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E_1929_Zeitung_Nr.008

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u AUTOMOBIL-REVUE

u AUTOMOBIL-REVUE 1929 — N° 8 ANDRE CITROEN, der französische Autokönig. 1902 gab es in Paris einen kleinen Industriellen, der Zahnräder fabrizierte, ein noch ganz junger Mann und frisch vom Polytechnikum gekommen. Er hatte zehn Arbeiter und einen Zeichner angestellt. Weder Ingenieure, Buchhalter, Sekretäre noch irgendwelche andere Angestellte. Er dirigierte die Werkstätte, überwachte die Maschinen, kaufte das Rohmaterial, führte die Bücher und war sein eigener Reisender. Im ersten Jahre verdiente er fünfzehntausend Francs, nach vier Jahren hunderttausend. Er war kaum dreissig Jahre alt, als man ihn bat, dio Automobilgesellschaft Mors zu reorganisieren. Nach kurzer Zeit produzierte die Fabrik 1200 Wagen an Stelle von bisher 125. Dies geschah in der Vorkriegszeit. Damals schliefen die grossen Zahlen noch. Dann kam der grosse Krieg. Munition fehlte überall. Was gibt es einfacheres, als welche herstellen, sagte sich der Artillerielieutenant Citroen. Als er seinen ersten Urlaub erhielt, präsentierte er sich dem Artilleriecgeneral Bacquet. Er erbot sich, eine Fabrik einzurichten, die imstande sei, täglich zwanzigtausend Granaten zu produzieren und später fünfzigtausend, wenn man wolle. Man fand das sichtlich übertrieben; besonders wenn man überdachte, dass aus sämtlichen Werkstätten Frankreichs zusammen nur fünfzehntausend hervorgingen. Ausserdem hätte Citroen erst eine Fabrik bauen müssen und dies in welcher Zeit? Als man ihm Fragen stellte, lächelte er. Er verlangte nichts weiter als eine Bestellung. Er verpflichtete sich ohne weiteres für die Lieferung; und so willigte man ein. Er erwarb sofort am Quai Javel, am Ende von Paris, grosse Terrains, auf denen man bisher Kohl und Rüben pflanzte. Von nun an sollten hier Schrapnelle wachsen. In sechs Wochen standen die Werkstätten fix und fertig da. Citroen montierte tausend Werkzeugmaschinen, die er aus Amerika kommen Hess. Dann häuften sich Tonnen amerikanischen Stahls in den ehemaligen Gemüsegärten an. Nach wenigen Monaten war die erste Tonuollendetste Instrumente in relativ massiger Preislage 5SÜSS RAMSPECK ZURICH Theatersfr. 16, Zürich von Fr. 20,—an » . 120.— „ „ ,, uo.-„ bis zu den vollkommenen, neuen, selbstgebauten und alten Heister-Instrumenten in grösster Auswahl und zu vorteilhaften Preisen u. Bedingungen. Vom Guten das Beste In: Saiten, Bogen, Etuis, Deberzöp, Pullen etc. Gitarren, Lauten, Zithern. — Kataloge frei. — 1 Illustr. Prei8l. Nr. 61 gratis u. verschl. verlangen! EVIlttltn Illiapftll .weprumi •-. nunn«Brnn uummi i»t jetzt ungezogen waren nach (1910-1927 3^» ,,-j im Ifliiinn«»»CQ seeieM) OoiBiien. FromnTs Artete Tel. Sein. 21.02 uul.LUWBUHl.JQ TAPETEN IIGESCHÄFT RHEUJJIR ST.GAUEN.WEBERGASSE lodemej JÜLÜil FÜR JEDEN ZWECK DAS PASSENDE DESSIN Granatenernte bereit. Erst täglich zehntausend, dann fünfzehn-, zwanzigtausend. Von allen Seiten und alliierten Ländern kam man, um diese erstaunliche Pflanzung zu besichtigen, die wie unter dem Zauberstab eines* Magiers aus dem Boden geschossen war und immer mehr Hektare in Anspruch nahm. Dreizehntausend Arbeiter. Die von Citroen angekündigte Zahl war bald überschritten. 