Aufrufe
vor 10 Monaten

E_1928_Zeitung_Nr.009

E_1928_Zeitung_Nr.009

Aasgabe: Deutsche Schweiz. BFRn.riensiso, 31. Januar 1928. Nummer 20 Cts." 21. Jahrgang. — N° 9 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrs-Interessen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag ' Monatlich „Gelbe liste" HalbJIhrllen Fr. 6.—, jährlich Fr. 10.—. Im Aasland unter Portozuschlag, sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung im ADMINISTRATION: Breitenrainstrasse 97, Bern In- und Ausland 30 Rappen. Postcheck-Rechnuna 111/414 Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern 17l«»tf«»a»c»araraHl»us und Eisenbahn. Was Amerika unternimmt, das geht ins Grosse! Wer etwas erreichen, ganze Erfolge buchen will, der darf nicht im Kleinen stecken bleiben! Das wissen die Amerikaner sehr wohl. Gar manches, was wir nicht, oder doch nicht leicht verstehen, kommt uns «amerikanisch» vor... andere Länder haben eben meist auch andere Verhältnisse. Sicher geht man nicht mit allem einig, was in den Vereinigten Staaten unternommen wird; was aber ein Erfolg utid ein Fortschritt bedeutet, das verdient unsere Bewunderung und Nachahmung — komme es nun, woher es wolle! Die Amerikaner verstanden es schon frühzeitig, den Wert des Motorfahrzeugverkehrs zu schätzen. Sie brachten es binnen wenigen Jahren im automobilen Verkehr sehr weit, das beweist die grossentwickelte amerikanische Automobilindustrie. Als der Autoomnibus aufkam, da entdeckten die Amerikaner sehr bald seihen grossen Wert und die Entwicklungsmöglichkeiten, die sich durch ihn im Verkehr erzielen lassen. Nach den neuesten Meldungen lässt man in den Vereinigten Staaten von Nordamerika den Motoromnibus auch auf Fernstrecken erfolgreich mit der Bahn in Wettbewerb treten. Die kennzeichnende Entwicklung des Motoromnibusverkehrs in Amerika geht eben dahin, auch sehr lange Strecken im Wettbewerb mit günstigen Eisenbahnverbindungen zu betreiben, und man tut das, wie man aus den Verkehrszahlen des letzten Jahres sowie aus der ständig wachsenden Ausdehnung dieses Motoromnibus-Fernverkehrsnetzes ersehen kann, mjt: stets wachsendem wirtschaftlichem Erfolg. Wie ist dieser Erfolg möglich?... Neben recht günstigen Tarifen, die durchwegs und oft recht bedeutend unter den Eisenbahnfahrpreisen für die entsprechende Strecke liegen, dürfte der Hauptgrund für die stets noch wachsende Beliebtheit der Reisen mit dem Motoromnibus auf grösseren Strecken wohl ein psychologischer sein, und zwar der, dass gegenüber dem Massenverkehrsmittel Eisenbahn (mit seinem äusserlich und innerlich uniformierten Betrieb) der Motoromnibus eine Art höherklassiges individualistisches Verkehrsmittel darstellt... In neueren Bauarten der Fernreiseomnibusse wird dies mit aller Sorgfalt und geflissentlich in der Sitzanordnung und in der ganzen Innenausstattung betont herausgearbeitet. So ermöglicht z. B. der erhöhte hintere Fahrgastraum den hinten sitzenden Passagieren freien Blick, nicht etwa nur nach den Seiten hin, sondern auch nach vorn. Diese Anordnung bietet zugleich einen weiteren Vorteil: eine viel geräumigere Unterbringungsmöglichkeit für erhebliche Gepäckmengen in einer vollkommen gegen jede Witterung geschützten Weise. So wurde kürzlich in den Vereinigten Staaten eine