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E_1929_Zeitung_Nr.023

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Ausgabe: Deutsche Schweiz. BERN, Samstag 16. März 1929 Vierte Salon »Hummer Nummer 20 Cts. 25. Jährgang. — N° 23 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrs-Interessen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag and Pnltaf Monatlich „Galh* Um" BalbJUirneb Fr. 6.—, jährlich Fr. 10 . tan Aasland unter Portozuschlag, (•lern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag Mir postamtliche Bestellung im ADMINISTRATION: Breitenrainstrasse 97, Ber» In- und Ausland 30 Rappen. Postcheek-Reehnune 111/414 Telephon Bollwerk 89.84 Tfelecramm-Adress«: Autorevu«, Ben INSERT1ONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder denn Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grtssere Inserate nach Seitentarit. IlseratanseUnss i Tage vor Erseheinen der betreffenden Nummer (Von unserem Sonderberichterstatter.) Genf, den 15. März 1929. Im offiziellen Zug. Der Zug, der die Repräsentanten der höchsten Landesbehörde nach Genf brachte, ver- Jiess den Berner Hauptbahnhof, wie das bei einem offiziellen Zuge nicht anders zu erwarten war, mit angemessener Verspätung. Das war ganz in der Ordnung. Ebenso die Tatsache, dass es sehr viele Stehplätze gab. Darin unterscheidet sich ein «offizieller Zug» von einem gewöhnlichen. Das ist der ganze Unterschied, den ich nach langem Nachdenken herausgefunden habe. Nichtsdestoweniger war es der offizielle Salonzug. Auf den Wagenpolstern lagen die «Automobil-Revue» und der «A. C. S.», in den Knopflöchern der Reisenden steckten runde Plaketten, landauf landab als Zeichen der Automobilbesitzenden bekannt, und wenn auf der neben dem Zuge hinführenden Hauptstrasse ein Wagen mit der elektrischen Kraft um die Wette eiferte, fielen 'fachkundige Worte. Wie grosse die Zahl der Salonbesucher war, zeigte sich erst vor Genf, als die Billette einfacher Fahrt durch das Zauberwort « Salon » in Retourbillette verwandelt werden konnten. Wie das geändert hat! Ehemals den Salon besuchen, hiess die lenzliche Dauerregenperiode erleben. Seit zwei Jahren ist es eine Fahrt in den Frühling geworden: Wunschloses Blau, wunschlose Sonnenhelle! Die Achsen schwingen und singen, und der Anblick der brachen warmen Ackererde weckt kaum entschlummerte Erinnerungen an das letzte Abstimmungsgeschrei. Häuser und Oörfer stehen nackt hinter noch entlaubten Bäumen. Der Bauer ist schon in den Feldern oder in den Reben. Welch ein Gefühl, durch ein schönes reiches Land zu fahren zur grossen Schau einer reichen Industrie... Im Speisewagen sassen viele Journalisten. Selbst der Uneingeweihte müsste sie kennen an ihren verschlissenen Ledermappen, den zeitungsstrotzenden Manteltaschen und der unzertrennlichen Reiseschreibmaschine. Sie F E U I L L E T O N Rekordfieber. Ein Sportroman von Alfred Naack. (24. Fortsetzung) Dann krachte plötzlich und ganz unmotivierbar ein Schuss und die trübe Oellampe zersplitterte in tausend Scherben von der Wand. Ernüchtert fuhr alles auf. Die Weiber kreischten und drängten zur Tür, und die Männer griffen zu ihren Waffen. Im nächsten Augenblick aber blitzten vom Eingang her die Lichter von Handscheinwerfern auf und dann folgte der allen vertraute Ruf: «Police hier, hands up!» Krachend, von kernigen Flüchen begleitet, flogen Schlagringe, Revolver und Totschläger zu Boden. Einzeln, mit erhobenen Armen mussten sie die Reihen der Polizisten passieren, die sogleich ihre Personalien prüften. Und ganz zum Schluss folgte Anatole Etienne. Jonathan Stups sah sich suchend um. Wo blieb der «schwarze Raoul?» Langsam ging er in den Keller hinein. Dort lag neben dem Schenktisch eine Gestalt am Boden. Der Kommissar bückte sich, eine Frage auf den Lippen. Da schnellte die Gestalt mit einem Satz auf. Im Augenblick spürte Stups einen stechenden Schmerz in der Brust. Sein Mund öffnete sich zu einem unartikulierten Schrei. Dann schwanden ihm die