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E_1929_Zeitung_Nr.066

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Ausgabe: Deutsche Schweiz. BERN, Freitag 2. August 1929 flummer 20 Cts. 25. Jährgang. — N° 66 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für das schweizerische Automobilwesen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dieniiofl und Fnitag Monatlich „Galbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portozuschlag. ADMINISTRATION: Breltettralnstrasse 97, Bern sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 Rappen. "^ostcheck-Rechnun? 111414 Telephon Bollwerk 39,84 ' Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Die Oeffentlichkeit und die Strasse I. Man kann sagen, dass die Verkehrsmittel eine rasche Entwicklung durchgemacht haben; es war vielmehr, so möchte ich sagen, Kriminal-Roman von V. Williams. Copyright 1925 by Georg Müller Verlag A.-G., München. (28. Fortsetzung) «Meine Frau erwartete mich am Gefängnistor. Sie erzählte mir, was sie getan hatte. Ich verwünschte sie für das, was sie Carmen und mir angtan hatte und Hess sie dort auf der Strasse stehen. Ich musste Carmen finden, musste wissen, ob sie mich wieder aufnehmen würde... Wenn nicht, blieb immer noch das Halsband... «Ich suchte in New York nach ihr u. erfuhr, dass sie nach England gegangen war. Aber weiteres konnte ich nicht herausbringen. Dann hört ich zufällig, dass Quayre, der auch an der Kunstschule gewesen war, sich in London aufhielt. So fuhr ich nach England. «Gleich nach meiner Ankunft verschaffte ich mir Quayres Adresse und machte mich nach seinem Atelier auf. Die Tür war offen, aber niemand drin. Dann kam Carmen...» Ein tiefer Seufzer entfloh der Brust des Sterbenden. Seine Augen waren plötzlich feucht von Tränen. «Im Augenblick, als ich sie sah, wusste ich, dass sie mich nicht ganz vergessen hatte. Ich nahm sie in meine Arme, und wir sprachen kein Wort. Sie starrte mich nur an wie jemand, der nicht ganz bei Sinnen ist oder Angst hat. .Dann machte sie sich los von Staatsrat Canevascini, Bellinzona. L E T O N Der Fall Cranmore eine unerwartete Revolution. Ich erinnere mich noch, wie wenn es gestern gewesen wäre, an die Neugierde und Bewunderung, welche das erste Auftreten eines Automobils in Locarno zur Folge hatte, das schon die für die damalige Zeit fast phantastische Geschwindigkeit von 20 Kilometern in der Stunde erreichte, und ich erinnere mich auch noch an das Entsetzen und an die Verwünschungen der guten Bauern, die sich von den Landstrassen und von den geräumigeren Strassenkreuzungen, wo^sie sich gerne am Abend und an den Feiertagen zum Plauderstündchen eingestellt hatten, vertrieben sahen, als die Automobile immer zahlreicher wurden. Mit diesem Augenblick begann der Konflikt zwischen dem Fussgänger und dem Automobilisten, der heute noch in einer etwas anderen Form um das Recht auf die Strasse weiterdauert. Die Versöhnung wird nur allmählich und durch gegenseitiges Anpassen möglich werden. Wir denken daran, dass uns die Geschichte erzählt, wie ehedem in Paris die guten Fussgänger in Schrecken gerieten, als Kutschen erbaut wurden, welche durch die Pferde im Trab gezogen werden konnten. Im Jahre 1563 bat das Parlament den König, diese Wagen im Stadtgebiet zu verbieten. Die Bestürzung und der Schrecken wiederholten sich, als im 18. Jahrhundert das Pariser Publikum die kleinen viersitzigen Kaleschen wegen ihrer Geschwindigkeit als gefährlich erklärte. «Wenn ich Polizeilieutenant