schwesterngemeinschaft.

Sie liegt in Gottes Hand. ER hat gegründet,

wir waren IHM Werkzeug. Und ER sorgt weiter. Das ist

unser sternhelles Hoffen. 152

137


Auf dem Weg zur Seligsprechung

Auch wenn man Friedrich Kaiser nicht persönlich gekannt

hat: Seine Rundbriefe lassen auch heute noch

den „Pastor bonus“, den „guten Hirten“ erkennen, der

in großer emotionaler Nähe und Empathie zu den ihm

anvertrauten Gläubigen lebte. Die nach dem Konzil

einsetzende Politisierung der Kirche und gerade die

Entwürfe der südamerikanischen Befreiungstheologie

blieben ihm fremd. Gegenwärtig (2011) wird an einer

Hochschule in Rom eine wissenschaftliche Biografie

Friedrich Kaisers erarbeitet; in Peru ist die Erfassung

und theologische Auswertung seiner zahlreichen

geistlichen Vorträge und Aufsätze im Gange. Somit

bleibt es kompetenteren Stellen vorbehalten, Friedrich

Kaisers theologisch-spirituelles Profil näher einzuordnen.

Mitunter wünschten sich Kaisers Mitbrüder mehr

Kooperation und Toleranz und vermissten bei ihm die

„Weite“ der vom Konzil gewiesenen Perspektiven. 153

Tatsächlich war es kaum naive Euphorie gegenüber

den nachkonziliaren kirchlichen Veränderungen, die

ihn bestimmte.

Verschiedene Briefe, die sich im Archiv der Hiltruper

Missionare erhalten haben, belegen manchen Konflikt

der Mitbrüder um die Person Friedrich Kaisers, seine

Ansichten und Maßnahmen als Prälat in Caravelí bzw.

in der Begleitung der von ihm gegründeten Schwesterngemeinschaft.

Mitarbeiter erlebten ihn in theologischen

oder pastoralen Fragen mitunter als „streng“

und „konservativ“. 154 Damals junge Hiltruper Missionsschwestern,

die Ende der 1950er Jahre in Lima ankamen,

waren irritiert von den hohen asketischen Ansprüchen

und Forderungen nach Selbstverleugnung

Friedrich Kaisers, den sie auch als Beichtvater erlebten.

155 Dagegen erlebte eine heute ältere Dame Fried-

138


ich Kaiser 1962 bei einem Einkehrtag als humorvoll

und freundlich und dabei durchaus von hohem Anspruch

– was zu den eben geschilderten Eindrücken

in keinem Widerspruch steht. 156 In Erinnerung blieb

seine Äußerung: Am Ende unseres Lebens werden wir nur

darüber traurig sein, dass wir keine Heiligen geworden sind!

Er selbst gab in seiner Ansprache nach der Bischofsweihe

in Dülmen Einblick in seine Mentalität, als er die

Schwierigkeiten schilderte, „die seine Priester, Ordensschwestern

und er in Peru zu überwinden hätten, aber,

so sagte er wörtlich: Ein Dülmener Dickkopf gibt nicht

auf!“ 157 Jedenfalls spürt man: Herausragende Glaubenszeugen

müssen nicht allzeit sanft und geschmeidig

daherkommen. Als „unbequem und ungewöhnlich“

hat ein Biograf in einem Buchtitel die selige Anna

Katharina Emmerick, mit der wir eingangs die Begegnung

mit Friedrich Kaiser begonnen haben, bezeichnet.

158 „Heilige waren Originale und nicht stromlinienförmig

angepasst,“ meint Peter Nienhaus, Pfarrer an

der Emmerick-Grabkirche Heilig Kreuz in Dülmen. 159

Es ist eine bleibende Erfahrung der Kirche, dass Men-

Friedrich Kaiser zitiert

aus der Heiligen Schrift.

139


schen, die – ihrer inneren Stimme als dem Ruf Gottes

folgend – neue und eigene Wege beschreiten, sich dem

Unverständnis und dem Argwohn ihrer Umgebung

aussetzen. Gerade unter Ordensangehörigen scheint

dies nicht selten von Konflikten und Verletzungen begleitet

zu sein, ist doch das „Ausscheren“ eines bisherigen

Mitbruders bzw. einer Mitschwester immer auch

eine Anfrage an die Spiritualität oder den Lebensstil

der bisherigen Gemeinschaft. 160 Wird diese Anfrage als

eine grundsätzliche Infragestellung aufgefasst, können

Neuaufbrüche allzu schnell reflexartig als „überspannt“

oder „übertrieben“ abgewertet werden.

Am 26. September 1993 um 20.45 Uhr starb Friedrich

Kaiser im Alter von über 90 Jahren in Lima. 161 Am 30.