55,000 Granaten verliessen täglich diese Modellfabrik, die bald überall kopiert wurde. Was wird nach dem Kriege aus den Ateliers? Automobile? Man glaubte erst an einen schlechten Scherz. Das Auto ist ein Luxus, die Granate leider nicht. In dem verarmten Frankreich wird man keine Käufer finden. Was wird aus den Arbeitern? In Amerika? Schön; aber wir sind nicht in Amerika. So sprachen die erfahrenen Leute und fügten hinzu, dass Citroen zu intelligent sei, um nicht ebenso zu denken. Indessen hörte Citroen im März 1919 auf, Granaten zu fabrizieren und begann tatsächlich mit dem Automobübau. Anfangs produzierte er dreissig Wagen pro Tag. Heute ist er imstande, tausend in vierundzwanzig Stunden zu liefern. Er ist klein und hat ein rundliches Gesicht. Die grosse Hakennase der Eroberer fehlt ihm. Und das eckige Kinn, das man Willensmenschen nachsagt, wird man vergeblich bei ihm suchen. Er sieht gar nicht so aus, als ob er Citroen wäre. Er ist sozusagen Citroen inkognito. Bei näherer Betrachtung fällt sein Blick auf. Man weiss nicht, sind seine Augen blau pder braun? Aber sein Blick hat eine fatale Durchdringungskraft und strahlt eine ausserordentliche Kälte aus. Es ist der Blick eines Mannes, der alles sieht. Tatsächlich entgeht Citroen in seinen riesigen Fabriken täglich nicht die geringste Kleinigkeit. Er kennt das letzte Detail. Jeden Nachmittag durchläuft er die ganzen Räume. Von der Zeit her, als er zehn Arbeiter und einen einzigen Zeichner überwachte, behielt er die Gewohnheit der persönlichen Kontrolle. Die Aerzte empfehlen den Fussmarsch als bestes Mittel für die Erhaltung der Jugendlichkeit. Wenn sie sich nicht täuschen, wird Citroen sehr alt werden, denn er legt in seinen Fabriken täglich fünfzehn Kilometer zu Fuss zurück. So unterhält dieser Vorkämpfer des mechanischen Motors seinen eigenen menschlichen Motor. Um 9 Uhr morgens trifft er am Quai Javel ein, wo die Bureaus sind. Post, grauenhafte Post. Die Sekretäre haben sie geöffnet und präsentieren Brief um Brief. Er überläuft mit einem Blick das Resümee jedes Briefes und schreibt seine Anmerkung hinein, was zu geschehen hat. Keine Scheuerfrau wird ohne sein Wissen eingestellt und ohne seine Randbemerkung: Einverstanden. A. C Dann kommen die Besucher. Nachher begibt er sich in seine Schmieden nach Clichy oder in seine Ateliers von Saint Quen. Um 2 Uhr ist er zum Frühstück zurück. Dann beginnt das Programm vom Vormittag wieder. Ausserdem sieht er nach den Fabriken von Grenelle und Gutenberg. Dann erst kommt der Privatmann Andre Citroen zu seinem Recht. Soll man ihn beneiden? Wir alle, die ihn kennen, glauben ihn glücklich, weil er ein Schöpfer ist, und sein Glück bedeutet Schaffen und Erzeugen. Wahrscheinlich möchte «Das nenne ich gut bezahlt! Aber geraubtes Geld!» rief Dr. Gallus, setzte sich an seinen Schreibtisch und überlegte. Aus seinem friedlichen Doktordasein war er plötzlich in ein Abenteuer verstrickt worden, war er in Gemeinschaft gekommen mit den gemeinsten und gerissensten Verbrechern des' letzten Jahrzehntes und man hatte ihm Schweigepflicht auferlegt. Dass er sich daran, trotz der grausigen Drohungen, nicht kehren würde, war ihm ohne weiteres klar. Er überdachte alles noch einmal und merkwürdig, das schöne Mädchen mit den dunklen, so rätselhaft leuchtenden Augen stand lockend und auch mahnend vor seinem Sinn und ihm war, als wäre eine gewisse, geheime Macht von diesen Augen auf ihn übergegangen. «Ich möchte sie noch einmal sehen!» dachte er unwillkürlich, .aber dann riss er sich zusammen, ergriff den Fernsprecher und läutete das Polizeipräsidium an. Aber so sehr und so oft er auch rief, es meldete sich niemand. Da wurde ihm offenbar, dass die Verbrecher in weiser Vorausrechnung ihm die Telephonleitung zerstört hatten. Am andern Morgen, als Dr. Gallus gegen acht Uhr in sein Ordinationszimmer trat, das nach wie vor der Patienten harrte, erschrak er nicht wenig. Eine Fensterscheibe war zertrümmert, und unter den verstreuten Glassplittern auf dem Fussboden lag ein faustgrosser Knäuel, der sich als ein Stück weisses Papier, das um einen Stein gewickelt war, erwies. Und auf dem Zettel stand in lakonischer Kürze: .