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E_1929_Zeitung_Nr.018

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In dluar Rubrik

In dluar Rubrik rartltantlichte ODiekU ia.1l«n «in« Gebahr »on Ft. 10.- lür «in einspaltig« SO mm hohes Feld; Doppaltelitor, mitpaltig. Fr. 20.-, dreispaltig Fr. 30.-, grössere Itneiat« 45 Cts. pro einspaltige 2-mm-Zeile. Bei dreimaliger Wiederholung

Fahrt mit dem Fünftonnet Wir laden Getreide und Kiele. Die anderen Dinger von Lieferwagen stehen in einer Garage zusammen, hier — auf blankem Asphalt und zwischen Fliesen — steht nur der Fünftonner, der Elefant, der Riese. Der Motor liegt mannshoch und die Pritsche ist wie eine weite Bühne, blank und erdrückend gross. Er fährt nur Mittwochs und Samstags, and er fährt auch nur die grossen Strecken. Das andere ist doch wohl seiner nicht würdig. Die Konkurrenz zittert, wenn er fährt; denn sie hat keinen Fünftonner, und sie wird Dm sich nie leisten können... Es ist fünf Uhr und pickschwarz ist die Nacht Aber wir haben uns schon zusammengefunden: der Chauffeur des Elefanten, die beiden Arbeiter und ich. Und es wird jetzt eine ungeheure Menge verladen, vorwiegend Hafer und Mais und Kleie, aber auch Säckchen mit Rosinen und Kisten mit Tee. Die * Bühne füllt sich sehr langsam. Ich stehe neben dem Chauffeur und darf die Lampe halten, während er ölt und schmiert für unsere weite Fahrt Dann rufen sie hinten : «Fertig!» und wir klettern auf unsere Posten. Im «Steuermannshaus» sitzt neben uns beiden noch ein Arbeiter. Der Motor beginnt zu wühlen und zu hämmern. Triumph über gewisse Leute. Der Nebel liegt dick über dem Dunkel, unser Scheinwerferlicht stösst sich irgendwo an einer gelben, mystischen Wand. Die Lampen hängen schief, und auch die kahlen Häuserreihen der Vorstadt verrücken gegeneinander. So sieht alles aus wie bei Frans Masereel. Wir sind auf der schnurgeraden Strasse, die aus der Stadt herausführt Hin und wieder noch verschlafene Villen, in Nebelbausche gelegt dann ist die Stadt zu Ende. Wir haben aber, schon unsere ^.geheime Wut: die.Konkurrenz ist unterwegs. Sie können nicht mehr schlafen, seitdem wir uns neue Absatzgebiete erschlossen haben. Gut anderthalb Kilometer vor uns pufft und knackt ihr Grösster. Dabei haben sie rote, aufreizende Firmenschilder, die unseren Chauffeur ganz toll machen. Er ruckt an seinen Gestängen. Wir federn schneller. — Jawohl, wir holen auf. Das rote Schild wird grösser, immer grösser. Als wir die grosse Schwippbrücke am Torfkanal vor uns haben, da ist es soweit Die andern bekommen den Bogen nicht richtig, und wir knirschen zuerst herüber. Wir sagen uns mit bösen Augen Guten Tag, Unser Motor quietscht vor Vergnügen. Sein Herr hat ihn sehr gerne. Missglückte Transportarbeit Der Wind knittert durch das Schilf der langen Zuggräben. Die Wintersonne ist aufgestanden und wärmt uns in unserem Kommandostand. Wenn ich in diesem Augenblick aphoristisch werden müsste, so würde ich sagen: Vollgummireifen befördern die geistige Schwungkraft. Wir halten bei den ersten Bauernhöfen, und da suche ich meuchlings nach Decken zur Polsterung. Es tut mir irgendwo weh. Die Amsel. Immer kälter wurde es. Der Kandidat beider Rechte, Doktor Eugen Kammer, fühlte es empfindlich. Er war eine Sonnennatur. Es war ihm ganz recht und hob seine innere sind äussere Verfassung in hohem Masse, im Hochsommer im Tessin durch glühende Rebhänge zu steigen, in hitzezitternder Luft war ihm wohlig