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E_1928_Zeitung_Nr.091

E_1928_Zeitung_Nr.091

Ausgabe: Deutsche Schweiz. \\u, OiensiBö,30. ORtoöer 1928. Nummer 20 Cts« 24. Jahrgang. — N° 91 ERSTE SCHWEIZERISCHE ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Lift«" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, ADMINISTRATION: Breitenrainstrasse 97, Bern sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung im In- und Ausland 30 Rappen. Postcheck-Rechnuns 111/414 Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autororue, Bern AUTOMOBIL -ZEITUN6 Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrs-Inferessen INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Ct*. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Uta. Grössere Inserate nach Seitentarü. Insemtensenluss 4 Tage vor Erscheinen der betreffenden Nummer Dem I^olBzeiistfcaiatf« em€s£es£en f Unsere Leser erinnern sich an das Urteil des Bundesgerichts, das wir in Nummer 81 der « Automobil-Revue » veröffentlicht haben und das das Warnen vor Autofallen als strafbar erklärte. Im Grunde genommen, doch ein merkwürdiges Urteil, nicht wahr ? Es verdient, ein bisschen näher angesehen zu werden, und es ist nötig, sich die daraus ergebenden Konsequenzen richtig vor Augen zu führen. Wir wissen die Arbeit unserer Bundesrichter vollauf zu würdigen. Dem Urteile wird ein reifliches Ueberlegen und ein Studieren von Gesetzesbüchern vorausgegangen sein. Der betreffende Entscheid wird vom rechtlichen Standpunkt aus unanfechtbar sein. Und doch betrachten wir ihn als einen Fehlentscheid, der dem gesunden Menschenverstand nicht ganz begreiflich ist. Man erinnert sich : ."Ein Automobilist hatte einige andere Autofahrer, welche dem zürcherischen Dorf Kilchberg zufuhren, vor einer daselbst von der Polizei errichteten Geschwindigkeitskontrolle gewarnt. Gestützt auf ein kantonales Polizeigesetz aus dem Jahre 1866 (!) wegen «Störung der vorgeschriebenen Ordnung des Geschäftsganges » wurde er mit 10 Fr. Busse gestraft. Die staatsrechtliche Abteilung des Bundesgerichts wies den Rekurs des Bestraften ab mit der Begründung, dass derjenige,, der eine Kontrolle verrät, den Hauptzweck derselben und die Aufgabe der Polizei erschwere, welche über die Sicherheit der Strasse zu wachen habe. Nun denke man sich die praktische Auswirkung des Entscheides, der die Polizei ermächtigt, auch in einem Fall, da es sich nicht um ein Kriminaldelikt, sondern einzig um ein jinfaches Polizeidelikt handelt, die Hilfe der Zivilbevölkerung durch die Ueberbindung der Schweigepflicht zu erlangen. Eine derartige Auslegung sollte ganz besonders alten Gesetzen in einem Zeitpunkt, da man in der Eidgenossenschaft an die Revision des Strafgesetzbuches herantritt, nicht mehr gegeben werden dürfen, ansonst wir Gefahr laufen, trotz der schönsten Revisionsarbeit dem Polizeistaate entgegenzusteuern. Der Gedanke ist direkt verblüffend, dass in unserem demokratischen Staate dem sogenannten freien Bürger die Polizei als Vormund aufoktroyiert werden darf. Nun weiss man ja zudem, dass Gesetze gewöhnlich dazu da sind, umgangen zu werden. Die staatlichen Organe habon in allererster Linie die Pflicht, dafür zu sorgen, dass diesbezüglich die Volksmoralität keinen Schaden nimmt. Das beste Mittel hiefür ist ein äusserst vorsichtiges Vorgehen im Aufstellen von Polizeigesetzen. Entsprechen die Gesetze u. Vorscrhiften dem allgemeinen Volksempfinden, ja verletzen sie sogar ein bestimmtes Gerechtigkeitsgefühl, so sind sie der Nichtbeachtung und dem Umgehen nui allzu stark ausgesetzt. Eine derartige Einstellung