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E_1929_Zeitung_Nr.080

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Ausgabe: Deutsche Schweiz. BERN, Dienstag 17. September 1929 Nummer 20 Cts. 25. Jährgang. - N° 80 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dlenstan und Freltan Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, «otern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag Jür postamtliche Bestellung 30 ADMINISTRATION: Breitenrainstrasse 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung 111/414 Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Die Haftung des mitfahrenden Eigentümers bei Automobilunfällen r Äm 20. März 1928 fuhr ein Automobil mit etwa 40 km Geschwindigkeit auf der Strasse Miecourt-Pruntrut. Einige Knaben spielten auf der Strasse, weshalb der Chauffeur ein Hornsignal gab, ohne aber zu verlangsamen. Ein lOjähriger Junge warf trotz Warnung seiner Kameraden seinen Marmel auf die Strasse und rannte ihm nach, unmittelbar vor den herannahenden "Wagen. Das Automobil war in diesem Moment noch 15 Meter von dem Knaben entfernt. Da der Chauffeur nicht mehr rechtzeitig anhalten konnte, wurde der Knabe erfasst und getötet. Das Bundesgericht hat entschieden, dass den Chauffeur ein Verschulden treffe, da er, der Knaben ansichtig, nicht nur ein Hornsignal hätte geben sollen, sondern vielmehr in Voraussicht eines möglichen Unfalles seine Geschwindigkeit hätte verlangsamen sollen. Diese Stellungnahme des Bundesgerichts ist zweifellos richtig, indem voraussichtlich, wenn die Geschwindigkeit im Zeitpunkte der Abgabe des Warnungssignales verlangsamt worden wäre, ein rechtzeitiges Anhalten des Automobiles dann im kritischen Augenblicke wohl noch möglich gewesen wäre. Im weiteren hat nun aber das Bundesgericht den Standpunkt eingenommen, dass auch den mitfahrenden Eigentümer ein Verschulden treffe, da er dem Chauffeur rechtzeitiges Abbremsen hätte befehlen sollen. Diese Stellungnahme des Bundesgerichtes hat nun in weitesten Kreisen Aufsehen erregt und Unsicherheit hervorgerufen, ob, wann und in welchem Masse der mitfahrende Eigentümer bei entstandenen Unglücksfällen persönlich verantwortlich und haftbar erklärt werden kann. Es ist dies auch ohne weiteres verständlich, wenn man bedenkt, dass eben derjenige, der sich eines Chauffeurs bedient, vom Selbstfahren, dessen Anforderungen und möglichen Folgen, dispensiert sein will, sei es, dass er des Fahrens überhaupt nicht kundig ist, sei es, dass er infolge Uebermüdung oder aus irgend welchen anderen Gründen dauernd F E U I L L E T O N Patent No. 2002. Kriminalroman von Ludwig Peter. (3. Fortsetzung) Dr. R. von Stürler, Advokat, Bern. Fräulein Bleuler, die Nachbarin Dr. Fischers, war eine gutmütige Dame aus besserem Hause. Die Eltern hatten durch den Krieg einen grossen Teil ihres Vermögens verloren. Als vor vier Jahren Vater und 'Mutter kurz nacheinander starben, hatte sie als Haupterbstück das Elternhaus übernomimen. Sie war gezwungen, ein Stockwerk und zwei Mansarden zu vermieten. So konnte sie, wenn auch einfach, doch sorgenfrei leben. Pas oberste Giebelzimmer stand momentan •frei und sie hatte deshalb ein Inserat in den Anzeiger aufnehmen lassen. Eine Woche nach jenem Abend im Restaurant meldete das Mädchen seiner Dame, dass ein Herr das freie Zimmer zu mieten wünsche. Fräulein Bleuler liess den Fremden eintreten. Dieser stellte sich vor als Erich Klein aus Zürich. Er war ein Mann gegen Ende der vierziger Jahre, mit schwarzem Vollbart und lebhaften Augen. «Ich wünsche das Zimmer als Laboratorium zu gebrauchen und werde weder Geräusch noch sonst irgendwelche Unannehmlichkeiten ins Haus