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E_1929_Zeitung_Nr.060

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Ausgabe: Deutsche Schweiz. BERN, Freitag 12. Juli 1929 "Nummer 20 Cts* 25. Jährgang. — N° 60 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für das schweizerische Automobilwesen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag and Freitag , Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, ADMINISTRATION: Breitenrainstrasse 97, Bern solern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtlicne Bestellung 30 Rappen. "ostcheck-Rechnuns 111/414 "Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Strassenpolitik in alter Zeit Urner vermochte schliesslich auch die übrigen Eidgenossen an den südlichen Vorkommnissen zu interessieren und zu verpflichten und in den Zeiten von 1500—1515 die grossen Herrscher in Atem zu halten und die Augen der ganzen Welt auf die kleine Eidgenossenschaft zu richten. Man mag die Politik der damaligen Eidgenossen beurteilen wie man will, es waren Tage gemeinsamer grosser Opfer, gemeinsamer Katastrophen. Aber die Opfer haben sich dennoch bezahlt gemacht und gutes Schweizerblut ist nicht vergeblich in die italienische Erde gesickert. Der Tessin ist heute unser, eine wichtige Verkehrsader uns nicht abgeschnitten, ein braves und tapferes Völk- Eine Reminiszenz zum eidgenössischen Schützenfest 1929. Die Eidgenossen schicken sich an, über den Gotthard ins Tessin zu fahren. Nicht zum erstenmal geben sie sich in Bellenz Rendezvous. Schon im 13. Jahrhundert hat ein unbekannter Schmied von Göschenen die Ketten für die stiebende Brücke in den Schöllenen gehämmert. Und über diese Brücke sind sie ins Land des Südens gezogen, manchmal als ruhmbedeckte Sieger, manchmal und zum letztenmal als geschlagene Helden heimgekehrt. Aber die Leventina mit der stolzen Zitadelle konnten sie nicht lassen und sie konnten nicht zur Ruhe kommen, bis das tessinische Völklein ihr eigen geworden und die Banner der dreizehn alten Orte auf den Türmen zu Bellenz flatterten. So hat wohl Hans Schmid recht, wenn er in seinem Buche lein Schweizer geblieben. «Urschweiz» anführt, dass der Gotthard bereits als Pate bei der Gründung der Eidgenossenschaft mit dabei und er war es, der den Urnern und Schwyzern die Reichsunmittelbarkeit und den ersten Bauernpolitikern der Urschweiz den staatsmännisch weiten Blick verschaffte, der die Geschichte der Schweiz vom Zug der Schwyzer nach Faenza bis zur Schlacht von Marignano geleitet hat. An diese Zeitspanne unserer Schweizergeschichte ist zu denken, wenn in diesen Tagen mit Büchse und Banner gen Bellenz gezogen wird. Ansonst man die Bedeutung eines eidgenössischen Schützenfestes 1 auf tessinischem Boden, 'nicht recht zu verstehen vermag. Es sind 'blutige Blätter in unserem Geschichtenbuch, jene von 1403 bis 1515. Beson- militärische Kraft ders die letzten Seiten, die von den Mailänder Feldzügen berichten, zeigen Schweizergeschichte auch in den dunkelsten Farben. Aber daraus leuchten doch, wie immer in den trübsten Zeiten unserer Geschichte, heroische Momente hervor und der eiserne Wille, seine Freiheit zu wahren und die natürlichen Grenzen unseres werdenden Staates zu sichern. So haben sich Urner und Obwaldner bereits schon 1403 das Livinental gesichert, sich im Bleniotal festgesetzt und 1407 zum erstenmal auf diplomatischem Wege die Hand auf das Misox und Bellenz gelegt. Wechselvoll ist das Schicksal der Eidgenossen ennet dem Gotthard gewesen. Aber der zähe Wille der' Der Fall Cranmore Kriminal-Roman von V. Williams. Copyright 1925 by Georg Müller Verlag A.