wäre» — sagte Ludwig XV., der im Jahre 1749 die Pompadour, die zum ersten Male das Meer sah, von Paris nach Le Havre begleitete und dafür nicht weniger als 13 bis 14 Tage gebraucht hatte — « wenn ich Polizeilieutenant wäre, würde ich diese leichten Kutschen verbieten.» Und noch zur Zeit der Restauration widersetzten sich die Stadtbehörden von Paris der Einführung von Omnibussen, weil sie ein zu grosses Verkehrshindernis bedeuten würden. Gehen Sie jetzt einmal nach Paris und sehen Sie sich einmal an, was innert wenig mehr als einem Jahrhundert aus dem Verkehr geworden ist. Der Mensch hat sich an Geschwindigkeiten und an eine Dichte des Verkehrs gewöhnt, die immerhin um einiges grösser sind als zur Zeit der Kutschen, der leichteren Kaleschen und der Omnibusse. Und der Mensch wird sich noch an ganz anderes gewöhnen. Die Geschwindigkeit der modernen Fahrzeuge, die im Vergleich zu derjenigen der Fahrzeuge aus früheren Zeitabschnitten enorm ist und beinahe die Geschwindigkeit des Windes erreicht, ist eigentlich, wenn wir richtig zusehen, in sich selbst noch mittelmässig. In der Tat, wenn wir die Geschwindigkeit des Automobils und des Flugzeugs miteinander vergleichen, ich sage absichtlich nichts von derjenigen des Lichts oder von derjenigen des elektrischen Stromes, der unsere Telegramme nach Amerika .befördert, so sehen wir, dass wir eigentlich noch langsam vorwärts kommen und dass der Unterschied in der Geschwindigkeit zwischen Eussgänger und Automobil eigentlich noch sehr gering ist. Warten wir darum auf weitere Ueberraschungen. Man muss sich aber doch fragen, was aus der Menschheit werden soll, wenn man in einigen Jahrhunderten in wenigen Tagen um den ganzen Erdball herumjagen kann, auf dem ..dann nichts mehr zu entdecken sein wird.'-" : - - -•-• • '/'. Das Strässenproblem wird bis dann gültig gelöst sein, dem Menschen aber wird die Erde viel zu klein erscheinen, als ein bedrückendes Gefängnis; er wird sieh langweilen und sich sehr unglücklich fühlen, wenn es ihm nicht gelingt, den Weg zum Himmel und zu den andern Welten zu finden. Ich sprach von einer Revolution in der und fing zu weinen an. Einmal nach dem anderen sagte sie: ,Wie siehst du aus! Was haben sie mit dir gemacht?!' Ich hatte vergessen, wie diese acht Jahre Zuchthaus mich verändert hatten. Der Ramon, den Carmen gekannt hatte, war ein hübscher, frischer Junge gewesen mit lockigen, schwarzen Haaren. Und jetzt...» Er schwieg. Ein blutiger Schaum trat auf seine Lippen. Der Arzt warf Manderton einen Blick zu und schüttelte ernst den Kopf. Der Inspektor beugte sich über den Sterbenden. «Warum haben Sie sie ermordet, Flagg?» fragte er. «Ich... hab's nicht getan. Als ich ihr... von dem Halsband . . . sprach . . . und dem Diwan . . . lief sie von mir fort . . . aus dem Atelier. Erst . . . aus der Zeitung erfuhr ich . . . dass sie... erstochen worden . . . war...» Sein Kopf war auf die Brust herabgesunken, und seine Stimme wurde undeutlich, während er nach Atem rang. Nach einigen Minuten schien er sich mit einer letzten Anstrengung zusammenzuraffen. «Ich hab . . . nicht recht gegen sie gehandelt... aber die Hand gegen sie aufgehoben... nie... Gott ist mein... Zeuge . . J» Aus seiner Kehle kam ein röchelndes Geräusch. «Wer war's denn, der sie ermordet hat?» Cranmore kniete am Lager und sprach ins Ohr des Sterbenden. Entwicklung der Verkehrsmittel. Es gibt auch eine Revolution in den Strassenbaumethoden, und zwar ohne dass man hierzu die römischen und napoleonischen