September wurde er in Caravelí beigesetzt. „Ein heiliger

Priester warst Du!“, so die stellvertretende Bürgermeisterin

von Caravelí in einem Nachruf am Tage

der Bestattung. „Deine Worte waren Worte des Trostes

und der Verzeihung. Deine karitativen Hände ermüdeten

nie, Gutes zu tun. … Die Tränen, die wir heute

weinen, sind wenige im Vergleich zu der Hingabe, die

Die Beisetzung Friedrich Kaisers 1993

140


Du uns schenktest. Vielleicht erkennen wir nicht die

unzähligen, kostbaren Wohltaten, die Deine Prälatur,

insbesondere Dein Caravelí, erfahren hat. … Du hattest

die Gabe, ganz tief in unseren Herzen anzukommen,

weil wir bei Dir Verständnis fanden. Klug und

weise waren Deine Ratschläge, gerecht Deine Handlungsweise.

… Deine Geistesbildung, Dein zugängliches

Wesen, Deine ansteckende Freude vermochte die

von Dir gegründete Kongregation vom lehrenden und

sühnenden Heiland in verschiedenen Diözesen Perus

und Lateinamerikas auszubreiten. Mit überströmender

Freude mögen Dich alle Engel und Heiligen zum

Throne Gottes führen, wo Du Anteil haben wirst an

der Herrlichkeit Gottes. … Unser Bruder Monsignore

Bischof Kaiser ruhe in Frieden!“ 162

Am 15. Oktober 2003 erfolgte die Überführung der

Gebeine in das Mutterhaus der Schwesterngemeinschaft

in Caravelí und die Beisetzung an der Seite

der im Vorjahr verstorbenen Schwester Willibrordis

Bonefeld. Dort ist eine Krypta errichtet, wo sich Gläubige

und Besucher einfinden können, zumal an festen

Öffnungszeiten an Sonntagen. Auch das Wohn- und

Arbeitszimmer Friedrich Kaisers ist erhalten und

kann besichtigt werden. Bei einem Festgottesdienst

anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Prälatur von

Caravelí im November 2007 schlug der Erzbischof

von Lima, Cabrejo, vor, den Seligsprechungsprozess

Das Mausoleum für

Friedrich Kaiser in Caravelí

141


Gläubige besuchen das

Grab von Friedrich Kaiser.

für Friedrich Kaiser offiziell zu eröffnen. „Dieser Vorschlag

wurde mit großem Beifall von den Gläubigen

und den Schwestern, die Friedrich Kaiser gegründet

hat, aufgenommen.“ 163

Neben der schon vorgestellten heiligen Rosa von Lima

gibt es einen weiteren peruanischen Glaubenszeugen,

der zur Ehre der Altäre erhoben wurde, nämlich Toribio

de Mongrovejo (1538–1606), spanischer Missionar

und Erzbischof von Lima, der auch als „Beschützer der

Indios“ verehrt wird. Er wurde 1726 heiliggesprochen.

Ebenfalls Erzbischof von Lima war Emilio Lisson Chavez

(1872–1961), dessen Kanonisierungsprozess 2003

eingeleitet wurde. Ebenso wurde 1995 das Seligsprechungsverfahren

für die „Märtyrer von Peru“, die Franziskaner

Michael Tomaszek (1961–1991) und Zbigniew

Strazalkowski (1959–1991), eröffnet, die 1991 von Anhängern

der Rebellenbewegung „Leuchtender Pfad“ ermordet

wurden. – „Im Gebet rufe ich Bischof Kaiser oft

an und freue mich auf die Seligsprechung“, äußert sich

jemand, der Bischof Kaiser kannte. 164 Seitens der von

Friedrich Kaiser gegründeten Gemeinschaft der „Misioneras“

werden seit geraumer Zeit Gebetserhörungen

und Dankesbezeugungen gesammelt. 165

Seligsprechung? Mancher beargwöhnt Seligsprechungen

reflexartig als „Ablenkungsmanö ver“ angesichts

heutiger Probleme. Worin liegt die Bedeutung

Friedrich Kaisers als Glaubenszeuge – für uns? Eine

vorschnelle Vereinnahmung wäre genauso fatal wie

142


die unreflektierte Distanzierung. Einige Aspekte seien

dennoch genannt: Während wir hierzulande in einer

Situation leben, in der nicht wenige Gläubige wie

gelähmt auf die Lage der Kirche starren, macht uns

Friedrich Kaiser die Weltweite der Kirche bewusst und

will auch unsere persönliche Perspektive an der Weite

ausrichten. Während wir uns um die finanziellen und

personellen Möglichkeiten unserer kirchlichen Einrichtungen

sorgen, schildert uns Friedrich Kaiser eine

Kirchengestalt in großer Anspruchslosigkeit und mit

einem hohen Improvisationsvermögen. Während wir

um Gemeindestrukturen und Pfarrgrenzen streiten

und um Kooperationen und Fusionen von Pfarreien

ringen, begeistert Friedrich Kaiser eine Gemeinschaft

von Frauen, die tagelang zu Pferd unterwegs sind, um

entlegene Ortschaften zu erreichen, in denen schon

lange kein Priester mehr war. Während wir an Statistiken

und Erfolgskurven den dramatischen Einbruch

der „Volkskirche“ und der „versorgten Gemeinde“

beobachten, ermuntert Friedrich Kaiser zum persönlichen

Aufbruch und zu einer ernst gemeinten Hingabe

für das Reich Gottes. Oder etwas provokant: Während

bei uns stets auf die „Überschaubarkeit“ und „Vertrautheit“

der „gewachsenen Strukturen“ von Pfarreien

gepocht wird, will Friedrich Kaiser neugierig

machen auf die Weite, auf den Aufbruch und auf die

wirkliche Vitalität des Reiches Gottes.