ebensosehr durch ihre Länge als auch durch die hohe landschaftliche Schönheit ! des erschlossenen Gebietes und namentlich durch, den niederen Fahrpreis ausgezeichnete Strekke mit Motoromnibussen dieser Art in Betrieb genommen. Die Strecke führt von Boston nach Newyork und misst rund 300 Kilometer. Die Omnibusse verkehren, ir. beiden Richtungen, je morgens und abends und befahren die Strecke in rund 11% Stunden, einschliesslich aller Aufenthalte für die Einnahme von Mahlzeiten. Die stündliche Reisegeschwindigkeit beträgt also zirka 34 Kilometer. Diese erwähnte Strecke läuft parallel mit der Eisenbahn, auf welcher aber zh\ Fahrpreis von 8,25 Dollar verlangt wird, während die Omnibusfahrt am Tage nur 6,50 Dollar und in der Nacht bloss 5 Dollar erfordert. Die Reisezeit der schnellsten Eisenbahnzüge ist dagegen nur die Hälfte der Fahrzeit des Kraftomnibusses... Auch bei uns in der Schweiz sind in den letzten Jahren verschiedene Omnibuslinien eröffnet worden, und soweit man erfährt, erfreuen sie sich einer stets wachsenden Beliebtheit und einer guten Frequenz. Dasselbe ist von den Omnibuskursen in grösseren Schweizerstädten zu berichten. Auch frequentieren gewisse Fernverbindungen in Berggegendeu sehr gut! Also nähert sich auch bei uns allmählich die Wichtigkeit des Motoromnibusses der der Eisenbahn, ohne dass das aber bisher richtig ins öffentliche Bewusstsein getreten wäre. Sonst würde man diese Omnibuslinien noch weiter ausbauen und zu wichtiger Mitarbeit der Bahnen heranziehen. Warum zitiert man immer wieder den Satz vom Automobil, das gegen die Bahn arbeitet? Es wäre wohl einsichtiger, das Auto zur Mitarbeit mit der Bahn heranzuziehen, wodurch beide Teile nur gewinnen könnten. Vergessen wir doch eines nicht: gar viele Menschen von heutzutage reisen schon ihrer Nervenverfnssung nach ausserordentlich gern. Aber sie würden es oft noch viel lieber tun, wenn die Eisenbahnreisen nicht oft eine Tortur wären. Gegenüber dem Massenverkehrsmittel Eisenbahn, mit seinem uniformierten Betrieb, hat nun der Motoromnibus, wie bereits gesagt, die Möglichkeit, eine Art höherklassiges und individualistisches Verkehrsmittel darzustellen, voraus, und deshalb wird er auch in Amerika besonders stark frequentiert. Die Autofreundin und der galante Experte. Mimi war Verkäuferin in einem grossen Warenhaus. Sie war hübsch, liebenswürdig und vor allem sportliebend. Hätte nicht die soziale Notwendigkeit sie gezwungen, als Verkäuferin ihr tägliches Brot zu verdienen, würde sich Mimi ausschliesslich und mit ganzer Hingabe dem Sport gewidmet haben. Dem Autosport! So klein ihr Gehalt auch war, als Freundin der motorbetriebenen Fahrzeuge fühlte sie sich verpflichtet, die Automobilzeitungen zu kaufen. Frug man sie, wie ihr die neuesten Schnitte in Ullsteins Modebogen gefallen, hatte sie für den Frager nur ein verächtliches Lächeln; kam man aber zufällig auf das Automobilwesen zu sprechen, so konnte sie zur bassen Verwunderung jeden Technikers mit allen möglichen «termini technici» aufwarten. Wörter wie: Kulissen-, Stufen-, Kugelselenkschaltung, Schwungmasse, Differential, Kraftübertragung, Steuerund Effektiv-PS, Pleuelstangen, Kolben, Dichtungsringe waren ihr simple Begriffe. Alles Sachen, die sich Mimi aus der Fachpresse, aus