der Volksmentalität gegenüber gesetzlichen Erlassen hat jedoch noch nie gute Früchte gezeitigt. Vor ca. 10 Jahren trug sich in England ein ungefähr gleicher Fall zu wie der, über den das Bundesgericht zu entscheiden hatte. Die Mitglieder des englischen Automobilclubs hatten es sich zur Pflicht gemacht, vor Autofallen zu warnen. Eine Einga.be des bemiseben Kantonalvorstandes des A. G. S. an die Kantonale Polizeidirektion Bern. Bern, im Oktober 1928. Hochgeehrter Herr Regierungsrat '• Mit Rücksicht auf die täglich bei uns einlaufenden Klagen betr. der im Kanton Bern in letzter Zeit wieder überaus zahlreich durchgeführten geheimen Automobilkontroilen, glauben wir nicht unterlassen zu dürfen, heute nochmals diesbezüglich bei Ihnen vorstellig zu werden. Wir haben es stets als unsere Aufgabe betrachtet, in ehrlicher Zusammenarbeit mit den Behörden Missbräuchen und Auswüchsen im Automobilverkehr zu steuern. Wir stehen auch heute noch auf diesem Standpunkte. Wiederholt haben wir jedoch schon darauf aufmerksam gemacht, dass mit geheimen Kontrollen, wie sie im Wie in. der Schweiz schützte das Gericht den Staatsentscheid. Was war die Folge ? Der Automobilclub setzte an allen Verkehrswegen und: Strassenkreuzungen Englands uniformierte Angestellte auf, welche die Mitglieder des Clubs mit einem genau vereinbarten Zeichen vor Automobilfallen warnten. Das war dem gerichtlichen Entscheide natürlich die schönste Nase gedreht. Man führe auch den Schweizer Automobilisten nicht in Versuchung, höre mit den versteckten Automobilkontrollen auf und beschränke sich auf eine technische u. Fahrausweiskontrolle. Stellt man die Polizeiorgane an verkehrsreichen und gefährlichen Strassen und Plätzen auf, so wird der Erfolg auch punkto Geschwindigkeit eintreffen und die Behörden werden in ihrem Vorgehen der Unterstützung aller anständigen Fahrer sicher sein dürfen. K. geheimen Kontrollen. Kanton Bern durchgeführt werden, der gewünschte Zweck, nämlich die Erziehung des Automobilisten, nicht erreicht werden kann, abgesehen davon, dass derartige Massnahmen unseres Erachtens nicht nur einer Behörde unwürdig sind und für den Kanton und das Ansehen unseres Landes überhaupt die schwerwiegendsten Folgen nach sich ziehen können und zweifellos auch nach sich ziehen werden, wenn der heutige Zustand noch länger andauern sollte. Eine ganze Anzahl Kantone hat sich bereits von der Richtigkeit unserer Auffassung überzeugt. Weder Waadt noch Freiburg kennen z. JB. heute noch die geheime Kontrolle. Die Polizeidirektion des Kantons Luzern hat erst kürzlich eine Verordnung erlassen, wonach es sämtlichen Polizeiorganen im Kanton verboten ist, Automobilkontrollen anders als offen und in Uniform auszuüben. Einem in der « Automobil-Revue » vom 28. September 1928 veröffentlichen Interview haben wir entnommen, dass der kantonale Polizeidirektor behauptet hat, dass im Kanton Bern Automobilkontrollen nur durch Polizisten in Uniform ausgeführt würden. Diese Erklärung hat uns, gestützt auf die tagtäglich gemachten Erfahrungen und Feststellungen, nicht wenig erstaunt. Wir sind in der Lage, jederzeit eine Unmenge von Kontrollen aufzuzählen, die festgestelltermassen eben nicht von Polizisten in Uniform durchgeführt worden sind. Da anscheinend dem Polizeidirektor von dieser Tatsache, soweit aus dem vorerwähnten Interview zu schliessen ist, nichts bekannt ist, glauben wir nicht unterlassen zu dürfen, Sie heute nochmals nachdrücklichst darauf aufmerksam zu machen, dass die grosse Mehrzahl aller Polizeikontrollen im Kanton Bern von nicht uniformierten Polizisten gemacht werden. Wenn