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E_1928_Zeitung_Nr.039

E_1928_Zeitung_Nr.039

Ausgabe: Deutsche Schweiz. Freitag, 4. mal 1928. .... - Nummer 20 Cts. 24. Jahrgang. — N° 39 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrs-Interessen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitat Monatlich „Gelbe Lifte" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, cotern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung im ADMINISTRATION: Breltennlnstrasse 97, Bern In- und Ausland 30 Rappen. Postcheck-Reehnung III/414 Telephon Hollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern j&uti:«»B*43cBa < ftliicI«^ Vorbemerkung der Red.: Die Frage autorechtlicher Bildungskurse an der E. T. H. in Zürich, wie wir sie in Nr. 34 der «Automabil- Revue » angeschnitten iiaben, scheint nach uns zugegangenen Meldungen in juristischen und behördlichen sowie auch akademischen Kreisen auf starkes Interesse gestossen zu sein. Die Diskussion über dieses zeitgemässe Thema scheint in Fluss zu kommen. Herr Rechtsanwalt Dr. Brennwald hat das Wort. Um es gleich vornwegzunehmen, die Idee, an der eidgenössischen technischen Hochschule in Zürich autorechtliche Bjldungskurse speziell für Juristen abzuhalten, scheint mir eminent zeitgemäss und praktisch zu sein. Gleich zu Anfang des Corpus juris civiiis steht geschrieben: «Die Rechtswissenschaft ist die Kenntnis der göttlichen und menschlichen Dinge und das Wissen dessen, was recht und unrecht it». « Der Jurist muss infolgedessen alles wissen und alles können», und mein grosser Lehrer, Rudolf Sohtn, pflegte diesem seinem Lieblingsspruche beizufügen : «Deshalb gibt es auch so wenig Juristen». Und in der Tat, das menschliche Wissen und Können ist im Laufe von tausend und wiederum tausend Jahren so vielseitig geworden, dass heute die Universalgenies der Jurisprudenz mehr und mehr ausgestorben sind und kein einziges Gehirn mehr allumfassend im Sinne des Leitmotivs des gewaltigsten Rechtsbüches der Welt betrachtet werden kann. So kam es, dass neben den ursprünglichen hohen Schulen, den Universitäten, welche begrifflich alles hohe Wissen umfassen sollten, die technischen Hochschulen und Akademien entstanden, die mehr für bestimmte Berufszweige ausbilden, im übrigen aber den Universitäten an Rang gleichstehen sollten. Ich habe diese Einleitung vorausgeschickt, um zu zeigen, dass die Rechtsfakultäten der Universitäten derartige Bildungskurse, wie sie die «Automobil-Revue» anregt, gar nicht vermitteln könnten, ohne dass die Universität mit der technischen Hochschule verschmelzen würde. Die juristische Fakultät tendiert dahin, in methodischer Ordnung ihre Studierenden in die Grundbegriffe der mannigfachen Rechtsdisziplinen einzuführen, sie vermittelt — man lasse sich durch die Anhaltung von Rechtspraktika innerhalb der Fakultät nicht irre führen — im wesentlichen theoretische, nicht praktische Bildung. Die « Automobil-Revue » hat sich daher mit ihrer Anregung m. E. an die richtige Adresse, die technische Hochschule gewendet. Mit dieser Ansicht stehe ich keineswegs allein. Ein hochgeschätztes Mitglied der juristischen Fakultät, mit dem ich über die Materie gesprochen, erklärte unumwunden : « Die Anregung hat viel für sich und verdient alle Beachtung, Bildun^skuvse Eine Stellungnahme zur Anregung der Automobil-Revue an die E. T. H. Zürich. Von Rechtsanwalt Dr. Q. Brennwald. doch gehört die Sache an die E. T. H. oder vielleicht noch besser an die technische Hochschule, jedenfalls nicht an die Rechtsfakultät. Ich betrachte es daher auch nicht als einen Mangel, wenn wir unmittelbar praktische Ausbildung nicht vermitteln können und in dieser Beziehung unsere Vorlesungen lückenhaft sind. Wir müssen ohnehin gegen Zuvielerlei ankämpfen. Was aber die Volkshochschule betrifft, so glaube ich, dass dieselbe weniger als Vermittlerin solcher Bildungsschulen in Betracht kommt als die technische Hochschule. Die Hörer der Volkshochschulen — das Institut ist schon begrifflich ein Widerspruch in sich selbst — kommen a's Schüler für autotechnische und autorechtliche Kurse wohl weniger in Betracht, weil die technische Vorbildung doch gar zu bescheiden sein dürfte. Da die « Automobil-Revue» aber vorerst auf eine technische und auch rechtliche Vorbildung von Persönlichkeiten mit Hochschulbildung tendiert, von Richtern, Staatsanwälten, Polizeibeamten etc., so wird man ein Podium für die Veranstaltungen suchen müssen, das höher gelegen ist, und dieses kann nur die technische Hochschule gewährleisten. Will man aber das eine tun und das andere nicht lassen, dann richte man an der Volkshochschule Kurse ein, die in ihrem ersten Teil elementarste technische Kenntnisse und im zweiten die fundamentalsten Begriffe des Automobilrechts vermitteln. Nötig aber sind meiner Auffassung nach solche Kollegien nicht, da wenig Sehnsucht nach ihnen bestehen dürfte und an der technischen Hochschule heute schon über Verkehrsrecht ein Lehrauftrag besteht, dem wohl unschwer 3in solcher über weitere wünschbaren Disziplinen, wie Automobilhaftpflicht und Strafrecht, sich angliedern Hessen. Die « Automobil-Revue » hat mit ihrer Anregung im wesentlichen eine weitere Ausbildung des praktisch tätigen Juristenstandes im Auge. Ist sie wünschenswert? Hier glaube ich als Anwalt, welcher der Entwicklung und INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 CU. Grössere Inserate nach Seitentarif. Imieratensehhiss 4 Tage vor Ertthelnen der betreffenden Nummer zürcherischer Richter von Rang hat mir gesagt : «Ich habe es selbst oft unangenehm empfungen, wenn man vom Verteidiger angepredigt wird, dass man auch rein gar nichts von der Sache verstehe, die zu beurteilen ist.» Dies hat nicht nur Geltung für den eigentlichen Richter, sondern für den Staatsanwalt und den Untersuchungsrichter. Wie aber, wenn selbst das Salz der Verteidigung « dumm » ist, womit soll man es salzen? Was ich vor bald zwanzig Jahren im Vorworte meiner Monographie: «Die Haftpflicht für Automobilschaden», insbesondere bezüglich juristischer Autoren schrieb, gilt — mag auch manches besser geworden sein — ganz allgemein noch heute : « Was ich in der Haftpflichtliteratur durchwegs vermisst habe, ist die nähere Bekanntschaft der Autoren mit dem Automobile selbst. Was nützen die trefflichen Argumente, die schönsten Schlüsse, wenn sie auf falscher Prämisse, auf der Verkennung wesentlicher Eigenschaften des Kraftfahrzeuges beruhen. Gerade das Automobilrecht lässt in dieser Hinsicht mit sich nicht spassen, es setzt eine gewisse technische Vertrautheit mit dem Motorwagen voraus. » So will ich mich als ältester Mitarbeiter der « Automobil-Revue » freuen, dass endlich eine Anregung von kompetenter Seite gefallen ist, welche der praktischen Anwendung bestehenden, gleichwie der dringend notwendigen Schaffung künftigen, technisch verständnisvollen Rechts nur von gutem sein kann. Ein interessantes Urteil. Der,.. Ruf nach autorechtlichen Bildungskursen kommt wahrlich nicht mehr zu früh. Man lese und staune. Am 7. Februar 1928 verurteilte das Bezirksgericht Baden einen Automobilisten wegen Widerhandlung gegen Artikel 35 Absatz 1 und 4 des Konkordats betreffend den Verkehr mit Motorfahrzeugen, zu einer Geldbusse von 30 Franken, zu einer Staatsgebühr von 15 Franken und zum Tragen der Kanzleikosten im Betrage von 5 Fr. 90. Natürlich legte der Angeklagte Beschwerde ein mit dem Schluss, das angefochtene Urteil sei aufzuheben und der Beklagte eventuell nach Einvernahme der von ihm angerufenen Zeugen von Schuld und Publikum weder durch Kotwurf noch durch Staubwirbel ernstlich belästigt wird.» Die zweite Abteilung des Aargauischen Obergerichts hatte den Fall zu behandeln. Ihre Erwägungen und ihr Urteil sind nach mehr als einer Hinsicht interessant und zei^ gen wohl mit aller Deutlichkeit, wie nicht nur gewissen Richtern jegliche Kenntnis der automobiltechnischen Möglichkeiten abgeht, sondern mit welcher Voreingenommenheit sie teilweise heute noch an Automobilfragen herantreten. Die zweite Abteilung. des Aargauischen Obergerichts zog in Erwägung, dass der Beklagte wegen Uebertretung der genannten Bestimmungen hauptsächlich gestützt auf zwei Zeugendepositionen bestraft wurde, die dahin lauteten, dass der Beklagte mit seinem Personenauto an der Bahnhofstrasse in Meilingen in der Nähe des Schulhauses mit über 40, ja wahrscheinlich sogar mit über 50 km Geschwindigkeit gefahren sei. Das Obergericht gibt zu, dass von einer zuverlässig genauen Einschätzung der Fahrgeschwindigkeit des Autos durch die Zeugen nicht gesprochen werden könne, da sie ohne technische Hilfsmittel erfolgte. Dagegen dürfe als sicher angenommen werden (!)., dass die Zeugen die Geschwindigkeit nicht mit über 40 oder sogar 50 km eingeschätzt hätten, wenn sie nur 15 bis 20 km betragen hätte. Auch das Obergericht müsse somit als erwiesen annehmen (!), dass der Beklagte das zulässige Maximum von 18 km.bedeutend überschritten, habe. Seine Entlastungszeugen (die Ehefrauj und die Tochter), die im Auto mitfuhren, wur-i den nicht einvernommen, da das Obergericht, wiederum zur Annahme kam, dass die im Auto sitzenden Personen nicht in der Lage gewesen seien, die eingehaltene Geschwindigkeit zuverlässiger als aussenstehende einzuschätzen. So die Erwägungen der zweiten Abteilung des Aargauischen Obergerichts und das salomonische Urteil dahinlautend, die Beschwerde sei abzuweisen und der Beschwerdeführer habe eine obergerichtliche Staatsgebühr vom 30 Franken und die obergerichtlichen Kanzleiauslagen von 4 Franken zu berappen. Dafür also, dass der betreffende Automobilist an einem regnerischen Tage nach mutmasslichen aber keineswegs erwiesenen Schätzungen zweier Passanten mit mehr als 40 km Strafe freizusprechen. Eventuell sei der Beklagte nicht wegen Zuwiderhandlung gegen Anwendung des Automobilrechts von Anfang Geschwindigkeit gefahren ist auf einer an alle Aufmerksamkeit geschenkt, der den Art. 35 Absatz 4 des Konkordates zu bestrafen und die Busse sei angemessen zu redu- Strasse, die wohl in ihrem Zustande nicht ganzen Werdegang miterlebt hat, mit Fug einwandfrei, da sonst Kotspritzen unmöglich und Recht sagen zu dürfen, diese Komplettierung des Wissens ist nicht nur wünschens- Artikel 35 dieses Konkordates wohl kennen. zieren. Unsere Leser werden den «berühmten» gewesen wäre, hatte er summa sumarum Fr. 314.90 auf den Laden zu legen. wert, sondern bitter notwendig. Gerade weil Absatz 1 und 4 lauten: «Beim Durchfahren Man greift sich tatsächlich an den Kopf die Rechtsfakultäten, die zur Beurteilung von von Städten, Dörfern und Weilern darf die und stellt die Frage : Leben wir im 20. oder Fragen des Automobilrechts als Voraussetzung notwendigen technischen Kenntnisse, digkeit eines trabenden Pferdes (18 km per sicherheit nicht eine weit grössere als dazu- Schnelligkeit auf keinen Fall die Geschwin- im 15. Jahrhundert und ist unsere Rechtsun- nicht vermitteln und programmgemäss nicht Stunde) überschreiten. vermitteln können, gähnt nur allzuoft ein Auf stark begangenen Strassen ist die Geschwindigkeit derart zu verringern, dass jäher Abgrund unverschuldeter Ignoranz. Ein das mal, da das Schweizervolk noch keine Universitäten und juristischen Fakultäten, keine Bezirks- und Obergerichte zu unterhalten hatte ? Auf alle Fälle haben sich sowohl das Badener Bezirksgericht als das Aargauische F E U I L L E T O N Das weisse Auto Ein Zeitbild aus dem heutigen Chicago, von Felix Vitali. (15. Fortsetzung) «Er will ihn fortschleppen!» heult die Schlächterphysiognomie und versucht auf die schwankenden Beine zu kommen. «Schlagt ihn tot! Der Higgens soll mir den Buckel runter, hähähä — rauf und rrrunter, hähähä!» «Tot!» echotet der Chor. Doch Earl ist — den Neger neben sich, Mabel hinter sich, den heftig protestierenden Professor am Arm — schon bei der Türe. Der Tropfäugige hat endlich das drohende Schiesseisen entdeckt. «Hup — boys, eine Pi — Pistole — oh...» Entsetzt tauchen die drei Kumpane hinter den Tisch. «Lässt sich die Stahltüre von innen öffnen?» fragt der junge Farrington den Neger. «N—no!» «Well, dacht' es mir.» Und mit freundlicher Stimme: «Gentlemen, ich habe mir erlaubt, euren Partner zu entführen. Gestattet mir, dass ich euch zur reibungslosen Fortsetzung der interessanten Bridgepartie den Nigger offeriere!» Sagt's und drückt auf den Knopf. Lautlos schliesst sich die Stahlplatte. Ein Wutgeheul brandet aus dem Raum der Eingeschlossenen. * * «Rasch,» flüstert Earl, «auf die Motorboote !» Flucht durch die Gänge, an den hunderten feindlich starrender Türen vorbei. Die schwarzen Kasten leuchten auf, dumpfes Surren erzittert die Luft — Signale! Earl durchzuckt es. — Eine Botschaft! Vor dem nächsten Kasten steht er still, horcht. Er entdeckt einen Knopf. Drückt darauf. Eine weisse Türe öffnet sich. Vor ihm ein Fernsprechapparat. Die Glocke zetert Alarm. Der junge Farrington reisst den Hörer ans Ohr. An der Wand erscheint das lebende Bild eines Mannes! Fernübertragung! Da schreit Mabel auf: «Vater!» Das Bild zeigt ein zerwühltes Antlitz. Earl brüllt in den Sender: «Wir fliehen! Haben den Professor gefunden — bei uns — ja!» «Und die Bande?» tönt es schwach an sein Ohr. «Mit den dreissig weissen Wagen in See! Nach Chicago!» «Gerechter Gott — zerstören Sie den Sender. Ist neben der Maschinenhalle. Ein Mann am Apparat. Vorsicht — er ist gewarnt. Das Ferngespräch wird registriert. Higgens ist unterwegs! Nach der Insel. Ret...» «Hallo! — Hallo! — Hallo!» Das Bild auf der Mattscheibe ist erloschen. Earl und Mabel blicken sich in die Augen. «Unterbrochen! — Das Gespräch ist entdeckt! Vorwärts!» Sie schleppen den willenlosen Professor über die Stiegen. Durch die Falltüre steigen sie vorsichtig in den Maschinensaal, durchqueren schussbereit die Halle. Die Stahltüre steht noch offen. Am Ende des Lichtschachtes leuchtet der matte Glanz eiserner Platten — in der Mitte eine kleine Uhr. Earl hat sich die Schlüsselzahl des Niggers eingeprägt. Er berührt mit dem Zeiger die Zahlen. 431,739! Der Kontakt wird ausgelöst. Die Platten drehen sich in den Angeln: Sie stehen im Freien! «Dort — die Schiffe!» Hinter der gelben Molemauer laufen si« dem Wasser zu. Der alte Farrington scheint langsam zu sich zu kommen —• stolpert willig über die groben Steine. Sie erreichen das erste Motorboot. Earls Hand legt sich schwer auf Mabels Schulter. «Ich muss noch einmal zurück. Die Schalter zerstören. Wirf den Motor an. Kopf hoch! In zwei Minuten bin ich wieder hier.» Sie nickt stumm. In langen Schritten verschwindet seine geduckte Gestalt hinter den regungslos liegenden Gebäuden... * • * Der Kreuzer «Sunny» jagt durch die schäumenden Wellen. Auf der Kommandobrücke recken drei Menschen die Hälse lang: Officer Cornwell, Jim und Mr. Mac Lumm Lummy vom « Observer». (Fortsetzung folgt)