MEDIAkompakt 23: Exit

mediapublishing07

Die Zeitung aus dem Studiengang Mediapublishing an der Hochschule der Medien Stuttgart

DIE ZEITUNG DES STUDIENGANGS MEDIAPUBLISHING

DER HOCHSCHULE DER MEDIEN STUTTGART AUSGABE 01/2018 1.2.2018

media

kompakt

FLUCHT AUS DEM

EIGENEN KÖRPER

MENSCHEN, S. 10

TEST: STECKST DU

IN DER FRIENDZONE?

LIFESTYLE, S. 17

JEDER IST

WILLKOMMEN

GESELLSCHAFT S. 28

ZUM MOND, ZUM MARS

UND NOCH WEITER

GESELLSCHAFT, S. 32

E X I T


2

EDITORIAL

mediakompakt

Liebe Leserinnen,

liebe Leser,

Wieder einmal geschafft, mittlerweile die Nummer 23 der MEDIAkompakt.

EXIT ist das Thema der aktuellen Ausgabe, die dieses Mal auch mit gleich zwei

Besonderheiten aufwarten kann. Erstens: Wir konnten mit Reimund Abel

einen ganz hervorragenden Redakteur und exzellenten Medienprofi in unser Team

holen, der nicht nur inhaltlich mit den Studierenden super gearbeitet hat,

sondern auch organisatorisch diese Ausgabe 23 realisiert hat. An dieser Stelle

ein ganz großes Dankeschön, dass das alles so reibungslos geklappt hat und

wir auch in Zukunft auf die Unterstützung von Herrn Abel zählen können.

Die zweite Besonderheit ist der Umfang. In der bisherigen Geschichte der

MEDIAkompakt wurden noch nie 36 Seiten produziert. Das ist Rekord und Sie,

liebe Leserinnen und Leser, können sich auf viele interessante Artikel über

Menschen, Lifestyle und Gesellschaft freuen.

Prof. Christof Seeger

Herausgeber

MENSCHEN

3 Raus aus der Angst – Rein ins Leben

Tipps für entspannte Gedanken

4 Im falschen Körper

Ein Transgender berichtet

6 Yours truly, Jack the Ripper:

Das perfekte Verbrechen

7 Die Arbeit mit Suchtkranken:

Interview mit einer Klinik-Mitarbeiterin

8 Plötzlich sprachlos

Interview mit einem Aphasiker

10 Schweinehund ade!

Von 180-kg-Couch-Potato zum Supersportler

LIFESTYLE

11 Zurück ins reale Leben

Der neue Trend: Digitales Entschlacken

12 Brille auf. Spiel an. Welt aus.

Einblick in Virtual-Reality Games

14 Raus aus dem Hamsterrad! Rein in die

Unabhängigkeit!

Die digitalen Nomaden

15 Ein weiter Weg

Pilgern auf dem Jakobsweg

16 Das Experiment der Gemeinschaft

Ein nachhaltiges und zukunftsfähiges Lebensmodell

17 Freundschaft – oder mehr?

Unterwegs in der Friendzone

18 Bist du in der Friendzone?

Teste dich!

20 Schmeiß‘ den Kummer aus dem Fenster!

Eine Trennung als Defibrillator für den Alltagstrott

21 Raus aus dem Schlemmen – Jetzt wird gefastet!

Das bringt Fasten wirklich

22 Glücklich wie die Dänen

mit einer Hygge-Challenge

24 Box dich raus!

Befreiung von negativen Gedanken

GESELLSCHAFT

IMPRESSUM

MEDIAkompakt

Zeitung des Studiengangs Mediapublishing

Hochschule der Medien Stuttgart

HERAUSGEBER

Prof. Christof Seeger; Reimund Abel

Studiengang Mediapublishing

Postanschrift: Nobelstraße 10

70569 Stuttgart

REDAKTION

Reimund Abel

E-Mail: abel@hdm-stuttgart.de

PROJEKTLEITUNG

Jasmin Kiene, Elise Eydner

ANZEIGENVERKAUF

Mirjam Höschl, Adriana Vratonjic, Lisa Warth, Sarah Fuchs,

Mona Joerg, Laura Diemand, Anna Donnerstag, Ana

Karlovcec

PRODUKTION

Tina Burner, Katja Großmann, Manuel Gottwald, Hannah

Düser, Viktoria Baier, Jessica Schlag

BILDREDAKTION

Laura Bohnet, Theresa Birker

MEDIANIGHT-TEAM

Olga Alves, Alina Hahn, Luisa König, Anna Wittich,

Christina Scheben, Paula Wächter

DRUCK

Z-Druck Zentrale Zeitungsgesellschaft GmbH & Co. KG

Böblinger Straße 70

71065 Sindelfingen

ERSCHEINUNGSWEISE

Einmal im Semester zur Medianight

26 Über Brexiteers und Brexitrebels

Raus aus der EU: Was bedeutet das konkret?

28 Kein Kaffee-Klatsch

Ehrenamtliche helfen Flüchtlingen

29 Von Frauen für Frauen

Eine Haus zum Schutz für Frauen feiert Jubiläum

30 Endstation Grab?

Illegaler Handel mit Gewebe und Knochen von Toten

31 Youth Revolt

Der Punk wird geboren

32 Abflug von der Erde!

Nächster Halt: Mars

34 Komm mit mir ins Wunderland ...

Abtauchen in die Bücherwelt

35 Einmal Start-up und zurück

„hoomn“ -die Geschäftsidee scheiterte


1/2018

MENSCHEN

3

Raus aus der

Angst – Rein

ins Leben

Habe ich für die Prüfung genug

gelernt? Was, wenn ich

wieder durchfalle? Oh Gott,

ich werde mein Studium nicht

bestehen! Und dann? So bekomme

ich nie einen Job!

VON MIRJAM HÖSCHL

Wer kennt solche Gedankenspiralen

noch? Vielleicht ist es nicht eine

Prüfung, sondern ein Treffen mit

dem unfreundlichen Vermieter

oder der ungerechte neue Chef. Es

gibt viele Alltagssituationen, die Angst machen

und uns nachts wachhalten. Zukunftssorgen sind

normal und sogar nützlich. Hand aufs Herz,

Prüfungsangst kann auch ungemein motivierend

wirken. Doch wenn sich das Gedankenkarussell

unkontrolliert weiterdreht, verliert die Angst

ihren Nutzen. Hier ein paar Tipps, wie Sorgen und

Ängste in die Schranken gewiesen werden:

1. Kenne deinen Feind

Jeder hat schon einmal Angst erlebt, aber es

kann helfen zu wissen, was dahinter steckt. Auf

das Gefühl von Herzklopfen oder Schweißausbrüchen

könnten wir verzichten. Allerdings ist

das nichts anderes als eine Selbsterhaltungsmaßnahme.Die

Nebenwirkungen sind Folge der

Stresshormone, die angesichts einer bedrohlichen

Situation (klassisches Beispiel: Säbelzahntiger)

ausgeschüttet werden, um uns zu Höchstleistungen

zu treiben. Zwar helfen Angstreaktionen

auch heute noch, Gefahren zu bewältigen, jedoch

gelingt es dem Gehirn nicht immer, eine Situation

richtig einzuschätzen. Denn heute sind ja die

wenigsten Alltagssituationen so existentiell wie

ein Kampf auf Leben und Tod. Der biochemische

Mechanismus von damals ist aber erhalten

geblieben. Für Grübler und Schwarzmaler lautet

die Devise deshalb: Stresslevel runter!

2. Entspannung zum Mitnehmen!

„Entspann dich mal!“ ist ein Ratschlag, der

Dauergrüblern bekannt vorkommen dürfte. Gut

gemeint, aber wenn das so einfach wäre!

Tatsächlich ist es mit etwas Übung möglich, Entspannung

zu lernen und bei Bedarf anzuwenden.

Die bekanntesten und am schnellsten zu erlernenden

Methoden sind Atemtechniken. Hier

geht es darum, die flache Brustatmung gegen eine

entspannte Bauchatmung zu ersetzen. Eine

weitere, international anerkannte, Methode ist

die progressive Muskelentspannung. Dabei werden

die einzelnen Muskelgruppen im Körper

gezielt erst angespannt, dann wieder entspannt.

Ziel dabei: die Spannungszustände bewusst wahrzunehmen

und kontrollieren zu lernen. Ausführliche

Anleitungen zu diesen Techniken findet

man in Ratgebern, auf Webseiten oder in verschiedenen

YouTube-Tutorials.

3. Bitte Bewegung!

Sport ist der wahre Cadillac unter den Anti-

Stress-Mitteln. Bewegung dient nicht nur als Ventil

für überschüssige Energie, die ansonsten in

innere Unruhe und Anspannung gesteckt würde.

Sport bringt auch den Serotonin-Haushalt ins

Gleichgewicht, reduziert die Ausschüttung der

Stresshormone Cortisol und Nordrenalin und

setzt zudem das „Pepita ANP“, einen körpereigenen

„Angsthemmer“, frei. Schon 60 Minuten

Sport in der Woche helfen das Stresslevel zu

senken. Und nebenbei pusht das Gefühl, etwas

geschafft zu haben auch noch das Selbstvertrauen.

4. Energie statt Koffein

Er ist Katerkiller, Study-Buddy und treuer

Begleiter in der 8-Uhr-Vorlesung. Kaum jemand

will sich ein Leben ohne Kaffee vorstellen. Doch

Fakt ist: Nervöse Menschen sollten darauf

verzichten. Wer in negativen Gedankenspiralen

feststeckt, ist ohnehin angespannt und dauergestresst.

Deshalb Finger weg vom Koffein-Kick.

Dasselbe gilt für Cola und Energy Drinks. Wer

trotzdem etwas für zwischendurch braucht, sollte

lieber auf gesunde Energiebooster, etwa auf Nüsse,

zurückgreifen. Oft hilft auch schon ein großes

Glas Wasser.

5. Ein Sorgen-Tagebuch führen

Ein weiterer Tipp: Sorgen und Ängste von der

Seele schreiben! Das hat mehrere Vorteile: Zum

einen kann den Grübeleien eine feste Zeit am Tag

zugeordnet werden. Während des Schreibens ist es

dann völlig okay, sich mit den negativen

Gedanken zu beschäftigen.

Wenn die Sorgen tagsüber zuschlagen,

können sie ohne schlechtes Gewissen einfach auf

später verschoben werden. Außerdem wirkt

Schreiben, ähnlich wie ein Gespräch mit dem

besten Freund, unglaublich befreiend. Statt Probleme

in sich hineinzufressen, werden die

Gedanken geordnet und mit etwas Distanz betrachtet.

Das wiederum ist die Grundlage für

problemlösendes Denken.

6. Jeder braucht mal Hilfe

Dass wir uns Sorgen machen, ist normal. Wer

weiß schon, was uns alles erwartet? Trotzdem ist

es wichtig, dass wir uns von Zukunftsängsten

nicht vollkommen einnehmen lassen.

Sind die Grübeleien trotzdem so stark ausgeprägt,

dass sie den Alltag beeinflussen und sich

sogar körperlich auswirken, ist es empfehlenswert,

einen Arzt oder Psychotherapeuten zu suchen.

Sollte tatsächlich eine chronische Angststörung

vorliegen, verschwindet sie selten von

allein. Mit professioneller Hilfe sind Angststörungen

dagegen gezielt therapierbar. Und wer

will schon unnötig lange auf ein sorgenfreies

Leben verzichten?


4 MENSCHEN

mediakompakt

Im falschen

Körper

Jill Deimel ist ein Bild von einem

Mann mit muskulösem Oberkörper

und Tattoos, aber er wurde als

Frau geboren. Der 37-jährige

Mentalcoach aus Hattingen erläutert

im Interview sehr offen,

wie es ist, im falschen Körper

aufzuwachsen und wie er es

geschafft hat, sich selbst

zu akzeptieren.

VON THERESA BIRKER

Bild: Jens Kühnemund

mediakompakt: Was bedeutet für Dich der Begriff

Transgender?

Jill: Ich definiere es vielleicht falsch, aber für mich

bedeutet es, dass man mit dem Geburtsgeschlecht

Identifikationsstörungen hat. Für mich war das

wichtig, dass ich das bin – transsexuell. Dass ich

mich dem anderen Geschlecht zugeordnet fühle.

mediakompakt: Wann und wie hast Du gemerkt,

dass Du im falschen Körper geboren wurdest?

Kannst Du dich noch an einen bestimmten

Moment erinnern?

Jill: Den gab es nicht. Ich habe im Kindergarten

angefangen, das klischeemäßige Jungenbild zu

erfüllen. Ich hatte kurze Haare und wollte keine

Kleider tragen. Meine Eltern haben sehr tolerant

darauf reagiert, ich hatte einfach eine Kindheit als

Junge, habe mit Autos gespielt, war einfach Jill

und immer mehr mit Jungs zusammen. Nein, da

gab es keinen Aha-Moment.

mediakompakt: Wie fühlt es sich an, im falschen

Körper zu leben?

Jill: Am Anfang war es für mich normal, ich kannte

meinen Körper ja seit meiner Geburt, da war

nichts Komisches. Vor der Pubertät hat man ja

keine Brüste, und in die Hose guckt dir keiner. In

der Pubertät änderte sich das, mein Körper wurde

weiblicher und es war nicht mehr so einfach, das

zu verstecken. Ich habe gespürt, dass ich mich

eher für Mädchen interessiere, habe mich aber

dagegen gewehrt, mich in meinem Körper nicht

wohl gefühlt. Es gab Phasen, in denen ich mich

zum Mädchen sein zwingen oder selbst davon

überzeugen wollte. Wenn ich mich nur genug

anstrenge, dann geht das weg.

mediakompakt: Ging es weg?

Jill: Das hat nur zu noch mehr Frustration geführt.

Wenn man etwas erzwingen will, wird es nur

schlimmer. Ich spürte immer ein subtiles,

unterbewusstes Gefühl, dass da etwas nicht

richtig, etwas falsch ist.

mediakompakt: Wie ging es weiter?

Jill: Als ich Frauen kennenlernte, die heterosexuell

waren, sich aber dennoch auf mich eingelassen

haben, war für mich klar, es muss sich etwas


1/2018 MENSCHEN

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ändern. Nach körperlichen Zärtlichkeiten hatte

ich mich immer gesehnt, aber so wie ich war, war

es undenkbar. Es hat sich falsch angefühlt. Nach

dem Motto: Was macht denn eine Frau mit einer

Frau? Es war mir gleichzeitig unangenehm, denn

meinen weiblichen Körper

empfand ich als Strafe und

ich konnte ihn nicht

ertragen. Ein Gefühl, dass

immer eindringlicher

wurde. Ich hätte alles

getan, alles Geld der Welt

bezahlt, jede Therapie gemacht. Wenn mir einer

gesagt hätte, wir machen mit dir eine

Gehirnwäsche, es ist in einem Monat weg, auch da

hätte ich zugestimmt. Du denkst dir, wie soll das

ein anderer verstehen, wenn du selbst nicht mal

damit klar kommst.

mediakompakt: Hast Du dich damals jemandem

anvertraut?

Jill: Ich musste irgendwann. Wenn mich jemand

gefragt hat, wie es mir geht, musste ich sofort

weinen. Wenn man etwas lange in sich hineinfrisst,

drängt es irgendwann raus. Und so sagte ich

es meiner Schwester, die der wichtigste Mensch in

meinem Leben ist. Ihr habe ich mich im Alter von

16 anvertraut. Zunächst habe ich aber nur gesagt,

dass ich auf Frauen stehe. Ich habe nicht gesagt,

dass ich transsexuell sei, das kam später. Es war

dennoch sehr erleichternd, weil ich von da an

endlich darüber reden konnte.

mediakompakt: Zu welchem Zeitpunkt war für dich

der Punkt erreicht, an dem Du zum Mann werden

wolltest?

Jill: Später. In der Oberstufe war klar, ich stehe auf

Frauen. Aber mir wurde immer stärker bewusst,

dass es das nicht allein ist, sondern dass ich ein

Mann sein will. Mit 21 war ich auf einer Schauspielschule.

Das war eine Qual für mich, denn

der Körper ist dein Arbeitsmaterial. Die Situation

„Meinen weiblichen

Körper empfand ich

als Strafe.“

spitzte sich so zu, dass ich die Schule abgebrochen

habe und auch Suizidgedanken hatte. Es musste

was pas-sieren, oder ich wollte nicht mehr leben.

Meine damalige Freundin hat mich dann

irgendwann mit zu ihrem Frauenarzt genommen,

der zufälligerweise Trans-

sexuelle betreut hat. Er hat

mir Adressen von Therapeuten

gegeben und dann

nahm das Ganze Fahrt

auf.

mediakompakt: Wie hat denn Dein Umfeld auf

deinen neuen Körper reagiert?

Jill: Ich habe nie wirklich schlechte Erfahrungen

gemacht. Geschockt war keiner, sie haben sich

zwar nicht vorstellen können, dass ich transsexuell

bin, aber für sie hat sich das logisch

dargestellt, da sie mich mein Leben lang erlebt

haben. Eigentlich waren alle sehr verständnisvoll.

So wie ich es erleben durfte, wünsche ich es jedem

anderen auch.

mediakompakt: Wenn Du zurückschaust, gab es

Zeiten, in denen Du einfach alles hinschmeißen

wolltest?

Jill: Ja, aber das bedeutet nicht, dass ich es

rückgängig machen wollte. Für mich war immer

klar, dass ich es nie bereuen werde. 2005 habe

ich angefangen männliche

Hormone zu nehmen.

Meine erste Operation war

2007, die Entfernung der

Brust und der weiblichen

Organe, wie der Gebärmutter

und den Eierstöcken.

In dem Jahr war

auch die erste Operation im Intimbereich, die sehr

gefährlich ist. Dabei ist viel schief gelaufen, ich

musste nicht viermal, sondern zwanzig Mal

operiert werden. Aber ich habe es nie bereut,

diesen Weg eingeschlagen zu haben.

„Ich musste lernen,

mich mental als

Mann zu fühlen.“

mediakompakt: Ab wann hast Du dich als richtiger

Mann gefühlt?

Jill: Ich hatte gehofft, dass nach den Operationen

alle meine Probleme vorbei sind und es mir gut

geht. Danach ist mir bewusst geworden, wie sehr

mein Problem seelisch begründet ist. Der Körper

ist nur die Grundlage.

mediakompakt: Wie meinst Du das?

Jill: Ich hatte das, was ich mir immer gewünscht

habe, aber innerlich war immer noch diese Leere

und das Gefühl, nicht richtig zu sein. Dann

begann die seelische Auseinandersetzung. Ich

musste lernen, mich auch mental, nicht nur

äußerlich als Mann zu fühlen. Erst mit Anfang 30

konnte ich sagen, dass ich das geschafft habe.

mediakompakt: Fühlst Du dich nun angekommen?

Jill: Ja, weil ich mir auch eine andere Sichtweise

angeeignet habe. Mann und Frau, das ist meine

Überzeugung, unterscheiden sich wirklich nur

äußerlich. Ich als Mann darf meine Weiblichkeit,

die jeder Mann in sich trägt, zulassen. Von dem

Moment an, als ich das akzeptiert hatte, fühlte ich

mich noch männlicher.

mediakompakt: Was rätst Du Menschen, denen es

wie Dir geht?

Jill: Egal, wie verstellt der Weg auch erscheinen

mag, die Lösung

kommt, aber erst, wenn

man sich auf den Weg

macht. Einfach losgehen,

auch wenn man noch gar

nicht weiß, wohin. Den

richtigen Moment dafür

gibt es nicht. Je mehr

man sich gegen sich selbst wehrt, umso

schlimmer zeigt sich das auch psychisch. Bleibt

bei euch, auch wenn ihr denkt, ihr schafft es

nicht. Einfach tun. Wenn man das übersteht,

muss man vor nichts mehr Angst haben.

Bild: Volker Bruns


6

MENSCHEN

mediakompakt

Yours truly, Jack the Ripper

1888 wurden im Londoner Armenviertel Whitechapel mehrere Prostituierte ermordet. In dem

Buch „Jack the Ripper – Anatomie einer Legende“ von Püstow und Schachner und Dutzenden

Foren versuchen noch heute hunderte Menschen den Mörder zu fassen.