Aufzeichnungen und Schemas angeeignet hatte, ohne aber nur die geringste praktische Zweck- und Verwendungsmöglichkeit zu kennen. Bei jeder Gelegenheit brillierte Mimi mit ihrem Wissen. Aui hundert Meter Distanz erkannte sie die Marke des ihr entgegenkommenden Wagens. « Du, das ist ein « Chrysler», — schau da, ein « Fiat», — siehst du dort — den « Dodge » und hier den vornehmen « Packard ». So ging's in einemfort. Trotz ihren vielen Kenntnissen war Mimi unzufrieden. Begreiflich, ihr grösster Wunsch, Autofahren zu lernen, war noch nicht in Erfüllung gegangen. Neidisch sah sie auf alle Damen, die, am Volant ihres Wagens sitzend, vorübersausten. Seit drei Monaten legte sich die kleine Verkäuferin an jedem Salärtage ein Fünffrankenstück auf die Seite. Die ersparte Summe sollte zu einem Chauffeurkurse ausreichen. Aber wie zähe zerrann die Zeit, bis Mimi das nötige Geld beisammen hatte. Sie verzweifelte fast. — da kam ihr ein Zufall zu Hilfe. In der neuesten Nummer der Autozeitung war der frisch engagierte Prüfungsexperte für Motorfahrzeuge abgebildet. Für Mimi ein Wie. wäre es nun, wenn bei uns die Bahn mit dem Automobil zusammenarbeiten würde, namentlich auf den für den Fremdenverkehr beliebten Strecken?... Nach einer Bahnfahrt von hundert Kilometern müsste eine Fahrt in einem schönen Omnibuswagen für viele Reisende eine angenehme. Abwechslung bedeuten.: Die Oeffentlichkeit würde eine solche Zusammenarbeit zwischen Bahn und Auto begrüssen, würde daraus recht viel profitieren, und auch die Bahn könnte daraus, bei richtiger Organisation, nur gewinnen. Die Omnibusverbindungen sollten noch besser kultiviert und überall, wo notwendig, richtig in den -Verkehr einbezogen werden!... R. Die Vereinheitlichung marschiert! Laut Weisung des st. gallischen Polizeiinspektorates wird die Zeichengebung zwischen Fahrzeugführer und Verkehrspolizisten ab l'. r Februar auch in St. Gallen gemäss den Verkehrsregeln des schweizerischen Städteverbandes durchgeführt. — Ein erfreulicher Schritt zu der von allen Automobilisten und grossen Verkehrsverbänden unseres Landes angestrebten interkantonalen Verkehrsregelung! Im Verkehrswesen bedeutet jeder kantonale Zopf nicht nur eine Hinderung, sondern auch eine beträchtliche Schädigung der Verkehrs-, somit auch wirtschaftlichen Interessen des Landes. xi. Eine Eisenbahngesellschaft, die mit dem Autobasbetrieb glänzende Geschäfte macht. In Europa werden Eisenbahnen und Autobus vielfach als zwei Verkehrsmittel betrachtet, die nichts miteinander zu tun, oder einander zu bekämpfen haben. Dass diese Auffassung grundfalsch ist, beweisen die Ergebnisse namhafter amerikanischer Eisenbahngesellschaften, die sich den Autobusbetrieb im grössten Umfange zunutzen gemacht haben. Eine der wichtigsten Eisenbahngcsellschaften der U. S. A., die Boston und Maine Railway Co., hat seit Jahren neben ihrem Eisenbahnbetrieb Versuche mit vielen Schienen-Motorwagen und Autobussen durchgeführt. Die Resultate erwiesen sich schon in den ersten Jahren als günstig, und die Verwaltung dehnte den Betrieb, gestützt auf ihre guten Erfahrungen ständig weiter aus. Der Autobusbetrieb ist am billigsten. Mit der Einführung dieser Betriebe stellte die Gesellschaft für jede Betriebsart eine Statistik auf, denen