Das ehemalige Arbeitszimmer

von Friedrich Kaiser

143


NACHWORT

Als Anna Katharina Emmerick am 13. Februar 1824 in

Dülmen zu Grabe getragen wurde, waren fast sämtliche

Einwohner des Städtchens auf den Beinen: die

Bürger, die Armen, die Schulkinder, die Priester. Nur

einer verweigerte die Teilnahme: der Pfarrdechant von

St. Viktor. Anstatt sich in den Trauerzug einzureihen,

demonstrierte er offen vor allen Leuten seine ablehnende

Haltung gegenüber der Emmerick und der ihr

zuteil gewordenen Verehrung. „Bei ihrer Beerdigung,

wo alles gerührt war, soll er ganz heiter mit anderen

vor der Türe geschwätzt haben, und nachmals in einem

Hause gesagt, sie hat wie ein Mensch gelebt und

ist wie ein Mensch gestorben. Er wurde durch nichts

aus seiner eigentümlichen Nüchternheit gebracht.“ 166

So berichtete kein Geringerer als der romantische

Dichter Clemens Brentano, ein enger Vertrauter der

Mystikerin.

Dass Heilig- und Seliggesprochene „auch nur Menschen“

waren, ist für viele Zeitgenossen ein gewichtiger

Einwand gegen eine besondere Verehrung dieser

Menschen. Ja noch mehr: Ihre „Menschlichkeit“

verbiete geradezu die „Hochstilisierung“ zu einem

Heiligen. Als vor einiger Zeit eine prominente Person

wegen eines Fehltritts von ihren öffentlichen Ämtern

zurücktrat, bekundeten viele Zeitungen ihr Verständnis:

„Auch Prominente sind nur Menschen und eben

keine Heiligen!“, meinte ein Kommentator. Ein solches

großzügiges Zugeständnis geht von einem grundfalschen

Verständnis der „Heiligen“ (und der „Seligen“)

aus. Als ob sie keine Menschen gewesen seien oder als

ob posthum behauptet werde, sie seien makellos gewesen!

167 Die Benennung dieses Missverständnisses beseitigt

allerdings nicht die Tatsache, dass im landläufigen

145


Friedrich Kaiser

im April 1962

Sprachgebrauch die Begriffe „selig“ und „heilig“ gewissermaßen

belastet sind. Formulierungen wie „Wer’s

glaubt, wird selig!“ oder „Insel der Seligen“ assoziieren

Naivität und „Rührseligkeit“; auch die „Seligpreisungen“

der Bergpredigt sind für manchen kritischen

Geist der Inbegriff des Unrealistischen. Mit „heilig“

wiederum verbinden viele Menschen die Illusion einer

„heilen Welt“ oder den „seltsamen Heiligen“ mit dem

„Heiligenschein“. Dass im biblischen Verständnis die

Anrede der Gläubigen (etwa in den Paulusbriefen) als

„Heilige“ sowie der Aufruf zur Heiligkeit sich von der

Heiligkeit Gottes herleitet („Seid heilig, denn ich bin

heilig“), macht eine Verständigung nicht einfacher.

Vielleicht kann der Begriff des „Glaubenszeugen“ aus

dem Dilemma hinausweisen. „Der heutige Mensch

hört lieber auf Zeugen als auf Gelehrte, und wenn er

auf Gelehrte hört, dann deshalb, weil sie Zeugen sind.“

So schrieb Papst Paul VI. im Jahre 1975. Die „Zeugen“

können „zeigen“, dass die Botschaft des Evangeliums

eine Relevanz für das Leben hat. Sie „biografisieren“

quasi den Glauben, der sonst womöglich nur Theorie

146


und unkonkret bliebe. Sie geben dem Glauben ein Gesicht.

Aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang

die Abschiedsreden Jesu und insbesondere die Schilderung

seiner Himmelfahrt. Der Auftrag des Herrn:

„Ihr sollt meine Zeugen sein bis an die Grenzen der

Erde“ und die Verheißung des Heiligen Geistes als die

Kraft, die die Jünger befähigt, „Zeugnis abzulegen“,

richtet die Perspektive nicht so sehr „zum Himmel

empor“, sondern auf die konkrete Initiative der Gläubigen

in der konkreten Wirklichkeit (und Widrigkeit)

der Welt.

Aber auch außerhalb eines religiösen Verständnisses

von „Zeugenschaft“ kennen wir die Bedeutung des

Zeugen, etwa beim „Gerichtszeugen“ oder beim „Zeitzeugen“.