zumute wie einem gewöhnlichen Sterblichen Sommers im kühlen Wasser. Aber die andauernde Kälte brachte ihn aus den Fugen. Mit Frostbeulen an den Fingern und blauer Nase las er die Zeitungsnachrichten über die neuesten Kältewunder, nahm kopfschüttelnd die Neuigkeit von diesem oder jenem eingefrorenen See in sich auf, las von Kohlenmangel in Polen und von den Wolfstreifen in Sofia. Nach solcher Lektüre aber müsste er immer schleunigst zu dem Ofenuhgeheuer in der Zimmerecke gehen, seinen Rücken anzulehnen, so schüttelte es ihn. Dies alles, obwohl Frau Jammer, die schwerfüssige Zimmeralte, ihr Bestes tat, es ihrem Herrn «wbhlisch und heimelisch» zu gestalten. Diese Aussprache war Frau Jammers Schöpfung, da sie glaubte, nur solch Wir setzen Ware ab bei ländlichen Geschäften, die vom Ofen bis zur Damenwäsche alles auf Lager haben. Hühnerfutter wird gefragt und Kalk, Kolonialwaren und Feudel. Dabei wird von guten und bösen Tagen geredet und ich zeige mich sehr dumm, als ich einen Zentnersack wie die andern schwingen will. Wir machen die Schotten zu und fahren weiter. Ich denke nur» wie -man das wieder gutmachen kann. Aber mit einer Teekiste wird es auch nichts. Und da ist doch ein junger Stauer, der einen' Doppelzentner meistert Dabei fährt er hinten unter der Regenplane und ist weiter gar nicht angesehen. Man nimmt es als selbstverständlich^ was'er da leistet — täte er es nicht, so sässe er vermutlich auf einem der kümmerlichen kleinen Wagen, die nur den trostlosen Weg zwischen dem Hauptgüterbahnhof und der Firma kennen und die zur Not noch die Grossisten versorgen ! Junge Lämmer und kurierte Kühe. Um 11 Uhr machen wir in einem Wirtshaus die grosse Rast des Tages. Die Wirtsstube ist leer sonst und wir sitzen unter Immortellen und Feuerwehrbildern, unter Sinnsprüchen und Diplomen auf einem grossen Ledersofa. Es gibt Würste, zu denen man sich das Brot mit dem Taschenmesser wegrankt Dann sehen wir draussen die ganze Dorfschule um den Fünftonner. Ach, man soll nicht mehr von Blödigkeit reden, auch hier ist man autoverständig und lässt dem Riesen sein Recht zukommen. Gewiss ist man nicht so herausfordernd frech wie in der Vorstadt, aber man kennt seine Kupplungen und Zylinder und Kompressionen. Jetzt ist die schönste Zeit zum Fahren und wohlklingendes Deutsch passe einem Studierten gegenüber. Aber dem guten Eugen war es trotz allen Eierkoks- und Brikettbemühungen der Alten weder wohl noch heimelig. Statt dessen war es ihm miserabel; wie ein gefangener Tiger hinter seinen Gitterstäben lief er händereibend auf und ab, fluchte wie ein Türke und wie er es seit der Sekunda nie mehr getan, hauchte an die Scheiben und äugte durch die Brillengläser auf froststarrende Bäume, um noch frierender ins Zimmer zurückzukehren. Dabei hatte er sich seit einiger Zeit eine Laune beigelegt, gegen die ein verkaterter Generaldirektor ein Engelein gewesen wäre. Aber auf einer dieser kältezitternden Erkundigungsfahrten zum eisverblümten Fenster hatte er seine Freundin entdeckt, auf die er nun seine erfrorenen Gefühle hübsch langsam, wie es sich der Würde eines Doktors geziemte, konzentrierte: Eine Amsel. Ob es wahres Mitleid mit dem aller Wahrscheinlichkeit nach an Nahrungsmangel leidenden Geschöpfe war oder ob es vielleicht ein Quintchen Schadenfreude für den noch an unmittelbarerer Kälte leidenden Vogel dabei war, wissen wir nicht Tatsache ist dass der Doktor beider die Sonne täuscht Frühling vor. Die Idylle