«Wir warnen Sie nochmals!» keiner von seinen Arbeitern mit ihm tauschen, wenn man ihn genau informieren würde. Er aber, die Freude kostend, das erreicht zu haben, was er sich wünschte, den Stolz, die mittleren Lebensbedingungen gewechselt zu haben und ein wichtiges Rad in der sozialen Maschine zu sein, raucht nicht, trinkt nicht und isst wenig, läuft wie ein Landbriefträger. Wenn er sich glücklich fühlt, so ist er es durch den Intellekt, durch den Kopf. „LLOYDIÄDE". Es ist kaum glaublich, was aus einem kleinen unscheinbaren Kaffeehausbesitzer alles werden kann! Da hauste um 1690 herum in London, und zwar ausgerechnet in der Towerstreet, ein Herr Edward Lloyd. Herr Edward Lloyd betrieb dort eine kleine Gastwirtschaft, in der sich alles, was irgendwie mit Salzwasser zusammenhing und soweit es auf zwei Beinen zu gehen vermochte, zusammen traf. Aber nicht nur Matrosen und Steuermänner, auch Kaufleute fanden sich in dem Lokal des Herrn Lloyd ein, und sie alle tauschten ihre Erfahrungen aus, über den Lauf der Geschäfte und den Wandel der Zeiten. Herr Edward Lloyd war bestrebt, seine Kundschaft sorgsam zu befriedigen, dabei vergass er aber nicht, von den Erfahrungen anderer Nutzen zu ziehen, und zwar in einer Art und Weise, die niemanden schaden, sondern im Gegenteil nur ihm und andern zum Wohl gereichen konnte. Eines muss festgestellt werden, er hatte vermutlich ein fabelhaftes Gedächtnis. Wenn am hinteren Tisch die Matrosen der «Queen Anne» über Grosse, Alter und Bauart ihres Schiffes verhandelten, so hackten sich die wichtigsten Eigenschaften der «Queen Anne» im Gedächtnis des Herrn Edward Lloyd ein. Da hätte man noch lange nachher kommen können, um über Beschaffenheit dieses Schiffes sichere und zuverlässige Auskunft zu erhalten. Oder wenn etwa am Tische rechts einige Kaufleute über die Verschiffungsmöglichkeit ihrer Güter verhandelten, so durften sie sicher sein, in Herrn Edward Lloyd einen sachkundigen Ratgeber zu finden. Kurzum, Lloyd entwickelte sich zu einer Art Brockhaus oder Meyer für Seeleute. Wollte man etwa wissen, wann dieses oder jenes Schiff eintreffe, was für Mängel das dritte aufweise, immer waren bei Lloyd die ersten Nachrichten erhältlich. Er wusste aber auch seine Sache praktisch anzufassen und gab 1696 die Lloyds News heraus, die dann 1726 unter dem Namen Lloyd List erschien und seit 1834 als Lloyds register of British and foreign shipping herauskommt. Es ist das Verzeichnis aller Schiffe mit der Angabe aller derjenigen Eigenschaften, die für den Verfrachter von Nutzen sind. Dass unter solchen Umständen die Kaffebude an der Towerstreet bald zu klein wurde, ist leicht verständlich, und Lloyd siedelte 1692 in die Lombardstreet über. Nennen sie mir ein Volk, dem das Wetten mehr im Blute liegt als dem Engländer! Das Wetten ist ein englischer Nationalsport, so gut wie das Fussballspiel. Diese englische Eigenart hat Lloyd erfasst und darin liegt eine weitere Begründung seines Aufstiegs, denn bei Lloyd wurden Wetten angenommen, die der Unverfrorenheit und Waghalsigkeit des englischen Charakters in diesem Punkt entsprachen. Da wurde auf die unglaublichsten Dinge eingetreten, ob das Wetter in einem bestimmten Zeitpunkt günstig sei, ob man auf eine in Aussicht stehende Erbschaft In diesem Augenblick warf der Zeitungsträger die Morgenzeitung durch den Briefkastenspalt der Tür. Hastig ergriff Dr. Gallus das Blatt und las in mächtigen Lettern auf der ersten Seite: '• 10,000 Mark Belohnung. Mord und Raub in der Aegidistrasse. Professor Frobenius ermordet, der Wachhund erschossen, die Villa ausgeraubt. Auf dem Körper des entseelten Professors lag eine schwarze Chrysantheme. Von den Tätern fehlt wieder jede Spur. Stadt und Staatsanwaltschaft setzen 10,000 Mark Belohnung für Ergreifung der Täter aus. Dr. Gallus stürzte hinaus, zog sein Motorrad aus dem Schuppen, kurbelte an und fuhr davon, Richtung Villenviertel und Aegidistrasse. Er hoffte, dort Kriminalbeamte zu finden, denen er