Auch wenn die kriminalistische Ermittlung

um die gesicherten Spuren und die Indizien und um

mögliche Motive einer Tat weiß: Mitunter ist es erst ein

Zeuge, der einen Zusammenhang in die Einzelaspekte

bringt und das Verstehen ermöglicht. Das Zeugnis

des Zeugen verhilft, dass aus den bloßen Fakten ein

lebendiges Geschehen aufsteigt, weil er, der Zeuge,

die einzelnen Fakten mit dem persönlich Miterlebten

in Verbindung bringt. Umso bedeutsamer, wenn der

Zeuge möglichst anschaulich und wirklich Selbsterlebtes

berichtet, anstatt sich diffus „vom Hörensagen“

her zu äußern. Ähnlich ist es beim „Zeitzeugen“, etwa

in einer zeitgeschichtlichen Filmdokumentation. Die

historischen Daten, Bilder, Dokumente sind längst bekannt;

sie bekommen aber eine ganz andere Unmittelbarkeit

und Relevanz, wenn ein konkreter Mensch

berichtet, was er persönlich „damals“ erlebt und vor

allem mit welcher Konsequenz ihn die Dinge berührt

haben, zu denen er befragt wird und sich äußert.

147


Friedrich Kaiser

im Dezember 1963

Der Glaubenszeuge ist nicht bloß etwa ein Lehrer

der Exegese oder ein Referent für liturgische Fragen

oder ein Fachmann für Sozialpolitik. Ein Lehrer, ein

Referent und ein Fachmann müssen nicht zwangsläufig

gläubige Menschen sein und sind es mitunter

auch nicht. Der Glaubenszeuge ist nicht wegen einer

fachlichen Kompetenz interessant, sondern weil er

durch den persönlich gelebten Glauben verdeutlicht,

welche Bedeutung und Konsequenz etwa (um bei den

Beispielen zu bleiben) Heilige Schrift, Liturgie und

Nächstenliebe für das Leben haben – und ganz konkret

für ihn hatten. Er zeigt, wie sich der Glaube im Leben

bewährt, und verweist so auf die lebendige Wahrheit

überhaupt, die dem Glauben innewohnt – also auf

jenen, der von sich gesagt hat: „Ich bin der Weg, die

Wahrheit und das Leben!“

Im neutestamentlichen Hebräerbrief bildet das gesamte

11. Kapitel eine fast litaneiartige Auflistung gläubiger

Männer und Frauen des Alten Bundes, die sich im

Glauben an Gott und in der Treue zum Bund gegen

alle Widerstände bewährt hatten. Nach dieser respekt-

148


vollen Rückschau folgt das Resümee für die Gegenwart:

„Da uns eine solche Wolke von Zeugen umgibt,

wollen auch wir alle Last und die Fesseln der Sünde

abwerfen. Lasst uns mit Ausdauer in dem Wettkampf

laufen, der uns aufgetragen ist, und dabei auf Jesus

blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens“

(Hebr 12,1–2a). Hiermit ist letztlich die Dynamik einer

gesunden Heiligenverehrung umrissen: Ziel und Ausrichtung

unseres „Laufens“ als pilgernde Kirche ist

der Herr. Die „Wolke von Zeugen“ hilft und ermuntert

uns zur Ausdauer und zum Abwerfen von Ballast. Wie

die Wolkensäule den Exodus des Volkes Israel geleitet

und gesichert hat, so geleitet und sichert uns die Wolke

der uns gegenwärtigen Zeugen. Es geht bei der Verehrung

der Zeugen (etwa als „Selige“ oder „Heilige“)

also nicht primär um ihre herausragende „Leistung“,

sondern um uns, die Teilnehmenden im „Wettkampf“.

Und in diesem „Wettkampf“ geht es nicht primär darum,

ihre „Leistung“ bestmöglich zu kopieren, sondern

darum, dass wir mit ihrer Hilfe auf „Jesus blicken,

den Urheber und Vollender des Glaubens“.

Friedrich Kaiser gegen Ende

seines Lebens

149


In diesem Sinne fragte Papst Benedikt XVI. in einer

Ansprache am 23. September 2011 während seines

Deutschlandbesuchs nach der Gemeinsamkeit der

Heiligen. „Wie können wir das Besondere ihres Lebens

beschreiben und für uns fruchtbar machen?“ Und er

antwortete: „Die Heiligen zeigen uns, dass es möglich

und gut ist, die Beziehung zu Gott radikal zu leben,

sie an die erste Stelle zu setzen, nicht unter ‚ferner liefen’.“

Die Heiligen, so der Papst auf dem Domplatz von

Erfurt, „verdeutlichen uns die Tatsache, dass Gott sich

uns zuerst zugewandt hat, sich uns in Jesus Christus

gezeigt hat und zeigt. Christus kommt auf uns zu, er

spricht jeden Einzelnen an und lädt ihn ein, ihm nachzufolgen.