Sinne. lassen die Magentätigkeit durch die Zugserschütterungen unterstützen. In Genf ist dazu keine Zeit mehr, denn während die Offiziellen in den poetischen Ankündigungen der Bankettkarte eines «des Bergues» schwelgen, sitzen sie schon, Superlative brüllend, am Telephon. Es waren Grossen ihres Fachs dabei. Selbst ein Ordenbesitzer. Erst kürzlich erschien sein Bild im Cine Journal. Kurz vor Genf gelang es einem jungen Journalisten, sich beutehungrig bis zum Coupe der Ehrengäste heranzupirschen. Er erlebte den seltenen Moment, den nimmermüden Bundesrat Schulthess bei einem friedlichen Nickerchen in den roten Polstern zu überraschen. Der Rest der Reise verlief in so philosophischer Friedfertigkeit wie der Schlummer dnseres hohen Magistrats. Genf. Man muss sich beim Betreten genferischen Bodens bewusst sein, in der Stadt der 18 000 Nein gegen ein rigoroses Automobilgesetz zu sein. Mit weniger verkehrspolitischen Worten: in einer automobilistischen Stadt. «Autotnobiiistiseh» ist hier mit «automobilistischer ist ein ununterbrochenes Winken, Hupen uns Macht» zu übersetzen. Wer glaubt, das seiBremsen. Und man begreift, dass für Genf nur während den Salontagen so, kennt Genf mit seinen engen Gassen, seinen schwerfälligen Tramways, seinen zahllosen Fahr- nicht, wenn auch nicht bestritten werden soll, dass der Salon zu dieser Entwicklung beigetragen hat — in beträchtlichem Masse natür- | der Stunde geworden ist. Auffallend ist auch rädern die Verkehrssicherheit zum Problem lich. Salon bedeutet für Genf Lebensintensität. Der gesteigerte Rhythmus springt alljährlich auf den Besucher von neuem über. Schon die Presse gibt den Ton an: die automobilistischen Blätter erscheinen in Sondernummern. Die genferischen Quotidiens widmen dem Eröffnungstag spaltenlange Leitartikel. Das Titelblatt der « La Suisse» zeigt den Präsidenten des Salons als römischen Wagenrenner, dessen Vollblüter rasende Automobile sind. Wie ein Saugrohr zieht der Salon den Verkehr auf sich. Bunte Wimpel, marktschreierische Reklame weisen den Weg. An den Kreuzungen erhält man einen gelinden Begriff vom Go and Stop-Verkehr der Weltstädte. Sekunden nur bannt die erhobene Hand des Polizisten den Strom und schon ist die Reihe der wartenden Wagen zu einer phantastischen Schlange angewachsen. Es Daa Raketenauto Opel in Genf, welchem die Teilnahme am Km arrete verboten wurde. XXII. Zahlung konnte er von Frank Wellon alles Der Andere war unwillkürlich zurückgewichen. «So kommen wir nicht weiter, Mr. Henderson,» sagte der Monteur Wellon mit Be- Als der Aufschwung der World-Werke «Und das wäre, Sir?» — verlangen. stimmtheit und rieb sich das borstige Kinn. einsetzte und das Unternehmen ziemlich Henderson zog seinen Komplicen zu sich Der Angeredete betrachtete mit halber wahllos Arbeitskräfte einstellen musste, heran und zischte ihm einige Worte ins Ohr. Aufmerksamkeit den vor ihm stehenden Mann hatte auch Wellon auf Betreiben Hendersons Anstellung gefunden und mit seinen ausgeschlossen, Mr. — Mr. Henderson —, Wellon taumelte fast. «Augeschlossen —• und sagte nichts, doch verriet das Zucken der Mundwinkel und das Zittern der Hände Machenschaften gegen World und den Sa-dagreve-Wagen begonnen. Und da er umsich- nicht — das nicht; — dazu gebe ich seine innere Erregung. William Henderson hatte bald nach seiner tig zu Werke ging, schöpfte man anfangs keinen Verdacht gegen ihn, der fleissig und Vernehmung durch den Untersuchungsrichter seinen Haushalt aufgelöst und sich mit unbestimmtem Reiseziel abgemeldet. Seitdem er von der Leitung der Henderson - Company sehr unfreiwillig zurückgetreten war, konnte er seine Entschliessungen ungehemmter und rücksichtsloser treffen als früher. Das kam ihm in seinen Plänen besonders zustatten. Ein unbeschreiblicher Hass gegen das siegreiche Konkurrenzunternehmen der World- Company, seine Leiter und gegen Bob Sagreve beherrschte ihn und seine Gedanken und Hess ihn Vernunft und Recht ausser acht lassen. Dieses gesteigerte