bringen. Ich betreibe diese Versuche bloss in meiner freien Zeit als Liebhaberei.» Herr Klein besichtigte das Zimmer, und da er sehr liebenswürdig und sympathisch erschien, ging Fräulein Bleuler auf seinen oder vorübergehend auf das Selbstfahren verzichtet. Es rechtfertigt sich daher wohl, diesen Fragenkomplex an dieser Stelle einer näheren Betrachtung zu unterziehen, um. diejenigen, die durch die Stellungnahme des Bundesgerichtes unsicher oder ängstlich geworden sind, aufzuklären, in welchen Fällen den mitfahrenden Eigentümer oder einen Vertreter desselben allenfalls bei Unglücksfällen ein Verschulden trifft. Grundlegend für die Haftung des Geschäftshenn ist immer die Frage, ob dieser alle nach den Umständen gebotene Sorgfalt angewendet hat, um einen Schaden zu verhüten, und ob der Schaden allenfalls auch bei Anwendung dieser Sorgfalt nicht doch gleichwohl eingetreten wäre, oder ob sich dieser nicht sonstwie einer unerlaubten Handlung schuldig gemacht hat. Das Bundesgericht hat in einem früheren Entscheide den Standpunkt vertreten, dass eine durchgreifende Beaufsichtigung des Chauffeurs eine kaum weniger angespannte Aufmerksamkeit des Mitfahrenden erheischen würde als die Führung des Automobiles selbst. Eine derartige Aufmerksamkeil könne aber dem Eigentümer eines Automobiles, der die Führung einem Chauffeur anvertraut habe, an dessen Zuverlässigkeit zu zweifeln keinerlei Anlass bestehe, auch dann* wenn er mitfahre, nicht zugemutet werden, zumal wenn er sich in Gesellschaft weiterer Personen befinde. Es genüge vielmehr seiner Pflicht, wenn er einschreite, sobald er wahrnehme oder ihm nicht habe entgehen können, dass der Chauffeur unkorrekt fahre. Mit anderen Worten ist der mitfahrende Eigentümer nur dann haftbar, wenn er nachgewiesenermassen einerseits Anlass hatte, an der Zuverlässigkeit seines Chauffeurs zu zweifeln und andererseits, wenn er wahrnimmt oder ihm nicht entgehen konnte, dass sein Chauffeur unkorrekt fährt. Wunsch ein. Am gleichen Nachmittag kam ein Dienstmann und brachte auf seinem Karren einige Apparate, eine grössere anscheinend elektrische Maschine, Werkzeuge, Retorten, Reagenzgläser und was sonst für ein kleineres Liebhaberlaboratorium nötig ist. Herr Klein kam zu allen möglichen Zeiten, manchmal häufiger, manchmal blieb er länger aus. Er störte wirklich nicht, und wenn er jemanden antraf, war er freundlich und zuvorkommend. Er hatte auch seine Miete zum voraus bezahlt. Die vier Freunde Keller, Kraft, Fischer und Beck sassen wieder beisammen. Diesmal im Rauchzimmer „des Bankiers. Kraft hatte mit Keller noch einiges zu besprechen wegen des Einbaues des neuen Vergasers. Keller wollte es selbst besorgen. Der Bankier stellte ihm zu diesem Zweck auch seine Werkstatt, die der Garage angegliedert war, zur Verfügung. «Komm, wir wollen die Geschichte ansehen, Beck und Fischer, entschuldigt uns einen Moment.» Sie gingen durch das Vestibül; von diesem führte ein Gang in die Einfahrt, die in der Garage endete. Hier standen die beiden Wagen, die komfortable Limousine und der schnittige Rennwagen. Durch eine Tür kam man in die Werkstatt und von dieser gelangte man durch ein kleineres Pförtchen in einen Heckenweg, der sich quer durch die Gärten des Villenviertels durchzog. Der Chauffeur wohnte mit seiner Frau nicht im Hause. Dieser kleine Eingang war für ihn In Ausführung dieses Grundsatzes hat denn auch das Bundesgericht die Haftung des mitfahrenden Eigentümers schon wiederholt verneint, wenn diesem nicht nachgewiesen werden konnte, dass er sich bewusst gewesen war, dass sein Chauffeur unkorrekt fuhr und wenn auch nichts darauf schliessen liess, dass er sich dessen hätte