Strassen zum Vergleich heranzuziehen braucht. Schade, dass nicht auch die Ideen sich in diesem Jahrhundert mit ebensoviel Geschwindigkeit entwickelt haben, dass sie vielmehr fast stationär geblieben sind und in einigen Ländern sogar einen Rückschritt zum Mittelalter und in noch frühere Zeiten gemacht haben. Stellen Sie sich vor, wenn der französischen Revolution schon das Automobil, das Flugzeug und das Radio für die Ausbreitung in Europa zur Verfügung gestanden hätte... Doch lassen wir das. Was uns alle interessieren, muss ist die Tatsache, dass der Gedankengang der Allgemeinheit nicht immer mit der Schnelligkeit der Motorfahrzeuge Schritt zu halten und sich den daraus ergebenden Anforderungen anzupassen vermag. Wenn dem nicht so wäre, würde auch unsere Aufgabe eine viel leichtere sein. • Es wird Ihnen nicht paradox erscheinen, wenn ich sage, dass, trotzdem der Mensch sich leicht und rasch an das Automobil und an seine Entwicklung gewöhnt hat, er als Schon zu wiederholten Malen haben wir betont, welch hervorragenden Anteil guterhaltene und gut ausgebaute Strassen an unserem Fremdenverkehr besässen. Der Ausdruck vom « Luxus schlechter Strassen » ist zum geflügelten Worte geworden und hat bei den Behörden den nötigen Eindruck hinterlassen." Davon konnten wir uns überzeugen anlässlich eines Besuches im Berner Oberland, wozu uns Herr, Oberingenieur Walther in freundlichster Weise eingeladen hatte. Eine Besichtigung der! neuerstellten Hnksufrigen Thunerseestrasse zeigte uns, mit welcher Umsicht und Tatkraft Oberingenieur Walther am Werke ist, um das ihm anvertraute Strassennetz nach Massgabe seiner ihm bewilligten Kredite instandzusetzen und weiter auszubauen. Die Besichtigung und die Befahrung letztgenannter Strasse hinterliess uns den vorzüglichsten Eindruck. Wer die alten Verhältnisse kannte, wird uns ohne weiteres Recht geben. Das Berner Oberland hat mit der linksufrigen Thunerseestrasse ein modernes Verbindungsstück, ja wir dürfen sagen eine moderne Automobilstrasse erhalten. Sie ist auf durchgehend sechs Meter verbreitert worden; unübersichtliche, dazu noch falsch angelegte Kurven wurden ausgeglichen und in die richtige Traceführung gebracht, dabei ein Strassenbelag verwendet, der jedenfalls auf Jahre hinaus dauern dürfte. Wir haben erstmals vom System Walther näheres erfahren und glauben, dass es die Zukunft für sich haben dürfte. «Wer hat sie ermordet? Sprechen Sie! Ich bin ihr Mann...!» Langsam wandte Ramon ihm sein Gesicht zu. Er versuchte zu reden, zu lächeln, aber es ging nicht mehr. Ein Blick unendlichen Mitleids trat in seine brechenden Augen. Mit einer kaum merklichen Bewegung suchte seine Hand die des anderen. Dann hatte er sie gefunden ... Die Lampe auf dem Tisch blakte, und der Doktor löschte sie aus. Die ersten Strahlen der Sonne fielen ins Zimmer! Von Zeit zu Zeit kam ein gurgelnder Laut von dem Sterbenden. Schweigend umstanden sie sein Lager und sahen, wie mählich der Tag anbrach. Dann ging Boulot zum Fenster und öffnete es weit. «Ein alter bretagnischer Glaube,» sagte er, «damit die entfliehende Seele freie Bahn hat.» Er stiess Manderton an und zeigte auf den Toten. «Sehen Sie dies© Hände an. Die waren einmal berühmt wegen ihrer unerhörten Geschicklichkeit. Und jetzt...!» Auf der weissen Decke zeichneten sich die Hände ab mit hornigen, stumpfen, abgearbeiteten Fingern... die Hände eines Sträflings. XXVIII Das letzte Rätsel. «Nun bleibt uns nur noch das letzte Glied zu schmieden,» sagte Manderton zu