häufen sich. Da sind die allerersten bockbeinigen Lärmner auf dem Hof, die noch sehr trostlos aussehen, die aber immerhin schon Anzeichen für den neuen Sommer sind. Da haben wir junge Katzen in einem Strickkorb auf der Schwelle und der Himmel hat sich schön bunt gemacht über den Pappeln und Buchen. Die Wiesen haben wieder etwas Farbe bekommen. Der Chauffeur ist böse. Es ist klar, dass die Konkurrenz hier ordentlich vorgearbeitet hat, wir spüren es überall. Drei- oder viermal sind' wir schon vergebens gekommen. Ein einzigartiges Stressen tunnel: Durchbohrung eines Kalifornischen Banmriesen. ///. Blatt der „Automobil-Revue" Dann sind wir bei einem Behäbigen, der uns alle, Gebresten aufzählt, die diesen Winter seine Familie heimgesucht habenT Wir müssen die Kühev sehen, die er selber kuriert hat. Er ist ein Fanatiker in selbsterfundenen Heilmitteln, er kuriert Kühe und Schafe und Menschen. Und schliessüch nimmt er ganze drei Zentner Kleie! Neuland und Siege. Dann sind wir in einem wunderschönen Waldstück und sehen Eichkätzchen und an den Bäumen den ersten Ansatz zu Knospen. Die Windmühlen arbeiten und wir kommen in neue Dörfer, die uns vollen Erfolg bringen. Unser Anführer zeigt sich von seiner besten Seite, er lässt den Riesen so recht sichtbar auf der Strasse und zeigt den Kundigen unsern gewaltigen Motor. Mit andern trinkt er Rachenputzer und Grogs von Arrak und Rum; Er raucht ohne Zwinkern die Gastzigarren, die eine relativ hohe Rauchentwicklung haben und sammelt die Aufträge an seinem Busea Er ist gar nicht zu bezahlen, dieser Mann, der im Handumdrehen alle faulen Kunden ausgesiebt. Unsere Ladebühne wird leer. Wir werden angesteckt davon und wir zwinkern uns zu: «Junge, Junge, hier lohnt es!» Wir können uns nicht genug tun, den Rahm zu schöpfen und wir vergessen Zeit Rechte an den ersten Tagen mit den Worten: «Armes Viech, hast auch kalt», Körner streute und Apfelschnitze legte, dass er sich aber bereits nach einer Woche bei gurrenden Locklauten ertappte. Tag für Tag bekam er nun den Besuch des schwarzen Vogels, den er mit Speiseresten und Aepfeln fütterte und dem er durch die Scheiben bei der Verzehrungsarbeit zusah. Und als eines schönen und kalten Nachmittags Frau Jammer an sein Zimmer klopfte, um ihm eine Neuigkeit mitzuteilen, für die der Kandidat sonst immer gutmütiges Verständnis gezeigt hatte, fuhr er sie an: «Scheren Sie sich zum Teufel mit ihrem Quatsch,- wenn ich meinem Vogel zusehe!» «Meinem Vogel,» rang Frau Jammer die Hände, «jetzt ist er übergeschnappt jetzt hat er noch einen Vogel! Das entsetzliche Studium, verbieten sollte man das!» Das Studium wurde in diesem Winter noch nicht verboten, aber eine schöne Freundschaft zwischen Mensch und Tier kam zustande, an der jeder Naturforscher seine Freude gehabt hätte. Am Morgen, wenn der Kandidat sinnige Betrachtungen über das Wärmeaufspeicherungsvermögen der Bettfeder anstellte, pfiff ihn eine Vogelkehle zum und Raum darüber. Es ist kalt in unserm kleinen•• Glashaus, aber das tut nichts. Es dämmert schon, als wir den Wagen wieder wenden. Nebel liegt in grossen weissen Ballen vorm Wald. Lichter in der Stadt. Es ist eine lange Reise in der Dunkelheit Der Scheinwerfer zeigt nur Bäume und ein ödes Stück Strasse. Da hinten fährt die Kleinbahn ihre Strecke ab. Räder und kleine Autos jagen an uns vorbei. Der Riese hämmert gleichmässig, über den Schlaglöchern stampft und knirscht er. Dann liegt der helle Widerschein der