VON JASMIN KIENE

Um zu verstehen, wieso es der Polizei

nicht gelang, Jack the Ripper zu

finden, muss man wissen, welche

Umstände im Londoner East End

herrschten. In dem Bezirk wohnten

rund 500.000 Menschen. Davon lebten

35 Prozent unter der Armutsgrenze, etwa

13 Prozent kämpften mit dem Hungertod. Die

unterbesetzte Polizei wurde weder respektiert

noch war sie, mit Holzknüppeln, Pfeifen und

schwachen Öllaternen gut für die Verbrechensbekämpfung

ausgestattet.

Neigt man dazu Jack the Ripper nur die

sogenannten „kanonischen Fünf“ anzurechnen,

beginnt seine Mordserie am 31. August

1888 mit Mary Ann Nicholes. Wie ein

Gerichtsmediziner feststellte, wurde dem Opfer

die Kehle durchgeschnitten und brutal auf den

Unterbauch eingestochen. Nur wenige Tage

später fand man Annie Chapman. Auch ihr

wurde die Kehle durchtrennt. Der Ripper

weidete sie außerdem aus und platzierte ihre

Innereien auf der Leiche. Von einigen Organen

fehlte jede Spur. Unsterblich wurde Jack wohl

erst durch seinen Doppelmord am 30. September

1888. Als rund 100 Personen in einem Pub

feierten, wurde Elizabeth Stride im Hinterhof des

Hauses getötet. Nur 45 Minuten später fand man

die Leiche von Catherine Eddowes. Während der

Täter bei Elizabeth Stride vermutlich gestört wurde

und deshalb jegliche Verstümmelungen fehlten,

wurde Eddowes die Kehle durchtrennt, das Gesicht

verstümmelt, die Innereien herausgezogen und

über die rechte Schulter drapiert. Wie bei

Chapman fehlten auch Eddowes einige Organe.

Der finale Höhepunkt war der Mord an Mary Jane

Kelly, die am 9. November 1888 in ihrer Wohnung

gefunden wurde. Die Oberfläche des Unterleibs

und der Schenkel war entfernt worden, ihre

Organe entnommen und das Gesicht zerhackt. Der

Mörder verteilte die Organe in dem Zimmer und

nahm sich ihr Herz als Trophäe.

Was muss der Ripper also für ein Mensch

gewesen sein? Ein 1989 erstelltes Täterprofil

beschreibt ihn wie folgt: Er war Linkshänder, 28 bis

36 Jahre alt und kam wohl aus einer labilen Familie

mit einer alkoholkranken Mutter, die oft die

Gesellschaft von anderen Männern genoss. Er

lebte seine Gewaltphantasien wohl schon als Kind

durch Tierquälerei aus. Als Erwachsener wurde

daraus das Verlangen Frauen gewaltvoll zu dominieren.

Er arbeitet von Montag bis Freitag in einem

Beruf, der es zuließ, seine Gewaltphantasien

auszuleben. Man würde ihn als schüchternen

Einzelgänger beschreiben. Der erste Mord geschah

vermutlich nahe seiner Wohnung oder Arbeitsstelle,

und es ist möglich, dass er von der

Polizei befragt wurde.

Es gibt unzählige Theorien über seine Identität

– und warum die Mordserie so plötzlich endete.

Zwei Personen sind dabei besonders interessant.

Zum einen Francis Tumblety, der sogenannte

„amerikanische Quacksalber“. Tumblety hegte

offenen Hass gegen Frauen, da seine Frau der

Prostitution nachgegangen sein soll. Als „Arzt“

hatte er anatomische Grundkenntnisse und er soll

eine Sammlung von Uteri besessen haben. Zudem

begann die Mordserie mit seiner Ankunft in

London und endete, nachdem er aus dem Land

flüchtete. Tumblety war jedoch homosexuell.

Üblicherweise töten homosexuelle Serienmörder

nicht das andere Geschlecht. Zudem befand er

sich am 7. November in Haft. Es ist aber

unbekannt, wann er wieder entlassen wurde.

Eine andere Theorie bezieht sich auf Aaron

Kozminski. In Polizeidokumenten wird häufiger

ein gewisser „Kosminski“ als Täter genannt. Das

Problem: Seine Identität ist nicht zweifelsfrei

geklärt. Die Dokumente, die Kosminski als Täter

nennen, führen nur den Nachnamen.

Erst 1987 wurde dank intensiver Recherche

aus „Kosminski“, Aaron Kozminski. Ob Aaron

Kozminski jedoch der Kosminski aus den Polizeiakten

ist, bleibt unklar. Es gibt Unstimmigkeiten

mit Aaron Kozminskis Krankenakte und dem

Kosminski aus den Polizeiakten. Beispielsweise

wurde Aaron Kozminski erst 1891 völlig

verwahrlost in die Psychiatrie eingewiesen und

dort als apathisch und harmlos beschrieben,

während in den Polizeiakten Kosminski angeblich

schon 1889 von der Polizei verhaftet und

eingewiesen worden sein soll. Ebenso stimmen

Alter und Beruf von Kosminski und Kozminski

nicht überein.

Schon dutzende Male wurde behauptet, die

Identität des berühmten Mörders sei geklärt.

Zuletzt veröffentlichte die Zeitung „Daily Mail“

am 6. September 2014 einen Artikel mit dem Titel

„Jack the Ripper unmasked […]“ und behauptete,

dass Aaron Kozminski mithilfe modernen

DNA-Tests überführt sei. Es bestehen aber weiter

Zweifel daran. Die Faszination über den Fall dürfte

nie verblassen, es wird immer Menschen geben,

die versuchen das Rätsel zu lösen. Doch

vermutlich wird die Identität von Jack the Ripper

nie geklärt und er für immer „auf der Flucht vor

dem Gesetz“ sein.


1/2018 MENSCHEN

7

Die Arbeit mit

Suchtkranken

Ein Thema, vor dem viele zurückschrecken: Drogensucht.

Wie ist es, mit Rauschgiftsüchtigen zusammenzuarbeiten?

Sonja D. arbeitet seit einem Jahr für eine Studie mit suchtkranken

Patienten. Im Interview schildert sie ihre Erfahrungen.

VON ADRIANA VRATONJIC

mediakompakt: Welche Aufgaben hattest Du?

Sonja D.: Ich habe in der Klink nach Probanden für

unser Suchtprojekt gesucht und gefragt, ob sie

Interesse hätten, daran teilzunehmen. Voraussetzung

ist, dass die Patienten stabil genug sind

und kein Heroin mehr konsumieren. In der Studie

wollen wir eine neue Therapieform etablieren, bei

der wir den Patienten suchtbezogene Bilder

präsentieren und ihre Reaktion beobachten. So

zeigen wir den Patienten ein Bild von Droge, oder

wie jemand eine Droge nimmt. Dazu zeigen wir

neutrale Bilder, etwa ein Bild einer Kiwi oder einer

Tomate. Wir wollen herausfinden, wie die

Patienten reagieren, indem sie parallel dazu eine

Aufgabe machen. Es wird untersucht, wie die

Reaktion bei Suchtbildern ist.

mediakompakt: Hattest Du vorher Befürchtungen?

Sonja D.: Ja, denn der Drogenbereich ist mit vielen

Vorurteilen und Ängsten behaftet. Ich fragte

mich: Was sind das für Patienten, was für

Menschen? Ich hatte Angst, wie ich mich als junge

Frau dort fühlen werde.

der Droge wegzukommen. Um ehrlich zu sein,

bin ich solchen Patienten weniger begegnet.

Die meisten kommen, machen einen Entzug,

gehen und kommen wieder, gehen und kommen

wieder. Leider.

mediakompakt: Wie bist Du mit dieser Situation

umgegangen?

Sonja D.: Am Anfang hatte ich kein Verständnis.

Ich dachte, so ein Klinikaufenthalt ist richtig

teuer. Und die Patienten wertschätzen diese

enormen Kosten und Mühen nicht. Aber dann

dachte ich mir, man darf nicht vergessen, dass es

sich um eine Suchterkrankung handelt. Die

Menschen sind wirklich krank, es ist nicht

einfach, von der Abhängigkeit wegzukommen. So

etwas sollte man nicht unterschätzen. Deswegen

kann man da nicht hart sein und sich fragen,

wieso die Patienten immer wieder kommen.

mediakompakt: Also hat sich Deine Haltung

gegenüber Suchtkranken geändert?

Sonja D.: Ja, total! Ich habe viel mehr Verständnis,

Toleranz und Empathie entwickelt, weil ich nun

um die zum Teil schlimme Biographien weiß, die

dahinter stecken. Ich habe keinen Patienten

gesehen, der aus einer tollen, intakten und

stabilen Familie kommt und eine traurige

„Drogenkarriere“ hinter sich hat.

mediakompakt: Du bist vielen traurigen Schicksalen

begegnet. Wie bist Du damit umgegangen?

Sonja D.: Ich glaube, das lernt man mit der Zeit. Am

Anfang war es so, dass ich die Probleme mit nach

Hause genommen habe und viel über meine

Erfahrungen reden musste. Da es mittlerweile seit

einem Jahr eine routinierte Arbeit ist, muss ich

auch an mich denken. Was auf der Arbeit passiert,

lasse ich auf der Arbeit. Der Beruf verlangt, da

professionell zu sein. Aber ich kann mich sehr gut

mit meinen Kollegen austauschen.

mediakompakt: Was war die größte persönliche

Herausforderung?

Sonja D.: Ich musste lernen, nicht alles so ernst

und zu persönlich zu nehmen, was die Patienten

sagen. Zum Beispiel, wenn jemand einfach nicht

kommt oder motzig ist, dann ist es etwas, was

nichts mit mir zu tun hat.

mediakompakt: Kannst Du von einem positiven

Erlebnis berichten?

Sonja D.: Ja, ich habe mich ganz lange mit einer

Patientin unterhalten und ihr erklärt, wieso wir

die Studie Forschung machen. Sie konnte dazu

ganz viel beitragen. Sie schilderte mir das Problem

aus ihrer Sicht erläutern und lobte die Studie. Und

sie sagte, dass sie teilweise von der neue Therapieform

profitiert habe.

mediakompakt: Was war Deine Erwartung?

Sonja D.: Meine größte war, dass mir meine Ängste

genommen werden. Da ich zuvor keine Berührungspunkte

zur Drogenproblmatik hatte und

alles völlig neu für mich war, wollte ich viel

dazu lernen.

mediakompakt: Was hat Dich am meisten

überrascht?

Sonja D.: Vor allem, dass es keineswegs so schlimm

ist, wie man denkt. Patienten sind Menschen wie

du und ich. Sie haben alle eine besondere

Biographie, die oft dazu führte, dass die Patienten

keinen anderen Ausweg als die Droge gefunden

haben. Man entwickelt dafür viel Verständnis.

Zudem hat es mich überrascht, wie gut die

Zusammenarbeit funktionierte.

mediakompakt: Welche Einstellungen hatten die

Suchtkranken, mit denen Du gearbeitet hast,

allgemein?

Sonja D.: Das ist schwierig zu beschreiben, da die

Einstellungen unterschiedlich sind. Es gibt

welche, die den Entzug machen, um wirklich von


8

MENSCHEN

mediakompakt

Bild:


2/2018 MENSCHEN

9

Plötzlich sprachlos

Martin W. kämpft seit fünf Jahren mit der Sprachlosigkeit. Er leidet seit einem Motorradunfall

an einer Sprachstörung. Blutungen in der linken Hirnhälfte zerstörten das Sprachzentrum.

Jedes Jahr erkranken in Deutschland mehr als 80.000 Menschen an Aphasie und teilen

dasselbe Schicksal. Martin W. erobert sich Wort für Wort das Leben zurück.

VON LAURA BOHNET

Wie war das mit dem Unfall? Martin,

38, weiß es nicht mehr. Mit seinem

Motorrad wurde er aus einer Kurve

getragen, musste reanimiert

werden, danach 70 Tage Koma.

Eine Herz-Operation, mehrere chirurgische

Eingriffe folgten, bis Martin den Neueinstieg ins

Leben wagen konnte.

Auch fünf Jahre danach fällt es ihm schwer,

die Gedanken in Worte zu fassen. Martin hat

kurze, dunkelbraune Haare, ist ein großer Mann

mit schlanker Silhouette. Eine schwarze Brille sitzt

auf der markanten Nase. Wenn er spricht, verzieht

er seinen Mund und ringt, wie

so oft, nach Worten.

Eigentlich weiß er genau,

was er sagen möchte, doch er

bringt es einfach nicht über die

Lippen. „Kopf kaputt. Alles

weg“, presst Martin heraus. So spricht er über die

alltägliche Überforderung mit Buchstaben,

Wörtern und Sätzen. Irgendwo in seinem Kopf

sind sie vergraben. Aber sie finden nicht den

Ausgang.

Seine Lebenspartnerin Anja K. erklärt die

Situation: „Man kann sich das Gehirn als

Kommode mit vielen Schubladen vorstellen, in

der Wörter liegen. Ein funktionstüchtiges

Sprachzentrum weiß, welche Schubladen zu

öffnen sind, um einen korrekten Satz zu bilden.“

Bei Martin sei das anders. Er verstehe alles, aber

wisse nicht, welche Schubladen zu öffnen sind.

„Dadurch kommen oft nur Wortfetzen über seine

Lippen.“

Vor dem Unfall stand Martin mitten im Leben.

Verheiratet, zwei Kinder, ein Haus im Grünen,

toller Job in einem Chemiekonzern. Jetzt ist alles

anders. Seine Frau trennte sich von ihm, die

FAKTEN

„Kopf kaputt.

Alles weg.“

Kinder blieben bei ihr. Er zog in eine andere Stadt,

ein paar Orte weiter. Dort wohnt er bis heute in

einer kleinen Einzimmerwohnung. Und immer

wieder denkt Martin an sein Leben vor dem

Unfall. „Marie und Daniel“, sagt er, zeigt stolz ein

Foto auf dem Smartphone. Er vermisst sie. „Urlaub

Italien vor Motorrad“, stammelt er. Martin sieht

die Kinder fast nie. Die Sprachbarriere steht

dazwischen. „Sehen selten. Früher Familie alles.

Heute schwierig.“

Doch Martin gibt nicht auf. Anja gibt ihm

Kraft. Sie haben sich Anfang des vergangenen

Jahres kennengelernt, seit Oktober sind sie ein

Paar. „Was mich an ihm

begeistert, er verliert nie die

Hoffnung, ist immer fröhlich

und denkt positiv. Lachen ist

für ihn sehr wichtig“, sagt sie.

„Ja, lachen, lachen, lachen –

kaputt lachen.“ Nicht aufgeben, die Sprache

wiederfinden, das ist sein Lebensmotto geworden.

„Schritt für Schritt. Immer reden, reden, reden.

Mit jemand reden. Langsam, aber egal, reden,

reden, reden.“

An seine Zeit im Koma erinnert sich Martin

vage. „Im Koma Reden war Hundert und dann

langsam, langsam Reden war Null, als ich

aufwachen.“ Seine Zeit im Koma erlebte er, als

könnte er noch sprechen.

Doch als er davon aufwachte,

merkte er, dass seine Sprache

weg war. Erst als ihm seine

damalige Frau ein Foto von

sich auf seinem Motorrad

zeigte, verstand er, dass er einen Unfall hatte.

Zunächst saß Martin im Rollstuhl. Während des

Reha-Aufenthaltes machte er körperliche

Fortschritte, jedoch bleibt für ihn Sport bis heute

• Eine Aphasie ist eine erworbene zentrale Sprachstörung, die durch Schädigung der linken

Hirnhälfte, in Folge eines Schlaganfalls (bei mehr als 80%) der Betroffenen die

Hauptursache), Schädelhirntraumas, Tumors oder eines Unfalls hervorgerufen wird.

• Jede Aphasie ist einzigartig, die in unterschiedlichem Ausmaß das Sprechen, Verstehen,

Lesen und Schreiben beeinträchtigt.

• Schätzungsweise erleiden 80.000 Menschen in Deutschland pro Jahr eine Aphasie. Bei

mehr als 1/3 der Betroffenen bilder sich diese nicht vollständig zurück.

unmöglich. Das tut weh. „Früher alles Sport.

Walken, Marathon, Angeln, Tauchen, Skifahren.

Heute alles kaputt.“

Zweimal die Woche geht Martin zur

Logopädie. Zu Beginn habe er mit Bildern

Sprechen geübt. Sie zeigten ihm, wie er die Lippen

bei der Aussprache von Buchstaben formen muss.

Angefangen hat alles mit einfachen Begriffen wie

Baum, Haus und Auto. Martin tippt in seinen

Sprachcomputer das Wort „Logopädie“ und klickt

auf ein kleines Lautsprechersymbol. Er hört und

spitzt die Lippen. „Lo-go-pä-die“, versucht er

nachzusprechen. „Vor Logopädie nichts reden.

Dann üben ABC. Jetzt besser, aber langsam.“

Sprechen kann er noch nicht flüssig, aber

schon viel besser als vor fünf Jahren. Dabei malt er

mit seiner rechten Hand eine „5“ auf die

Tischplatte vor ihm. Martins Mimik und Gestik

sind seit seinem Unfall, wie bei vielen Aphasikern,

besonders stark ausgeprägt. „Schreiben fast null.

Lesen besser als Schreiben. Anja lesen mir

Kinderbuch. Helfen gut. Aber alles langsam.“ Es

sind kleine Fortschritte.

„Martin hat keine Scheu, Fremde

anzusprechen. Das ist sehr positiv“, sagt Anja

begeistert. Sein Logopäde hat ihm von Anfang an

einen bestimmten Satz gelernt. „Immer: Ich kann

nicht gut sprechen, weil ich einen Motorradunfall

hatte.“ Da ist Martin

„Jetzt Leben

100 Prozent.“

textsicher. „Menschen helfen

dann. Das ist gut.“

Früher war er als

Maschinenbauer oft auf

Geschäftsreisen.

Sein

Fachwissen war gefragt, in seinem Team war er

anerkannt. Heute arbeitet er in einer

Behindertenwerkstatt, das Deutsche Rote Kreuz

bringt ihn zur Arbeit. Früher konstruierte er

mithilfe eines CAD-Programms Hightech-Teile für

Maschinen. Heute baut er mit den Händen

Einzelteile eines Kugelschreibers zusammen.

Seine Arbeitswelt hat sich um 180 Grad gedreht.

Aber er ist froh, überhaupt eine Beschäftigung zu

haben. Währenddessen übt er Sprechen. „Ich

reden bei Arbeit. Reden egal, Hauptsache reden.“

Oft besucht er seine alte Firma, isst mit den

früheren Kollegen zu Mittag. „Er hat die

Hoffnung, dass er, irgendwann zurück in seine

alte Fima kann“, sagt Anja.

Martin ist seit dem Unfall nachdenklicher

geworden. Er hat gemerkt, dass das Leben

vergänglich ist und viel zu schnell vorbei sein

kann. „Jetzt Leben 100 Prozent.“ Er lächelt und

nimmt Anjas Hand.


10

MENSCHEN

mediakompakt

Schweinehund ade!

Gute Vorsätze – das Buzzword nach jedem Jahreswechsel. Abnehmen gehört zu den beliebtesten

Vorsätzen. Anfangs klappt die Motivation bei vielen, aber dann stellt sich wieder Normalität ein.

Arno Trah, ehemals 180 Kilogramm schwer, hat sein Körpergewicht mehr als halbiert und ist

heute sportlich. Er erklärt worauf es ankommt, um vom Couch-Potato zum Sportler zu werden.