seine nächtlichen Erlebnisse, die ohne Frage mit dem Verbrechen zusammenhingen, berichten wollte. Aber schon nach wenigen Metern Fahrt fühlte er, dass man ihn verfolge. Ein Rennauto war ihm, wohin er auch lenkte, auf den Fersen, und in der unendlich langen, menschenleeren Wettinstrasse überholte ihn der Wagen, ein Mann in langem, offenbar falschem Barte sprang heraus, breitete weit die Arme aus und zwang so den Doktor, zu stoppen. Dann rief er ihm zu: « Sie sind im Begriff, Ihr Leben zu riskieren, Herr Doktor! Sie wollen nach der Aegidistrasse! Wir warnen Sie ein letztes Mal! Sie werden überwacht! Der geringste Versuch, uns zu verraten, kostet Sie Ihr Leben. Sie wissen, was uns ein Menschenleben bedeutet! > — Liebstor Vater, Herbert und ich lieben UBS, und wir wollen uns deine Einwilligung erbitten. Wir sind schon vier Wochen verheiratet und sind überzeugt, dass wir glücklich sein werden. rechnen könne, alles dies wurde angenommen, weil Lloyd mit grösster Kaltblütigkeit den Grundsatz verfolgte, keine Wette abzulehnen. Erst als ein scharfes Gesetz gegen das Wetten erlassen wurde, zog sich Lloyd auf sein ureigenstes Gebiet zurück, auf die Seeversicherung, und da hat er sich denn auch zu einer Weltfirma entwickelt, die schon im Jahre 1800 etwa 600 Agenturen in aller Herren Länder unterhielt, die ihm alles und jedes in bezug auf die Seeschiffahrt kund und zu wissen taten. Aus Lloyd war ein Begriff, eine Macht geworden, und es kommt nicht von ungefähr, wenn die Firma Lloyd vor kurzem in ein neues, grosses Gebäude umziehen musste, das mit seinen unzähligen Bureauräumlichkeiten in Leadenhallstreet nur wenig an das düstere Kaffeehaus von ehemals erinnert. Aber eines ist gleich geblieben, das Lloydsche Versicherungssformular zeigt immer noch den Stempel und die Zeichnung von anno dazumal, die moderne Typographie hat da noch kein Feld für Verbesserung gefunden, und über Welt und Meer hinaus flattern die Versicherungsverträge mit dem altmodischen Wappen des Kaffeebudenbesitzers Herrn Edward Lloyd selig. —o~ Marc Aureis Taxameter. •Ben Akibas Wort, dass alles schon dagewesen sei, gilt auch für den modernen Taxameter. Ein chinesisches Buch, das sich in der Pariser Nationalbibliothek befindet, enthält recht bemerkenswerte Einzelheiten über den Mechanismus eines Wagens, der vor 950 Jahren von Lu Tao Lune, einem chinesischen Gelehrten, zu dem Zwecke konstruiert worden war, eine durchlaufene Strecke zu registrieren. Die Erfindung des Taxameters geht jedoch auf viel frühere Zeiten zurück; denn schon im Besitz des Kaisers Marc Aurel, des Philosophen auf dem römischen Kaiserthron, befanden sich Wagen mit einem durch die Drehung der Räder betätigten Zählapparate, 1 dessen sinnreicher Mechanismus in der Weise arbeitete, dass in regelmässigen Zeitabständen kleine Kieselsteine in einen bronzenen Kasten fielen. Jeder dieser kleinen Steine stellte eine Anzahl Wagendrehungen dar, von denen jede tausend Schritte zählte. Am Bestimmungsort angelangt, brauchte man nur die Kieslesteine zu zählen, um die zurückgelegte Entfernung zu berechnen. Sprach's, sprang in sein Rennauto und saust© rasendschnell davon, und der Doktor konnte sich nur noch die Nummer S 3456 merken, die natürlich fingiert war. Zähneknirschend bestieg Dr. Gallus sein Motorrad und fuhr verzweifelt heim. Ihm war nun klar, dass er trotz der furchtbaren Drohungen der Chrysantheme - Menschen nichts unversucht lassen durfte, die Staatsanwaltschaft zu benachrichtigen. Aber wie, ohne dass seine Wächter es merkten?! Er setzte sich an den Schreibtisch und in einem langen, ausführlichen Schreiben berichtete er dem Polizeipräsidium das Erlebte, und als wenig später seine Aufwartefrau zur Morgenarbeit kam, übergab er ihr den Brief und befahl ihr, das Schreiben in den Briefkasten zu werfen. Aber schon