Stadt vor uns. Die Vorstadt kommt mit grellen Leuchtreklamen und Kinos. (Die stimmungsvolle Schilderung stammt aus dei Feder von Eitel Kaspax und ist der «Frankfurter Zeitung» entnommen.) Qualm und Rauch «Gott grüss' Euch, Alter! Schmeckt das Pfeifchen?» Wir rauchen heute weniger als vor 75 Jahren! Es gibt bekanntlich zehn Gebote, von denen das zehnte und letzte lautet: «Du sollst nicht ehebrechen». Aber der hohe Rat von Bern war damit nicht zufrieden und schuf im Jahre 1661 ein elftes Gebot, das lautete: «Du sollst nicht rauchen!». Das Rauchen gehörte- eben zu den verwünschten Neuerungen, die man nirgends gerne im Volk auftauchen sah. Als sich in Basel wenige Jahre vorher (1643) ein Tabakmacher niederlassen wollte, verweigerte ihm der Rat das Bürgerrecht, «weil man dieses Handwerks allhie ganz nicht bedarf», und in Russland würde den Rauchern kurzerhand die Nase abgeschnitten (1634). Geistliche und Behörden eiferten gegen das verflucht© «Tabaktrinken» und hielten es nicht für angebracht, dass man «den Mund zum Rauchfang des Satans mache». Bekannt ist auch das ergötzliche Geschichtlein aus dem Schulbuch, wie Sif Walter Raleigh, der Eroberer Virginiens, sich zu Hause in England in eine Hinterstube verkriechen müsste; wenn er den «höllischen Rauch» zu erzeugen" beabsichtigte und als ihn einmal einer seiner Diener überraschte, lief der Kerl jammernd auf die Strasse und erklärte, sein armer Herr sei am verbrennen. Heute «verbrennt» sozusagen jedermann täglich ein paar Mal und während bis zum allgemeinen europäischen Umsturzjahr 1848 das Rauchen auf der Strasse in den meisten europäischen Staaten verboten war, ist es heute nur noch hin und wieder einem geduldigen Ehemann in seiner Wohnung untersagt, wenn seine bessere Hälfte zu den Gardinen besonders Sorge tragen will. Es wird in der Schweiz sogar tüchtig am Glimmstengel gezogen, daran besteht kein Zweifel, mehr als in anderen Staaten. An erster Stelle stehen in dieser Hinsicht allerdings die Holländer, .dann kommt Belgien und im dritten Rang «placiert» sich die Schweiz. Deutschland kommt erst in den fünften, Frankreich in den neunten, Grossbritannien in den zwölften und Italien in-den fünfzehnten Rang. Der Grund zu dieser eigenartigen Rangordnung kommt nicht von ungefähr. Wenigstens nicht für die Schweiz. Während früher die hohen Obrigkeiten und wohlweisLichen Räte das Bett hinaus, die er dann freudig, noch im Pijama (bei offenem Fenster), zum Schweigen brachte; und während des ganzen Tages hatte er immer etwas zu tun, damit seine Freundin das Fensterbrett nicht leer fände. Darüber vergass der Doktor den Ofen. Eine tiefe Dankbarkeit verband ihn darob mit der Amsel, so dass er einmal zu der Zimmerfrau, die mit aufgerissenen Augen zuhörte, also sprach: «Wer mir den Vogel nimmt, den erschiesse ich!» Was die geheime Meinung der Frau Jammer bestärkte, dass man das Studium verbieten müsste. Im späteren Verlauf der Geschehnisse wurde denn auch wirklich geschossen, und zwar vom Doktor mit einem höchst merkwürdigen Geschoss und von jemand anderem mit einem Pfeil. Das Haus, in dem der Leib des Rechtsgelehrten Kammer sowie der um vieles gewichtigere Geistesbesitz desselben Eigentümers unter den mütterlichen Fittichen Frau Jammers versorgt war, stand in einem stillen Quartier ausserhalb der Stadt In unmittelbarer Nähe davon lag in einem Park die Villa einer alten Dame, die dort mit ihrer Nichte, einem jungen, quecksilbrigen Wesen, hauste.