die kantonale Polizeidirektion überdies der Auffassung ist, dass mit offenen Kontrollen nichts erreicht werde, so mag dies vielleicht in gewisser Beziehung auf den finanziellen Ertrag, den das geheime Kontrollsystem abwirft, zutreffen, nicht aber auf die Strassen- und Verkehrsdisziplin 'überhaupt. Aus welchen Gründen hätten sonst andere Kantone die geheime Kontrolle behördlicherseits abgeschafft und verboten? Ist etwa in Kantonen ohne geheime Kontrolle eine schlechtere Strassenordnung und -disziplin oder eine vermehrte Zahl von Unfällen festzustellen? Wir glauben nicht. Ein Befahren der betr. Kantone beweist vielmehr das Gegenteil. Die geheime Kontrolle birgt, abgesehen von den bereits erwähnten Mängeln, mannigfache Ungleichheiten und Mängel in sich. Ohne näher hierauf einzutreten, sei u. a. nur darauf hingewiesen, dass je schneller ein, Automobil fährt, desto grösser die Möglichkeit ist, von einem hinter Strauch und Busch lauernden Polizeiorgan nicht identifiziert werden zu können. Ausserdem beschränkt sich die geheime Kontrolle nur auf Fahrzeuge mit Schweizernummern. Die Ausländer bleiben unbehelligt, sie können fahren wie sie wollen, den Verkehr und die Sicherheit auf der Strasse gefährden wie es ihnen beliebt, von der Kontrolle erfasst und gebüsst wird nur der Einheimische, der ohnedies im Lande noch seine Bürgerpflichten zu erfüllen hat. Die Polizeidirektion ist der Auffassung, durch Geschwindigkeitskontrollen Unfälle zu verhüten. Wenn auch, unserer Auffassung nach, Unfälle nur durch breitere Strassen und bessere Erziehung des Publikums erfolgreich bekämpft werden können, so sollten dann doch! wenigstens Geschwindigkeitskontrollen, mit denen man Unglücksfälle verhüten will, alle Automobile erfassen und nicht nur einen Teil derselben. Gerade diejenigen Automobile, die vielleicht am allerersten einer Kontrollo bedürfen würden, werden durch die geheim© Kontrolle nicht erfasst. Wenn kontrolliert werden soll — wir haben gegen eine loyale, offene Kontrolle, wie sie anderwärts angewendet wird, niemals Stellung genommen—< glauben wir, dass erstes und grundlegendes Erfordernis einer ernsthaften Kontrolle doch sein sollte, dass alle Fahrzeuge ohne Unterschied von ihr erfasst und dass Ungleichheit ten und Mängel,.wie sie das geheime Kontrolle System birgt, von vorneherem ausgeschaltet werden. Diese Gewähr bietet nur die offene Kontrolle. Wir haben bereits eingangs bemerkt, dass von allen Seiten Klagen gegen das im Kanton Bern ausgeübte Kontrollsystem laut werden. Diese Klagen haben sich in der letzten Zeit derart verdichtet, dass sie nicht ungehört bleiben dürfen. Wir haben uns, im ehr- Sfr Michaels Abenteuer. N • Roman Ton K. 0. R. Browne. Copyright 1928 by Georg Maller. Verlag. München. (46. Fortsetznng) Der kleine Zweisitzer sauste weiter. Lady Fairlie war nicht böse über die Wendung, denn sie wünschte mit ihren Gedanken allein zu sein. Aber das war ihr nicht lange gegönnt, denn bald bemerkte sie ein grosses Auto, das ihr mit voller Geschwindigkeit entgegenkam. Sie schaute es müssig an, fuhr zusammen, runzelte die Stirn und schaute genauer hin. Zweifellos war es ihr eigenes Auto, das, in dem ihr Bruder nach dem Bahnhof gefahren war. Nun hielt es an ihrer Seite, und das behaarte Antlitz Mr. Moons erschien am Fenster. Lady Fairlie hielt gleichfalls und schaute ihren Bruder erstaunt an. «Joseph, was machst du hier?» Mr. Moon stieg ab und näherte sich ihr. Durch das Bartgestrüpp sah sie einen sonderbaren Ausdruck auf seinem Gesicht. «Ich war schon beinahe am Bahnhof,» sagte Mr. Moon, «als ich bemerkte, dass ich