Boulot, «das Ramon mit Quayre verbindet. Ich hab INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts Grössere Inserate nach Seitentarif. Inserafenschluss 4 Tage vor Erscheinen der iVnmmern Fussgänger — der in der allgemeinen öffentlichen Meinung grosses Gewicht hat — noch nicht von der Notwendigkeit aller Umänderungen und Strassenverbesserungen überzeugt ist. Diese schwierige und viel umfassende Tätigkeit wird nicht immer in ihrem vollen Wert erkannt und von einigen wird sie direkt als gefährlich bezeichnet. Wundern Sie sich nicht darüber !• Die Strassen waren einmal das Wirkungsfeld der Verbrecher, so dass noch im 17. Jahrhundert die neuen Strassenbauten in Frankreich grossen Widerstand fanden in der Bevölkerung, welche in ihnen eine Anspornung des Räuberunwesens sahen. (Schluss folgt.) Berner Strassen- und Verkehrsfragen Der Untergrund dieses Systems besteht aus festgewalztem Grobschotter, der von einem Teer-Bitum-Beton, mit gewöhnlichem Schotter zusammengewalzt, überdeckt wird. Die Deckschicht bildet ein Teer-Beton mit geteertem Splitter übersät. Die Strassenoberfläche wird mit System Walther nicht zu glatt, entbehrt der bei den übrigen Belagsarten immer hervortretenden Wellen, zeigt keine Risse und dürfte durch die hellere Färbung für den Automobilisten auch in der Nacht sehr willkommen sein. So wird eine Fahrt auf der linksufrigen Thunerseestrasse angesichts der herrlichen Landschaft zu einem wahren Ge- : nuss. Leider ist die rechtsufrige Brienzerseestrasse noch nicht so weit. Man ist an der Arbeit, allein die dort herrschenden Naturgewalten erschweren die Korrektion ausserordentlicn. Innerhalb der Ortschaften ist man um ein gutes Stück vorwärts gekommen. Ueberall, wo es möglich war, hat man Verbreiterungen vorgenommen und ist die Strasse entweder geteert oder makadamisiert worden. Zwischen den Dörfern nähert sich die Strasse allerdings mehr oder weniger dem Urzustände, doch dürfte, wenn das nötige Geld vorhanden, auch da bald einmal Remedur geschaffen sein. Ein uns selbst überraschendes, mit Hagelkörnern reich dotiertes Gewitter zeigte uns, mit welch unberechenbaren Schwierigkeiten an diesen Orten der Strasseningenieur zu rechnen hat. schon nach New York telegraphiert und hoffe, die Auskunft wird mir dabei helfen ...» Sie fuhren durch den taufrischen Junimorgen Southampton zu. Der Inspektor wünschte, sich mit der Zentrale telephonisch in Verbindung zu setzen, und ausserdem gab's da ein Bad, ein gutes Frühstück und alle Bequemlichkeiten, die in dem abgelegenen Dorf nicht zu haben waren. «Was für ein Glied, mon eher? Ich verstehe nicht ganz...» «Sie teilen vielleicht meine Meinung nicht, aber ich neige der Ansicht zu, dass Ramon die Wahrheit gesprochen hat, ehe er starb. Wenn so, ist er am Mord schuldlos, und wir müssen nun herausbringen, wer sich Mrs. Cranmore entgegenstellte, als sie aus dem Atelier flüchtete und sie erstach.» «Die Indizien weisen noch immer auf eine einzige Person hin: Quayre!» «Das würde also heissen, dass Quayre, nachdem er die beiden gesehen hat, aus dem Garten hinten herumging an die Haustür und dort wartete, bis Mrs. Cranmore herauskommen würde, nicht?» Manderton nickte. «So ungefähr.» «Und das Motiv: Eifersucht?» «Höchstwahrscheinlich etwas der Art!» Boulot schien sich auf nichts Weiteres einlassen zu wollen. Er lehnte sich in seinen Sitz zurück und schloss die Augen. In Southampton fuhren sie zu einem grossen, roten Hotelkasten gegenüber den Docks. Cranmore sah nach dem Wagen, während