-G., München. (22. Fortsetzung) «Letzte Nacht? Unmöglich!» «Lolotte hat ihn erkannt. Näher heran, Patron! — Die Frau da am nächsten Tisch könnt' was hören...» Boulot schielte vorsichtig nach dem Spiegel. Das Glas warf die Gestalt einer Frau zurück, die allein am anstossenden Tisch sass. Sie sah elend aus, ihr Gesicht war leichenblass und um die Augen hatte sie dunkle Ringe. Eine Masse dichtes, rotbraunes Haar stand um ihren Kopf und war imNakken in einen Knoten geschlungen. Vor sich hatte sie eine Tasse Kaffee, die noch unberührt war. Ohne sich anscheinend um irgend jemand zu kümmern, starrte sie unbeweglich ins Leere. «Lolotte sagt, dass es nicht ganz richtig mit ihm war,» fuhr Gaston fort. «Sie sprach ihn an, aber er schnauzte sie ab .und Hess sie stehen. Sie meint, dass er auf jemand wartete. Eine Zeitang setzte er sich zu ein paar Leuten, die sie nicht kannte, aber dann ging er allein weg.» «Ist diese Lolotte heut hier?» «Nein, ein anderer soll uns die Auskunft bringen...» Er. stiess Boulot mit dem Ellenbogen an. Ein junger Mensch mit finniger Haut drängte sich zwischen den Tischen herum. Plötzlich Der Vertrag von Arona vom April 1513, der uns nach einem kriegerischen Auszug bis Locarno und Varese endgültig Bellenz sicherte, war die eigentliche Krönung urnerischer Gotthardpolitik. Der urnerischen Kämpen und Politiker von damals sei deshalb heute ehrend gedacht. Wie Ernst Gagliardi in seinem Buche «Der Anteil der Schweizer an den italienischen Kriegen» treffend nachweist, hat der Gotthardpass in der Entwicklung der Eidgenossenschaft in den spätem Jahrhunderten für die verschiedensten Lebensgebiete und Bundesglieder eine bedeutende Rolle gespielt. Die Gbtthardsfrasse wurde für die innere Schweiz der Hauptkanal, durch den die überschüssige des Landes abgeleitet wurde. Ueber diese Strasse zogen wohl nach 1250 die als Walser bezeichneten deutschen Kolonisten aus dem Haslital, um sich im ganzen Zentrum des Alpenmassivs festzusetzen. Die Organisation des Transports in Säumeroder Teilgenossenschaften, in deren Hand sich die gesamte Warenbeförderung bis nach Göschenen hinauf befand und an der sich jedermann beteiligen durfte, erweckte das Interesse des ganzen Volkes am Gedeihen des Handels über den Gotthard. Die Sicherung und Beherrschung des Passverkehrs nötigte aber die Urner, über das Urserental hinaus ins Livinental auszugreifen. Der ewige Bund der drei Länder mit Zürich vom 1. Mai 1351 bedeutete für die Innerschweizer nichts Hess er den Hut fallen, der unter Gastons Tisch rollte. Er beugte sich danach und während er sich wieder aufrichtete, flüsterte er Gaston zu: «Levine, zweiter Stock, erste Tür rechts.» Gaston zahlte und machte Boulot ein Zeichen, ihm zu folgen. An der Tür wandte der Franzose sich noch einmal um und bemerkte, dass das rothaarige Frauenzimmer, das ihnen zunächst gesessen hatte, verschwunden war. XXII. Bei Levine. Der Tag war schon angebrochen, als sie auf die Strasse traten. Das Gewitter hatte die Luft gereinigt, und ein wolkenloser Himmel spannte sich über die Riesenstadt. Schweigend eilten sie durch die engen Gassen des französischen Viertels. Nur einmal schwang sich Gaston zu einer Aeusserung auf. «Patron,» sagteer, «der, hinter dem wir her sind, soll mit dem Schiessen schnell bei der Hand sein. Sie sind doch bewaffnet?» Boulot klopfte auf seine Brusttasche «Wahrscheinlich wird er ja noch im Bett sein,» fuhr der andere fort. «Um die Zeit verhaftet ihr die Leute ja am liebsten...» Sie waren in eine lange und schmale Strasse gekommen, die von verwahrlosten, schmutzig aussehenden Häusern eingefasst war. «Levine ist rechts ganz am Ende,» erklärte Gaston. Ein lautes rhythmisches Klopfen tönte ihnen entgegen, als sie sich dem Haus näherten. Zwei kurze Schläge, dann ein etwas längerer. Ohne Unterbrechung -wie eine Telephonglocke. « Aber das ist ja bei Levine ! » rief