sehr interessante Feststellungen entnommen werden können. Die Ideal. Sie schnitt das Brustbild aus und trug es beständig in der Handtasche bei sich. Eines schönen Morgens, — Mimi war im Geschäft und gerade in Betrachtung der reproduzierten Photo des Experten versunken, — trat ein junger, flotter Herr an den Ladentisch und verlangte Krawatten zu kaufen. — Ein Blick, Mimi errötete und fühlte ihr Herzchen höher schlagen, denn vor ihr stand in leibhaftiger Gestalt der Prüfungsexperte! Mit besonderer Sorgfalt, Bereitwilligkeit und Liebenswürdigkeit zeigte Mimi das ganze Assortiment Selbstbinder und erlaubte sich bei einigen extra chicken Dessins die Bemerkung: «Hier habe ich etwas ganz apartes für Sportsmen.» Erstaunt lächelnd sah der Herr die Verkäuferin an und frug: «Ja, woher wissen Sie denn, dass ich Sportsman bin?» Minus feiner Teint wurde von einer roten Glut überzogen und mit befangener Stimme sagte sie: «Sie sind doch der neue Prüfungsexperte für Motorfahrzeuge; ich habe Ihr Bild in der Zeitung gesehen und glaube mich nicht zu täuschen! » Etwas sicherer, sogar stolz fügte sie bei: «Ich lese nämlich regelmässig die Automobilzeitungen! Ich bin grosse Freundin des Autosportes — ich kenne mich ganz gut aus» — und nun sprudelte es technische Ausdrücke und Schlagwörter INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm höh« Grundzeile od«r deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Ctt. ' Grössere Inserate nach Seltentarif. , Inseratensehlnss 4 Tage vor Erscheinen der betreifenden Nummer Zugsmeile kommt beim Dampfbetrieb auf 1,589 Dollar, beim Motorschienenwagen auf 0,72 Dollar und beim Autobus auf der Strosse auf 0,28 Dollar zu stehen. In diesen Beträgen sind die Auslagen für Oberbau und Schiehe nicht inbegriffen. Was sagen uns diese Zahlen? Zu allererst stellen wir fest, dass auch bei geringem Verkehr die Motorschienenwagen gegenüber dem Zugsbetrieb mit Dampf zur Hälfte-billiger (arbeiten. Verglichen mit dem Dampfbetrieb kostet, der Autobusbetrieb fünfmal weniger. Die Boston und Maine Railway Co. befördert jährlich mehr als 700 Millionen Reisende, pro Streckenmeile berechnet. Sie ist daher zu jenen amerikanischen Bahnen zu zählen, die einen ausserordentlich dichten Verkehr aufweisen. Nebenhin besitzt sie aber noch einige Linien von geringerer Verkehrsdichtigkeit; auf denselben vermochte die Bahn den Betrieb durch die Einführung der Motortriebwagen erheblich zu verbilligen. Die Bahn verfügt über einen Park von 68 Autobussen, die jeden- Tag über 1600 km zurücklegen. 24 Motortriebwagen mit einer Tagesleistung von 4200 km besorgen den Hilfsdienst neben den Dampfzügen. Wo zeigen sich die grössten Kostenunterschiede? Vergleicht man die einzelnen Ausgaben für Gehälter, Brennstoff und Reparaturen, so ergeben sich bei allen drei Positionen enorme Minderkosten für den Autobusbetrieb, während bei den , Ausgaben für Abschreibungea und Verwaltung die Unterschiede nur gering sind. ~ , Diese Zahlen .zeigen deutlich, so schreibt der «Motorlastwagen», dass der Autobusbetrieb dem Bahnbetrieb überall dort wirtschaftlich überlegen ist, wo keine Massentransporte und auch kein Stossverkehr in Betracht kommen. Bekanntlich besitzen wir in der Schweiz eine grosse Zahl von Nebenlinien und Ver