VON MANUEL GOTTWALD

Das Problem kennt jeder: Man will die

Pfunde, die man während der

Weihnachtszeit angesammelt hat,

schnell wieder loswerden. Schließlich

steht das Frühjahr vor der Tür, und

man will ja gut aussehen. Doch oft bleibt davon

nicht mehr als der gute Vorsatz. Einmal raus aus

dem Fitnessflow, tut man sich schwer, wieder

zurück zu finden. „Gemütlich auf dem Sofa zu

sitzen und Fernsehen zu schauen, ist natürlich

bequemer als nach acht Stunden Arbeit noch zum

Sport zu gehen. Außerdem ist die Fertigpizza doch

schneller gemacht als eine gesunde, kalorienarme

Mahlzeit.“

Das sagt Arno Trah, 26 Jahre alt aus dem

schwäbischen Böbingen. Er kennt das Problem der

Bequemlichkeit aus vergangenen Zeiten, in denen

er mit seinem Körper-

gewicht von 180 Kilogramm

zu kämpfen hatte.

Übergewicht, welches in

Deutschland laut dge.de 59

Prozent der Männer und 37

Prozent der Frauen mehr

oder weniger hat. Wie viele andere, fasste er sich

eines Tages ein Herz und beschloss abzunehmen.

„Das Gewicht machte mir und meinem Körper

hart zu schaffen“, sagt der gelernte Koch. „So

konnte und wollte ich nicht weitermachen.“

Sich wieder wohl zu fühlen und einfach

gesund zu leben: Das seien seine größten Ziele

gewesen. Doch auch er kannte die üblichen

Schwierigkeiten mit dem dauerhaften Einhalten

von guten Vorsätzen: „Gewöhnliche Abläufe

dauerhaft umzustellen, ist alles andere als einfach.

Am Anfang ist man motiviert, da ist alles ganz

easy. Aber auch mit Rückschlägen umgehen zu

können und sich davon nicht unterkriegen zu

lassen. Das ist elementar wichtig, will man

Gewicht verlieren.“ Er habe am Anfang zuerst

einmal seine Ernährung umstellen müssen. „Nach

und nach aber. Nicht auf einmal. Dann fällt es dir

etwas leichter.“ Bewegen versuchte er sich so viel

wie möglich. Treppen laufen anstatt den Aufzug

zu benutzen, war die Devise.

Als weiteren Tipp nennt er, dass man kurze

Strecken zu Fuß zurücklegen oder mit dem

Fahrrad zurücklegen kann. „Den Kilometer vom

eigenen Haus zum Kumpel muss man doch nicht

unbedingt im Auto sitzend verbringen“, sagt er.

Ihm habe dies damals sehr geholfen. Klingt ganz

einfach. Doch irgendwann war das Trah nicht

mehr genug. Er widmete sich konkret bestimmten

Sportarten: „Laufen beziehungsweise Wandern.

„So konnte und

wollte ich nicht

weitermachen.“

Das hat mir viel Spaß gemacht und tut es mir

heute noch“.

Regelmäßig ist er auf der Schwäbischen Alb

unterwegs. „Man ist draußen in der Natur und

kann sich frei bewegen. Das ist ein Gefühl der

Freiheit und das Laufen lässt die Kilos

verschwinden.“ Wandern sei eine Sportart, die

sich für viele eignet, sagt Arno Trah. Man baue

sich nach und nach eine gewisse Ausdauer auf,

ohne sich übermäßig anstrengen zu müssen. So

könne man sich auch leichter zu einer Runde

motivieren, als man es beispielsweise oft beim

anstrengenderen Joggen tut. Die Fortschritte

spürte Trah sehr schnell. Er lief nahezu täglich

seine Runde, neben der Fitness, die sich nach und

nach verbesserte, schwanden die Kilos.

Doch es kamen auch Rückschläge. „Viele lassen

sich davon runter-

ziehen und verfallen

wieder in alte Verhaltensmuster.“

Mit Rückschlägen

richtig umzugehen,

anstatt sich davon

demotivieren zu lassen, sei

das Wichtigste, wenn man dauerhaft abnehmen

und fit sein will. Auf seinen Willen ist er

besonders stolz, genau darauf komme es an. Er

habe Rückschläge wie zum Beispiel starke

Rückenschmerzen als Zeichen gesehen, „dass es

der Körper mit den letzten Jahren nicht zufrieden

war und ich weiter abnehmen muss“. Auch

andere Probleme wie Knieschmerzen, die durch

die sportliche Aktivität und das trotzdem noch

hohe Körpergewicht hervorgerufen wurden,

konnten ihn nicht stoppen: Er begann mit den

gelenkschonenden Mountainbiken.

So verlor er über die Jahre die Hälfte seines

Ursprungsgewichts von 180 Kilogramm. Heute

ist er ein selbstbewusster, sportlicher und

zufriedener junger Mann. Er bewies sich also

selbst, dass man alles erreichen kann, wenn man

einen entsprechenden Willen hat und sich auch

von Rückschlägen nicht aus dem Konzept

bringen lässt.

„Ich rate wirklich allen, glaubt an euch. Ich

habe jahrelang nicht an mich geglaubt, war

unzufrieden und übergewichtig. Der Entschluss,

mein Leben zu ändern, wurde von

vielen belächelt. Doch ich habe fest an mich

geglaubt und es allen gezeigt.“ Von dieser

Erfahrung

könne er sein Leben lang zehren.“ Sagt Arno Trah

und geht zum Kleiderschrank. „Jetzt wird erst

einmal gejoggt, heute brauche ich das einfach.“


2/2018 LIFESTYLE

11

Zurück ins

reale Leben

Viele Menschen kommen mit

dem Druck der ständigen

Erreichbarkeit nicht mehr

zurecht. Der Wunsch nach

digitalem Entschlacken wird

immer größer.

VON TINA BURNER

Eine Gruppe im Café, vor jedem liegt ein

Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee –

und natürlich ein Smartphone. Eine

alltägliche Szene. In der Bahn, an der

Uni, am Mittagstisch – das Smartphone

ist ständiger Begleiter. Eine Welt ohne

Mobiltelefon? Unvorstellbar. Für die Angst, kein

Handy bei sich zu haben, existiert inzwischen ein

eigener Begriff. Nomophobie (NoMobilePhobia).

Im Internet (auf gesundheit.de) ist die

Definition zu finden, was auf Nomophobie

hinweist. Jeder zweite schaltet das Smartphone

nie aus, es wird immer nah bei sich getragen, viele

legen sich sogar ein Ersatzhandy zu. Sind

Nomophobiker nicht auf dem Smartphone zu

erreichen, treten typische Entzugserscheinungen

wie Nervosität, Schweißausbrüche, Zittern,

Herzklopfen und Angstzustände auf.

Auch Elli D. hat ein Wochenende ohne ihr

Smartphone verbracht – wenn auch nicht ganz

freiwillig. „Ich bin mit dem Auto nach Hause

gefahren, mir fiel gar nicht auf, dass mein Handy

nicht da war.“, sagt sie. Zu Hause angekommen

dann der Schreck, das Handy ist weg! Hatte

sie es verloren? Nein. Nur bei den Eltern liegen

gelassen. „Eigentlich wollte ich sofort zurückfahren

und es holen.“ sagt Elli. Nach kurzem

Nachdenken siegte die Vernunft. Ein Wochenende

würde sie schon ohne Smartphone

überleben! Oder?

Sie stellte fest, dass es nicht leicht ist, ohne

Handy zurechtzukommen. Sie haben viele

Funktionen, die im Alltag behilflich sind. Um

schnell eine Nachricht zu schicken bei

kurzfristigen Veränderungen eines Treffpunkts,

für Verabredungen oder Notfälle sind die

Geräte nützlich. Elli hat auch die Zeit genossen, in

der sie ungestört einen Film anschauen konnte

und das Essen mit ihrer Freundin bleibt ihr

positiv in Erinnerung. Ihre Freundin schaute oft

auf das neben ihr liegende Handy und re-agierte

sofort, wenn eine neue Nachricht einging – sogar,

wenn Elli ihr gerade etwas erzählte.

„Ich fand das schrecklich. Zuvor war mir das

nie aufgefallen, da ich mich selbst genauso

verhielt.“ Sie hat ihre Freundin darauf

aufmerksam gemacht. Und beide hatten dadurch

das Gefühl, sich intensiver unterhalten zu

können. Elli sagt, sie habe an diesem Wochenende

entspannter gefühlt. Als Elli ihr

Smartphone wieder zurückhatte, dachte sie, sie

würde sich freuen. „Aber ich war eher überfordert

mit der Anzahl der verpassten Nachrichten“, sagt

sie. Sie hat das Handy einfach weggelegt und

lieber einen schönen Vormittag mit ihrer Mutter

verbracht.

Bereits 1994 wurde von zwei US-Amerikanern

eine „Screen-free-Week“ initiiert. Damals wusste

noch niemand etwas von Nomophobie, doch

heute nehmen die Überforderung durch

Informationen und Nachrichten zu, aber ebenso

der Trend und die Nachfrage zu digitalem

Entschlacken. Die Organisation „Digital Detox“

ist Veranstalter verschiedener Vorträge, Seminare

und Camps und bietet Teilnehmern Zeit zum

digitalen Entgiften und Entspannen. Es werden

Yoga, Qi Gong oder Shinrinyoku (Waldbaden),

in Japan eine anerkannte Stress-Management-

Methode, angeboten. Wer nicht in der Nähe eines

Camps wohnt oder wem es zu teuer ist, kann auch

zu Hause entdigitalisieren. Beispielsweise eine

bestimmte Zeit keine Medien verwenden,

Spaziergänge machen oder andere Entspannungsmethoden

ausprobieren.

Elli möchte nicht komplett aufs Handy

verzichten, aber sie hat gelernt, dass es gut tut,

nicht ständig erreichbar zu sein. Abends macht

Elli das Handy aus. Und hin und wieder bleibt

das Handy ein ganzes Wochenende ausgeschaltet.

Ganz freiwillig.

SIEBEN TIPPS FÜR DEIN WOCHENENDE

OHNE SMARTPHONE

1. Sperre dein Handy weg und gib jemandem den

Schlüssel, damit du nicht in Versuchung gerätst.

2. Lenke dich ab und mache etwas, was du dir schon

lange vorgenommen hattest.

3. Unternimm etwas Entspannendes: Melde dich zum

Beispiel zu einer Yogastunde an.

4. Gehe nach draußen in die Natur und mache zum

Beispiel einen Waldspaziergang.

5. Erzähle deinen Freunden von deinem Versuch und

animiere sie mitzumachen. Gemeinsam ist es leichter!

6. Verabrede dich mit Freunden zu einem Brettspiele-

Abend, statt Spiele auf deinem Handy zu spielen.

7. Telefoniere oder – noch besser – triff dich persönlich mit den Menschen, denen du

normalerweise nur Nachrichten schickst.


12 LIFESTYLE

mediakompakt

Brille auf.

Spiel an.

Welt aus.

Mit meiner Oculus Rift auf dem

Kopf und der Computermaus in

der Hand blende ich die reale

Welt vollständig aus und versinke

ganz in dem Computerspiel

„Witcher 3: Wild Hunt“.

VON VIKTORIA BAIER

Ich tauche ein, in eine riesige Welt, die von all

den kleinen Details lebt, die sie real erscheinen

lässt. Ich bin nicht mehr die HdM-Studentin

Anfang zwanzig, sondern Gerald von Riva –

ein Mutant, ein Hexer. Es ist Mittag, die Sonne

scheint, um mich herum Kornfelder, die in einem

satten Gelb leuchten und langsam im Wind

schwingen. Wie ich da so stehe, könnte ich

meinen dies alles sei echt. Ich fühle geradezu die

Sonne auf meiner Haut und meine das Rauschen

des nahegelegenen Meeres zu hören. Rechts von

mir liegt ein kleines verschlafenes Fischerdorf,

davor ein paar verlassene Bauernhöfe. Dort wartet

mein nächster Auftrag auf mich, ich mache Jagd

auf Monster und das beruflich. Am Schwarzen

Brett entdecke ich die Quest. Der Auftrag führt

mich in den Wald, ich soll den verschwundenen

Bruder des Bürgermeisters finden. Ich steige auf

mein Pferd, so bin ich schneller. Während ich

in Richtung Wald galoppiere, wird mir

schwindelig.

Das passiert immer wieder, sogenannte Motion-

Sickness. Mein Gehirn denkt ich würde gerade

tatsächlich über Stock und Stein reiten, aber mein

Gleichgewichtsorgan meldet, dass ich still auf dem

Bürostuhl sitze. Das Schwindelgefühl lässt schnell

wieder nach.

Ich komme im Wald an, steige von meinem

Pferd ab und begebe mich auf Spurensuche. Mit

meinen Hexersinnen entdecke ich Spuren, die

anderen verborgen bleiben. Ich folge ihnen,

komme an einem kleinen Bachlauf vorbei und

finde einen Höhleneingang. Es ist dunkel in

dieser Höhle, ich entzünde eine Fackel und gehe

weiter. In der Ferne kann ich einen Lichtschein

erahnen und hoffe auf einen Ausgang. Ich nähere

mich dem Licht – tatsächlich ein Ausgang. Ich

trete ins Tageslicht. Ein Greif erwartet mich.

Verdammt! Ich ziehe mein Schwert, genauer

gesagt mein Silberschwert. Ich bediene mich

FAKTEN ZU VIRTUAL REALITY

Virtual Reality – Virtuelle Realität (VR). Mit diesem Begriff bezeichnet

man die computergenerierte Darstellung einer

virtuellen, interaktiven Umgebung, die der Nutzer in

Echtzeit wahrnimmt.

Zumeist mit einer VR-Brille, wie der Oculus Rift (449

Euro), der Playstation VR (299 Euro) oder auch der

HTC Vive (699 Euro) können die Nutzer vollständig

in die virtuelle Welt eintauchen, was als Immersion

bezeichnet wird. Die Brillen erzeugen zwei Bilder aus

verschiedenen Pers- pektiven und ermöglichen es

dem Nutzer, den Bildausschnitt mit einer

Kopfbewegung selbst zu bestimmen.

Virtual Reality kommt jedoch nicht nur in der

Spielewelt zum Einsatz. Architekten nutzen Virtual Reality dazu,

ganze Häuser zu planen, Mediziner können Operationen virtuell

durchlaufen. Auch aus therapeutischer Sicht bilden die

technischen Möglichkeiten der Virtual Reality

einen Gewinn. Inzwischen werden mit ihr neben

Depressionen oder Angststörungen, aber auch

posttraumatischen

Belastungsstörungen

behandelt. Bekannt ist sie zudem dafür, Piloten bei

deren Ausbildung als Flugsimulator zu helfen.

Auch auf dem Unterhaltungsmarkt, abseits der

Computerspiele, findet VR immer mehr

Anwendungsbereiche.

So wird sie inzwischen bei Fitnessgeräten

eingesetzt. Während für das nächste Jahr ein

Umsatz allein in Deutschland von 510 Millionen

Euro erwartet wird, wird der weltweite Umsatz für 2018 auf mehr

als zehn Milliarden Euro prognostiziert.


2/2018 LIFESTYLE

13

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meiner Armbrust um den Greifen schon in der

Luft zu treffen – verfehle. Der Greif erwischt mich,

ich werde nach hinten geschleudert.

Auf meinem Bürostuhl spannen sich all meine Muskeln

automatisch an und warten auf den Aufprall an der

Felswand.

Aufrappeln. Weiter geht’s. Ich wechsle zu einer

magischen Attacke und lasse Flammen auf das

Monster regnen. Ich weiche aus, greife wieder an

und versuche den nächsten Treffer zu landen,

werfe eine selbst gebastelte Bombe. Irgendwann

ist das Monster erlegt. Im Nest erkenne ich etwas.

Ich habe ein schlechtes Gefühl und trete näher.

Meine Vorahnung bestätigt sich, ich habe den

vermissten Bruder des Bürgermeisters gefunden.

Dann mache ich mich auf den Rückweg,

inzwischen ist später Nachmittag und die Sonne

geht unter, Wolken bedecken den Himmel. Als ich

im Dorf ankomme, beobachte ich Mütter, wie sie

ihre Kinder ins Haus rufen. Inzwischen verdunkelt

ein aufziehender Sturm den Himmel, es beginnt

zu regnen.

Am liebsten hätte ich einen Regenschirm, um mich vor

meinem PC trocken zu halten, auch wenn ich gar nicht

nass werde.

Ich komme beim Haus des Bürgermeisters an

und berichte. Ich reiche ihm die Halskette, die ich

dem Toten abgenommen habe. Auf den Lohn für

den erledigten Auftrag verzichte ich. Ich verlasse

das Dorf und begebe mich zurück auf die

Hauptstraße. Ich streife ich durch das ganze Land.

Durch nebelige Moore und über schneebedeckte

Gipfel geht es, ich überquere das Meer und

erkunde unzählige Inseln, dabei finde ich Schätze,

Monster und Freunde. Dabei bewundere ich

immer wieder diese riesige Welt, welche voller

fantastischer Feinde, denkwürdiger Kämpfe, aber

auch wunderbaren Lagerfeuer-Geschichten steckt.

Ich muss auf meiner Reise wichtige

Entscheidungen treffen, aber auch kleine

Konflikte oder Dilemma lösen. Ich entwickle ein

Gefühl für die Leute und ihre ganz persönlichen

Geschichten. Alles fühlt sich so „echt“ an.

Ich wechsle in das Hauptmenü und drücke auf

Speichern. Langsam ziehe ich meine Oculus Rift von

meinem Kopf, um mich an das Tageslicht zu gewöhnen.

Ich bin wieder in der realen Welt angekommen, bin nicht

mehr Gerald von Riva, fühle nicht mehr das Gewicht

meines Schwerts in den Händen oder erschrecke vor

dem Monster, das aus dem Unterholz bricht. Ich

bewundere auch nicht mehr die Stadt in weiter Ferne,

die bemerkenswert echt aussieht. Aber ich weiß, nur ein

paar Mausklicks entfernt, wartet ein weiteres Abenteuer

darauf, von mir erlebt zu werden.


14

LIFESTYLE

mediakompakt

Büro vs.

Strand

In der Hängematte liegen und

dabei Geld verdienen?

Wer träumt nicht davon!

Es gibt Leute, die machen das

tatsächlich: die Digitalen

Nomaden. Menschen, die sich

bewusst für einen Ausstieg aus

einem „Nine-to-Five-Job“

entschieden haben. Aber wie

geht das? Kann jeder Digitaler

Nomade werden?

VON LUISA KÖNIG

Bild: pixabay.com / StockSnap

Wer oder was sind „Digitale Nomaden“?

Es sind Unternehmer oder Freelancer, die ihrer

Arbeit fast ausschließlich im Internet nachgehen

und digitale Technologien verwenden. Daraus

folgt, dass Digitale Nomaden ortsunabhängig

arbeiten können: vom Küchentisch bei Oma, aus

dem Coworking Space, im Internetcafé oder eben

vom anderen Ende der Welt.

Welche Eigenschaften zeichnen Digitale Nomaden aus?

Selbstdisziplin. Um an exotischen, paradiesischen

und atemberaubenden Orten den

inneren Schweinehund überwinden zu können

und sich an den Computer zu setzen, bedarf es

neben der Selbstdisziplin auch Durchhaltevermögen.

Motivation und Selbstvertrauen sind

weitere wichtige Soft Skills, die zum langfristigen

Erfolg beitragen. Unsere Expertin Larissa

Hofmann (25), selbst als Digitale Nomadin

weltweit unterwegs, sagt dazu: „Auch wenn man

nicht über alle oben aufgelisteten

Charaktereigenschaften verfügt, so kann man sich

dennoch als Digitaler Nomade selbstständig

machen. Die oben genannten Soft Skills kann

man sich bei seinen Reisen gut selbst aneignen

und selbst weiterentwickeln.“

Was bewegt Menschen dazu, ein Digitaler Nomade zu

werden?

Unabhängigkeit – das ist für die meisten Leute

der Hauptgrund für den Ausstieg aus dem

Hamsterrad einer Festanstellung. Eine Unabhängigkeit

in mehreren Hinsichten: räumlich,

zeitlich, aber auch beruflich. Das Privileg selbst-

bestimmt zu handeln, einen eigenen Lebensstil zu

kreieren und dabei für sein eigenes Glück

verantwortlich zu sein – das reizt immer mehr

Menschen.

Kann jeder Digitaler Nomade werden?