Gaston. « Sehen Sie, eine Frau...» Wie auf Verabredung beschleunigten sie ihre Schritte. An der Tür eines der schmutzigsten Häuser stand eine Frau und hämmerte mit dem Klopfer wie wahnsinnig immer im gleichen Takt... Sie trug einen langen schwarzen Mantel, und unter ihrem Hut quoll eine Masse rotbraunen Haares hervor. Boulot schrie etwas und fing zu laufen an. Im Augenblick, als er das Haus erreichte, öffnete sich die Tür und die Frau verschwand. Es gelang ihm aber noch, den Fuss dazwischen zu setzen. Mit einem kräftigen Stoss warf er die Tür zurück und drang ins Haus. Ein grosser Mann stürzte halb angezogen aus einem Zimmer und stellte sich ihnen auf dem ersten Absatz entgegen. Der auf ihn gerichtete Lauf eines Brownings und Boulots hervorgestossener Ruf: « Zurück da ! Wir sind die Polizei ! » Hessen ihn schnell jeden Versuch eines Widerstandes aufgeben. Das Wort «Polizei» hatte eine magische Wirkung. Das ganze Haus schien auf einmal lebendig zu werden. Türen wurden zugeschlagen, und der Klang von Fusstritten erscholl aus den oberen Regionen. Aber als die beiden den zweiten Stock erreichten, war alles wieder mäuschenstill. Boulot warf sich gegen die erste Tür rechts. Sie war verschlossen, aber dem Gewicht der beiden Männer hielt sie nicht stand und brach krachend ein. Ein Blick sagte ihnen, was vorgegangen war. Das Bett war in Unordnung, die Bettücher lagen auf INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2mm hohe Grondzeile oder, deren Baum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts Grösserc Inserate nach Seitentarif. Inseratenscttluss 4 Tage vor Erscheinen der (Vnmmem anderes als die Unterstützung Zürichs in ihrem Bestreben, sich die obere Leventina und das' Bedrettotal zu sichern. Ende Februar •1419, als durch das Wiedererstarken der Visconti in Mailand der Verlust der eroberten Rechte im Tessin in Frage stand, überschritten die Urner und Obwaldner mitten im Winter- den Gotthard und erwirkten, dass ihnen die Freiherren von Sax die Schlösser und die Stadt Bellinzona für 2400 rheinische Gulden verkauften und am 1. September ein neues Landrecht mit ihnen beschworen. Damit gelangten die Urner in den Besitz desjenigen Punktes, der die untern Ausgänge der Leventina, des Bleniotales und des Misox und damit den Zugang zum Nufenen-, Gotthard-, Lukmanier-, Greina- und St. Bernhardinpass gleichermassen beherrscht und den Eintritt in die Lombardei ermöglicht. Wenn auch die Züge über den Gotthard im 15.. Jahrhundert, von der Besetzung des Livinentales abgesehen, keine dauernden Ergebnisse brachten, so ist doch ganz sicher, dass mit der eingeleiteten Politik der Urner und durch das Vorschieben der Grenze über den Hauptkamm der Alpen ein engeres Verhältnis mit den Volksstaaten im Wallis und in Graubünden gefunden und damit die Einverleibung des heutigen Tessin in die Eidgenossenschaft eingeleitet wurde. Die moderne Schweiz wäre ohne zielbewusste Strassenpolitik nicht in den Besitz des tessinischen Südens und damit nicht zu diesem bedeutenden Verbindungs- und Durchsgangsland geworden, als das sie sich heute rühmen kann. So hat es tatkräftige Strassenpolitik ermöglicht, dass heute die eidgenössische Schützenfahne, vom Tessiner Volk stürmisch bejubelt, in Bellinzona Einzug halten kann. Und mit ihr die ganze schweizerische Schützenwelt, die sich auf die Tessinertage freut, weil sie weiss, dass dort unten das gleiche Herz für unser Vaterland schlägt und der schweizerische Staatsgedanke im Tessiner Völklein ebenso lebendig ist, wie an den Ost-, West- und Nordmarken unseres Landes. Und das Fest selbst ? Hat es noch Berechtigung im Zeitalter des Völkerbundes und des Pazifismus ? Ja, sofern man einverstanden, dass Pazifismus nicht gleichbedeutend mit