Diese Chance haben die Heiligen genutzt,

sie haben sich gleichsam von innen her ausgestreckt

auf ihn – in der beständigen Zwiesprache des Gebets –

und von ihm das Licht erhalten, das ihnen das wahre

Leben erschließt.“

Mit dem Verweis auf die „Münsterländische Parklandschaft“

und damit auf die engere Heimat Friedrich

Kaisers haben wir eingangs die Begegnung mit

dessen Leben und Wirken eingeleitet. Dagegen soll ein

ausdrücklicher Hinweis auf die Weite die biografische

Skizze abschließen. Denn, so Papst Benedikt in Erfurt,

das Zeugnis der Heiligen erschließe sich um so klarer,

je konsequenter wir in die Weite der Geschichte und

der verschiedenen Nationen eintauchen, denn „hier

zeigt sich, wie wichtig der geistliche Austausch ist, der

sich über die ganze Weltkirche erstreckt. Wenn wir

uns dem ganzen Glauben in der ganzen Geschichte

und dessen Bezeugung in der ganzen Kirche öffnen,

dann hat der katholische Glaube auch als öffentliche

Kraft in Deutschland eine Zukunft.“ Und der Papst

fügte hinzu: „Heilige, auch wenn es nur wenige sind,

verändern die Welt.“ 168

150


Anmerkungen

Abkürzungen

DA: Dülmener Anzeiger

DZ: Dülmener Zeitung

GSD: Geschichte der Stadt Dülmen

HM: Hiltruper Monatshefte

KuL: Kirche und Leben

MH: Missionshaus Hiltrup

MSC: Missionarii Sanctissimi Cordis

RA: Der Ruf aus den Anden

1

Hermann Josef Seller,

Im Banne des Kreuzes.

Lebensbild der stigmatisierten

Augustinerin A. K. Emmerick,

hg. von Ildefons Dietz,

Würzburg 1940, S. 7

– im Folgenden zitiert als Seller

2

Dülmener Zeitung

vom 29.8.1987

– im Folgenden zitiert als DZ

3

Werner Bergengruen,

Deutsche Reise,

Berlin 1934, S. 53

– im Folgenden zitiert als

Bergengruen

4

Seller S. 8 f.

5

Seller S. 11

6

Bergengruen S. 48

7

Bergengruen S. 54

8

Kirche und Leben

vom 10.10.1993

– im Folgenden zitiert als KuL.

Die Anekdote wurde auch

wiedergegeben in:

Emmerick-Blätter Nr. 28, 1/1994.

9

Johannes Jörgensen,

Reisebilder aus Nord und Süd,

Münster 1907,

zitiert in: Günter Scholz,

Die Dienerin Gottes

Anna Katharina Emmerick in

den „Reisebildern“

von Johannes Jörgensen, in:

Dülmener Heimatblätter

2/2006, S. 91 –

im Folgenden zitiert als

Jörgensen

10

Jörgensen S. 95

11

Nur geringfügig stiegen in

diesem Zeitraum die Bevölkerungszahlen

im umliegenden

„Amt Dülmen“ an:

im Kirchspiel Dülmen von

rd. 3.640 auf rd. 3.920; in der

Gemeinde Hausdülmen von

rd. 280 auf rd. 340;

in der Gemeinde Merfeld von

rd. 690 auf rd. 750.

– Vgl. Geschichte der Stadt

Dülmen 1311–1911,

Dülmen 1911, S. 1 –

im Folgenden zitiert als GSD

12

GSD S. 96

13

Die folgenden Angaben stellte

freundlicherweise das Bistumsarchiv

Münster aus den

entsprechenden Kirchbüchern

zusammen.

14

DZ vom 23.11.1963.

1911 arbeiteten in der Schreinerwerkstatt

Aloys Kirschner 31

Beschäftigte. Nach Auskunft

von Reinhold Frieling vom

24.5.2011 half sein Großvater

Josef Kaiser in den 1930er

Jahren als Berufsinvalide noch

gelegentlich bei Kirschner aus.

152


15

Taufregister St. Viktor Dülmen

vom 7.10.1894 bis 26.7.1903,

S. 323, No. 175

16

Außer Adolf Schlöter (1899–

1910) waren dies im Jahre

1903 Bernhard Buekmann

(1899–1905), Gustav Schlothmann

(1900–1914) und Heinrich

Kämpers (1902–1909).

17

Im Jahre 1903 existierten (u.a.

nach Auskunft des Dülmener

Anzeigers) als nicht kirchlich

gebundene Zusammenschlüsse

ein Landwirtschaftlicher

Lokalverein, ein Geflügelzuchtverein,

ein Christlicher

Textilarbeiterverband, ein

Christlicher Metallarbeiterverband,

ein Christlicher

Holzarbeiterverband und ein

Beamtenverein. Das Dülmener

Festbuch von 1911 nennt die

Schützenvereine, die Freiwillige

Feuerwehr, einen Kriegerverein,

einen Gardeverein, drei

Turn- und vier Gesangsvereine

und einen Handwerkerverein.

18

Schematismus der Diözese

Münster 1904, S. 75

19

Dülmener Anzeiger

vom 17. Januar 1903

– im Folgenden zitiert als DA

20

DA 1. Juli 1903

21

DA 20. Juli 1903

22

DA 21. Februar 1903

23

DA 27. Januar 1903

24

DA 14. Februar 1903

25

DA 28. Februar 1903

26

Vgl. Bärbel Cöppicus-Wex,

Dülmen 1849–1918, in:

Geschichte der Stadt Dülmen,

Dülmen 2011, S. 220

27

Register der Firmungen in

Dülmen St. Viktor 1890–1971,

S. 329

28

DZ 16. Mai 1916

29

DZ 13. Mai 1916

30

DZ 16. Mai 1916

31

DZ 17. Mai 1916

32

DZ 23. November 1963

33

Schreiben vom 30. November

1918, Archiv des Hiltruper

Missionshauses Münster,

Personalakte Friedrich Kaiser.