nach wenigen Minuten kam die Frau zurück, zitterte am ganzen Leibe und stiess hervor: « Herr Doktor, der Brief ist weg! Denken Sie, als ich an die Ecke kam, rannte mir ein Mann entgegen, rempelte mich so heftig an, dass ich stürzte, und im Fallen verlor ich den Brief! Was tut der Bursche? Er stiehlt mir den Brief und rennt damit davon! » Da sprang der Doktor auf und stiess ein krankhaftes Lachen aus. Als die Frau gegangen war, lief er mit grossen Schritten im Zimmer auf und ab und hielt dabei einen Monolog: «Gut! Das Schicksal will es so! Nichts zu machen! Ich bin ein Gefangener, stehe unter Polizeiaufsicht, nur dass meine Polizei eine glänzend organisierte Verbrecherbande ist. Ich werde in der Sache

N°8 — 1929 AUTOMOBIL-REVUE 15 Eisengasie 16 Zürich 8 GENIE UND WÄHNSINN unsere russisch-türkischen Bäder, einzig in der Schweiz in dieser Art, mit Heissluft- und Dampfschwitzräumen, Massagen, Duschen, Kalt- und Warmwasser-bchwimmbassins, Liegesaal, eignen ticli vorzüglich iür Sport und Körperpflege, sind starke Förderer d?r Gesundheit und bekannt als beste Vorbeugung gegen Erkrankungen. Sie gelten vor allem auch als allbewährtes Mittel zur Heilung von akuten Katarrhen der Luftwege, Rheumatismen, Hexensciiuss etc. Beim russisch-türkischen Bad, als energische bc iwiizprozedur tmdet durch die allgemeine Anregung der Stoffwechselvorgänye nicht nur eine Gewichtsabnahme durch Wasserverlust statt, sondern es kann tatsächlich eine Eiweisszersetzung und ein Fettverlu^t konstatiert werden. Daner sind die russisch-türkischen Bäder auch ein ausgezeichnetes Mittel gegen Fettleibigkeit. Neben un«e r n übrigen SpeziallH'bädern, wie Kohlensäure-, elektrische Glühlichtbäder etc., machen wir Sie namentlich auch auf unsere elektrischen Lohtanninbäder aufmerksam, die als galvanisches Vollbad bei rheumatischen und neuralgischen Leiden vorzüglich wirken und bei schwerer Ischias, Gicht, chron. Muskel- und Gelenkrheumatismus überall ärztlich empfohlen werden. l*diirude1bix>loxx2.iexvtes, gescliultes Personal Einem berühmten amerikanischen Neurologen und Psychiater erging es ähnlich. Er besuchte eine Irrenanstalt und wurde dort vom Direktor selbst, soweit es dessen Zeit erlaubte, herumgeführt. Als der Neurologe fortgehen wollte, fragte ihn der Direktor, was er Heiter-ernste Anekdoten. Als jemand in Gegenwart Oscar Wildes eine Stelle aus einem Buche von Max Nor-über die Anstalt denke. dau zitierte, die besagte, dass alle genialen Menschen an der Grenze des Wahnsinns ständen, entgegnete Wilde: «Es kann sein, dass alle Genies Irre sind, aber was ist in diesem Falle die Menschheit, wenn andere Menschen Idioten sind? » Dieses Wildesche Paradox wird durch drei Anekdoten vortrefflich illustriert, die gerade, weil sie zu verschiedenen Zeiten bei verschiedenem Völkern und sogar in verschiedenen Erdteilen spielen, ihre Beweiskraft um so mehr steigern. Es ist alles grossartig. Aber einer Ihrer Kranken interessierte mich am meisten. Als ich einen Teil Ihrer Anstalt allein besichtigte, traf ich einen Geisteskranken, der einen aschgrauen Hut und einen grauen Anzug trug. Ich begann mit ihm eine Unterhaltung, und er legte mir einige Fragen vor, die mich geradezu verwunderten. Es ist sicherlich der tollste Fall von Irrsinn, den ich bisher im Leben getroffen habe! — Aber, verehrter Professor, sagte der Direktor, Sie irren, das ist kein Geisteskranker. Beginnen wir mit der ältesten. Als Ale-Daxander von Humboldt (1769—1859) in Paris hier weilt, um für seinen neuen Roman Stu- ist der bekannte Schriftsteller R., der weilte, äusserte er dem Arzt Blanche den dien zu treiben. Er ist vollkommen gesund! Wunsch, in Gesellschaft eines Irren zu Der Professor schüttelte den Kopf, rückte speisen. die Brille zurecht, sprach noch eine Weile, « Nichts einfacher als das,» entgegnete der