Wehriosigkeit ist und dass Pazifismus und Völkerversöhnung eigene Wehrhaftigkeit nicht ausschliessen. Und Wehrhaftigkeit gehört zu einem seine Geschicke selbst leiten-* wollenden Volke. Dabei wollen wir das eine nicht vergessen: Der Wille zum Staate beruht in der Erkenntnis, dass der Staat nicht nur der Wirtschaft wegen da ist und dass zersetzender Partikularismus sich einem höheren Staatsinteresse unterzuordnen hat. Im Volkskörper aufgerichtete vertikale und horizontale Scheidewände erschweren, ja verunmöglichen eine Stärkung des Willens zum Staate. Drei Kulturen schlagen in Bellinzona zusammen. Drei Kulturen werden in unserem Schweizerhause sich gegenseitig bereichern und befruchten, werden, ohne sich selbst aufzugeben, den Schweizerstaat zur Heimat aller ausbauen, sofern das « Sich-nicht-verstehenwollen » einem aufrichtigen « Sichverstehenwollen » weicht. Dann weitet sich Heimatliebe zu Vaterlandsliebe. Dann ist der Staat der höchsten Opfer wert. In diesem Sinne entbieten auch wir freundeidgenössischen Gruss der Feststadt Bellenz und dem gesamten Tessiner Volk. -t. «Zur Not der Nebenbahnen». Zu diesem in Nr. 58 der A.R. erschienenen, vorweg einige Unstimmigkeiten enthaltenden Artikel gestatte ich mir die nachfolgenden Bemerkungen: Die Mitteilung über die Betriebsrechnung ist dahingehend zu berichtigen, dass das Jahr 1919, mit einem Ueberschuss der Betriebsausgaben in Höhe von Fr. 16,256 abgeschlossen hat. Die Zahlen über Personenfrequenzen sollen heissen:,, beförderte Personen im Jahre 1919: 181,907; 1928: 402,528. Richtig ist, dass ganz besonders der Personenverkehr sich recht erfreulich entwickelt hat. Diese Tatsache haben wir im Jahresbericht wie folgt gewürdigt: « Im Jahre-'1928 sind, trotz relativ ungünstigen Jahrmarktsfrequenzen infolge Ausbruchs der Maul- und Klauenseuche, insgesamt 402 528 Personen gegen 201 676 im letzten Jahre des Dampfbetriebes befördert worden. Damit überbietet das Jahr 1928 das Rekordjahr 1927, in dem 389 865 Personen befördert worden sind. Zum erstenmal seit dem Bestehen der Bahn ist die Personen-j beförderungsziffer über 400 000 gestiegen, ein un-j zweideutiges Zeichen dafür, was der elektrische) Bahnbetrieb aus einer verhältnismässig nicht' stark bevölkerten Gegend herauszuholen vermag, wenn der Fahrplan dem Verkehrsbediirfnis angepasst wird. » In meinem anlässlich der Jahresversammlung gehaltenen und der Presse bekanntgege- dem Boden. Boulot legte die Hand auf die Matratze; sie war noch warm. Das Fenster stand weit offen. Es ging auf ein flaches Dach, von dem man leicht auf ein weiteres Dach und von da in einen kleinen Hof kommen konnte. Aus dem Hof führte ein halboffenes Tor in eine Seitenstrasse. Eine bequemere Art des Entkommens war schwer auszudenken. Mit einem Fluch wandte sich Boulot wieder dem Zimmer zu. « Was nun ? » fragte Gaston. «Der Teufel soll's holen!» brach Boulot los. « Wieder ist mir die Bestie entkommen. Wir allein können in dieser Londoner Wildnis nichts gegen ihn unternehmen. Das ist Sache der Polizei. Verlieren wir keine Zeit. Aber das müssen wir feststellen, von wem er gewarnt wurde. Haben Sie die Frau erkannt, die den Lärm mit dem Klopfer machte ? Das verfluchte Mädel war's, die neben uns im Keller sass...» « Sie hat die Adresse aufgefangen! Aber sie kann doch nicht auch aus dem Fenster gesprungen sein...?!» « Unmöglich. Wir waren ja fast im selben Augenblick mit ihr im Haus. Auf der Treppe müsste ich sie bemerkt haben, das ist mir ganz gewiss.» Boulot trat auf den Gang hinaus, wo er ein altes, dickes Weib und den grossen Mann in eifrigem Gespräch antraf. « Ihr da ! » fuhr sie der Franzose an. « Wo ist das Mädel, das euch herausklopfte, ehe wir kamen ? » «Ich weiss nicht.» antwortete die Alte mürrisch.