bewusst sein müssen. So hat z. B. das Bundesgericht in einem Fall wie folgt entschieden: «Es ist nicht nachgewiesen, dass der mitfahrende Eigentümer sich in diesem speziellen Falle bewusst gewesen wäre, sein Chauffeur fahre unzulässig rasch, und es lässt nichts darauf schliessen, dass er sich dessen habe bewusst sein müssen. Weiter ist nicht festgestellt, dass der Chauffeur im allgemeinen unzulässig rasch fuhr, sondern nur, dass er für die Fahrt durch ein Dorf, zumal auf abschüssiger Strasse und über eine wenig übersichtliche Strassenkreuzung, die Fahrgeschwindigkeit nicht angemessen verlangsamte und zudem keine Signale gab. Dies hätte jedoch aber der mitfahrende Eigentümer schon sofort bei der Einfahrt in das Dorf, zu einer Zeit also, da eine allfällige Weisung auf Verlangsamung des Tempos noch zur Vermeidung des Zusammenstosses beizutragen geeignet war, nur bei Anwendung eines ihm nach dem Ausgeführten nicht zumutbaren Grades von Aufmerksamkeit wahrzunehmen vermocht.» Anders verhält es sich dann allerdings, wenn z. B. der Eigentümer des Automobils Veranlassung hat, an der Zuverlässigkeit des Chauffeurs zu zweifeln. Es muss ihm unbedingt zum Verschulden angerechnet werden, wenn er die Führung seines Automobiles einem Manne ü'berlässt, den er nach eigener Aussage, wenn auch als «erprobten», so doch aber zugleich als «frechen» Fahrer kannte. Dabei bildet die Tatsache, selbst keine Fahrbewilligung zu besitzen, keinen Entschuldigungsgrund. Dieser Umstand befreit den Eigentümer nicht von der Verpflichtung, die Führung seines Automobiles nur einem vorsichtigen Führer anzuvertrauen und in Ermangelung eines solchen auf die Benützung des Automobiles zu verzichten. In diesem Falle hat das Bundesgericht, zweifellos zu Bucht, ein Eigentü- Verschulden des mitfahrenden mers angenommen. INSERT1ONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile ode» deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Ct*. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratensehluss i Tage vor Erseheinen der Nummern Ein weiterer Fall, in dem die Verantwortlichkeit des mitfahrenden Eigentümers bejaht wurde, ist der folgende: Bei dunkler Nacht und stürmischem Begenwetter eine angenehme Abkürzung seines Weges zur Arbeit. Alles war in bester Ordnung. Keller freute sich, seinen letzten Versuch in einer Werkstatt, in der alles Erforderliche vorhanden war, vorbereiten und auf einem so einladenden Sportvehikel durchführen zu dürfen. Er hatte bereits mit der Umarbeitung seines Vergasers für Rennwagen begonnen, bald konnte der Einbau vorgenommen werden. Als sie wieder bei den andern im Rauchzimmer waren, erzählte Fischer : «Fräulein Bleuler hat einen neuen Mieter im obersten Zimmer, und ich glaube fast, es ist Alfred Fleissig. Der Fremde gleicht auffallend der Photographie, die du, Fritz, damals gezeigt hast.» «Das ist gut möglich. Er kann inzwischen wohl schon eingetroffen sein.» Sie sprachen dann von der unheimlichen Art, wie Kramer sich, nachdem er ihre Schriftproben gesehen, entfernt hatte. «Ehrlich zugestanden, ich habe schon besser geschlafen als in jener Nacht», meinte launig der Jurist. «Ich bin Fatalist», sagte Keller. «Mir war es sehr eigen zumute», gab Beck zu. «Schon oft, wenn es mir nicht möglich war, durch Zusammenstellen der mit unsern Sinnen wahrnehmbaren Symptome eine Diagnose zu stellen, kam mir die Eingebung zu Hilfe; ebenso stelle ich meine Prognosen häufiger nach dem Gefühl als nach einer Berechnung, der doch die sicheren Glieder fehlen. Ich gebe, wie ihr seht, viel auf Eingebung, und das, was Kramer in unsern Schriften sah, fand er nicht durch Kenntnis, sondern durch fuhr ein Automobil