verabschiedete sich und ging. Kurz darauf bekannte Irrenarzt, «dann machen Sie mir bitte das Vergnügen, speisen Sie morgen bei mir.» «Sehr gern.» Am nächsten Tage sass der berühmte Gelehrte am Tisch des Arztes und ihm gegenüber sassen zwei einander ganz unbekannte Gäste. Der eine war ganz in Schwarz und hatte eine weisse Krawatte. Sein Blick war kalt und der Kopf kahl. Er ass und trank, ohne ein Wort zu sprechen. Der andere hatte zerzaustes Haar, einen abgetragenen Anzug, ass ruckweise und erzählte zwischen je zwei Bissen die verschiedensten Geschichten aus allen Zeiten und allen Ländern. Nach dem Dessert neigte sich Humboldt zu seinem Gastgeber, zwinkerte mit dem Auge und flüsterte ihm ins Ohr : — Ich danke Ihnen, Ihr Irrer hat mir nicht wenig Spass bereitet. — Wie denn? Er hat doch gar nichts gesprochen. Der, der so viel geschwatzt hat, ist kein Irrer. — Wer ist er ? — Sie kennen ihn nicht? Honore Balzac. * * * nichts weiter unternehmen. Man hat immerhin nur ein Leben.» In diesem Augenblick sauste wieder ein Steinknäuel durch die Fensterscheibe, und als der Doktor blitzschnell an das Fenster trat, sah er noch, wie eben ein Mann mit raschen Schritten davoneilte. Der Doktor mit einem Satze zum Fenster hinaus — er wohnte ia im Erdgeschoss — und dem Flüchtenden nach, aber an der nächsten Strassenecke war der Fremde bereits unsichtbar, wie versunken im Erdboden. Enttäuscht und wütend kehrte Gallus zurück, hob die Steinpost auf und las: « Todesurteil! Da Sie unserem Befehle nicht folgen, werden Sie, wo es auch sei, getötet werden.» Und als Unterschrift der Abdruck einer schwarzen Chrysantheme. Da lachte der Doktor auf, steckte alles: die beiden Steine, beide Zettel, das Couvert mit den drei Hundertern und die in der Nacht erhaltene Chrysantheme zu sich und verliess das Haus. Ein grimmer Humor hatte ihn gepackt, dessen Grundstimmung war: entweder verdienst du dir jetzt die zehn Mille oder gehst ab. Unangefochten kam er bis zur elektrischen Strassenbahn, zwang seine Nerven, sich nicht zu kümmern, ob irgend jemand ihm folge, bestieg die Strassenbahn und fuhr bis zum Mühle Tram Sccfcld 4 und 10 (Haltestelle Kreuzstrasse) Tel Täglich für Damen und Herren 8 12, 137-1® Uhr Automobilisten sorgt für Eure Gesundheit, schützt Euch vor Krankheiten! Besitzer und leitender Arzt: Dr. nted. Adrian Eichtensfeiger Beethovenplatz, wo sich das Polizeipräsidium befand. Als er eben in die Tür des Gebäudes einbiegen wollte, kam in scharfem Schritt ihm ein Herr entgegen und drückte ihm einen Zettel in die Hand und zischte: «Lesen Sie das!» Und im Nu eilte der Fremde weiter, während Dr. Gallus unwillkürlich auf den Zettel blickte. Da stand, hastig hingeworfen, mit Bleistift geschrieben: «Wenn Sie dieses Gebäude betreten, fliegt es augenblicklich in die Luft!» Schnell schob Gallus den Wisch in die Tasche und blieb überlegend vor dem Hause stehen. In diesem Augenblick rief ihn jemand an: «He, Doktor, so tiefsinnig? Sie wollen sich wohl gar die zehn Mille verdienen und haben keinen Mut dazu?! » Erwin Wacht, der immer fidele Baumeister, war es, den Gallus von München her kannte, wo sie zusammen während der Studienjahre in einer Studentenklause, bei Mutter Klee, gewohnt hatten. « Ach, Sie sind es, Klee! Das ist fein, dass ich Sie mal treffe. Wohin wollen Sie denn? » stürzte in das Zimmer des Direktors hocherfreut der Schriftsteller R. — Herr Direktor, rief er aus, ich bin überglücklich! Endlich fand ich das, was ich suchte! Vor einer halben Stunde lernte ich einen Geisteskranken kennen, der sich glänzend zum Helden meines Romans eignet. Ein grosser, hagerer Herr, mit Brille und Zylinder! — Aber Verehrtester, sagte der Direktor, das ist ein Missverständnis! Das war kein Geisteskranker. Es war der weltbekannte Neuropathologe, der mein Institut besuchte. Wer