Prinzipiell ja, heutzutage können viele

Tätigkeiten ortsunabhängig erledigt werden. Für

Selbstständige ist das Arbeiten ohne festen

Standort einfacher zu realisieren als für Angestellte.

Daher ist der erste ratsame Schritt auf dem

Weg hin zum Digitalen Nomaden, die Selbstständigkeit

zu wagen! Dazu ein Insider-Tipp

unserer Expertin Larissa Hofmann: „Mach dir

zunächst klar, was du wirklich willst und vor allem

warum! Überlege, warum du ein Digitaler Nomade

sein willst. Warum willst du aus deinem Leben,

das du derzeit führst aussteigen? Ist ein Leben

ohne festen Wohnsitz für dich das Richtige? Bist

du offen gegenüber Neuem?“

Was braucht ein Digitaler Nomade?

Nicht viel. Einen Laptop, eine (gute) Internetverbindung

und einen Handgepäckrucksack.

Was macht ein gutes Ziel für einen digitalen Nomaden

aus?

Aus praktischer Sicht lässt sich anhand der

Qualität der Internetverbindung ein Ziel als gut

oder weniger gut einstufen. Darüber hinaus

spielen sowohl die Infrastruktur als auch die Höhe

der Lebenshaltungskosten eine maßgebliche

Rolle. Was genau ein gutes Ziel ist, sollte jeder

individuell entscheiden. Dabei ist es für Digitale

Nomaden wichtig zu wissen, welche Orte,

Landschaften oder Kulturen inspirierend auf ihn

selbst und seine Arbeitsweise wirken. Um das

herauszufinden, bedarf es jedoch einiger

Reise-Erfahrungen. Diese können in den Hotspots

für Digitale Nomaden gesammelt werden:

Thailand, Indonesien und Vietnam. Sie bieten

neben guten Internetverbindungen, einer guten

Infrastruktur und geringen Lebenshaltungskosten

eine ausgezeichnete Möglichkeit zum Austausch

innerhalb der Community – ein Austausch, der

besonders für Einsteiger hilfreich ist.

Wie funktioniert die Arbeit in verschiedenen Zeitzonen?

Das hängt davon ab, wie viele Stunden

Zeitverschiebung zwischen dem Digitalen

Nomaden und seinem Kunden liegen. Ist man zum

Beispiel gerade in Sydney, so ist er einem Kunden in

Deutschland um zehn Stunden voraus. Ein

Skype-Call würde in diesem Fall für den Digitalen

Nomaden eher abends oder nachts stattfinden. Die

Zeitzonen wirken sich somit – mal mehr und mal

weniger – auf den Tagesrhythmus und die

Arbeitszeiten aus. Um Kunden-Termine zu

organisieren und zu managen, ist es absolut

erforderlich stets zu wissen, wie viel Uhr es in

welcher Zeitzone ist. Dabei können Online-Tools

unterstützend zurSeite stehen: sie stellen

(weitestgehend) automatisch die Zeitzonen am

Laptop ein oder um. Unsere Expertin Larissa

Hofmann spricht aus eigener Erfahrung: „Soweit die

Theorie. Allerdings hat wohl schon jeder Digitale

Nomade einen Skype-Call verpasst, weil die

Zeitzone am Laptop noch falsch eingestellt war.“


2/2018 LIFESTYLE

15

Bild: Katja Großmann

Ein weiter Weg

Die Füße schmerzen, die Wanderschuhe drücken, erste Blasen bilden sich. Hochsommer!

Mitten in der stechenden Mittagssonne geht es über die Pyrenäen zum ersten Etappen-Ziel nach

Roncesvalles, das Ankommende mit der Aufschrift „Santiago de Compostela 700 km“ begrüßt.

VON KATJA GROßMANN

Der Camino Francés ist der älteste und

bekannteste aller Jakobswege und

führt von dem kleinen Örtchen Saint-

Jean-Pied-de-Port in den Pyrenäen

nach Pamplona und durchquert das

gebirgige La Rioja. Weiter geht es durch

Kastillien&Léon, eine weite Meseta-Landschaft

und schließlich nach Galicien.

Die ersten zwei Wochen stellen eine große

körperliche Herausforderung dar, sie bringen den

Körper an seine Grenzen. Ich hatte Wasserblasen,

dauerhaft schmerzende Füße und zum Frühstück

gab es Ibuprofen, sagt Melanie. Erst da wurde ihr

wirklich bewusst, worauf sie sich eingelassen

hatte, erinnert sich die 24-Jährige, die 2011 auf

dem Camino Francés pilgerte. Doch die härteste

Prüfung stellt der Meseta- Streckenabschnitt dar. Er

führt mit unendlichen Weiten und kilometerlangen

schattenlosen Wegen durch die sengende

Hitze Spaniens. Dort kommt auch der Geist an

seine Grenzen. „Es verrinnt Minute um Minute,

Stunde um Stunde, man läuft einfach immer

weiter, ohne klar denken zu können.“ Doch

irgendwann „gewöhnt man sich an das dauernde

Laufen“, erinnert sich Laura. So wurde sie „mit der

Zeit immer ruhiger und hatte Zeit für weitsichtige

Reflexionen“. Sie bewältigte im August 2012 den

ursprünglichsten und technisch anspruchsvollsten

aller Jakobswege, den Camino Primitivo ab

Oviedo, nachdem sie zuvor mehrere andere

Jakobswege erfolgreich hinter sich gebracht hatte.

Viele Pilger erleben, dass Schmerzen und

Verzicht auf Luxus schnell durch Glücksgefühle

ersetzt werden: Die Wahrnehmung ändert sich.

Melanie führte „das einfache Leben eines Pilgers,

das nicht viel forderte, aber einem alles gab“, sagt

sie. Gerade die kleinen Dinge erhielten so einen

ganz anderen Wert. War es für Melanie „frischer

Milchkaffee am Morgen“, freute sich Laura

besonders über das gemeinsame Kochen in der

Herberge, und sie sei stolz über bezwungene

Höhenmeter gewesen. Pilgerten die Menschen

früher, um Gott um Vergebung für ihre Sünden zu

bitten, laufen viele eher aus privaten Erwägungen.

Auf dem Weg nehmen die Menschen sehr schnell die Identität des Pilgers an. Die Jakobsmuschel

dient als offizielles Symbol. So ist die gelbe Muschel auf blauem Grund den Pilgern stets

Wegweiser und entlang der gesamten Strecke in zahlreichen Variationen wieder zu finden.

Zudem stellt sie Talisman und Erkennungszeichen dar, das viele Pilgerrucksäcke ziert. Neben der

Jakobsmuschel tragen alle Pilger den Pilgerpass bei sich. Dabei handelt es sich um ein offizielles

Schriftstück, das den Pilgern Unterkunft in den Herbergen gewährt und gegen dessen Vorlage es

in Santiago die traditionelle Pilgerurkunde den offiziellen Beweis der Pilgerreise gibt.

Sie sehen es als Chance, ihre Lebenssituation zu

überdenken, persönliche Probleme aufzuarbeiten

oder die sportliche Herausforderung zu suchen.

Für Melanie war es eine Möglichkeit, das Leben

fernab von allen Ablenkungen reflektieren zu

können. Für Laura war es der sportliche Anreiz

und das gemeinsame Ziel, auf das man

hingearbeitet hat, durch das sie eine große

Verbundenheit zu ihren Mitpilgern entwickelte.

Besonders beeindruckend sei die Offenheit

aller gewesen, sagt Melanie. Es pilgern Menschen

unterschiedlichster Nationen. Am Etappenziel

angekommen, werde zusammen gesungen, gekocht

oder über das Leben philosophiert. „Auch

wenn man nicht die gleiche Sprache spricht, man

versteht sich trotzdem“. So sitzen am Abend

Menschen zusammen, die sich völlig fremd, aber

durch ihren Weg miteinander verbunden sind –

wie eine große Familie“, schwelgt Melanie in

Erinnerungen. Nach wochenlanger Anstrengung

ist die Ankunft am Ziel der emotionalste und

wichtigste Moment. Auch für Melanie: „Ich betrat

die Kathedrale, das Orgelspiel setzte ein und ich

weinte – eine Stunde lang. Vor Stolz und vor

Freude, es geschafft zu haben. Aber auch vor

Wehmut, dass es nun zu Ende war und ein wenig

auch vor Angst, was zuhause auf mich zukommt.“

Der Jakobsweg ist ein Weg, den jeder auf seine

eigene Art und Weise bewältigt, ob alleine oder in

der Gruppe. Er verändert die Menschen. Nicht

von heute auf morgen, aber Schritt für Schritt,

Kilometer für Kilometer – trotz Schmerzen,

sengender Hitze und Blasen an den Füßen.


16

LIFESTYLE

mediakompakt

Bild: flickr.com / Vision of ZEGG

Das Experiment Gemeinschaft

Nähe zur Natur und gleichsinnigen Menschen lockt jährlich tausende Besucher

nach Bad Belzig, einer kleinen Stadt in Brandenburg. Hier, am bewaldeten Stadtrand,

liegt das Bildungszentrum ZEGG. Dort werden neue Formen des menschlichen

Zusammenlebens ausprobiert.

VON OLGA ALVES

Das Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung

(ZEGG) wurde 1991

ins Leben gerufen. Ziel war es, sozialökologische,

nachhaltige und zukunftsfähige

Lebensmodelle zu entwickeln

und zu erproben. Seit 2015 ist das ZEGG

eine staatlich anerkannte Bildungseinrichtung.

Besuchern wird das erworbene Wissen in

Bereichen Ökologie, Kommunikation, Kunst und

Kreativität, Gemeinschaftsaufbau, Liebe und

Sexualität in Form von Seminaren, Camps,

Festivals und Workshops vermittelt. Der

Veranstaltungsbetrieb dient als Hauptfinanzierungsquelle.

Mehr als 110 Menschen haben im ZEGG ein

Zuhause gefunden, darunter 15 Kinder und

Jugendliche. Die experimentelle Gemeinschaft

beruht auf soziokratischen Prinzipien. Wie die

Soziokratie voraussetzt, ist das ZEGG in

sogenannten „Kreisen“ nach Arbeitsbereichen

organisiert. Etwa für die Küche, die Tagungsorganisation

oder die Geländepflege. Jedes

Kreismitglied hat das Stimmrecht in der

Organisation, Entscheidungsfindung und Führung.

„Wir versuchen immer zu Entscheidungen

zu kommen, die für alle stimmig sind.“ sagt

ZEGG-Sprecherin Cordula Andrä.

„Jeder muss gehört werden.“ Das Mitspracherecht

geht in der Gemeinschaft mit

weiteren Grundsätzen Hand in Hand. Zum

Beispiel dem Umgang miteinander, der

Transparenz in Kommunikation und Kooperationsbereitschaft.

„Es ist eine Kultur von

gemeinschaftlichem Miteinander entstanden“,

sagt Barbara Stützel, ZEGG-Bewohnerin seit

16 Jahren. „Sie baut auf Freundschaft auf, auf eine

Kultur, in der Selbstverantwortung und

gegenseitige Unterstützung Ausgangspunkte sind

für einen anderen Um-

gang mit der Welt“,

erläuterte Stützel der

„Märkischen Allgemeinen“

in einem Interview.

Luise Jungs, Autorin

des Blogs „zeitgeistich“,

fand in einer schwierigen

Lebenssituation zum ZEGG. In einem Interview

schilderte die 28-Jährige ihre Erlebnisse. „Ich habe

mich das erste Mal angenommen gefühlt, so stark

wie selten zuvor in meinem Leben. Richtig und

gut zu sein so wie man ist, und das nicht nur zu

wissen sondern wirklich zu fühlen, ist ein sehr

heilsames Gefühl“. Nach dem Besuch eines

Seminars zum Thema Vergebung und

Aufstellungsarbeit habe Luise innerlich mit ihrem

Vater Frieden geschlossen. Die Erfahrung der

Transparenz in der Kommunikation sowie in der

Natürlichkeit im Umgang mit Menschen

beschreibt die Bloggerin ebenfalls „Es gibt nichts,

was nicht sein darf. Nichts, was nicht gedacht und

gesagt werden darf. Nichts, was nicht gefühlt

werden darf“, heißt es da.

Diese Philosophie offener Kommunikation

spiegelt sich im Forum wider, dem Werkzeug zur

Gemeinschaftsgestaltung und Forschung. „Das

Forum ist eine künstlerische Gesprächsgestaltung,

eine Bühne für die innere Welt der Menschen:

seine wirklichen Beweggründe, seine eigentlichen

Gefühle und Gedanken“, schreibt Dolores Richter

in dem Arbeitsblatt zum Forum. Dort tritt eine

Person, der Darsteller, in die Mitte eines

Menschenkreises, um über ein Thema, das sie

oder ihn bewegt, frei

„Ein Ort, an dem

gesellschaftliche

Innovation stattfindet“

zu sprechen. Ziel ist,

einen Vertrauensraum

zu schaffen,

in dem der Redner

über sein Anliegen

ohne Angst, vorverurteilt

zu werden,

sprechen darf. Dolores Richter schreibt: „Es dient

der Forschung am Menschen, der Entwicklung

neuer Werte im Umgang untereinander und in

der eigenen Entwicklung, der Transparenz in

Gruppen, der Mitteilung, der Aufklärung ungelöster

Situationen im Alltag.“

„Das Besondere ist, dass hier alles sein darf und

nichts muss“ sagt Hagara Feinbier, ZEGG-

Bewohnerin von Beginn an, zum LOVE-Projekt.

Freiheit in der Liebe ist oft ein entscheidender

Aspekt, der viele ins ZEGG bringt. Hier darf man

ohne Vorurteile und Verbote die Vielfalt der Liebe

erleben. „Im ZEGG kann jeder so lieben, wie er

will, auch ganz klassisch monogam“ sagte

Cordula Andrä in einem Interview mit dem

„Tagesspiegel“.

Es sei schön, Menschen zu sehen, die damit

offen umgehen und damit offen leben“, sagt auch

Carine, die das ZEGG bei einem Tanzfestival

kennenlernte. Aufrichtige Gespräche über die

intimsten Sachverhalte sind im ZEGG kein Tabu

und Teil des Zusammenseins.


2/2018 LIFESTYLE

17

Freundschaft – oder mehr?

Wenn der beste Freund auch

der Partner ist, unterwegs

in der Friendzone.

VON CHRISTINA SCHEBEN

Herzlichen Glückwunsch denjenigen,

die mit so viel Glück gesegnet sind.

Tatsächlich zeichnet sich in der

Realität ein anderes Bild ab. Oftmals

entstehen Gefühle in einer

Freundschaft nur einseitig. Für alle, die sich in

solch einer ausweglos erscheinenden Situation

befinden, wurde der trendige Name „Friendzone“

entworfen. Englisch natürlich, weil damit überall

auf der Welt zu verstehen.

Aber was ist diese Friendzone überhaupt?

Angeblich fand sie ihre erste namentliche

Erwähnung in der Kultserie „Friends”. Ross war

gerade fleißig dabei Rachel zu daten, als sein guter

Freund Joey ihm klar machte, dass seine Versuche

nichts brächten. Rachel hätte ihn schon längst in

die Friendzone gepackt. Friendzone, das ist der

Bereich, in dem man mit dem anderen gut reden

kann, körperlicher Kontakt erlaubt ist, so lange er

sich auf freundschaftliches Schulterklopfen

beschränkt, und der Satz: „Du bist so ein toller

Freund!“, einen bitteren Beigeschmack bekommt.

Es gibt allerdings auch Verfechter, meist

weiblicher Natur, die behaupten, die Friendzone

gebe es gar nicht.

Vielmehr sei sie ein Konstrukt von Männern,

die nach mehrmaligen Daten, bei dem Sie Zeit,

Energie und meist Geld investiert haben, nicht

das bekommen, was sie sich wünschen. Sprich:

Zuneigung und Sex. Man kann, wenn es um

Gefühle geht, leider keine Gleichung aufstellen,

bei der auf beiden Seiten der gleiche Wert

rauskommt. Vor allem nicht in unserer heutigen

Zeit, in der die Meisten wenig investieren, aber

ganz viel bekommen wollen.

Ist die Friendzone also nicht vielmehr als eine

Einbildung frustrierter Menschen, die verzweifelt

auf erfolglose Dates gehen? Tatsächlich belehrte

mich mein guter Freund Peter eines Besseren. Im

Studium lernte er die schöne Malice kennen.

Beide gestrandete Seelen in einer neuen Stadt.

Zwangsweise kamen sie sich zwanglos näher.

Taten alles, was gute Freunde eben so tun. Gingen

zusammen ins Kino, feierten die Nächte durch

oder verbrachten gemütliche Abende aneinandergekuschelt

im Bett bei einer Runde Netflix.

Schnell spürte Peter, dass er mehr wollte als

Freundschaft. Aus Netflix sollte Netflix and chill

werden, am besten mit Frühstück am nächsten

Morgen. Alles, was sie eh schon taten, nur eben

anders. Und noch ein bisschen mehr. Als er Malice

seine Gefühle gestand, reagierte sie in einer

Mischung aus Belustigung und Panik.

Belustigt, da sie damit nie gerechnet hätte.

Panisch, aus Angst ihren guten Freund zu

verlieren. Das war der Moment, in dem Peter klar

wurde, wie es um ihn stand. Wieder einmal war

einer in den ewigen Weiten der Friendzone

verloren gegangen. Und wie ging das alles nun

weiter? Die Freundschaft zu Malice habe er nicht

aufgegeben, sagt Peter. Irgendwo in ihm drin

schlummere immer noch die Hoffnung, dass aus

ihnen beiden noch etwas werden könnte. Als ich

ihm sagte, dass ein „Vielleicht“ doch keine Option

sei, wenn es um Gefühle geht, erwiderte er

ziemlich verzweifelt: Vielleicht sei natürlich

immer eine Möglichkeit. Weiter wünsche ich ihm

das beste Glück, möge er am Ende doch

erfolgreich sein.

Aber Peter und unzählige Memes im Internet

haben recht, die Friendzone existiert tatsächlich.

Will man, dass aus Freundschaft mehr wird, sollte

man den Mut zusammen nehmen und seine

Gefühle dem Anderen gestehen. Nur so ebnet

man den Weg, der zum Exit Sign der Friendzone

führt. Niemand behauptet, dass es leicht ist oder

man Erfolg haben wird. Aber zumindest

entscheidet man sich dazu selbstbestimmt zu

handeln.

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18 LIFESTYLE

mediakompakt

Bist du in der Friendzone?

Ja

Du bist total verknallt, weißt aber nicht ob du mit deinen

Gefühlen alleine da stehst? Hier ist die Lösung deines

Problems! Mit unserem Psycho-Test findest du heraus,

ob deine große Liebe nur ein Gespräch entfernt liegt.

VON CHRISTINA SCHEBEN, JASMIN KIENE UND OLGA ALVES

Ich habe Angst, dass es

unsere Freundschaft zerstört

Warum nicht?

Der richtige Moment ist nie

da, sag es einfach!

Die Antwort war?

Zwischen und ist

immer ein Fenster...

Es ist einfach schwer

ihn/sie alleine zu sehen!

Er/sie mag mich! Er/sie hat gefragt wer ich bin Er/sie ist nicht bereit für

eine feste Beziehung

Liked er/sie deine Beiträge

auf facebook?

Ist er/sie heiß?

Warte, was?

Nein

Er/Sie hat einen

guten Charakter!

JA!

Und die Hecke stört

auch!

Seht ihr euch

bald?

Ja

Also ist er/sie hässlich?

Warte, WAS?!

Für Sex?

Es zählen doch die

inneren Werte.

Okay, ja.

Ich kann damit leben

Bist du hässlich?

Ja

Nein

Wir chatten aber viel!

Naja, ich bin

nicht super heiß

Nein

Über Sex und was wir

toll finden!

Über unsere

Gefühle und

Sorgen. Wir

vertrauen uns

blind.

Das wird nichts

Er/sie steht einfach nicht auf dich! Du solltest

dir schnellstens darüber klar werden und darüber

hinweg kommen. Ihr seid romantisch gesehen

überhaupt nicht auf einer Wellenlänge

und deine Zeit und Energie kannst du wirklich

besser investieren.