– Merkwürdigerweise schrieb

die DZ am 23. November 1963:

„Dem jungen Kaiser wollte

man hier sehr bald weismachen,

dass er sich gar nicht

so sehr für das Büro eigne“;

Kaiser sei einer Kündigung

zuvorgekommen!

34

Dr. Joseph Feuerstein, geb. am

5. September 1880 in Dülmen,

Priesterweihe 28. Mai 1904,

gest. am 31. Juli 1924;

Oberlehrer bzw. Studienrat

in Dülmen ab 1912, wohnhaft

Dortmunder Straße 1 (heute

Hohe Straße, auf Höhe des

Pavillons)

35

DZ 23. November 1963;

ebenso die vorherigen Zitate

36

„Zeugnis für Friedrich Kaiser“

von Oberlehrer Dr. theol. Feuerstein

vom 25. November 1918,

Missionshaus Hiltrup, Archiv,

darin Personalakte Friedrich

Kaiser – im Folgenden zitiert

als MH

37

Auskunft von Reinhold

Frieling vom 24. Mai 2011

38

Wilhelm Bruns,

geb. am 4. September 1890,

Priesterweihe 6. Juni 1914,

Kaplan an St. Viktor in Dülmen

1916–1923, gest. am 18. März

1961, zuletzt Pfarrer und Dechant

in Bottrop, Diözese Essen

39

DZ 16. November 1963

153


40

Hiltruper Monatsheft 1/1919, S.

3 bzw. S. 5

– im Folgenden zitiert als HM

41

DZ 9. Dezember 1963

42

Heute „Kardinal-von-Galen-

Gym nasium“, seit 1975 in Trägerschaft

des Bistums Münster

43

www.altes-missionshaus.de /

August 2011

44

HM 10/1919, S. 225 ff.

45

Schreiben Friedrich Kaisers

vom 12. Oktober 1977 an P.

Provinzial Karl Gräbe, MH

46

DZ 16. November 1963

47

Attest von Dr. Többen

vom 19. Juli 1924, HM

48

DZ 23. August 1932

49

Schreiben von Dr. Bergmann

vom 17. September 1925 an

einen Hiltruper Missionar,

vermutlich an den Provinzial,

MH. – Demnach ist die

Charakterisierung Friedrich

Kaisers als „Dickkopfnicht

einfach launige Selbstironie

in späteren Jahren, sondern

früher wissenschaftlicher

Befund … J

50

Ebd. Wörtlich heißt es dort: „Er

ist hier zugänglicher und nachgiebiger

geworden. … Bei aller

körperlichen und seelischen

Plage würde ich aber doch auch

streng dazu raten, ihm das

‚Gehorchenlassen’ gründlich

beizubringen. Fortiter in re,

suaviter in modo. Andrerseits

wird er sich doch auf Ihrem

Tusculum gut weiter erholen.

Alles hängt endlich von dem

Resultat ab, das er dort noch

weiter gewinnt.“

51

Zeugnis von Pfr. Knepper vom

25. August 1926, MH

52

Hier hatte der Orden 1920 das

Schloss des Grafen von Nesselrode

übernommen.

53

KuL 10. Oktober 1993

54

Personalbogen vom 8. August

1927, MH

55

Rundbrief „Bischof und Bettler“

der Mariengemeinschaft

Hiltrup e.V. Nr. 101/1968, S. 20

56

Gottesreich 2/1930, S. 25 ff.

57

Gottesreich 2/1932, S. 34 ff.

58

Ebd., S. 40

59

Gottesreich 1/1933, S. 9 ff.

60

Personalbogen

vom 27. August 1930, MH

61

Personalbogen

vom 25. Januar 1931, MH

62

Personalbogen

vom 25. Januar 1932, MH

63

Personalbogen

vom 27. Juni 1932, MH

64

Zitiert in: Karl Hoeber (Hg.),

Die Rückkehr aus dem Exil,

Düsseldorf 1926, S. 26

65

DZ 23. August 1932

66

DZ 23. August 1932

67

KuL 10. Oktober 1993

68

Mitteilungen aus der Norddeutschen

Provinz, Heft Nr. 12,

15. Oktober 1934, S. 23

69

Ebd., Heft Nr. 13,

15. Februar 1935, S. 13

70

Ebd., Heft Nr. 14,

15. Juni 1935, S. 3 u. S. 17

71

KuL 10. Oktober 1993

72

KuL 10. Oktober 1993

73

Dr. B. Siebers MSC, in:

HM 8/1963, S. 175

74

KuL 10. Oktober 1993

75

Friedrich Kaiser,

Der Ruf aus den Anden,

Paderborn 1988, S. 9

154


– im Folgenden zitiert als RA

76

Peter Löffler (Bearb.),

Bischof Clemens August Graf

von Galen. Akten, Briefe und

Predigten 1933 bis 1946, 2 Bde.,

Mainz 1988, S. 856

77

RA, S. 200

78

RA, S. 60

79

RA, S. 119

80

Wilhelm Hümmeler,

Helden und Heilige, Bonn 1934,

Bd. II, S. 108

81

RA, S. 51

82

B. Weber MSC, in:

HM 7/1960, S. 148

83

HM 12/1963, S. 275

84

HM 2/1964, S. 35

85

RA, S. 9

86

W. Rutsch MSC, in: HM 3/1961

87

RA, S. 10

88

RA, S. 10 ff.