Vergeltungsgefühl hatte ihn auch bewogen, trotz der Gefahr, in die er sich begab, neue Anschläge gegen die verhasste Konkurrenz einzuleiten, die ihn in seinem Aufstieg behindert und ihm die Früchte seines verbrecherischen Tuns gebracht. Der Monteur Frank Wellon war ihm von früher her ein treu ergebenes Subjekt. Er hatte den Mann persönlich bei einem Materialdiebstahl in seinem Werke ertappt, ihn dann aber nicht zur Anzeige gebracht, weil er ihm zur Ausübung seiner Pläne brauchbar schien. Darin hatte er sich auch bisher nicht getäuscht. Geigen entsprechende Be- gewissenhaft seine Arbeit ausführte. Allerdings konnten seine Diebstähle von wichtigen Teilen der Sagreve-Konstruktion wohl die Arbeiten daran verzögern, aber niemals ganz aufhalten. Die darauf bald einsetzende scharfe Ueberwachung Hess ihn noch vorsichtiger werden. — Henderson hatte geraume Zeit wortlos vergehen lassen. Endlich sagte er mit lauerndem Blick: «Sie haben Recht, Wellon, so kommen wir nicht zum Ziele! In wenigen Wochen steht der verdammte Wagen wieder auf der Bahn und fährt einen Rekord heraus, der nicht mehr .so leicht zu erreichen sein wird. Dann wird es mit der Henderson - Motor- Car-Company endgültig und für immer Schluss sein, und ich kann dann sehen, wo ich bleibe! Wir müssen etwas Entscheidendes unternehmen, Wellon, etwas das denen drüben die Lust nimmt, unserem Rekord nachzujagen! Ich wüsste schon was, Frank Wellon!»— Die letzten Worte hatte er in heftiger Erregung geflüstert. Stossweise ging sein Atem; sein Gesicht hatte sich zur Grimasse verzerrt. ^?@2&X die ganz enorme Zahl von Damenfahrerinnen, selbst wenn man kein besonderes Auge dafür hat... Vor dem Ausstellungsgebäude stauten sich die Leute um den Opelschen Raketenwagen, dessen schwarzer Drachenleib heimtückisch zwischen den vier Rädern hing. Erster Bummel durch den Salon. Am geschäftlich fiedelnden Blinden vorbei, kämpfe ich mich durch die heiserschreienden Plakettenverkäuferinnen, drücke mich kartenzückend in die Kontrollmühle, um mit verdientem Aufatmen die dämmerige Eingangshalle zu betreten. Ich bin so unlogisch und traditionell, die unmittelbar vor mir liegenden Stände vorerst keines Blickes zu würdigen und mich eilenden Schrittes dorthin zu begeben, wo ich an meinem ersten Salonbesuöh vor drei Jahren die Ausstellung wiei ein Wunder erlebt hatte: auf die Galerie. Von dieser Höhe treten die einzelnen Stände zurück, die Namen der Marken fliessen ineinander, die Hunderte von Wagen werden zu einer geeinten, gewaltigen Ganzheit Symbol, Symphonie unserer Zeit. Man sollte sich den Salon zweimal ansehen: einmal vom Standpunkt des Kaufenden, einmal als Eindruck, wobei verkehrte Reihenfolge zu empfehlen ist. Bei mir spielt das Kaufen keine Rolle, d. h. kommt gar nicht erst in Betracht. Ich kann also ohne Hemmungen geniessen, in vollen Zügen. Alles Schöne, die wundervolle geometrische Harmonie der Technik ziehen an mir vorüber wie ein Film. (Film ist unzweifelhaft das richtige Wort. Schon als Illusion. Ich meine dies im egoistischen Sinne.) Die Zweiteilung des Salons geschah nur zu seinem eminenten Vorteil. Statt Schachtelung, haben wir nun sinngemässe augenfällige Gruppierung. Die Stände bieten eine selten reichhaltige meine Hand nicht her — dazu nicht!» Henderson griff ihn hart an: «Sie müssen, Wellon, Sie müssen — fordern Sie, was Sie wollen — der Wagen muss vernichtet werden — und — und Sagreve mit! Das muss sich einrichten lassen!» Der Mann war leichenblass auf einen Stuhl gesunken. Fassungslos schüttelte er nur immer wieder den Kopf: «Das nicht, Mr. Henderson, das nicht!» f Henderson wurde wütend: «Narr, der Sie sind, — Feigling, ein Wort von mir und Sie sind erledigt!» «Hüten Sie Ihre Zunge, Mr. Henderson,» begehrte Wellon auf, «mein Schicksal ist das Ihrige, denken Sie daran!» Henderson verlegte sich aufs Bitten. «Es ist das letzte Mal, Frank Wellon, wir verschwinden dann; Sie gründen sich drüben mit meiner Unterstützung eine neue Existenz. Ihre Braut ist