Romantik pur

Alle Zeichen stehen auf Liebe! Zwischen euch

knistert es eindeutig und vermutlich wartet

er/sie nur darauf, dass du den ersten Schritt

machst. Trau dich! Love is in the air!

Freundschaft Plus

Ihr versteht euch gut vor allem körperlich. Eure

freie Zeit genießt ihr gerne auch zu zweit und

unternehmt etwas zusammen. Doch meistens

finden diese Aktivitäten im Bett statt. Für eine

richtige Beziehung seid ihr beide nicht geschaffen,

aber gegen ein wenig Matratzensport ist

nichts einzuwenden!


2/2018 LIFESTYLE

19

Hast du ihr/ihm schon deine

Gefühle gestanden?

Nein

Ich habe es angedeutet

Was soll denn das heißen?

Es gab noch nicht den

richtigen Moment

Wir sehen uns nie allein

Ich habe ihm/ihr eine Locke

von meinem Haar geschickt!

Er/Sie hat es ignoriert

Ich war betrunken

Wie begrüßt ihr euch?

Wow, du creep!!

Wie oft hast du es ihm/ihr

schon versucht zu sagen?

Mit einem Bro-Fist

Bum

Eine lange Umarmug

x-mal! Ein paar Mal Nur einmal

Schaut er/sie dir länger als drei

Sekunden in die Augen?

Wer meldet sich zuerst?

War er/sie betrunken?

Nein

Ja!

Ich

Er/Sie

Nein

Ja

Ja

Kommentiert

er/sie auch?

Ja, er/sie schreibt

immer was für

super Freunde wir

sind!

Und worüber?

Wenn andere Frauen/Männer

vorbei gehen, wie reagiert er/sie?

Er/sie schaut ihr/ihm

lange nach und checkt

ihn ab. Das macht mich

immer so eifersüchtig!

Er/sie sagt mir wie

heiß sie/er ist. Wir

sagen uns einfach

alles!

Er/sie

erwähnt sie/

ihn nicht.

Reagiert er/sie auf „zufälligen“

Körperkontakt positiv?

Ja

Nein

Nein

Kommt dir der Satz „Du bist so

ein guter Freund!“ bekannt vor?

Nein

Ja

Auch am

Tag darauf?

Nein

Ja

Habt ihr euch geküsst?

Nein

Wolltet ihr?

Ja

Nur ein Mal?

Ja

Real talk!

Lief mehr?

Nein

Nein

Über seine/ihre

Verdauungsprobleme.

Es flutscht zurzeit nicht

so gut.

Über seine/ihre

Tinder-

Bekanntschaften.

Über das

Wetter.

Habt ihr darüber

geredet?

Ja

Nein

Er/sie will es

wiederholen

Es hat ziemich

gefunkt

zwischen uns

Er/sie sagt, es

war ein Fehler

Friendzone

Du bist als der/die gute/r Freund/in abgespeichert.

Entweder du setzt alles auf eine Karte

und versucht dich aus der Friendzone rauszukatapultieren,

oder du akzeptierst deine Rolle

als gute/r Freund/in. Aber Vorsicht, bei deinem

Vorhaben kann mehr als nur die Freundschaft

zerstört werden.

Danger Zone

Du bist der totale Creep! Hör auf ihn/sie zu

stalken! Aber keine Angst dafür gibt es professionelle

Hilfe. Leg das Fernglas weg und geh die

Sache entspannter an. Hol dir in Sachen Dating

ein paar Ratschläge von deinen Freunden, die

gesunde Beziehungen führen.


20

LIFESTYLE

mediakompakt

Schmeiß’ den Kummer

aus dem Fenster!

Bild: Pixabay / Tetzemann

Netflix und Chillen mit der dritten Schachtel Schokoeis aus dem Gefrierfach oder der dritten

Schachtel aus Tinder? Schluss mit Trübsal blasen, jetzt wird mit Konfetti geschmissen! Denn

eine Trennung ist belebender als ihr Ruf. Lesen, nachdenken, loslegen.

VON JESSICA SCHLAG

Zugegeben, sich mit Tonnen von Eis und

Liebesfilmen zu trösten, tröstet über den

ersten Schock, doch der zweite folgt

schnell: der Blick auf die Waage! Sich

durch fremde Betten zu wühlen, hat

Vorteile: du verlässt die Wohnung, ohne das Bett

machen zu müssen. Aber mit jedem Mal bleibt mit

dem Duft der gestrigen Partynacht ein Stück

Selbstachtung auf dem Kopfkissen zurück. So bist

du doch gar nicht! Oder? Eine Trennung ist mit

Verlust verbunden. Klar. Und trauern gehört dazu.

Aber sich im Herzschmerz verlieren? Wozu? Lass

den Sonnenschein gewinnen. Und das Gras

darüber wächst schneller als du das nächste

Taschentuch holen kannst!

Ein Schlussstrich wird nicht mit dem Bleistift

gezogen. Deshalb nimmst du in deinen Gedanken

den allergrößten Edding, den es zu kaufen gibt,

und ersetzt das „Wir“ durch ein „Ich”.

Selbstverständlich mit der maximalen Dicke.

Warum? Damit die Hoffnung einer Wiedervereinigung

nicht einmal auf die Idee kommt, sich

bei dir dort oben ein Plätzchen zu sichern – nur

Gulasch schmeckt aufgewärmt!

Ausnahmen bestätigen die Regel, unter welchen

Umständen die Trennung stattfand, spielt natürlich

auch immer eine Rolle. „What doesn’t kill

you, makes you stronger” heißt es in einem Song

der US-Sängerin Kelly Clarkson. Eine Trennung

reißt dich schonungslos aus der Komfortzone!

Vorbei ist es mit den Gewohnheiten – du musst

dich in vielen Dingen neu organisieren und wirst

permanent an das Beziehungsende erinnert:

Die Erste-Date-Kinokarte am Kühlschrank, das

Kuscheltiergeschenk auf dem Kopfkissen oder

dein fixierter Blick auf das Handy. Du weißt, es

wird kein gemeinsamer Kinobesuch folgen, das

Kuscheltier wird wegpackt. Trennung erzeugt

Druck und Energie, um Veränderungen aktiv

anzupacken. Nutze die Trennung als Defibrillator

für deinen Alltagstrott! Darin steckt die Genialität:

du gewinnst einen frischen Blick auf deine

Umwelt und kannst dich auf die wichtigste

Beziehung konzentrieren – die mit dir selbst, das

macht dich stark!

Nichts ist bedeutender als deine eigene

Liebeserklärung. Mach’ die Welt, wie sie dir

gefällt! Mach’ das, was du dir schon lange

erträumt hast. Egal ob es das Klischee der

Typveränderung durch einen neuen Haarschnitt

oder eine Wanderung auf dem Jakobsweg ist.

Ist es nicht herrlich, das alles zu erleben und

umzusetzen, ohne von jemandem gebremst zu

werden? Hollywoodstar George Clooney glänzt

mit seinem Aussehen, aber auch mit dieser

Aussage: „Am einsamsten fühlt man sich in einer

schlechten Beziehung.“ Wie recht er hat! Freue

dich, frei zu sein, du musst dich nach niemanden

mehr richten, der dich einschränkt. Triff deine

Freunde und Familie zu jeder Zeit. Esse, was dir

passt und tobe dich in deinem Kleiderschrank, in

der Disco und in deinen Hobbys aus, du hast die

Freiheit!

Denke positiv. Du wirst erstaunt sein, wieviel

Energie du aufbringen kannst und wie stark du

bist. Mit neuer Lebensenergie rennst du ins

Fitnessstudio oder schwingst den Kochlöffel.

Widme dich den gesunden Dingen des Lebens,

und du fühlst dich glücklich! Du wirst attraktiver,

offener, begeisterst dich und deine Mitmenschen

mit jedem Tag mehr. Die Selbstzufriedenheit ist

ausschlaggebend für deine Ausstrahlung und

deinen Auftritt.

Sei stolz auf dich! Durch die Trennung hast du

dich neu erfahren und besser kennengelernt.

Deine persönliche Beziehung ist gestärkt, eine

Partnerschaft wird sicher bald als Kirsche das

Törtchen deines Lebens zieren. Du rockst,

überzeugt von dir selbst, das Leben. Bei dir spielt

die Musik. Gönn‘ dir was, mach‘ dich glücklich:

Schmeiß’ den Kummer aus dem Fenster, du

brauchst Platz zum dancen. Und der

Konfettiregen ist garantiert.


2/2018 LIFESTYLE

21

Jetzt wird gefastet!

Laut einer Umfrage erhoffen sich die meisten Menschen eine Gewichtsabnahme durch Fasten.

Doch was bringt das überhaupt? Warum erfreut es sich gerade in der heutigen, hektischen und

überladenen Zeit so großer Beliebtheit? Wir beantworten die wichtigsten Fragen!

VON MONA JOERG

Woher kommt das Fasten überhaupt?

Fasten hat vor allem religiöse Ursprünge. In

allen vier Weltreligionen Buddhismus, Christentum,

Islam und Judentum findet man es als einen

festen Bestandteil der Glaubenslehre wieder.

Dabei steht die Überwindung von Leid, um das

Buße tun, die Enthaltung und die Nähe zu Gott im

Mittelpunkt. Auch im Mittelalter war der Heilkundlerin

Hildegard von Bingen schon die

heilende Wirkung des Fastens bekannt.

Was ist alles „Fasten“ und wie wird gefastet?

Als Fasten bezeichnet man, „sich für eine

bestimmte Zeit ganz oder teilweise der Nahrung

[zu] enthalten oder auf den Genuss bestimmter

Speisen [zu] verzichten“, so steht es auf duden.de.

Dabei kann auf ganz unterschiedliche Weisen

gefastet werden. Das Heilfasten nach Buchinger,

die bekannteste Art, beginnt mit zwei Entlastungstagen.

Dabei darf nur leichte Kost wie

Obst, Reis und Gemüse gegessen werden.

Begleitend werden Bitter- und Glaubersalz sowie

Einläufe verwendet, um den Darm zu entleeren.

In den nächsten fünf bis sieben Tagen nimmt der

Fastende nur flüssige Nahrung, etwa Honig,

Brühe, Obst- und Gemüsesäfte, zu sich. Dazu

müssen mindestens zwei bis drei Liter Wasser am

Tag getrunken werden. Andere Fastenarten sind

die Milch-Semmel-Kur, die Molkekur oder das

Saftfasten. Besonders im Trend liegt gerade das

sogenannte Intervall-Fasten. Viele verbinden das

Fasten auch mit Meditation, Yoga, Atemübungen

oder sogar mit dem Wandern.

Wie wirkt das Fasten auf den Körper?

Zunächst bedeutet es Stress. Auf den

wichtigsten Energielieferanten, die Kohlenhydrate,

muss der Körper in dieser Zeit verzichten.

Auch der Kopf ist auf Entzug. Wer seinen

täglichen Kaffee gewohnt ist, wird am ersten Tag

besonders unter Unwohlsein und Kopfschmerzen

leiden. Die Blutgefäße im Gehirn weiten sich und

Botenstoffe funktionieren nicht mehr wie

gewohnt. Daher ist auch die Reaktionszeit stark

eingeschränkt. Aufgrund der ausbleibenden

Kohlenhydratzufuhr kurbelt der Hypothalamus

im Gehirn mithilfe von zum Beispiel Adrenalin

die körpereigenen Reserven an.

Der Blutzuckerspiegel, Blutfette und die Werte

von Cholesterin und Insulin sinken. Die Atmung,

der Herzrhythmus und der Blutdruck werden auf

ein Minimum heruntergefahren. Auch das

Verdauungssystem schaltet auf Ruhezustand.

Nach spätestens 48 Stunden hat der Körper seine

Reserven aufgebraucht. Nun beginnt er auf seine

Eiweißvorräte zurückzugreifen. Durch den

Bild: Pixabay / Mimzy

Eiweißabbau wird mehr Harnstein gebildet,

weswegen der Urin während des Fastens meist

sehr gelblich ist. Bedrohlich ist der Eiweißabbau

für die Muskeln. Daher ist regelmäßiger Sport in

der Fastenzeit wichtig, um dem Abbau

vorzubeugen.

Ab wann wird beim Fasten abgenommen?

Nach dem vierten Fastentag beginnt der

Körper mit der Fettverbrennung. Dann geht es ran

an den Speck. Bei diesem Vorgang wird vermehrt

Aceton, also Säure, freigesetzt, was dazu beiträgt,

dass Fastende oft unter unangenehmen Atem und

stinkenden Schweiß leiden. Doch in dieser Zeit

setzt das Gehirn auch das Glückshormon

Serotonin frei, was viele als Fastenhoch oder

Fasteneuphorie beschreiben. Zieht man am Ende

einer zweiwöchigen Fastenzeit Bilanz, nimmt

man im Schnitt sieben Kilogramm ab. Davon

jedoch sind vier bis fünf Kilogramm Wasser, ein

Kilogramm Eiweiß und nur eineinhalb bis zwei

Kilogramm Fett. Viele beklagen nach dem

Fastenbrechen den Jojo-Effekt. Doch beim Fasten

ginge es nicht um das Abnehmen, widersprach der

wohl bekannteste Fasten-Arzt, Prof. Andreas

Michalsen, aus der Berliner Charité in einem

Beitrag des ARD-Wissensmagazins „Planet

Wissen“ zum Thema „Ist Fasten gesund?“.

Doch worum geht es dann beim Fasten?

„Fasten steigert das Lebensgefühl“, schreibt

der Psychotherapeut, Fasten-Arzt und Seminarleiter,

Dr. med. Ruediger Dahlke, in seinem Buch

„Fasten Sie sich gesund“. Er vergleicht es mit

einem Frühjahrsputz, dem man seinen Körper

unterzieht: innere Ordnung schaffen, sich auf

Wesentliches konzentrieren, loslassen. Wissenschaftler

haben bewiesen, während des Fastens

werden verstärkt Wachstumshormone freigesetzt,

die zu einer Stimmungshebung beitragen. Indem

das Fasten den Dickdarm von Resten befreie –

(„Entgiftung“), gelinge es Belastendes aus dem

Unterbewusstsein zu entlassen. Therapeutische

Übungen wirken dabei noch unterstützend und

erzielen laut Dahlke sehr gute Erfolge. Auch

gesundheitlich lässt sich eine Verbesserung

insbesondere bei chronischen Erkrankungen wie

Bluthochdruck oder Diabetes Typ II feststellen.

Der Fasten-Arzt geht sogar so weit zu behaupten

„Wenn breite Teile der Bevölkerung regelmäßig

fasten würden, könnten wir Krankheitsbilder wie

Gicht und Rheuma vergessen.“ Aber egal, aus

welchem Grund man fastet, sind sich alle

Experten einig: Es ist eine gute Möglichkeit, sich

auf die inneren Heilkräfte des Körpers zu

besinnen.


22

LIFESTYLE

mediakompakt

Glücklich wie die Dänen

Den Alltagsstress ganz weit hinter sich lassen und sich nur noch mit den schönen Dingen des

Lebens beschäftigen? Klingt fast unmöglich, doch die dänische Lebensphilosophie „Hygge“

verspricht genau das.

VON ANNA WITTICH

Egal ob in Lifestyle-Magazinen, Tageszeitungen, sozialen Medien oder Ratgebern:

Die dänische Lebensphilosophie Hygge ist weltweit in aller Munde und wird mit

„Gemütlichkeit“ übersetzt. Doch warum boomt ein Lebensstil, der seit

Jahrzehnten zum Kulturgut der Dänen gehört, genau jetzt? Ein Grund sind sicher

die Entwicklungen der vergangene Jahre. In einer Welt, die immer nur höher,

schneller und weiter will, die von Terror und Kriegen erschüttert wird, bedient Hygge die

Sehnsucht vieler nach einem stabilen Zufluchtsort, an dem die schönen und einfachen

Dinge zählen. Das Leben soll in vollen Zügen genossen werden, am besten mit Freunden

und Familie. Dass diese Philosophie funktioniert machte spätestens der

World-Happiness-Report 2016 klar, der Dänemark als das glücklichste Land der Welt führt.

Doch kann man Glück und Gemütlichkeit lernen? Von heute auf morgen ist das natürlich

schwer, erste Inspirationen für mehr Gemütlichkeit können aber die unten stehenden

Ideen liefern. Diese lesen sich natürlich am besten auf der Couch, eingepackt in eine

warme Decke und mit einer Tasse heißem Kakao.

ude

Draußen

udstyr

Einrichtung

Spätestens nach einem Urlaub in Dänemark merkt man, dass die Dänen in

Stilfragen gutes Gespür beweisen. Auf eine moderne und zugleich

gemütliche Einrichtung wird viel Wert gelegt – man soll sich schließlich in

den eigenen vier Wänden wohl fühlen. Dafür werden schlichte

Möbel-Klassiker von Arne Jacobsen oder Louis Poulsen zu Decken, Kissen

und Teppichen aus natürlichen Materialien kombiniert. Eine wichtige

Rolle bei der Einrichtung spielt auch das Licht. Gerade an den dunklen

Wintertagen schaffen unterschiedliche Lichtquellen, wie Kerzen,

verschiedene Leuchten oder ein Kaminfeuer eine hyggelige, warme

Atmosphäre in die man nach einem langen Tag gerne ankommt.

Nicht nur die Dänen wissen: Frische Luft tut jedem gut, vor allem wenn

man dabei den Alltagsstress hinter sich lassen kann. Die langen dänischen

Sommertage werden daher vor allem für ein gemeinsames

Familien-Picknick im Park oder eine ausgedehnte Radtour durch die Natur

genutzt. Der Abend wird zusammen mit Freunden am Lagerfeuer oder auf

Open-Air-Konzerten unter dem Sternenhimmel verbracht. Doch auch

kalte Tage schrecken die Dänen nicht ab: die Natur bei einer

Schneeballschlacht oder beim Schlittenfahren in vollen Zügen zu

genießen, ist ebenfalls ein Teil von Hygge.


2/2018 LIFESTYLE

23

fælles

Gemeinsam

Zusammenhalt, Dankbarkeit und Leichtigkeit sind drei Schlagworte, die

für das Lebensgefühl Hygge stehen. Und wie kann man diese besser

zelebrieren als mit Freunden und Familie. Diese wertvolle Zeit genießt man

dann bei gemeinsamen Essen mit guten Gesprächen oder Ausflügen in die

Natur. Um den Moment voll und ganz zu genießen sollte dabei das

Smartphone auch einmal ausgeschaltet werden. Ernste Themen spielen in

dieser Zeit eher keine Rolle – man besinnt sich auf die schönen Dinge des

Lebens.

nydelse

Genuss

Alle, die beim Essen gerne auch einmal sündigen, können dank der

dänischen Glücksphilosophie aufatmen – denn Hygge feiert den Genuss.

Egal ob Kuchen, heiße Schokolade, Zimtschnecken oder ein üppiges

Abendessen, alles ist erlaubt. Nur selbst gemacht sollte es sein. Am Besten

schmecken den Dänen die selbst gemachten Köstlichkeiten dann mit

einem Glas Wein oder einer Tasse Kaffee im Kreise der Familie oder

Freunden

juletid

Weihnachtszeit

Wenn Plätzchen gebacken, die ersten Kerzen am Adventskranz angezündet

werden oder der erste Gløgg auf dem Weihnachtsmarkt getrunken wird, ist

klar: Die Weihnachtszeit ist die Hochsaison von Hygge. Hier kommt man

zusammen, macht es sich auf dem Sofa gemütlich und genießt die

gemeinsame Zeit. Alle alltäglichen Probleme lässt man in dieser besinnlichen

Zeit hinter sich und ist dankbar für das, was man hat.

Bilder: pixabay.com / pexels.com


24

LIFESTYLE

mediakompakt

Bild: pixabay.com / StockSnap

Box dich raus!

Boxkämpfe sind geplante Schlägereien mit Zuschauern. Die Vereine sind

zwielichtig, bilden aggressive Mitmenschen aus und alle Boxer sind

vorbestraft wegen Körperverletzung. Es gibt viele Vorurteile.