89

RA, S. 76

90

RA, S. 16

91

HM 8/1963, S. 181

92

Dr. B. Siebers MSC, in:

HM 8/1963, S. 177

93

HM 8/1963, S. 181

94

RA, S. 10

95

RA, S. 14

96

RA, S. 14

97

Wer bei „google.maps“ die Koordinaten

-15.776313,-73.373051

eingibt, wird auf die Zufahrtsstraße

nach Caravelí geführt.

98

HM 12/1967, S. 268

99

Brief von J. Ripkens MSC vom

30. Oktober 1958, zitiert in:

HM 1/1963, S. 11

100

HM 2/1964, S. 34

101

DZ 11. Oktober 1961

102

RA, S. 16

103

RA, S. 15

104

HM 8/1963, S. 181

105

RA, S. 17

106

Vgl. HM 2/1964, S. 34

107

HM 8/1963, S. 182

108

RA, S. 18

109

RA, S. 18

110

RA, S. 18

111

RA, S. 187

112

HM 8/1961, S. 183

113

Rundbrief „Bischof und Bettler“

der Mariengemeinschaft

Hiltrup e.V. Nr. 101/1968, S. 20

114

Ebd.

115

RA, S. 19

116

HM 8/1963, S. 183

117

RA, S. 104

118

RA, S. 105

119

HM 8/1963, S. 183

120

RA, S. 82

121

RA, S. 79

122

RA, S. 21

123

RA, S. 89

124

RA, S. 37

125

RA, S. 51

126

RA, S. 206

127

RA, S. 209

128

RA, S. 81

129

RA, S. 22

130

RA, S. 37

131

RA, S. 42

132

RA, S. 42

133

RA, S. 117

134

RA, S. 102

135

RA, S. 85

136

RA, S. 21

137

RA, S. 166

155


138

HM 2/1964, S. 38

139

HM 12/1965, S. 269

140

HM 12/1965, S. 268

141

HM 9/1965, S. 196

142

HM 12/1965, S. 267

143

DZ 9. Dezember 1963

144

DZ 10. Dezember 1963

145

RA, S. 19

146

RA, S. 48

147

RA, S. 50

148

Brief an P. Glazik MSC

vom 22. Mai 1967, MH

149

Brief an P. Gräbe MSC

vom 17. Februar 1975, MH

150

Brief an P. Gräbe MSC

vom 14. April 1975, MH

151

HM 1/2008, S. 10

152

RA, S. 23

153

Gespräch des Autors mit

einem Hiltruper Missionar

am 17. August 2011

154

Gespräch des Autors mit

einem Hiltruper Missionar

am 8. September 2011

155

Gespräch des Autors mit einer

Hiltruper Schwester

am 27. September 2011

156

Gespräch des Autors mit

Maria T. am 4. Oktober 2011

157

DZ 10. Dezember 1963

158

Clemens Engling,

Unbequem und ungewöhnlich.

Anna Katharina Emmerick –

historisch und theologisch neu

entdeckt, Würzburg 2005

159

Gespräch des Autors mit

Pfarrer Peter Nienhaus

am 17. Oktober 2011

160

Erinnert sei hier an zwei Zeitgenossen

Friedrich Kaisers:

Hans Urs von Balthasar

(1905–1988) verließ den Jesuitenorden

und gründete die

„Johannesgemeinschaft“; die

selige Mutter Teresa (1910–

1997) verließ die Gemeinschaft

der Loreto-Schwestern und

rief die „Missionarinnen der

Nächstenliebe“ ins Leben.

161

Sein Gesundheitszustand

war schon länger nicht mehr

stabil. So schrieb ein Hiltruper

Missionar am 10. April 1988

aus Peru nach Münster:

„Monsenor Kaiser hat ziemlich

stark abgebaut und wir müssen

jeden Tag mit seinem Tod

rechnen. … Mal wird es etwas

besser und dann sieht es wieder

so aus, als wenn er jeden

Moment sterben könnte“. MH

162

Zitiert in: Dülmener Heimatblätter

2/1993, S. 8

163

HM 1/2008, S. 10

164

Brief von Maria T. an den

Autor vom 22. September 2011

165

Vgl. die Broschüre:

Gracias, Padre Federico!

Testimonios sobre un Testigo

de Dios, Lima 2009.

166

Zitiert in: Clemens Engling,

Unbequem und ungewöhnlich,

S. 19; vgl. Anm. 130

167

Theologisch richtig wäre die

Formulierung:

„Auch Prominente sind nur

Menschen und eben keine

Engel!“

168

Die Predigten und Ansprachen

des Papstes während

seines Deutschlandbesuchs

vom 22. bis 25. September 2011

wurden dokumentiert in:

Die Tagespost Nr. 115/2011;

darin auch die Predigt auf

dem Erfurter Domplatz, S. 10.