von beiden hatte recht? * » * Hierher gehört auch ein Erlebnis, das Lloyd George hatte, als er noch Finanzminister war. Eines Abends kehrte er mit dem Auto in sein Heim in Surrey, in der Umgebung Londons zurück. Der Chauffeur hielt den Wagen an, um die Lampen anzuzünden. Lloyd George, der bekanntlich sehr pedantisch war, stieg gleichfalls aus und sah nach, ob auch die rückwärtigen Lampen gut leuchteten. Der Chauffeur, der das Aussteigen seines Fahrgastes nicht beachtet hatte, sprang in den Wagen und fuhr, ohne Zeit zu verlieren, davon, während das verzweifelte Rufen des Ministers die klassische Stimme des Rufenden in der Wüste blieb. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als nach Philosophenart zu Fuss heimzukehren. Als er die fünf englischen Meilen, die ihn von seinem Heim trennten, auf diese Weise zurückzulegen begann, stiess er auf ein mächtiges Gebäude, das hell erleuchtet war. Hier hoffte der Minister, Unterkunft oder Fahrmöglichkeit zu finden. Am Eingang stiess er auf einen riesigen Portier, dem er sein Abenteuer erzählte. — Ich bin der königliche Finanzminister. — Gut, gut, brummte der Portier, wir haben hier schon sechs drin. Warten Sie einen Augenblick. Ein Blick in das Gesicht des Wächters, eine kurze Ueberlegung und plötzlich stand Lloyd George alles klar vor Augen. Er erinnerte sich, dass dieses Gebäude... das Pravinzialirrenhaus sein musste. Keinen Unsinn — verlassen wir die gastliche Stätte — sagte Lloyd George und machte sich so schnell als möglich aus dem Staube! «In das Maskenverleih-Institut! Heute nach des Doktors Herz und flüsterte: « Rache abend bin ich zu Ambrosius geladen, grosse der schwarzen Chrysantheme! » Doch es Sache, Maskenball! Wissen Sie was, Siewar ein Fehlstoss! Dr. Gallus Stunde war könnten eigentlich mitkommen, wen ich im noch nicht gekommen! Als der Dolch die Hause Ambrosius einführe, der ist dort stets Brust des Ahnungslosen erreichte, traf ihn ein willkommen, sind an die 200 Gäste geladen, übermütig geworfener Konfettiball so hart an da kommt es auf einen mehr oder weniger das Auge, dass er zurückwich, und der Dolch nicht an! » verfehlte sein Ziel. Mit einem leisen Aufschrei Dr. Gallus atmete auf und liess sich überreden, den Abend mit im gastlichen Hause riss sich los und entkam im Gewühl der fasste Gallus der Zigeunerin Hand, aber sie des Geheimrats zu verleben. Er suchte sich Gäste. Der Arzt folgte unmittelbar, erreichte im Maskenhause eine Ritterrüstung aus, speiste dann ausgiebig mit Klee im Ratskeller und war geradezu glücklich, unterzutauchen und auf andere Gedanken zu kommen. Gegen Abend kehrte er heim, zog sich um, legte über die Rüstung seinen grossen Wettermantel an, bestieg sein Motorrad und fuhr zu Klee, holte JUSTICIÄ ÄMERICANÄ. (Wie man in einem Chicagoer Kriminalgericht mit einem Mörder «kurzen Prozess» macht.) Personen: Honored Jobholder, Richter des Kriminalgerichts; Flfty O'Fifty, Vertreter der Anklage; Smooth Mc Gannef, Verteidiger; Marco Stiletto alias Bloody Wop, Angeklagter. Erster und einziger Akt. Fifty O'Fifty : «Angeklagter, Sie werden beschuldigt, den Bäckermeister William Smith in der Nacht vo-m 3. auf den 4. Dezember 1928 ermordet und beraubt zu haben. Bekennen Sie sich des Raubmordes schuldig oder nicht ? » Bloody Wo: « No, no, nix schuldig.» Smooth Mc Gannef : « Wenn der hohe Gerichtshof gütigst gestatten wollen, möchte ich Monotonie eines langwierigen Geschworenen-' Prozesses ersparen. Er ist daher bereit, sich schuldig zu bekennen. Allerdings nicht des Raubmordes, sonders eines anderen, etwas leichteren Verbrechens.» Bloody Wop : « Si, Signor, Io buono Americano, Evviva Chicago ! » Richter Jobholder: «Welchen Verbrechens will der Angeklagte sich schuldig bekennen ? » Smooth Mc Gannef : « Wie dem hohen Gerichtshof nicht unbekannt sein