Aber Boxen kann mehr sein. Es befreit von negativen Gedanken.

VON ALINA HAHN


2/2018

LIFESTYLE

25

Stundenlang liege ich wach. Die

Gedanken kreisen. Kein Schlaf. Keine

Konzentration. Morgen krieg‘ ich wieder

nichts erledigt. Und dann? Noch mehr

Stress. Die Gedankenspirale hält mich

gefangen, zieht mich immer tiefer. Box dich frei,

sagt eine Freundin, das fördert die mentale Stärke

und hilft dir, raus aus der Abwärtsspirale zu

kommen. Boxen? Sofort fallen mir Veilchen,

krumme Nasen und tätowierte Muskelprotze ein.

Ich soll das ausprobieren? Niemals! Nein. Schon

wieder dieses negative Denken

Negative Gedanken wirken für den Körper wie

eine äußere Bedrohung und setzen das Hormon

Cortisol frei, um den Menschen auf die Flucht

vorzubereiten. Oder auf den Kampf. Wie im

Boxen. Fördert das dann nicht die Produktion des

Stresshormons? Dieses wird vom Körper selbst

sehr langsam abgebaut. Es kann schneller

abgebaut werden durch Ausdauersport, aber auch

durch Boxtraining?

Zu Beginn Seilspringen, mindestens zehn

Minuten. Ganz schön anstrengend. Dann wird die

Technik einstudiert: Schläge üben und abwehren.

Klingt nicht gerade nach Pause. Danach eine

Krafteinheit, damit die Schläge noch stärker

werden. Ist Boxen ein Ganzkörpertraining? Die

Kraft beim Schlagen kommt ja nicht von

irgendwo.

Liegestützen, Sit-Ups und Zirkeltraining

gehören zu jeder Boxstunde dazu. Du wirst

belastbarer und kräftiger. Auch deine Gedanken

werden stärker und du selbstbewusst. Einen

Gegner durch Kraft und Technik außer Gefecht

setzen zu können, führt zu einer selbstbewussten

Haltung. Innerlich wie äußerlich.

Wer austeilt, muss aber auch einstecken

können. So müssen Schläge ertragen und

Niederlagen überwunden werden. Box-Profi

Wladimir Klitschko sagt, dass Verlieren

dazu gehört. Damit umzugehen,

lässt sich lernen. Wenn das

gelingt, macht es einen

sogar stärker. Es geht

nicht darum, nicht zu

verlieren, sondern

durch Niederlagen

zu gewinnen. Ist das

vielleicht eine

Aufwärtsspirale?

Und Boxen tut

dem Kopf gut. Alle

aufgestauten

Emotionen werden auf

den Boxsack losgelassen.

Wenn du auf ihn

einprügelst, denkst du an

nichts anderes. Deine negativen

Gedanken haben Sendepause.

Konzentration brauchst du auch bei den

Technikübungen. Denn auch wenn du kein

wirkliches Sparring betreiben willst (und das wird

in jedem guten Boxstudio kommentarlos

akzeptiert), gehören Übungen am Partner zum

Boxen dazu. Linke Gerade, rechte Gerade, linker

Haken. Ausweichen. Aus der Bewegung eine

rechte Gerade direkt in die Deckung des Gegners.

Und Wechsel. Eine Koordinations- und

Konzentrationsaufgabe. Das schult psychisch und

physisch. Macht Boxen dich zum Allrounder?

Mehr als das. Im Training wird das

Glückshormon Dopamin ausgeschüttet, du fühlst

dich stark, du bist wach und fokussiert. Wie

im Rausch. Es treibt dich zu

Höchstleistungen, die dich

noch stärker machen.

Und stolz. Wenn der

Dopaminspiegel nach

dem Training langsam

sinkt, wird das

Wohlfühlhormon

Serotonin

ausgeschüttet.

Es steuert den

Schlaf-Wach-Rhythmus

und kontrolliert

den Appetit. Am Ende

bist du ausgeglichen und

zufrieden.

Wie sollen deine negativen

Gedanken überleben wenn du

selbstbewusster bist, eine starke innere

Haltung annimmst und aus Niederlagen Chancen

werden?

Wenn die Hormone für dich spielen, dein

Körper stark und kraftvoll wird und du weißt, wie

du ihn steuern kannst. Du kannst dich besser

konzentrieren, wirst mental fit.

Box dich raus!

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26

GESELLSCHAFT

mediakompakt

Über Brexiteers

Brexit – Großbritannien verlässt die EU. Was bedeutet diese

drastische Entscheidung konkret?

Europa ist und bleibt ein Gebiet der

räumlichen Nähe. Auf einer Fläche von

23 Millionen Quadratkilometern

tummeln sich 47 unabhängige Staaten.

Die Fläche der 28 Mitgliedstaaten der EU

beläuft sich auf etwa 4,5 Millionen

Quadratkilometern, das ist nicht einmal halb so

groß wie die USA. Und doch ist, durch die Masse

an Mitgliedstaaten, die Gemeinschaft in der Lage,

gegen Giganten wie die USA und Russland

Stellung zu nehmen. Den Ursprung nahm die EU

nach dem zweiten Weltkrieg und seiner

verehrenden Folgen. Die Stimmung des

Kontinents war angespannt, die Angst vor einem

weiteren großen Krieg schwebte in der Luft. Als

Gegenentwurf dazu entschieden sich die sechs

Gründungsländer (Belgien, Deutschland,

Frankreich, Italien, Luxemburg und die

Niederlande), eine Gemeinschaft zu gründen, die

heute als Europäische Union (EU) bekannt ist.

Seitdem stieg die Mitgliederzahl auf 28 Staaten.

Neben politischen Vorteilen der EU ergeben sich

wirtschaftliche. Nicht nur war es möglich, in der

EU zollfreien Handel zu treiben, auch konnten die

Staaten als Einheit gegenüber anderen Ländern

auftreten. Den Bürgern der Mitgliedstaaten ist es

möglich, frei in die anderen Staaten zu reisen und

dort zu arbeiten.

Ein schneller Einkauf in Frankreich?

Kein Problem.

Spontan-Urlaub in den Niederlande?

Nichts wie los.

Jobangebot in Italien?

Größtes Problem: Wohnungssuche.

Doch die Zeiten änderten sich. Verschiedene

Staaten warben darum, in die EU aufgenommen

zu werden, doch in Großbritannien gab es eine

Abstimmung über den Verbleib in der EU. Mit

einem überraschenden Ergebnis. Im EU-Votum

am 23 Juni 2016 nahmen 72 Prozent der

Wahlberechtigen Engländer teil. Die Gesamtzahl

beruft sich auf fast 30 Millionen Bürger, mehr als

bei der letzten „General Election“. 51,9 Prozent

stimmten für den Austritt aus der EU, 48,1 Prozent

dagegen. Das Land war gespalten, genau wie das

Votum waren die Reaktionen im Internet geteilt.

Unter dem Twitter-Kürzel #Brexit ließ sich eine

Nation und der Rest der Welt über das

Referendum aus. Neben Glückwünschen wie: „I

am so happy and proud of the British citizens for

deciding to vacate the EU. You are a proud and

noble Country w/culture to be preserved.” (Ich

bin so stolz auf die britische Bevölkerung, für die

Entscheidung die EU zu verlassen. Ihr seid ein

stolzes, nobles Land mit Kultur, die bewahrt

VON PAULA WÄCHTER

werden muss.) von @clinchmtn316, kamen auch

anderen Stimmen zu Wort. So echauffierte sich

zum Beispiel @JordanTracey17, mit den Briten

müssten auch Irland und Schottland aus der EU

austreten. Obwohl in Schottland eine deutliche

Mehrheit für den Verbleib in der EU gestimmt

hatte: „An Englishman, a Scotsman and an

Irishman went to a bar. They all had to leave

because the Englishman wanted to go.” (Ein

Engländer, ein Schotte und ein Ire gehen in eine

Bar. Alle mussten gehen, weil der Engländer keine

Lust mehr hatte).

Schnell bildeten sich zwei Fronten. Die

Brexitteers (Befürworter des Brexits) und die

Brexitrebels, die den Austritt zu verhindern

versuchen.

Das Votum schlug hohe Wellen. In mehreren

englischen Städten gab es Protestläufe. Das Pfund

sank in der Folge auf ein Rekordtief, noch am

selben Nachmittag trat Premierminister David

Cameron von den Tories zurück. An seiner Stelle

führte die neue Premierministerin Theresa May

die Verhandlungen um die Brexit-Konditionen.

Genau wie Cameron war May vor der Wahl gegen

den Austritt aus der Europäischen Union, anders

als Cameron änderte sie Ihren Standpunkt nach

der Wahl. Ihr neues Ziel: Die Wünsche der


2/2018 GESELLSCHAFT

27

und Brexitrebels

Wir haben mit einem Befürworter und einem Gegner des

Ausstiegs gesprochen.

Bevölkerung respektieren und einen vorteilhaften

Ausstieg für Großbritannien aus der EU.

Seit Mai 2017 laufen die Verhandlungen. In

mehreren Runden soll vor allem über die drei

Hauptaspekte entscheiden werden:

Welche Rechte hat die Bevölkerung, sowohl

die, der EU oder auch die des Vereinigten

Königreichs? Wie kann der Dialog zwischen Nordund

Südirland erhalten werden? Welche Summe

muss die UK als Abfindung an die EU zahlen?

Noch ist unklar, wie die Verhandlungen

letztlich ausgehen. Für Großbritannien, so viel

scheint klar, kann der Brexit schwerwiegende

Folgen haben. Die Frage, wie es weiter gehen soll,

beschäftigt die Bevölkerung fast zwei Jahre nach

dem Referendum umso mehr. Was wird sich

ändern? Was bleibt?

Neben den Briten sind eine weitere Gruppe

von dem Votum stark beeinträchtigt –

Internationale Bürger, die in England leben und

arbeiten. Wie Louisa Müller. Ihr Studium führte

sie vor einigen Jahren nach London. Mittlerweile

hat sie sich in der britischen Hauptstadt ein

eigenes Leben aufgebaut und selbständig

gemacht. Das Ergebnis des Brexit- Votums

beschreibt sie so: „Schock, Traurigkeit, Gefühl der

Ohnmacht.“ Ihr Motto: „Luft anhalten und

durch“. Aus persönlichen Gründen war es ihr

nicht möglich, London nach dem Votum zu

verlassen, aber immer häufiger hört sie von

anderen Europäern, die in ihre Heimat zurück

kehren. Sie hat andere Pläne: „Ich lerne gerade für

den Life-in-the-UK-Test, sodass ich englische

Staatsangehörigkeit beantragen kann (und meine

deutsche behalten)“. Was würde sie Menschen

raten, die in England arbeiten wollen, momentan

raten? „Nicht nach England kommen, bis sich die

Wogen geglättet haben und das alles durch ist.“

Für Louisa und ihre britischen Freundeskreis

ist der Brexit ein Desaster, das die Briten bereuen

werden, wie sie sagt. Doch genug Briten sehen in

der Entscheidung die Möglichkeit wieder die

Kontrolle über ihr Handeln zurückzugewinnen.

Vermeintliche Probleme mit Migration war für

viele Briten, ein Grund ihre Stimme für den

Ausstieg zu geben. Die Vorteile andere

Mitgliedstaaten empfinden die Brexiteers als

Nachteil. Auch im Handel sehen sich einige Briten

durch die EU benachteiligt. Als unabhängiger

Staat könnten Briten bessere Handelsabkommen

mit anderen schnell wachsenden Ländern

vereinbaren, so hofft man, und dadurch

wirtschaftliche Vorteil erhalten. Als dritten

Motivation Grund nannte einige Wähler, so auch

Martin Brooker, den Einfluss der EU auf die

Gesetzeslage seiner Mitgliedstaaten: „Currently

the EU make 70 per cent of our laws – how can this

be correct“ („Momentan erlässt die EU 70 Prozent

unser Gesetzte, wie kann das nur richtig sein?“).

Nachteile die der Brexit mit sich bringen

könnte sieht er nur wenige: „Some job losses likely

in financial sector – likely slower growth during

transition phase as uncertainty slows demand.“

(„Im Finanzsektor könnte es zu Arbeitslosigkeit

kommen, vermutlich wird währende der

Transaktions-Phase ein geringeres Wachstum

vorliegen, da Ungewissheit die Nachfrage

verringert.“)

Doch Ungewissheit bleibt auf beiden Seiten.

Wohin wird der Brexit eine Nation mit viel

Geschichte führen und welche Auswirkungen

wird der Ausstieg schlussendlich auf die EU

haben? Werden weitere Länder die EU verlassen?

Bis ein Vertrag zwischen Brüssel und

Großbritannien steht, bleibt den EU Bürgern

nichts anderes übrig als abzuwarten und Tee zu

trinken.


28

GESELLSCHAFT

mediakompakt

Kein Kaffee-Klatsch

Bild: Sarah Fuchs

Wer als Flüchtling in

Stuttgart ankommt, hat es

oft nicht leicht. Das Café

Nachbarschafft im

Generationenhaus Heslach

ist ein idealer Treffpunkt,

an dem Ehrenamtliche

den Flüchtlingen helfen.

VON SARAH FUCHS

Draußen ist es dämmrig, als sich die Tür

zum Café Nachbarschafft öffnet. Der

Raum ist hell erleuchtet, es herrscht

angenehmes Gemurmel. Doch die

Stimmung ist nicht ausgelassen wie in

einem normalen Café, sondern konzentriert. Hier

wird gearbeitet, nicht Kaffeeklatsch gehalten. An

vielen Tischen sitzen zwei bis drei Personen und

unterhalten sich, auf manchen sind Unterlagen

ausgebreitet. Ein Mann mit dunkler Haut beugt

sich über ein Buch und fährt mit dem Finger über

die Zeilen, die er vorliest. Eine ältere Frau

verbessert ihn: „Neujahr. Das ist der erste Januar,

und das ist ein Feiertag.“ Auf der anderen Seite des

Raumes steht eine Theke, dahinter sitzt ein junger

Mann und unterhält sich mit einer zierlichen Frau

mit Kopftuch. Die Frau trägt ein Namensschild an

der Brust, „Renate, Gastgeberin“ steht darauf.

Renate Vischer ist für die Organisation des

Cafés zuständig und seit März im Freundeskreis

Flüchtlinge Süd aktiv. Mittlerweile gibt es zu jeder

Flüchtlingsunterkunft in Stuttgart einen

Freundeskreis, in dem ehrenamtlich engagierte

Bürgern aktiv sind. An jedem geöffneten Tag des

Café Nachbarschafft übernimmt der Freundeskreis

Süd von 17 bis 20 Uhr den Thekendienst.

In dieser Zeit sind insbesondere Flüchtlinge

willkommen. Ehrenamtliche des Freundeskreises

oder auch andere Freiwillige kümmern sich dann

um Flüchtlinge. Tagsüber ist jeder Besucher

herzlich willkommen. „Der Thekendienst ist in

Teams eingeteilt. Insgesamt sind das 30 bis 35

Ehrenamtliche. Dazu kommen noch sechs

Personen für Sprachunterricht“, erklärt Renate

Vischer. Wenn die Flüchtlinge in Deutschland

ankommen, müssen sie eine Sprachschule

besuchen. Oftmals vermittelt der Unterricht aber

nur Basiswissen, es bleibt wenig Zeit für Übungen.

Um die Lücke zu schließen, kommen die

Flüchtlinge ins Café. Sie bringen die Unterlagen

aus dem Kurs mit. Die Ehrenamtlichen gehen mit

ihnen die Aufgaben durch.

An einem Tisch in der Mitte des Raumes sitzt

eine fröhliche junge Frau mit blonden Locken

und einem strahlenden Lächeln, umringt von

zwei jungen Männern. Sarah ist eigentlich

Lehrerin für Geschichte und Englisch an einem

Gymnasium und engagiert sich seit zwei Jahren

im Café. „Die Sprachhilfe hier mit Flüchtlingen ist

etwas ganz anderes als Schulunterricht“, sagt sie.

„Ich finde es regelrecht entspannend, das ist ein

guter Ausgleich.“ Heute hilft sie Ryad und

Tekeleab bei einigen Aufgaben. Ryad ist ein sehr

kontaktfreudiger Syrer und schreibt prompt

seinen vollen Namen in schönen Druckbuchstaben

auf ein Blatt Papier. Die Worte

sprudeln nur so aus ihm heraus: „Ich lebe seit über

zwei Jahren in Deutschland. Ich will viel Deutsch

lernen und brauche Übung. Und ich brauche

noch Frau. Sind Sie frei?“ Er lacht herzlich und

notiert sofort seine Handynummer auf dem Blatt.

In seiner Heimat war Ryad Krankenpfleger

und er möchte seinen Beruf auch in Deutschland

ausüben. Wenn er den B2-Kurs besteht, darf er ein

Praktikum beginnen. „Es ist nicht einfach mit den

Deutschkursen. Ich musste über ein Jahr warten,

bevor ich einen Kurs machen durfte. Da habe ich

mir im Internet etwas Deutsch beigebracht“,

erzählt Ryad. Mit Sarah geht Ryad ein Heft mit

Fragen für einen Einbürgerungstest durch. Das

Heft trägt den Titel „Leben in Deutschland“ und

umfasst 300 Fragen. Dann steht Sarah auf und sagt

zu Ryad und Tekeleab: „Wir spielen jetzt ein

Spiel.“ Sie geht an die Theke und kommt mit einer

Kiste Papierkarten zurück. Es ist ein

Memory-Spiel. Sarah verteilt die Karten auf dem

ganzen Tisch. Es gibt Karten mit Bildern und

Karten mit Wörtern. Tekeleab ist ziemlich fix bei

dem Spiel und findet schnell den passenden

Begriff zum jeweiligen Bild.

Inzwischen ist der Geräuschpegel im Café

deutlich angestiegen. „Jeder ist willkommen“,

sagt Renate Vischer. „Aber besonders im Winter

haben wir etwas Probleme mit den Obdachlosen.

Da muss man mit Nachdruck die Leute zum

Gehen bitten.“ Nicht nur bei Sprachübungen

helfen die Ehrenamtlichen gerne. Auch wenn es

um Behördengänge oder Wohnungssuche geht.

„Für diese Angelegenheiten gibt es Mitarbeiter,

die sich damit besser auskennen.“

Einige im Café haben mit dem Lernen

aufgehört und unterhalten sich. Sarah versucht

mit unermüdlicher Fröhlichkeit Tekeleab das

Wort „verkaufen“ zu erklären: „Du hast das Wort

kaufen. Vor dem Wort gibt es nur einen einzigen

Parkplatz. Wenn du ver davor stellst, ist der

Parkplatz voll. Du kannst nicht ge-ver-kaufen

machen.“ Alle am Tisch lachen herzlich und Ryad

sagt begeistert: „Ah, so ist das.“

Bild: Sarah Fuchs


2/2018 GESELLSCHAFT

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Von Frauen für Frauen

2017 feierte der Verein „Frauen helfen Frauen e.V.“ in Stuttgart sein 40-jähriges Jubiläum. Im

vorangegangen Jahr haben in Stuttgart insgesamt 50 Frauen und 47 Kinder im Frauenhaus

Schutz vor häuslicher Gewalt gefunden. Ein Besuch.

VON LISA WARTH

Nicht nur in Hollywood, am

Arbeitsplatz oder in einem zwielichtigen

Club in der Stadt: Vor allem

viele Frauen und Kinder werden

zuhause Opfer von physischer,

psychischer oder sexualisierter Gewalt, ausgehend

von einem Familienmitglied oder einem

Menschen, der dem Opfer doch eigentlich sehr

nahe steht. Laut Bundesministerium für Familie,

Senioren, Frauen und Jugend erlebt jede vierte

Frau in ihrem Leben häusliche Gewalt – treffen

kann es jede, unabhängig von Kultur oder

Gesellschaftsschicht. Die meisten Opfer befinden

sich in einer Gewaltspirale, der Ausbruch

scheint unmöglich. Da ist das Versprechen des

Täters, dass es „nie wieder“ passieren wird,

schwindendes Selbstvertrauen und die Angst

vor den Folgen. Hier setzt die Arbeit von

Frauenhäusern an: Frauen, die sich in einer

scheinbar ausweglosen Krisensituation befinden,

werden unterstützt bei dem schweren Weg aus

der Gewalt und in ein neues Leben.

In Stuttgart hat sich der Verein „Frauen

helfen Frauen e.V.“ diesem Ziel verschrieben:

Seit 40 Jahren ist der Verein Träger des

autonomen Frauenhauses Stuttgart und betreibt

zwei Beratungsstellen, um den Opfern von

häuslicher Gewalt zu helfen. In Deutschland

gibt es insgesamt 350 Frauenhäuser. „In

Stuttgart haben wir Platz für 18 Frauen und

22 Kinder, das ist damit das

größte Frauenhaus Baden-Württembergs“,

so Anna Feistritzer, die als Sozialarbeiterin,

gemeinsam mit 10 Kolleginnen, Familien

während ihres Aufenthaltes im Frauenhaus

betreut. In den beiden Beratungsstellen

beschäftigt der Verein noch weitere

Mitarbeiterinnen. „Dennoch können nicht

alle Frauen, die sich an den Verein wenden, ins

Frauenhaus einziehen: In ganz Deutschland gibt

es zu wenig Frauenhaus-Plätze, um allen Frauen

und Kindern Schutz und Unterkunft zu bieten.“,

erklärt Anna Feistritzer.

„Frauen helfen Frauen“ bietet persönliche

oder telefonische Beratung. Seit 2016

gibt es die Möglichkeit einer anonymen

Online-Beratung, um den veränderten

Lebensbedingungen und neuen Bedürfnissen

gerecht zu werden. Bei der Beratung

wird darüber gesprochen, wie eine Frau den

Weg aus der Gewalt bewältigt, ob und wie

ein Einzug ins Frauenhaus möglich ist.

„Manchmal, bei einer akuten Bedrohungssituation,

muss alles ganz schnell gehen. Die Frau

zieht über Nacht zuhause aus und wird ins

Bild: Pexels.com / Kat Smith

Frauenhaus vermittelt. In anderen Fällen wird eine

Flucht mit unserer Unterstützung über Wochen

geplant, bis der richtige Zeitpunkt

da ist, um den ersten Schritt in ein neues

Leben zu gehen“, so Feistritzer. Oberste Regel ist

die Anonymität: Die Adresse des Frauen- hauses ist

geheim, da- mit die Frauen und Kinder

vom

Täter

nicht gefunden werden können. Viele Frauen

kommen gar nicht aus Stuttgart, sie sind

hergekommen, um ein neues Leben aufzubauen.

Wenn alles geklärt ist, wird ein Treffpunkt

vereinbart, an dem eine Mitarbeiterin die Frauen

zum Frauenhaus bringt. Die Bewohnerinnen

leben in einer Art Wohngemeinschaft: Jede hat

ihr eigenes Zimmer, Küche und Bad werden

geteilt, außerdem gibt es einen Gemeinschaftsraum.

Die Bewohnerinnen leben

selbstständig im Haus. In einer Hausversammlung

werden Fragen geklärt und bestimmte

Tätigkeiten untereinander aufgeteilt. 64 Prozent

der Frauen bleiben bis zu einem halben Jahr im

Frauenhaus, 36 Prozent länger. Die

Mitarbeiterinnen begleiten die Frauen durch

regelmäßige Beratungsgespräche auf dem Weg in

ein neues Leben. Die Frauen werden bei der

Verarbeitung des Erlebten ebenso unterstützt wie

bei Gerichtsverfahren und der Suche nach einem

neuen Job und einer Wohnung. „Wir begleiten

die Frauen auch zu wichtigen Terminen und

vermitteln Kontakte zum Beispiel zu Rechtsanwältinnen“,

erklärt Anna Feistritzer. Der Alltag

läuft so normal wie möglich ab: Die Kinder gehen

zur Schule oder zum Kindergarten, die Frauen,

wenn sie einen Job haben, zur Arbeit. Es werden

Ausflüge und ein gemeinsamer Urlaub

organisiert, um Ablenkung zu bieten. Die

meisten Frauen schaffen es, sich in dieser Zeit

ein eigenes neues Leben aufzubauen, aber

immerhin 20 Prozent gehen trotzdem

wieder zurück in das Gewaltumfeld.

Für den Verein ist die Aufklärung eine

weitere wichtige Aufgabe. Das Thema

häusliche Gewalt soll in den Fokus der

Öffentlichkeit gerückt werden, um die

Situation von Frauen, die häusliche Gewalt

erleben mussten, zu verbessern. So

finden jedes Jahr Veranstaltungen und Aktionen

statt, etwa Benefizkonzerte, Aktionen zum

Weltfrauentag, aber auch die regelmäßige

Zusammenarbeit mit Schulen und Universitäten,

um Kinder und Jugendliche

frühzeitig für das Thema zu sensibilisieren.

Ein großes Projekt für die Zukunft ist die

Suche nach einer neuen Immobilie. Da in

Zeiten der Digitalisierung die Geheimhaltung

der Adresse immer schwieriger wird, soll das

neue Haus durch eine 24 Stunden besetzte

Pforte geschützt sein. Dadurch soll die Last der

Geheimhaltung, die gerade für die Kinder sehr

schwer ist, vermindert werden. Ein immer

aktuelles Problem ist es, die Finanzierung zu

sichern, damit alle Frauen Schutz finden können.


30

GESELLSCHAFT

mediakompakt

Endstation Grab?

Die Totenruhe stören, um einen

menschlichen Körper nach dem

Exitus für Geld zu verkaufen –

das ist eine Praxis mit

historischen Wurzeln, die auch

heute noch ausgeübt wird. Ein

Beitrag über „Knochenjobs”

und unfreiwillige Spender.

VON LAURA DIEMAND

Bild: Pexels.com / Skitterphoto

Ein Gerichtsaal in New Jersey, 2008. Der

Angeklagte im khakifarbenen Hemd hat

soeben auf schuldig plädiert. Er kommt

für mindestens 18 Jahre ins Gefängnis.

Sein Verbrechen? Der frühere Zahnarzt

Michael Mastromarino handelte von 2001 bis

2005 mit Gewebe und Knochen toter Menschen –

ohne dass deren Verwandte zugestimmt hatten.

Versteckt hinter einer bürgerlichen Fassade, hatte

er über Jahre ein millionenschweres Unternehmen

aufgebaut, das sich auf ein Netzwerk

kooperierender Leichenhäuser stützte. Darunter

waren Körperteile von HIV-Infizierten und

Krebs-Toten.

2012 wurde in der Ukraine ein ähnlicher Fall

durch den inländischen Geheimdienst aufgedeckt.

In einem Auto fand man unzählige,

illegal entnommene Leichenteile. Zum Leidwesen

der Angehörigen, sie hatten nur eingewilligt, eine

Achillessehne oder die Hornhaut der Augen zu

spenden. Die damit im Zusammenhang stehende

Firma Tutogen Medical GmbH hat bis heute einen

Sitz in Deutschland. Das Geschäft mit menschlichem

Gewebe verspricht große Gewinne. Laut

dem Magazin „Stern“ betrug der Umsatz 2008

bereits mehr als eine Milliarde Dollar pro Jahr in

den USA. Dies verlockt dazu, auch unlautere Wege

zu gehen.

Diese spektakulären Einzelfälle sind Beispiele

für die wirtschaftliche Nutzung von Leichen. Es

Bild: Pixabay.com / kasperfeyring

gab Zeiten, in denen das Plündern von Toten

geradezu grassierte und noch weitaus

organisierter stattfand. Blicken wir dazu zurück

ins Europa im Zeitalter der Aufklärung.

Tiefe Nacht. Ein Friedhof in einem Städtchen

nahe London, 17. Jahrhundert. Ein schlichter

Holzsarg wird von zwei Männern langsam in die

vorbereitete Grube abgesenkt. Kleine Atemwölkchen

erheben sich vom dunklen Schleier der

stark schluchzenden Frau im mittleren Alter. Das

Grab wird gefüllt. Sie ist die einzige Trauernde am

Grab. Dunkelheit senkt sich über die Friedhofsmauern

auf die Siedlungen. Im Schein des

Mondes ein Rascheln. Dieselbe Frau, nun

ungleich flinker, huscht an Gräbern vorbei über

das Gelände. Gefolgt von zwei kräftigen Gestalten

bleibt sie am frischen Grab stehen, sofort wird d

beginnen die anderen mit höchster Geschwindigkeit

zu graben. Der Sarg kommt zum

Vorschein, wird mit einem dumpfen Knacken

aufgebrochen, ein schlaffer Körper in einen

Leinensack geschoben. Bepackt mit der Last wird

das Trio vom schwarzen Umriss des angrenzenden

Waldes verschluckt.

So oder ähnlich könnte sich ein Leichenraub

in England damals abgespielt haben. Der tote,

noch nicht zu stark verweste Körper eines

verstorbenen Menschen war zu der Zeit sehr

gefragt. Sowohl in den neuen Kolonien als auch in

Europa machte die Medizin und damit die

Chirurgie stetig Fortschritte. Die wachsende

Anzahl an Lehrinstitutionen war mit einem

Mangel an Kadavern fürs Sezieren konfrontiert.

Zu dieser Zeit stammten Körperspenden meist

von Mördern oder anderen Kriminellen. Den

„Sündern“ sollte so die letzte Ruhe verwehrt

werden. Freiwillige Spender unter der gläubigen

Bevölkerung waren selten. Gleichzeitig verwesten

die wenigen Körper viel zu schnell und wurden so

unbrauchbar für die Lehre. Es mangelte an

Mitteln für die Kühlung. Auch die Konservierungsmethoden

waren noch nicht weit genug

fortgeschritten, um den Verfall zu verlangsamen.

In diese makabre Marktlücke traten Leichendiebe,

im alten England auch „Resurrectionists”

oder „Bodysnatchers” genannt. Sie

stahlen Körper aus Friedhöfen und anonymen

Massengräbern der Armen, die sich keine

Bestattung leisten konnten. Die Lehrstühle der

Mediziner zahlten einen guten Preis. Teilweise

wurden Toten zuvor die Haare geschoren und die

Zähne entnommen, um diese an Perückenmacher

und Zahnärzte für Gebisse zu verkaufen.

Manche unglückliche Menschen fanden ihre

letzte Ruhe auf dem Seziertisch, noch bevor man

sie bestattet hatte. Die schottischen Serienmörder

Willliam Burke und William Hare etwa zählen zu

den berüchtigtsten Beispielen für Leichendiebe,

die vom Ausgraben zum Töten übergingen, um

sich die Körper zu verschaffen. Innerhalb des

Jahres 1828 verkauften sie ganze 16 Mordopfer an

einen Lehrenden der Anatomie, bevor man sie

fassen konnte und zum Tode verurteilte.

In der Öffentlichkeit schürten solche Vorfälle

vor allem die Angst unter den Armen. Es

entwickelten sich Methoden zur Abwehr der

Leichendiebe. Wer es sich leisten konnte und

besonders misstrauisch war, ließ in einen eisernen

Gitterkäfig über der Grabstätte des verstorbenen

Familienmitglieds installieren. Für weniger Geld

gab es die Möglichkeit, Wache zu stehen oder die

Körper vor der Bestattung planmäßig soweit

verwesen zu lassen, sodass sich der Diebstahl

nicht mehr lohnen würde.

Anfang des 19. Jahrhunderts schließlich

reagierte die Politik, es wurden Gesetze erlassen,

die es Familien erleichterten, die Körper ihrer

Verwandten der Wissenschaft zu überlassen.

Außerdem wurde es legal für Mediziner und

Lehrende der Anatomie, Leichen, die niemand zu

seiner Familie zugehörig erklärte, für das Sezieren

zu nutzen. Die Nachfrage nahm ab.

Leichendiebstähle wurden seltener. Durch den

laufenden Fortschritt in der Konservierung von

Körpern konnten in späteren Jahrzenten Subjekte

immer länger für die Lehre genutzt werden.

Wie jedoch die moderne Zeit zeigt, ist es nicht

vollständig zu Ende mit dem Handwerk der

Leichenfledderer. Ein Grab ist immer noch nicht

für alle die Endstation.


2/2018 GESELLSCHAFT

31

Youth Revolt

Die sechziger Jahre in London. Die Gesellschaft ist an Konformitäten gewöhnt, an perfekten

Glam-Rock von David Bowie und den Beatles. Die Hippie-Bewegung ist auf ihrem Zenit. Stellen

wir uns vor, man ist ein Teenager aus einer Familie der unteren Mittelschicht, will unbedingt

dazugehören, doch das Establishment verweigert einem all das. Diese Frustration war der

zündende Funke des Punks.

VON HANNAH DÜSER

Der Grundstein

in Form der ersten

Bands wurde

in New York gelegt

(The Sonics,

Patti Smith Group), erst in

London wurde Punk zu der

Bewegung, die wir heute

kennen. Der englische Begriff

Punk bedeutet wörtlich

„faulendes Holz“ und bezeichnete

bei Shakespeare Prostituierte

und Homosexuelle. Es

sollte das Unnütze ausdrücken,

das die Jugendlichen in sich

sahen. In der Musikszene erlangte

der Begriff an Bedeutung,

als der Gitarrist der Patti Smith

Group den amerikanischen

Garagen-Rock der 1960er damit

beschrieb.

In der britischen Musikszene

taucht der Begriff dank der

Journalistin Caroline Coon auf,

die die jungen englischen Rockbands

wie die Sex Pistols, The Clash

und The Damned so bezeichnete. Bands,

deren Musik vielen Teenagern aus der Seele

sprach. Denn diese hegten einen Groll gegen

Institutionen aller Art und das Klassensystem in

England. Pop und Rock waren gesellschaftlich

akzeptiert, es gab kaum Alternativen, mit denen

sich Jugendliche identifizieren konnten. Die

Antwort darauf: Von der Szene für die Szene.

Eigenkreation lautete die Devise. Aller

Konformismus wurde verachtet, Dilettantismus

wurde gefeiert. Qualität war nicht mehr gefragt,

sogar unerwünscht.

Unvollkommene, beinahe dreckige Ausführung

war die Essenz der Punk-Bewegung.

Rebellion hieß, sich abzugrenzen, deshalb wurde

das eigene Leiden und der Zustand der Welt zum

zentralen Inhalt des Gegenstatements. Kritik am

System musste nicht mehr konstruktiv sein, der

Ausschluss aus der Gesellschaft war Grund genug

sich zu äußern. Hässlichkeit war die Antwort auf

den elitären Lebensstil, inklusive exzessivem

Drogen- und Alkoholkonsum. Auf den Konzerten

wurde nicht friedlich mitgeklatscht, sondern

wütend Pogo getanzt, das Publikum verwandelte

sich in einen eingeschworenen Mob, der seinen

Cover des Albums „Never Mind the Bollocks, Here‘s the Sex Pistols“ (1977)

Frust gemeinsam loswerden wollte.

Punk-Bands, das Sprachrohr der Szene,

mussten sich bald einem Interessenkonflikt

stellen. Die Anti-Alles-Einstellung ließ sich

schlecht mit dem kommerziellen Interesse

vereinen, Musik zu verkaufen und Gewinn zu

machen. Der Erfolg machte es vor allem den Sex

Pistols unter ihrem Manager Malcolm McLaren

schwer. Dass sie zu Idolen wurden, war so gar

nicht mit dem Nonkonformismus des Punk zu

kombinieren. Ihre Songs „Anarchy In The UK“

und „God Save The Queen“ rückten Punk in den

Blick der Öffentlichkeit. Neue Punk-Bands

wurden gegründet (The Clash, Stiff Little Fingers).

In der zweiten Hälfte der 1970er entwickelten sich

erste Subgenres des Punks: Anarcho Punk (Cross,

Conflict), Streetpunk (Sham96, Blitz) und

Horrorpunk (Misfits).

Die Siebziger Jahre

Während in den 70er Jahren New Wave noch

ein Synonym für Punk Rock war, wurden daraus

später unterschiedliche Musikstile. Es war die

weniger radikale Alternative für Mitglieder der

Szene, die nicht nur brachiale Drei-

Akkorde-Songs hören wollten, die den

Weltschmerz beklagten. Punk Rock

wurde in Groß- britannien (Joy Division,

The Cure), in Amerika (Blondie, Suicide)

und hierzulande als „Neue Deutsche

Welle“ bekannt (Fehlfarben, Einstürzende

Neubauten). New Wave machte

Punk, zum Missfallen der Szene,

salonfähig. In den 90er Jahren begann

das einende Fundament gemeinsamen

Frusts Risse zu zeigen und

letztendlich fast zu zerbrechen. Der

Stil der Punk-Szene wurde zur

Jugendmode, die politischen

Forderungen und krassen Statements

wurden weniger, Bands wie

The Offspring wanderten vom

Untergrund in den Mainstream.

Aktive oder Ex-Punks fühlten sich

der Szene nicht mehr zugehörig

und suchten deshalb Zugehörigkeit

bei anderen Gruppen, wie

den Autonomen oder der Antifa.

Punk verkam zu einer Art

Dachmarke neuer Stile, denen die alte

Radikalität abhan- dengekommen war. Beispiele

dafür sind Grunge (Nirvana, Pearl Jam), aber auch

Stile aus der Surfer- und Skater-Szene (Green Day,

The Offspring). Heutzutage bezeichnet man

Musik ab Ende der 90er Jahere etwas umstritten als

Pop-Punk, darunter fallen neben blink182 auch

Green Day und Paramore.

Zeitloses Konzept der Unangepasstheit

Dieses Phänomen der Vermischung ist auch

heute immer noch aktuell in der Punk-Szene. Sie

gehören zum Straßenbild der europäischen

Großstädte und die Straßenpunks sind den

Wurzeln der Szene noch am nächsten. Doch das

jugendliche Unverstandensein und der Wunsch

sich abzugrenzen, finden sich mittlerweile bei so

vielen Subkulturen, dass eine Zusammenführung

der verschiedenen Lager beinahe unvermeidbar

ist. Den Kern des Punks findet man in jeder dieser

Subkulturen: das sagen zu dürfen, was

man sagen will.

„Punk Rock should mean freedom, liking and

accepting anything that you like. Playing

whatever you want. As sloppy as you want. As

long as it‘s good and it has passion.”

– Kurt Cobain


32

GESELLSCHAFT

mediakompakt

Abflug von

der Erde!

Der Weltraum fasziniert Menschen seit Jahrhunderten. Im

Laufe der Geschichte haben wir vieles darüber gelernt und

sogar das einst undenkbare geschafft: Wir haben Menschen

auf den Mond gebracht. Jetzt, fast 50 Jahre später, denken

einige an eine Rückkehr und wollen sogar noch viel weiter

hinaus: zum Mars!

VON ANA KARLOVCE

Bild: Stuttgarter Nachrichten

Trotz aller Entdeckungen und Leistungen

in der Raumfahrt der vergangenen

Jahrzehnte, gibt es Unzähliges, das wir

nicht verstehen und uns weiter vor Rätsel

stellt. Wie die zentrale Frage „Gibt es

neben uns noch weiteres Leben im All?“. Bei

dieser Fragestellung ist in den vergangenen Jahren

vor allem eines in den Schwerpunkt gerückt: die

intensivere Erforschung des Mars. Als erdnächster

Planet ist er ein bevorzugtes Forschungsziel,

allerdings ist der Himmelskörper aus mehreren

Aspekten für die Frage nach außerirdischem

Leben wichtig geworden: Zum einen ist Forschern

seit einiger Zeit bekannt, dass es auf dem Mars

früher eine große Menge an flüssigem Wasser

gegeben haben muss, da die Struktur seiner

Oberfläche auf ehemalige Seen, Flüsse und

Gletscher schließen lässt. Zum anderen haben

neuere Erkenntnisse durch den Mars Rover

„Curiosity“ der amerikanische Raumfahrtbehörde

NASA (National Aeronautics and Space

Administration) zu der Annahme beigetragen,

dass es dort wahrscheinlich noch immer Wasser

gibt. Das würde bedeuten, es hat dort möglicherweise

Lebensformen gegeben oder es gibt sie

noch. Ein weiterer Grund ist, dass wir vom Mars

viel über die Entstehung und Entwicklung von

erdähnlichen Planeten lernen können, was ein

besseres Verständnis über die Erde liefern kann.

Die weltweiten Raumfahrtagenturen operieren

momentan mit mehreren Marsmissionen auf der

Suche nach aktuellem oder vergangenem Leben,

wie beispielsweise die bereits genannte Mission

„Curiosity“ der NASA, sowie das Raumsondenprojekt

ExoMars, an dem die europäische ESA

(European Space Agency) gemeinsam mit der

russischen Raumfahrtagentur Roskosmos arbeitet.

Doch das soll nicht alles bleiben! Es bestehen

seit langem Überlegungen, Astronauten zum Mars

zu schicken, doch nun gibt es konkrete Pläne für

bemannte Flüge. Die ersten bemannten Missio-

nen sind in den 2030-er Jahren geplant, sowohl

von Seiten der USA, wie auch von Europa in

Kooperation mit Russland. Auf der offiziellen

Webseite der NASA gibt diese in einer „Journey to

Mars Overview“ einen Einblick über die geplanten

Schritte. Sie bestehen zunächst aus verschiedenen

Tests hier auf der Erde, um notwendige Systeme

und Vorgehensweisen zu entwickeln. Die entwickelten

Systeme sollen dann in Mondnähe

getestet werden. In der letzten Phase werden

Vorbereitungen für die Landung getroffen, um

das Eintreffen und Überleben der Astronauten auf

dem Mars zu gewährleisten. Die ESA hat ebenfalls

als Langzeitziel eine bemannte Mission zu Mars.

Allerdings plant die europäische Raumfahrtagentur

zunächst eine Rückkehr zum Mond. Und

zwar in einem globalen Projekt namens „Moon

Village“. Die Vision stammt von dem Generaldirektor

der ESA, Jan Wörner. Die Idee dahinter

ist, die weltweiten Weltraumnationen in einem

Projekt zu vereinen und von deren verschieden


2/2018 GESELLSCHAFT

33

Fähigkeiten zu profitieren, sei es im Bereich der

Robotik oder in Form von Astronauten. Ein

Projekt auf dem Erdtrabanten würde ganz neue

Perspektiven und Herausforderungen schaffen.

Menschen würden gemeinsam auf dem Mond

leben und arbeiten. Die Bewohner dieser permanenten

Basis könnten in verschiedenen Feldern

tätig werden, nicht nur in der Wissen- schaft und

Grundlagenforschung, sondern auch in kommerziellen

Aspekten wie Rohstoffge- winnung oder

gar Tourismus. Vorteile dafür sieht Jan Wörner auf

jeden Fall: Wenn wir in der Lage sind, dass

Menschen auf dem Mond überleben können, sind

wir auf dem besten Weg, das auch auf dem Mars

umsetzen zu können. Somit wäre er der ideale

„Trainingsplatz“. Des Weiteren wissen wir bei

Weitem noch nicht alles über den Mond. Sollte

dieses Projekt in den nächsten Jahren umgesetzt

werden, hätten wir zudem noch einen weiteren

Nutzen: Ein sogenanntes „Deep Space Gate“ –

einen Startpunkt vom Mond aus, um noch weiter

ins All vorzudringen als jemals zuvor! Lässt man

diesen Gedanken einmal Revue passieren, klingt

das nahezu unglaublich und viel mehr nach

einem Science-Fiction-Roman, als der Realität.

Aber nicht nur die Raumfahrtagenturen der

einzelnen Nationen haben den Mars ins Visier

genommen. Auch private Unternehmen haben es

sich zum Ziel gemacht, den Menschen auf den

Mars zu bringen und planen sogar das ehrgeizige

Vorhaben, den Mars zu kolonialisieren. Beispielsweise

das von Elon Musk, dem Chef des Elektro-

Automobilherstellers Tesla, gegründete Raumfahrtunternehmen

SpaceX. Er hat sich zum Ziel

gemacht, Technologien zu entwickeln, die es

ermöglichen sollen, Raketen wie Flugzeuge wiederzuverwenden.

Seiner Aussage nach würden

damit die Kosten von Raketenmissionen um ein

Vielfaches sinken und die Möglichkeit eröffnen,

auch privaten Personen die Gelegenheit auf einen

Flug in den Weltraum zu bieten. Sein Konzept ist,

einen konstanten Transfer von der Erde zu etwa

dem Mars und wieder zurück zu ermöglichen. Der

Clou an dieser Geschichte? Es funktioniert! Zwar

noch nicht zum Mars, aber immerhin in den

Orbit. SpaceX arbeitet seit einiger Zeit eng mit der

US-Regierung zusammen und hat erst kürzlich

Satelliten erfolgreich in die Erdumlaufbahn gebracht.

Seinen Plan, den Mars zu besiedeln, hat

Musk detailliert auf dem diesjährigen Internationalen

Astronauten-Kongress im australischen

Adelaide präsentiert und lässt sich unter den

Namen „Making Life Multiplanetary“ als Video

auf YouTube verfolgen. Klar ist jedoch, dass

SpaceX das konkrete Ziel verfolgt, im Jahr 2022

den ersten unbemannten Flug zum Mars zu

starten, zwei Jahre später sollen die ersten

Menschen folgen.

Missionsplan war es, eine Crew von 40

Freiwilligen zu finden, die über ein Online-

Auswahlverfahren ausgewählt werden sollten, um

dann anschließend über mehrere Jahre hinweg

ein besonderes Mars-Trainingsprogramm zu

absolvieren. Einen Medienhype hat dieses

Vorhaben nicht nur wegen des Ansatzes bereits im

Jahr 2022 zum Mars zu starten ausgelöst, sondern

2024 sollen die

ersten Menschen

auf den Mars

reisen!

vor allem wegen der Tatsache, dass die Freiwilligen

keine Möglichkeit mehr haben würden,

auf die Erde zurück zu kehren. Mars One ist also

im wahrsten Sinne ein One-Way-Ticket zum Mars!

Klingt abgespaced? Ist es auch! Vor allem aber

unmoralisch und gefährlich, wie Experten wie

Professor Dr. Tilman Spohn, ehemaliger Leiter des

Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt

betonen: „Ein solches Unternehmen kann man

im Grunde mit unserer jetzigen Technik nicht

verantworten. Wer behauptet, Menschen unbeschadet

auf den Mars bringen und dort auch auf

Dauer dafür sorgen zu können, dass sie überleben,

der irrt.“. Allein der Flug zum Mars dauert

mindestens sechs Monate und ist nur dann

möglich, wenn Mars und Erde in einer idealen

Konstellation zueinanderstehen. Eine Rückreise

wäre ebenfalls von dieser Konstellation abhängig,

allerdings erst wieder 16 Monate später. Das

bedeutet, die Astronauten wären etwas mehr als

zwei Jahre im All. Die längste bisher durchgeführte

Weltraummission liegt bei sechs Monaten!

Davon abgesehen, dass man bei einer so

langen Reise, nicht einfach wieder umkehren

kann, wenn Probleme oder Notfälle auftreten

sollten, sind vor allem die langzeitlichen Folgen

eines so langen Aufenthalts im Weltraum noch

nicht absehbar. Ganz zu schweigen von der

Tatsache, dass die Wahrscheinlichkeit auf dem

Mars über längere Zeit zu überleben, im Moment

zwar rein theoretisch möglich, aber praktisch

noch nicht bewiesen ist.

Das Unterfangen Mars One ist also alles andere

als unumstritten. Die Frage ist auch, ob es

tatsächlich umgesetzt wird. Der Startzeitpunkt des

Starts zum Mars wurde vor einiger Zeit nun auf das

Jahr 2032 verschoben — ob es überhaupt dazu

kommt, bleibt abzuwarten. Alles in allem lässt

sich sagen, dass viele Szenarien, die wir bisher nur

aus Romanen oder Filme kannten, in eine

vielleicht nähere Zukunft gerückt wurden, als wir

bisher geglaubt haben. Wer weiß, vielleicht

machen wir in 30 Jahren doch einen Abflug als

Tourist auf den Mond … oder den Mars.

Noch einen Schritt weiter geht eine private

Stiftung aus den Niederlanden unter dem Namen

Mars One. Diese hat sich, unter der Leitung des

Unternehmers Bas Lansdorp, dem Gründer der

Stiftung, zum Ziel gemacht, im Jahr 2022 erstmals

Menschen auf den Mars laden zu lassen und eine

auf Dauer bewohnbare Siedlung zu bauen. Um das

Projekt finanzieren zu können, sollte es als

Live-Reality-TV-Show übertragen werden.

Bild: Stuttgarter Nachrichten


34

GESELLSCHAFT

mediakompakt

Bild: Anna Donnerstag

Komm mit mir ins Wunderland ...

Die Tür öffnete sich — und

dahinter fand sie eine Welt

voller Fantasie!

Eine andere Welt erwartete

sie, umschloss sie mit ihren

Armen und lud sie ein, völlig

in sie zu versinken…

VON ANNA DONNERSTAG

Wer kennt dieses Gefühl nicht, man

hat ein Buch gelesen und kehrt aus

einer ganz anderen Welt in die

Wirklichkeit zurück — nicht selten

mit Melancholie und Wehmut im

Gefühl. Wer war nicht traurig, als der siebte

Harry-Potter-Teil fertig gelesen war, man

Hogwarts für immer verlassen und in die Realität

zurück kehren musste? Oder als Frodo und seine

Truppe den Ring endgültig vernichtet hatten und

endlich in Frieden leben konnten? Man verlässt

Helden, die zu Freunden geworden sind und mit

denen man gekämpft und gelebt hat.

Verständlich, dass man um sie trauert.

Es gibt für jedes Interesse und jede Vorliebe ein

Buch. Sei es die nervenzerreißende Jagd eines

Serienkillers, die Erkundung des fantasievollen

Auenlands oder einem Ausflug in die ungewisse

Zukunft. Nichts ist unmöglich. Viele Leser

entfliehen so dem Alltag. In der anderen Welt

erwarten einen neue Freunde, ein ganzes Leben

wird in nur wenigen Stunden durchschritten. Der

Genuss des Lesens wird manchmal sogar zur Qual,

wenn man dem Täter dicht auf der Spur ist und

ihn fast gefasst hat. Ein Leiden, wenn die

Lieblingsfigur Liebeskummer leidet. Ein fast

physischer Schmerz, wenn einer der Charaktere

stirbt (wir erinnern uns an den armen kleinen

Dobby, bei dem sich wohl fast jeder die Tränen

verkneifen musste). Und doch lesen wir immer

weiter, bauen Beziehungen auf und sind traurig,

wenn ein Abenteuer zu Ende geht. Weil wir

entführt werden wollen, weil Welten und Bilder

im Kopfkino entstehen. Wie fesselnd eine

Geschichte sein kann, zeigt das Beispiel Harry

Potter. Bei der Veröffentlichung des siebten und

Dobby, bei dem sich wohl fast jeder die Tränen

verkneifen musste). Und doch lesen wir immer

weiter, bauen Beziehungen auf und sind traurig,

wenn ein Abenteuer zu Ende geht. Weil wir

entführt werden wollen, weil Welten und Bilder

im Kopfkino entstehen. Wie fesselnd eine letzten

Bandes campierten ganz besonders über- zeugte

Anhänger mehr als 24 Stunden vor

Buchhandlungen, um ja eines der begehrten

Exemplare zu ergattern. Doch im Alltag bleibt den

meisten Menschen wenig Zeit, Bücher zu lesen.

Gerade einmal 12 Millionen Menschen in

Deutschland gaben in einer Umfrage zum

Leserverhalten an, mehrmals die Woche zum

Buch zu greifen. Im täglichen Alltagsstress findet

sich offenbar dafür wenig Zeit. Im Urlaub

hingegen fliehen viele Menschen vor der

ständigen Erreichbarkeit durch Handys oder

Tablets und nehmen sich Zeit fürs Lesen. Das

Lese-Interesse wandelt sich im Laufe der Zeit.

Joanne K. Rowlings Bestseller sind beliebter als

Goethes „Faust“. Warum das so ist? Die Vorlieben,

die Sprache, auch die Grammatik passen sich dem

jeweiligen Zeitalter an. Vermutlich fühlen wir uns

deshalb beim Lesen von „Vom Winde verweht“,

als würden wir an der Seite von Scarlett O’Hara im

Amerika des 18. Jahrhunderts kämpfen. Eine aus

heutiger Sicht ungewöhnliche Sprache

katapultiert uns zurück in die jeweilige Epoche

und bringt uns – nach einer kurzen

Gewöhnungszeit – den Charakteren näher denn

je. Ob in der Zukunft wohl auch Bücher in der

heutigen Jugendsprache verfasst werden? Hallo, I

bims, dein Vater vong Geburt her. Auf diese

sprachliche Fehlleistung können wir getrost

verzichten. Obwohl es Alternativen (etwa das

E-Book) gibt, haben gedruckte Bücher noch

immer einen hohen Stellenwert in der

Gesellschaft. Auch digitale Angebote

überschwemmen den Markt, doch in keinem

anderen Medienbereich ist so viel Raum für

Fantasie und Gedankenspiele. Während des

Lesens entstehen Welten und -figuren, die in Film

oder im Fernsehen nie so schillernd dargestellt

werden können. Enttäuscht sind wir, wenn

Figuren in einer Literaturverfilmung nicht so

aussehen, wie wir sie uns vorgestellt haben. Da

bleiben wir doch lieber beim Buch, erfinden uns

die Welt und Charaktere selbst und lassen alles so

aussehen, wie es uns am besten gefällt. Während

des Lesen entflieht man seinen Problemen

zuhause, sie scheinen zu verblassen, wirken nicht

mehr so schlimm wie in der Realität.

Die Charaktere werden zur Ersatz-Familie und

geben Ratschläge für das eigene Leben. Man hat

plötzlich das Gefühl, als wüsste das Buch genau,

was es einem sagen muss. Man lernt so viel. Güte,

Vergebung, Freundschaft, Wertschätzung und

Liebe.

Also, kommen Sie mit in ein neues Land und

lassen Sie uns gemeinsam Abenteuer erleben.


1/2018 GESELLSCHAFT

35

Einmal Start-up und zurück

Sein Start-Up schafft es bis

nach Indonesien, dennoch

kein Durchbruch!

Manuel Schulze berichtet

über das Scheitern seines

Start-Ups „hoomn“

Manuel Schulze führt durch die

Stuttgarter Büros, in denen alles

begann. „Diesen Raum haben wir

an ein neues Start-Up vermietet“,

sagt er. Manuel Schulze, ein großer,

schlanker Typ, Ende 20, beginnt zu erzählen.

„Drei Jahre Herzblut haben wir reingesteckt. Sehr

schade, dass alles vorbei ist“. Er erinnert sich an

den Tag an dem sein Vater Tobias Schulze,

Inhaber der IT-Consultant Incedo AG, ihm von

seiner Idee erzählte. Auf der Suche nach anderen

Menschen mit gleichem Interesse, kam ihm der

Gedanke, sein Anliegen in einer standortgebundenen

App zu posten. Andere Leute im

Umkreis sollten so die Möglichkeit haben, sich

mit ihm in Verbindung zu setzen. In seiner

Freizeit fing der erfahrene Softwareentwickler an,

einen ersten Prototyp zu entwickeln. Abgeleitet

von „Human“, also Mensch, kam die Marke

„hoomn“ zustande. Manuel Schulze hatte 2015

seinen Master in Volkswirtschaftslehre absolviert.

2014, zum Zeitpunkt der Gründung war er für

Rocket Internet in Manila tätig. „hoomn funktioniert

wie ein Schwarzes Brett, egal worum es

geht: Job, Wohnung, Auto, Beziehung oder die

nächste Party. Mit hoomn erreichst du Menschen

in deiner Nähe“ – so lautete der Werbespruch.

Ohne Registrierung konnten User Kleinanzeigen,

Foren, Stellenausschreibungen sowie soziale

Kontakte in der App finden. In Indonesien erzielte

die App in kurzer Zeit eine Downloadzahl im

fünfstelligen Bereich.

Expansion nach Indonesien und dann der Relaunch

Bald fanden sich Investoren, welche die

Gründung der „Find Local GmbH“ mit Sitz in

Jakarta ermöglichten. Parallel dazu eröffnete ein

Büro in Berlin. Von dort aus wurde die nächste

Finanzierungsrunde vorbereitet sowie ein

Relaunch der App unter dem Namen „Saya“

umgesetzt. Denn der Name hoomn stellte sich

wegen der schwierigen Aussprache als Nachteil

heraus. In Indonesien wurde die App zur

Kommunikationsförderung für die Menschen

eingesetzt. In Deutschland richtete sich das

Augenmerk auf die Steigerung von Kooperationen

mit Dienstleistern, etwa mit einfachen Verlinkungen

auf die Partner bis hin zu direkten

Transaktionsabschlüssen über „Saya“. Die

Download-Zahlen im deutschsprachigen Raum

waren trotz allen Bemühungen zu niedrig. Unter

Schulzes Leitung wollte man sich voll und ganz

auf Indonesien konzentrieren. Obwohl die

Gründer rund 500.000 Nachrichten pro Tag und

50.000 Nutzer vorweisen konnten, reichte dies

nicht, neue Investoren anzulocken, die App

wurde eingestellt. „Das Produkt war nicht

attraktiv genug, um ein organisches Wachstum zu

erreichen“, sagt Schulze heute.

Eingehende Nutzeranalyse als Schlüssel zum Erfolg

Eine gute Idee für ein Produkt reicht heute

nicht mehr, um erfolgreich zu werden. Schulze

empfiehlt, sich im ersten Schritt intensiv mit den

Kunden auseinanderzusetzen. Dabei solle man

sich auf die Bedürfnisse konzentrieren und genau

analysieren, auf welche Probleme Kunden im

Alltag stoßen. Danach müsse sich ein Start-Up

intensiv mit einer praktikablen Lösung des

Problems auseinandersetzen. Ein Musterbeispiel

dafür ist MyTaxi. In Sekundenschnelle kann man

mit der App das nächstgelegene Taxi ordern und

bezahlen. Die Gründer Niclaus Mewes und Sven

Külper revolution- ierten damit vor sechs Jahren

den Markt. Das Start-Up arbeite- te in der Entwicklung

eng mit Taxifahrern

zusammen. Jeder erhielt

zwei Woch- en lang ein

Smart- phone mit der

insta- llierten App, im

Austausch mit den

Passagieren konnte die

App entwickelt werden,

die inzwi- schen über 10

Millionen Downloads

verzeichnet, 100.000

Taxis einbindet und in

mehr als 50 Städten

verfügbar ist.

„Ein neues Produkt

macht nur Sinn, wenn es

ein Bedürfnis wesentlich

besser löst als existierende

und größeren

Mehrwert bietet“, sagt

Schulze. Sein Start-Up war mit einem fertigen

Prototyp gestartet. Die Zielgruppe wurde viel zu

spät genauer analysiert, sagt er heute selbstkritisch.

Passend dazu zitiert er Albert Einstein:

„Wenn ich eine Stunde Zeit hätte, die Welt zu

retten, würde ich 55 Minuten auf die

Beschreibung des Problems verwenden und 5

Minuten auf die Lösung“.

Design Thinking, der Schlüssel zum Erfolg?

Schulze vermutet, dass er mithilfe von Design

Thinking die komplexe Problemphase besser

bewältigt hätte. Design Thinking ist ein kreativer

Prozess zur Ideenfindung, aus dem Innovationen

entstehen. Im Zentrum stehen Nutzerbedürfnisse

sowie die nutzerorientierte Ideengenerierung.

Wurde eine Lösung gefunden, wird sie in Form

eines Prototyps umgesetzt. „Bei der nächsten

Start-Up Idee würde ich den Fokus auf den

Kunden, sein Bedürfnis und das Problem richten.“

Heute arbeitet Manuel für die Incedo AG. Die

gewonnenen Erkenntnisse werden für neue

Kunden genutzt. Sie entwickeln Softwarelösungen

und wenden dabei Methoden wie

Design Thinking und Scrum an.


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