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Flüchtlingsschicksale - Wie acht afghanische Jungen in Düsseldorf ein neues Leben beginnen wollten

Existenzminimums finanzieren. Abgelehnt. Er verstehe das nicht, sagt Ashraf, als er die sperrige Sprache der Behörde mithilfe eines Übersetzers durchdrungen hat. Im November 2017 wissen alle Bescheid. Für Abdullah und Jamil gilt ein einjähriges Abschiebungsverbot: Müssten sie sofort nach Afghanistan zurückkehren, würden sie es seelisch voraussichtlich nicht verkraften. Masoom erhält subsidiären Schutz, weil ihm in Afghanistan Folter oder Tod drohen; er kann ebenfalls noch mindestens ein Jahr bleiben. Auch Ashraf und Karim sind trotz der abgelehnten Anträge erst einmal safe, wie Nicole Cramer sagt. Bis auf Masoom erlernen nun alle einen Beruf. Die Ausbildungsduldung gilt für drei Jahre, und sollten die Flüchtlinge danach einen Arbeitsplatz finden, verlängert sich ihr Bleiberecht. Cramer und ihre Kollegen hatten in Autohäusern oder Einzelhandelsgeschäften nach Lehrstellen gefragt, die Jungen mussten sich bewerben, auch Absagen hinnehmen. Doch nun formt Karim morgens ab viertel vor vier Brot in einer Bäckerei. Ashraf und Abdullah werden begleitend zur Schule als Metalltechniker ausgebildet, Jamil wird Sozialassistent. Als nach den ersten Bescheiden manche Betreuer aufgeregt vorgeschlagen hatten, man müsse die Teenager adoptieren, hatte Cramer zur Ruhe gemahnt: Da seien keine Einzelfalllösungen gefragt. "Wir Deutschen nehmen junge Flüchtlinge auf und unterstützen sie mit riesigem Aufwand", findet sie. "Wir drängen sie, sich zu integrieren, und schüren allein dadurch Hoffnung. Ihre Zukunft geht uns auch dann noch etwas an, wenn sie volljährig sind." Kontakt zum Rechtsanwalt, Termin bei der Flüchtlingsberatung, Termin bei der Jobbörse - und nur nicht verrückt werden an den wechselnden Schlagzeilen aus Berlin, hatte sie den Kollegen eingeschärft. In diesen Wochen scheitern die Sondierungsverhandlungen von Union, Grünen und FDP unter anderem an der Frage, ob Flüchtlinge ihre Familien nachholen dürfen. Wieder sorgen sich manche Betreuer um die Nöte der Teenager, aber die Jungen scheint das Thema nicht zu interessieren. Es wirke, sagt Nicole Cramer, als hätten ihre Familien sie eher für die Rolle des fernen Versorgers vorgesehen. Dass sie sich nun mit einem Teil des Geldes, das sie verdienen, an den Kosten ihres Lebens beteiligen müssen, hat die meisten erschreckt. http://www.spiegel.de/spiegel/fluechtlinge-in-duesseldorf-wol…e-afghanen-ein-neues-leben-beginnen-a-1195395-druck.html 28.02.18, 11C03 Seite 10 von 12

Abschied. An der hölzernen Wohnzimmerlampe im braunen Haus hängen Luftschlangen. Einer der Jungen trägt ein Nikolauskostüm, im Arm hält er Päckchen mit bunten Schleifen. "Unser Dorf Düsseldorf" steht auf dem Kapuzenpulli, den Jörg Haas aus dem Papier wickelt. Anders als zum Willkommensfest klingelt an diesem Dezembertag kaum ein Nachbar. Aber eine Frau, die häufig Lebensmittel vorbeigebracht hat, wünscht den Jungen Glück. Die Deutschen müssten besser verstehen, dass Fremde sie auch bereichern, meint sie. Andere Anwohner hatten sich geärgert: der Lärm, der unordentliche Garten, der Müll. Er habe sich vieles einfacher vorgestellt, sagt Haas. "Doch den Versuch würde ich wieder unternehmen. Jeder Beitrag lohnt." Integration, davon ist er nun überzeugt, gelinge nur, wenn alle Beteiligten die gleichen Ziele verfolgten und alle Mühe ineinandergreife - und wenn man das, was man von den Flüchtlingen erwarte, auch selbst leisten wolle und könne. Er habe die Betreuer zum Beispiel gebeten, die Jungs im Sinne einer guten Nachbarschaft zu besserer Ordnung anzuhalten. Der Vorgarten jedoch sei den Pädagogen letztlich auch nicht so wichtig gewesen. "Es ist eine andere Wahrnehmung, völlig okay", sagt Haas. "Aber wie sollen Flüchtlinge dann die Spielregeln ihrer Umgebung lernen?" In fünf Tagen werden sie ausziehen. Der Hilfsorganisation gehört mittlerweile ein eigenes Haus, der Klinkerbau steht wieder in der Mitte der Gesellschaft in einem Wohngebiet mit Eigenheimen. Jamil jubelt, er wird wie Ashraf und Abdullah mit einem anderen Flüchtling eine Wohnung teilen. Karim lebt bereits allein. Masoom wechselt in das neue Haus. Er fühlt sich abgehängt, aber die Betreuer meinen, dass ein fest eingebundener Alltag für ihn weiterhin das Beste ist. Nach wie vor stehen alle unter dem Schutz der Jugendhilfe. Das Sozialgesetzbuch erlaubt es, auch junge Volljährige zu unterstützen. Vor allem ein Grund rechtfertigt diesen Beistand: Endet die engmaschige Hilfe zu früh, sind alle bisherigen Erfolge gefährdet. "Wir hatten Glück", findet Herr Sameeian. "Kein Polizeiaufgebot, keine Gewaltübergriffe, kein Fanatismus." Einige Male war auch ihm in den vergangenen zwei Jahren bang geworden. Wer die Jungs wirklich seien, werde er nie beurteilen können, hat er in solchen Momenten gegrübelt. http://www.spiegel.de/spiegel/fluechtlinge-in-duesseldorf-wol…e-afghanen-ein-neues-leben-beginnen-a-1195395-druck.html 28.02.18, 11C03 Seite 11 von 12

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