156


Bildnachweis

Bischof und Bettler, Rundbrief Nr. 101/1968: 100, 103

Bistumsarchiv Münster: 53

Dülmener Zeitung (Nina Domnick): 16

Elli Frieling, Dülmen: 14, 66

Hiltruper Monatshefte: 48, 70, 75, 80, 83, 84, 88, 90, 93, 94, 96, 105, 108,

110, 113, 119, 126, 128, 132, 148

Foto Kleimann, Dülmen: 22

Hildegard Lemmen, Dülmen: 127

Verona Marliani-Eyll, Kevelaer: 46, 62

Misereor Bildkartei, Bolivien/Peru, Menschen auf dem Weg: 71, 77, 123

Misioneras de Jesús Verbo y Victima, Peru: 101, 107, 111, 114, 116, 120,

125, 141, 142, 143, 149

Sammlung Erik Potthoff, Dülmen: 13, 19, 24, 27, 31, 35, 38, 52, 59

Schützengemeinschaft Oeventrop: 55

Stadtarchiv Dülmen: 41

Maria Tamm, Beckum: 98, 134, 135, 139, 146

157


Dank

Bei der Recherche nach Literatur konnte ich mich an

Herrn Friedrich Schröder von der Diözesanbibliothek

Münster wenden. Herr Stefan Jahn vom Bistumsarchiv

Münster erstellte freundlicherweise verschiedene Repros

von alten Aufnahmen. Im Archiv des Missionshauses

Hiltrup war P. Johann Limburg MSC behilflich;

im Stadtarchiv Dülmen unterstützte mich Herr Dr.

Stefan Sudmann. Frau Maria Groothusen aus Kevelaer

übernahm die kritische Durchsicht und Bearbeitung

des Manuskripts. Frau Christiane Daldrup aus Dülmen

besorgte die Umschlaggestaltung und das Layout

des Textes. Ihnen und den vielen Ungenannten, die

zum Gespräch zur Verfügung standen und Auskunft

erteilten, danke ich ganz herzlich!

Weitere Informationen

Die folgenden Internetportale bieten umfassende und

weiterführende Informationen über das Wirken der

Seelsorgeschwestern von Caravelí bzw. der Hiltruper

Missionare und Missionsschwestern.

www.mjvv.blogspot.com

www.misionerasdejesus.wordpress.com

www.caraveli.de

www.hiltruper-missionare.de

www.msc-hiltrup.de


Kontakt

Misioneras de Jesús Verbo y Victima

Convento Santa Teresa

Los Albaricoques 289

Lima 12 / Peru

Tel. 0051-54-511002

Mail: conventocenaculo@speedy.com.pe

Spendenüberweisungen

Von Deutschland aus unterstützt der „Förderverein

des Seelsorgeschwestern Caravelí/Peru“ die Arbeit

der Schwestern vom lehrenden und sühnenden Heiland

in Südamerika. Der Förderverein ist beim Amtsgericht

Paderborn unter der Nummer 1887 als „e.V.“

eingetragen. Er ist mit Freistellungsbescheid des Finanzamts

Paderborn vom 3.9.1998 – Steuernummer

339/0176/6697 – wegen Förderung kirchlicher Zwecke

im Sinne des § 51 ff AO nach § 5 Abs. 1 Nr. 9 KStG von

der Körperschaftsteuer befreit und als gemeinnützig

anerkannt.

Bank für Kirche und Caritas eG

33098 Paderborn

Kto. 16 360 000

BLZ 472 603 07


Selbst am Tag seiner Bischofsweihe bezeichnete er sich als

»Dülmener Dickkopf«: Friedrich Kaiser fühlte sich sein Leben

lang als Münsterländer. Dennoch zog es ihn als Missionar ins

ferne Peru. Dort folgte er dem »Ruf aus den Anden«, um unter

schwierigsten Umständen bei den Indios seelsorglich zu

wirken. 1961 gründete er eine Gemeinschaft von Seelsorgeschwestern.

In einer Zeit, in der sich Christen hierzulande um Pfarrgrenzen

und Gemeindefusionen streiten, wird uns mit Friedrich Kaiser

eine Kirchengestalt in großer Anspruchslosigkeit und mit

einem hohen Improvisationsvermögen vor Augen gestellt. Er

macht uns die Weltweite der Kirche bewusst und will auch

unsere persönliche Perspektive an der Weite ausrichten.

Das Buch schildert Friedrich Kaiser als einen interessanten

Zeugen des Glaubens – leidenschaftlich, originell, mit einem

hohen Anspruch an sich und die Mitmenschen. Das Seligsprechungsverfahren

ist eingeleitet.

Autor: Markus Trautmann, geboren 1970, wurde 1999 zum

Priester geweiht. Seit 2009 wirkt er als Pfarrer in Dülmen.

Laumann-Verlag Dülmen

€ 9,80 [D]

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine