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E_1928_Zeitung_Nr.076

E_1928_Zeitung_Nr.076

Ausgabe: Deutsche Schweiz» BERN, Dienstag, 11. September 1928. Nummer 20 Cts. 24. Jahrgang. — N^ 76 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUN Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrs-Interessen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Braftaf Monatlich MG«lb« LtoU 4 * Halbjährlich Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.—. Im Aasland unter Portozuichlag, sofern nicht pottamtlich bestellt. Zuschlag für poetamtliche Bestellung im ADMINISTRATION: Breltenralnstrasse 97, Bern In» und Ausland 30 Rappen. Postcheck-Rechnung HI/414 Telephon Bollwerk 89.84 lUegramm-Adreue: Autoreme, Bern INSERT1ONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grandzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grossere Inserate nach Seitentarif. ' tnieratenseahus 4 Tage vor Erscheinen der betreffenden Nummer Vom Recht des Fun^än^eK In der Tagespresse fordert der Fussgänger erneut sein Recht. Sein Recht auf die Benützung der Strasse, sein Recht auf vermehrte Sicherheit gegenüber dem enorm anwachsenden Automobilverkehr. Wir haben in der «Automobil-Revue» das Recht des Fussgängers nie bestritten. Wenn er heute bspw. verlangt, dass für den Personenübergang auf Strassen Streifen festgesetzt werden, Schutzinseln eingeführt werden sollen, so sind wir die letzten, die dagegen etwas einzuwenden hätten. Im Gegenteil, wenn er von Seite des Automobilisten Zeichengabe bei Richtungsänderungen fordert und verlangt, dass die Radfahrer sich ebenfalls um die Zeichen der Verkehrspolizei kümmern und dass auch sie vermehrte Rücksicht auf passierende Fussgänger nehmen sollten, so sind dies Begehren, die wir nicht nur unterstützen, sondern auf die wir schon seit Jahren immer und immer wieder hingewiesen haben. Gerade die Redaktion der «Automobil-Revue» hat es nie unter- Sassen, die Automobilisten nicht nur auf ihre Rechte, sondern auch auf ihre Pflichten, zu doppelter Aufmerksamkeit und Rücksichtsnahme auf den Passantenverkehr aufmerksam zn machen.' Durch weitgehende Unterstützung der Bewegung des Weissen Sternes hat sie darin ihren Willen kundgetan. Niemals hat sie sogenannte «Automobilraserei» und Gewissenlosigkeit geschützt. Wir können deshalb mit aller Ruhe und mit gutem - Gewissen den Vorwurf zurückweisen, der von einem Nidhtautomobilisten in der, «Züricher Post» gegen uns erhöben wird, als mächten wir bei Automobilunfällen gerne die Disziplinlosigkeit und die kleinstädtischen Gepflogenheiten der Fussgänger verantwortlich. So gut wir jedoch für diszipliniertes Fahren von Seite der Automobilisten eintreten, ebenso bestimmt verlangen wir Disziplin und Aufmerksamkeit von Seite des Fussgängers. Wir tun dies im Interesse sowohl des letztern selbst, als auch einer reibungslosen Verkehrsabwicklung. Wir erachten es als selbstverständliche Pflicht, auch in Zukunft vom Fussgänger eine straffe Verkehrsdisziplin anzufordern. Belehrung und Gebot werden schliesslich zu einem gewünschten Ziele führen. Dabei sind wir uns wohl bewusst, dass Verkehrsunfälle bei der zunehmenden «Motorisierung der Strasse», wenn wir uns so ausdrücken dürfen, nie ganz zum Verschwinden gebracht werden können, so wenig wie Eisenbahn-, Schiffs- und Flugzeug-Unfälle ja ganz aus der Welt zu schaffen sein werden. Ein vermehrter und eingehender Verkehrsunterricht in den Schulen, den wir je und je empfohlen^ haben, dürfte seine guten Früchte zeitigen. Das strikte Gebot, dass der Fussgättger tunlichst die Fahrbahn zu vermeiden habe, dürfte das seinige zur Verminderung von Verkehrsunfällen beitragen. Dass bei einem Grossteil der Fussgänger leider heute noch geradezu eine unverantwortliche Disziplinlosigkeit herrscht, ist-wohl von keiner Seite zu bestreiten. Es ist nicht nur für den Fussgänger, sondern auch für den Automobilisten eine Plage, an gewissen Vefkefor.skumülationen der Städte, Plätze oder Strassen überqueren zu müssen.. Der. Fussgänger hat das Recht zu verlangen, dass an solchen Stellen das Automobil nicht in einem Tempo von 50 bis 70 Kilometer, dahergefahren kommt. Dagegen hat der Automobilist seinerseits das Recht, da er ja für jeden Unfall haften muss, vom Fussgänger zu verlangen, dass er vor Ueberqueren der Strasse einen Blick nach links • und einen solchen nach rechts werfe, dass er nicht gedankenlos über die Fahrbahn schreite, dass er.seinen :Weg nicht plötzlich' träumerisch ändere und efess er vor allen Dingen den kürzesten Weg über die Strasse nehme. In dieser Beziehung erlebt der Automobilist noch gar wunderliche und nur zu oft ganz' unglaubliche Sachen. Es muss dem Fussgänger einmal in Heisch und Blut übergehen, dass er die Fahrbahn freizuhalten hat. Strasse oder Plätze sind nicht mehr der Ort, um längere oder kürzere «Stehsitzungen» abzuhalten. Solches Gebaren ist direkt strafbar und verdiente ebenso eine Busse, wie das Ueberschreiten der heute weissgott veralteten Konkordatsbestimmungen. Trottoirs und Strasse dürfen vom Fussgänger nicht mehr verwechselt werden. Der Automobilist, der sich in der gleichen Nummer der betreffenden Zeitung ebenfalls zu Worte meldet, hat übrigens vollkommen recht. Auch das Trottinet der Kinder hat auf den Strassen keinen Platz mehr. Wie es übrigens elementare Pflicht aller Eltern sein sollte, ihren Kindern das Spielen auf der Strasse zu verbieten. In dieser Beziehung hat es dank der Aufklärung von Seite der Schule und der automobilistischen Fachpresse nun wesentlich gebessert. Leider aber bildet auch heute noch das spielende Kind auf der Strasse ein wesentliches Gefahrenmoment für den Automobilisten. Auch der Automobilist ist Fussgänger. Er kennt somit die Gefahren der Strasse von zweierlei Seiten her. Ungemütlicher ist es ihm auf alle Fälle, wenn er als Automobilist Plätze oder Strassen zu überqueren, und es dabei mit einem undisziplinierten und unbedachten Fussvolke zu tun hat. Im Interesse aller Strassenbenützer hat er deshalb nach einem allgemeinen Verkehrsgesetze gerufen. Es hat dasselbe bis jetzt leider keine Gnade gefunden. Hoffen wir, dass es in der nächsten Zeit möglich sein werde, ein Gesetz zur Volksabstimmung zu bringen, das nicht nur einseitig die Pflichten des Automobilisten, sondern auch diejenigen der Fussgänger festlegt. Nur damit wird eine möglichst reibungslose Verkehrsabwicklung gewährleistet sein. «Mehr Sicherheit auf der Strasse», das ist auch unser Losungswort. Diese Sicherheit kann nur dadurch erreicht werden, dass neben der Erfüllung der technischen Anforderung an die Strasse der Fussgänger noch mehr als bis heute wesentliches zur Strassendisziplin beitrage. Der Grosse Preis von Europa. Chlron auf Bugatfi, Sieger In 3h 45' 08,6", schlägt den Rekord Ascarls (3h 47' 13") und stellt die beste Leistung mit 159,498 Stundenkilometer auf, - Tragische Katastrophe» Materassi getötet, 20 Tote und 35 Schwerverletzte. Unter ungeheurem Andrang des Publikums wurde am Sonntag den 9. September der Grosse Preis von Europa von den bekanntesten europäischen Rennern ausgetragen. Blauer Himmel wölbte sich über die Rennstrecke, an deren interessantesten Punkten und besonders vor den Tribünen sich eine gewaltige -Menschenmenge angesammelt hatte. Bereits \% Stunden vor Beginn des Rennens harrte die Menge in Ungeduld der Dinge, die da kommen sollten. Tausende und Tausende von. Menschen erwarteten in einer unbeschreiblichen Spannung den Austraig des Kämpfes. Von Zeit zu Zeit überbordete die Begeisterung der Zuschauer in gewaltigen Ovationen. Das Rennen nahm punkt 10.30 seinen Anfang. Zum Start erschienen 22 Maschinen. Folgende Fahrer waren anwesend: Borzacchini (Maserati), Maggi (Maserati), Brilli Peri (Talbot), Foresti (Bugatti), Williams (Bugatti), Materassi (Talböt), Aymini (Delage), Bouriat (Bugatti), Probst (Bugatti), Nuvolari (Bugatti), Blanque Beiair (Bugatti), Nenzioni (Bugatti), Tonini (Bugatti), D'Ahetze (Bugatti), Varzi (Alfa Romeo), Drouet (Bugatti), Maserati (Maserati), Brivio (Talbot), Arcangeli (Talbot), Commotti (Talbot), Chiron (Bugatti), Piccolo (Maserati). Kurz nach dem Start begann ein atembeklemmendes Tempo. Williams und Varzi führen. Nach einer halben Runde liegt Williams an der Spitze, dicht gefolgt von Nuvolari, Borzacchini, Materassi, Varzi, Brilli Peri, Ohiron und Foresti. Die erste Runde wird von Williams in 3'38,6" zurückgelegt. Maserati muss gleich zu Beginn der zweiten Runde wegen Kerzendefel^t halten, kann aber sofort weiterfahren. Nun beginnt ein erbitterter Kampf zwischen! Williams, Nuvolari, Brilli Peri und Varzi. In kurzen Abständen — keine 100 Meter — sausen sie an den Tribünen vorbei. In 3'37 n durchfährt Williams die vierte Runde, muss jedoch in der folgenden Runde abstoppen, um kurz nachher das für ihn so verheissungsvoll begonnene Rennen aufzugeben. Nun liegt Nuvolari an der Spitze. Die fünf Runden sind von ihm in 20' 21,4" zurückgelegt worden. Varzi hat die fünf Runden in 20' 24,8"* Materassi, der beim Monzarennen tödlich verunglückte italienische Rennfahrer. H I L L T O N Sir Michaels Abenteuer. Roman Ton K. 0. R. Browne. Copyright 1028 by Georg Müller. Verlag. München. (33. Forteetzune) Es ist oft gesagt worden, dass das unvermeidliche Resultat versuchten Betruges ein verwirrtes und verwirrendes Lügengewebe ist. Die Wahrheit dieses weisen Ausspruches konnten unsere beiden Betrüger, Sir Michael Fairlie und Mr. Cherry, während der Stunden, nachdem die Schmuckkassette ihrem Gesichtsfeld entschwunden war, vollauf auskosten. Es trug auch nicht zu ihrer Gemütsruhe bei, dass die Umstände, die sie zwangen, ihre Rollen zu spielen, als sei nichts geschehen, ihnen dadurch die Möglichkeit nahmen, alle ihre Energien auf das Entwirren des Rätsels zu konzentrieren. So musste Mr. Cherry, der die Empfindung hatte, als sitze er am Rande eines ausbrechenden Vulkans, sich sofort nach dem Lunch von Mrs.Bytheway auf einen Ausflug nach einem nahegelegenen berühmten Aussichtspunkt schleppen lassen — da gab es keine Ablehnung! Mike hingegen, den der eifrige Philatelist in seinen Dienst presste, hatte keine Wahl, als seinen Sekretärpflichten nachzukommen und sich der überwältigenden Langeweile auszuliefern, die die Markenunkundigen bei solcher Beschäftigung überfällt. Es war wohl ein äusserst verwirrtes Gewebe .... Langsam krochen die Zeiger ihren vorgeschriebenen Weg um die Uhr. Es ist anzunehmen, dass wo anders die Leute dies und das taten, je nach Neigung oder Notwendigkeit, dass Politiker, Wohltätigkeitshyänen, Scheidungssuchende und Strassenkehrer, ihren gewohnten Beschäftigungen nachgingen, während Mr. Cherry mit dem halbbetäubten Ausdruck eines Geistesabwesenden die Natur bewundern musste und in der Bibliothek von Lindleyhaus Sir Michael Fairlie, sechster Baron in der Ahnenreihe, den wachsenden Wunsch, alles kurz und klein zu schlagen, mannhaft unterdrückend, unentwegt Markenalben mit Posterzeugnissen aus aller Welt füllte. Der Tee wurde gebracht und rasch getrunken, die Zeit rückte langsam, langsam vor .... Endlich, endlich kam auch die letzte Marke an den ihr bestimmten Platz. Mr. Bytheway trocknete sich die begeisterte Stirn, murmelte noch einige ganz unverständliche Dinge und tat Mike endlich kund, dass er seiner Dienste nicht mehr bedürfe. Dieser trat mit dem Gefühl, eben sieben Jahre Haft für ein nichtbegangenes Verbrechen abgebüsst zu haben, auf die Terrasse hinaus und sog in tiefen Atemzügen die willkommene frische Luft ein. Er hatte erst zwei Atemzüge getan, als er heftig zusammenfuhr und Briefmarken, Schmuckkassette und ähnliche Heimsuchungen vergass. Denn dort in zehn Schritt Entfernung sass auf einem Gartenstuhl Miss Anne Kent und strickte. Um sie spielte Violet May selbsterfundene Spiele. Mike schöpfte noch einmal tief-Atem und zögerte. Dann schob er energisch sein Kinn vor, ging zweckbewusst die paar Schritte hin und blieb vor dem Gegenstand seiner jungen Liebe entschlossen stehen. «Auf'ein Wort», sagte er. Anna schaute ihn an. Mike erbleichte, aber er blieb fest. «Was soll das heissen?» sagte er. Ihre Augenbrauen hoben sich. Eine Fremde blickte auf einen Fremden und sprach zu ihm. «Was heissen?» «Dies hier», sagte Mike und wies mit unbestimmter Gebärde auf sie beide. «Diese — diese Fremdheit. Diese eisige Haltung. Was habe ich getan?» Eine kalte Pause. . «Man sollte denken», sagte Mis Kent dann schneidend, «es handle sich mehr darum, was ich zu tun gedenke. Ich habe mich noch nicht ganz entschieden.» *«Tun? Inwiefern? Meinen Sie in bezug darauf, dass ich kein » Plötzlich stand Anne auf. Er bemerkte, dass sie aussergewöhnlich blass war und mehr als aussergewöhnilich schön. «Oh!» rief sie. «Warum gehen Sie nicht weg? Warum bleiben Sie hier, nachdem — nachdem — «Ja, was in der Welt • ?» fragte Mike schwach. «Ich gebe Ihnen noch eine Möglichkeit, zu gehen, solange Sie können», sagte Anne rasch. «Wenn Sie bis heute abend nicht aus dem Haus sind, werde ich es Ihnen sagen. Komm, Violet!» «Aber, hol's der Kuckuck — ich verstehe nicht —» protestierte Mike und ging ihr nach. «Warum diese » Anne drehte sich blitzschnell nach ihm um. «Ach, gehen Sie weg!» rief sie und ihre Stimme brach ein wenig. Sie packte das überraschte, aber gleichmütige Kind an der Hand und zog es ins Haus. Das Tor fiel zu. «Herrgott!» sagte Mike wie vor den Kopf geschlagen. Er kannte sich gar nicht aus. Hinter der Haltung dieses Mädchens stand mehr als blosser Aerger, zum Narren gehalten worden zu sein. Da war etwas ernstlich nicht in Ordnung und er hatte keine Ahnung^ was es sein könne. «Herrgott!» sagte er noch einmal. Und nach einer Weile wieder: «Herrgott!» (Fortsetzung sieh« im Autler-Feierabend)