meine Pfeife — meine Lieblingspfeife — zurückgelassen hatte. Ohne meine Pfeile kann ich Mrs. Smith-Saunders nicht malen, also kehrte ich um. Du warst weg und Crump sagte' mir, du seiest nach Sharrowby gefahren. Also veranlasste ich den guten Jakson, mich herzuführen.» «Aber warum, Joseph?» Mr. Moon kraute sich den Bart. «Bist du in Lindley-Haus gewesen, Karoline?» «Ja.» «Hast du Mike gesehen?» «Ja.» «Bist du dessen sicher?» Seine Schwester starrte ihn an. «Wie meinst du das, Joseph?» «Wieso wusstest du, dass es Mike war? Hast du ihn selbst erkannt oder wurde er dir von jemand vorgeführt?» «Mrs. Bytheway hat ihn zu mir gebracht, natürlich. Aber wirklich, Joseph, ich verstehe nicht » «Ein grosser brünetter junger Mensch?» sagte Mr. Moon, «schwarzes Haar, Adlernase und so weiter? Wadenstrümpfe?» «Ja, natürlich. Was? » «Mike,» sagte Mr. Moon, «hat keine Wadenstrümpfe.» Lady Fairlie schaute ihn erstaunt schweigend an. «Das», sagte Mr. Moon, «war nicht Mike.» Eine Pause. «Joseph,» sagte Lady Fairlie kalt, «hast du getrunken?» «Wann immer möglich,» gab Mr. Moon zu, «aber in diesem Falle hat nicht Trunkenheit, sondern Stellvertretung stattgefunden.» Lady Fairlie war gänzlich verwirrt. «Es tut mir leid, Joseph, aber ich verstehe gar nichts. Möchtest du mir nicht langsam und deutlich sagen, was du meinst?» Mr. Moon kroch zu ihr ins Auto und setzte sich. «Höre!» sagte er. Und Lady Fairlie hörte zu, während er die ganze Geschichte von Sir Michael Fairlie, sechstem Baron in der Ahnenfolge, von dem Augenblick seiner Ankunft im Atelier bis zu Mr. Moons Abreise von Lindley-Haus erzählte. Sie hörte schweigend und mit ausdruckslosem Gesicht zu; erst als er die Erzählung beendete, sprach sie und dann etwas Unerwartetes./ «Ich bin sehr froh», sagte sie. «Wie?» «Mir hat dieser Mensch nicht gefallen», sagte Lady Fairlie nachdenklich. «Es war etwas nicht in Ordnung mit ihm. Ich bin froh, dass er nicht Michael ist... Joseph, das ist eine ganz aussergewöhnliche Geschichte. Wenn ich nicht wüsste, dass du es nicht kannst, würde ich glauben, du habest sie erfunden. Michael muss ein ausserordentlich ungestümer Mensch sein.» «Das ist er. Aber es ist das richtige Ungestüm, und er hatte eine Entschuldigung, Karoline.» «Du meinst das Mädchen? Oh!» sagte Lady Fairlie plötzlich. «Ist sie blond, mit einer guten Gestalt und einem etwas traurigen Gesicht?» «Mehr oder weniger. Warum?» «Ich habe sie gesehen. Ich wollte, ich hätte es damals gewusst. Nun, ich sollte wohl sehr böse auf Michael sein, und ich bin es natüf-* lieh auch. Aber ich bin so froh, dass dieser Mensch nicht er ist — oder er dieser Mensch. — Was sollen wir jetzt tun?» «Ich glaube,» sagte ihr Bruder grinsend, «das beste ist, wir gehen nach Lindley-Haus, machen reinen Tisch und holen den verlorenen Sohn heim — mitsamt dem Mädel, wenn er ohne sie nicht geht.» «Ja,» stimmte Lady Fairlie zu, «das wird am besten sein. Der Kirchenbau-Fonds muss sich ohne mich behelfen. Ich muss mit diesem Mädchen sprechen.» Also wandte sich der kleine Zweisitzer wieder Lindley-Haus zu, den grossen Wagen im Gefolge. Mr. Moon verkürzte den Weg, indem er noch einiges zu seiner Erzählung nachtrug und die vielen genauen Fragen seiner Schwester beantwortete. Als sie das Gittertor von weitem sahen, machte er eine tiefsinnige Bemerkung. «Dies», sagte er, wird Mrs. Bytheway in Herz und Nieren treffen.» «Du brauchst deshalb nicht roh zu werden, Joseph», rügte Lady Fairlie. «Und nach dem, was du mir erzähltest und was ich selbst ge hen habe, glaube ich, wird es ihr sehr gut tun.» (Fortsetzung flieh« im Autlei-Feierabend)