mit 22 km durch eine verkehrsreiche Ortschaft der Innerschweiz. Der Chauffeur hat somit beim Passieren des Dorfes die in Art. 35 des Automobilkonkordates vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit von 18 km überschritten und< worauf es namentlich ankommt, im Augenblick des erfolgten Zusammenstosses mit einem Langholzfuhrwerk, sein Fahrzeug nicht zu bemeistern vermocht. Im Interesse der Verkehrssicherheit verlangt das Bundesgericht, dass der Führer des Automobils die Herrschaft über dasselbe stets behält, um bei Antreffen eines Hindernisses den Lauf sofort zu verlangsamen und nötigenfalls den Wagen auf einer ganz, kurzen Strecke zum Stillstand bringen ZUJ können. Bei ungünstigen Sehverhältnissem muss er von vorneherein die Fahrgeschwin-i digkeit derart massigen, dass er jederzeit sein Fahrzeug sofort anhalten kann. Da-, durch, dass der Chauffeur diesen Vorschriften nicht nachgelebt hat, hat er sich; nach der Auffassung des Bundesgerichts, einer grobfahrlässigen, widerrechtlichen Handlung schuldig gemacht, die für die Unfallsfolgen kausal war. Was sodann den Eigentümer des Automobils anbelangt, entschied das Bundesgericht, dass diesen ein Verschulden deshalb treffe, weil er, trotzdem er während der kritischen Fahrt neben dem Chauffeur gesessen sei und damit also Einsicht in die technischen Kontrollelemente des Wagens hatte, in keiner Weise gegen das unzulässig rasche Fahren eingeschritten ist. Er wäre verpflichtet gewesen, führt das Bundesgericht aus, den Chauffeur auf die unter den gegebenen Umständen offensichtlich übertriebene, vorschriftswidrige Fahrgeschwindigkeit aufmerksam zu machen, zumal da er selber wahrnahm, dass der Chauffeur zu rasch durch das Dorf fuhr und dass die/ Stirnscheibe des Automobils wegen des strömenden Regens schlecht durchsichtig, der'Blick auf die Strasse also gehemmt war. Dadurch, dass er unterliess, den Chauffeur zu langsamem Fahren anzuhalten, welches diesem ermöglicht hätte, das Fahrzeug zu bemeistern und aller Wahrscheinlichkeit nach den Zusammenstoss zu vermeiden, hat er die ihm obliegende Aufsichtspflicht in grober Weise verletzt und sich eine unerlaubte Handlung zu schulden kommen lassen. Die gleiche Auffassung hat auch Eingebung. Trotzdem wollen wir uns nicht die gute Stimmung stören. In unserem Alter hat man gelernt, die Dinge an sich herankommen zu lassen. Prosit, auf unsere Freund» schaft.» Der Abend verlief recht gemütlich. Zum Nachtessen ging jeder heim. Mama Keller sass zwischen ihren Kindern. Hedy erzählte lebhaft, ihrer Art entsprechend, und erhöhte die Traulichkeit des Mahles durch ihre impulsiven Bemerkungen. Sie war überaus anziehend mit ihren krausen, blonden Haaren und den warmen, niemals ruhenden, guten Augen, deren dunkle starke Brauen dem Gesicht einen eigenartigen Reiz verliehen. «In der Stadt habe ich die Haushälterin von Fritz Kraft angetroffen. Sie war ganz in Verzweiflung, denn sie hat kürzlich zweimal einen dunkelbärtigen, unheimlichen Mann vom Haus aus am Heckenweg gesehen, wie er sich umgeschaut und, als er sich beobachtet fühlte, wieder entfernt hat. Dies verfolgt sie nun Tag und Nacht und sie traut nicht, Herrn Kraft davon zu erzählen. Ich wisse ja, dass sie abergläubisch sei, meinte sie, sie habe in letzter Zeit aber auch für diese Schwäche Nahrung genug gehabt und stände deshalb stark unter dem Druck eines bevorstehenden Unglücks. Sie könnte einem fast Angst machen, die gute Wilhelmine, wenn man sie so hört und wenn man sieht, wie ernst ihr dabei ist. Ich gehe noch zur Anprobe, damit mein Kleid auf den Sonntag fertig wird.» «Ich begleite dich hin, Hedy, ich muss auch noch in die Stadt», sagte Max.