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Flüchtlingsschicksale - Wie acht afghanische Jungen in Düsseldorf ein neues Leben beginnen wollten

Aber sie haben genauso

Aber sie haben genauso von den Flugzeugen gehört, mit denen die Bundesregierung erstmals nach längerer Pause wieder Flüchtlinge nach Afghanistan abgeschoben hat. Und sie wissen nun, dass entwurzelte junge, muslimische Männer in Deutschland wachsenden Argwohn auf sich ziehen. Terroristen wie der vom Berliner Weihnachtsmarkt seien schreckliche Menschen, sagt Abdullah in dieser Zeit oft. "Ich habe Angst, dass die Leute im Bundesamt jetzt anders auf uns gucken." Mit acht Jahren, so wird er den Anhörern erzählen, sei er mit der Familie nach Iran geflohen. Vorher hätten die Taliban den Vater gedrängt, den Bruder für den Kampf freizugeben. Dann sei der Bruder verschwunden, verschleppt, getötet wahrscheinlich. Er, Abdullah, fürchte in Afghanistan ein ähnliches Schicksal. In Iran habe ihn eine Familie bedroht, in deren Tochter er sich verliebt habe. Einmal habe er die Freundin in ihrem Elternhaus umarmt. Die Brüder hätten sie daraufhin umgebracht. Er gehöre zum Volk der Hazara, das von den Taliban verfolgt werde, wird Ashraf sagen. Er habe Afghanistan als Dreijähriger verlassen, er kenne niemanden dort, der ihm zu einem sicheren Leben verhelfen könne. Sein Vater sei damals bei einem Familienstreit fast ermordet worden. Treffen die Freunde die früheren Mitbewohner, fotografieren sie einander in den Posen typischer Teenager, als ob allein die Gegenwart zählte: Kappe, Sonnenbrille, Kapuzenjacke, Daumen rauf. Sie alle suchen Strategien für diese Zeit des Wartens. Jamil schlendert durch Modegeschäfte. Karim erledigt den Haushalt noch ordentlicher als vorher. Ashraf hat das Seepferdchen-Abzeichen geschafft. Masoom zieht sich weiter zurück. Ihn quält nun auch der Wettstreit, den manche Flüchtlinge in den Anhörungen austragen. Selbst solche, die in Privatautos bis an die österreichische Grenze gebracht worden seien, überböten einander mit ihren Leidensgeschichten, um bleiben zu dürfen, mutmaßt Masoom. Man könne das Leben nicht auf Lügen errichten, mahnen die Pädagogen. Ashraf hat den Leitfaden vom Fensterbrett sorgfältig studiert. Er sei wirklich dankbar für die Hilfe von allen Seiten, sagt er. Aber er fragt sich auch, warum dieses Land so viel Aufwand mit Jungen wie ihm treibt - und sich doch so schwer damit tut, sie hierzubehalten. Ende Januar kehrt Karim von der Anhörung zurück, er bringt ein übersetztes Protokoll mit. "Sie haben nun Gelegenheit, alle Ereignisse zu schildern, die nach Ihrer Auffassung eine Verfolgungsfurcht begründen", hatte ihn die ältere Dame ermuntert. http://www.spiegel.de/spiegel/fluechtlinge-in-duesseldorf-wol…e-afghanen-ein-neues-leben-beginnen-a-1195395-druck.html 28.02.18, 11C03 Seite 8 von 12

Die Taliban hätten in der Schule alle Kinder zum Kampf aufgefordert, hatte Karim geantwortet. Seine Familie gelte bei ihnen als ungläubig, weil sie für den Staat bei der Polizei arbeite. "Dem älteren Bruder haben sie einen Beinschuss zugefügt, der zweite Bruder hat das Land verlassen." Um wenigstens ihn, Karim, zu schützen, habe der Vater ihn nach Europa geschickt. "Hätten Sie nicht bei der Polizei oder bei Gericht Schutz finden können?" "Die Regierung ist sehr schwach. Die können sich selbst nicht beschützen." "Was befürchten Sie für sich persönlich?" "In meiner Provinz muss ich mit den Taliban zusammen zum Dschihad gehen. Dann werde ich von der Regierung umgebracht. Wenn ich nicht zum Dschihad gehe, werde ich von den Taliban umgebracht." Er wolle in Sicherheit leben, hatte Karim gesagt. Einen Schulabschluss machen. "Ich möchte gern eine Zukunft haben." In der letzten Februarwoche 2017 kommt der Tag, an dem der Vormund Karim das Ergebnis mitteilt. Auch die Pädagogen ertragen die Anspannung dieser Wochen immer schlechter; sitzen sie zusammen, fließen manchmal Tränen. Welchen Sinn ihr Job noch mache, fragen sie nun. Trotz aller Schwierigkeiten haben sie sich an diese Jungs gebunden, anders könnten sie ihre Arbeit nicht erledigen. Sie gäben alles, damit die Teenager sich gut entwickeln, meinen sie - und am Ende entschieden fremde Behördenmenschen über deren Zukunft. Als der Vormund sich verabschiedet hat, verbringt Karim den Rest des Tages in seinem Zimmer. Die Pädagogen fragen ihn, ob er sich aussprechen wolle, doch der Junge schüttelt den Kopf. 15 Seiten. "Der Antragsteller wird aufgefordert, die Bundesrepublik innerhalb von 30 Tagen nach Bekanntgabe dieser Entscheidung zu verlassen", steht auf dem ersten Blatt. Die Wahrscheinlichkeit, in Afghanistan ein Opfer zu werden, liege bei 0,074 Prozent, heißt es auf Seite 3. Zwei Monate später erhält auch Ashraf den Brief vom Bundesamt. Zwar würden Hazara in Afghanistan bis zu einem gewissen Grad diskriminiert, Entführungen und Morde allerdings seien lokal begrenzte Einzelfälle. Dem Antragsteller sei zuzumuten, sich in sicheren Landesteilen niederzulassen. Da er in einem gesunden, arbeitsfähigen Alter sei, könne er dort auch ohne familiäres Netz und ohne eine abgeschlossene Ausbildung ein Leben am Rand des http://www.spiegel.de/spiegel/fluechtlinge-in-duesseldorf-wol…e-afghanen-ein-neues-leben-beginnen-a-1195395-druck.html 28.02.18, 11C03 Seite 9 von 12

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