dürfte, hatte mein Klient das Unglück, sechs Schüsse aui den, Bäckermeister William Smith aozugeben, die sämtlich trafen. Dies geschah zur Nachtzeit. Bedenken Sie, hoher Gerichtshof, welchen Lärm das Geknatter von sechs Schüssen zur Nachtzeit macht. Mein Klient bekennt sich deshalb der nächtlichen Ruhestörung schuldig.» Richter Jo-bholder : « Ist der Vertreter der Anklage damit einverstanden ? » Fifty O'Fiity: «Selbstverständlich, wir haben noch zehn andere Fälle heute morgen, Herr Richter.» Richter Jobholder: «Angeklagter Marco Stiletto alias Bloody Wop. Stehen Sie auf! Da Sie auf einen Prozess wegen Raubmordes verzichten, bekenne ich Sie der nächtlichen Ruhestörung - schuldig und- verurteil« Sie kraft meines Amtes zu fünf Dollar Geldstrafe. Lassen Sie sich gewarnt sein! Der nächste ! » (Chic. Post). Dr. Leo Koszella. Die Dernier-cri-Schutzvorrlchtuno. Der Verkäufer: «Diese neue Einrichtung pickt den unvorsich- einige Worte sagen : Mein Klient ist ein patrioitischer Amerikaner. Amerika kommt bei tigen Fussgänger von der Strasse, vorabreicht ihm oiiLO Waschung und händigt ihm ein Pakot Zigaretten wie auch Ihre Visitenkarte aus. Darauf wird ihm zuerst. Deshalb möchte er unserem mächtig emporstrebenden Gemeinwesen die Kosten der Herr Fussgänger wieder vorsichtig auf die und dem hohen Gerichtshof die geisttötende Strasso gesetzt.» den ab und nun fuhren sie gemeinsam hinaus zur Villa Ambrosius, die weit vor der Stadt lag. Das wurde ein lustiger Abend und Gallus sprühte vor Lebensfreude. Da war eine reizende Zigeunerin mit schwarzen, feurigen Augen und einem reichen, breiten Perlenschmuck um den Hals. Diese Holde hatte es dem jungen Arzte bald angetan, und sie liess sich seine Huldigungen cnc^ anscheinend auch gern gefallen. Jede Tour tanzte er mit der schlanken, ranken Pusstamaid, und war glücklich, als sie ihm auch eine Einladung in das Sektzelt nicht ablehnte. Nun sassen sie sich gegenüber. Und als Dr. Gallus seinen Kelch erhob und mit der Glutäugigen anstossen wollte, zog diese blitzschnell einen kleinen, schmalen Dolch, stiess Holt. 1O44 Zürich 8 ten Jahre in den hauptsächlichsten Produktionsländern Deutschland, der Tschecho- und Amerika, hergestellten Kinder- die Zigeunermaid aber nur noch mit denslowakei Blicken, als sie gerade in ihr vor der Villa puppen rechnet mit annähernd 90 Millionen. stellendes Auto stieg und davonjagte. Mit Bemerkenswert ist, dass mehr wie früher wenigen Sätzen war Dr. Gallus an seinem Kleidung und Gestalt der Puppen aus dem Motorrad, das er dicht neben der Parkpforte täglichen.Leben entlehnt sind, und für Amerika besonders interessant, dass brünette innerhalb des Gartens aufgestellt hatte, und raste dem Auto nach. Er kam der Flüchten- Puppen letztes Jahr bevorzugt worden sind. den näher und näher. Da, mit einem Mal, tauchte ein entgegenkommender Wagen aus der Kurve. Das Auto der Verbrecherin schlug die Lenkung in der wahnsinnigen Fahrt zu brüsk ein und überschlug sich. So traf Dr. Gallus seine Peiniger. Das Mädchen lag bewusstlos, aus vielen Wunden blutend, im Wagen, und der Chauffeur, einer der Verbrecher, lag tot auf der Strasse. Nun klärte sich rasch alles auf. Im Krankenhaus gestand das Mädchen alles. Die Verbrecher waren Ausländer, die in Deutschland einige grosse Züge tun wollten, was ihnen ja auch zum Teil gelang. Wenige Zeit darnach hatte man zwei der Haupttäter gefasst, die übrigen entflohen in die Tschechei. Dr. Gallus aber war der Held des Tages. Er bekam nicht nur restlos die 10 Mille Belohnung ausgezahlt, sondern hatte von jetzt ab eine gewaltige Praxis. — Wer ihn aufsucht, wird in einer geschliffenen Vase in seinem Ordinationszimmer die schwarze Chrysantheme sehen können, die für ihn bald zur Totenblume geworden wäre. — 90 Millionen Puppen. Eine fachmännische Schätzung der im letz- —o~