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E_1929_Zeitung_Nr.090

E_1929_Zeitung_Nr.090

Ausgabe: Deutsche Schweiz. BERN, Freitag 18. Oktober 1929 Wummer 20 Cfs., W.Jahrgang. - N° 90 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag • ' Monatlich „Galbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portozuschlag, ADMINISTRATION: Breitenratastrasse 97. Bern •afern nicht postamtlich besteilt. Zuschlag (Ur postamtliche Bestellung 30 Rappen. Postcheck-Rechnuns 111/ 414 Telephon- Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSEPTIONS-PREIS: Die aehtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 CU. Grössere Inserate nach Seltentarif. Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Anton Dufour-|" Heute Freitag morgen 8\30 Uhr,verschied in Versoix Anton Dufour, Zentralpräsident des A. C. S., nach schwerer Krankheit. Anton Dufour ist tot! — Diese Kunde wird in den weitesten Kreisen des schweizerischen Automobilwesens Bestürzung und Trauer auslösen; hatte doch selbst sein nächster Bekanntenkreis von der rasch verlaufenden, schweren Erkrankung des scheinbar kerngesunden Mannes kaum Kenntnis. Noch vor wenig Wochen in voller Arbeitskraft, anscheinend auf der Höhe körperlicher Leistungsfähigkeit und geistiger Spannkraft, machte sich bei Anton Dufour eine starke Ermüdung und Abspannung geltend, der er sich nur widerwillig überliess. Er, der Krankheit und Erholung nur vom Hörensagen kannte, glaubte zunächst an eine harmlos in Erscheinung tretende Ueberarbeitung, bald aber zeigten sich ernste Symptome eines inneren Leidens; äusserlich durch eine rasch und heftig auftretende Gelbsucht erkennbar, stellten die Aerzte ein tückisches Leberleiden fest, das den an rastlose Tätigkeit Gewöhnten jäh zusammenriss und in rapidem Verlauf die starke Natur Anton Dufours zum Zusammenbruch führte. Nach zähem Kajnj>f ist der hochverdiente Zentralpräsident des "A7CVS; am Freitag, den 18, Oktober, 8 Uhr 30, verschieden; der Tod nahm ihm die Leitung des ans Herz gewachsenen Clubs aus der Hand, noch bevor sein Entschluss, auf Jahreswende das Zepter des A. C. S. endgültig an einen Nachfolger abzugeben, zur Ausführung kommen sollte. Mit. Anton Dufour steigt ein Mann ins Grab, der ein an Arbeit und Erfolgen reiches Leben und ungewöhnliches Mass von Energie, Weitblick und Welterfahrung in sich vereinigte. Die Legende hat um Anton Dufours ursprüngliche Herkunft ein paar unrichtige Fäden gewoben; man wollte in ihm einen Abkömmling des Generals Dufour sehen, andere bezeichneten ihn als Nachkommen einer Hugenottenfamilie, die seit Jahrhunderten in der Schweiz ansässig, Anton Dufour als waschechten St. Galler hinterlassen habe. Dufour entstammt einer alten Lyoner Familie, sein Grossvater kam aber aus der holländischen Blumenstadt Haarlem im Jahre 1833 in die Schweiz, baute im St. Gallischen eine kleine Fabrik, in der Seide nach eigener Erfindung gewoben wurde. Jener Dufour verstarb jung, seine Frau, eine gebürtige Italienerin, von ungewöhnlicher Intelligenz und Energie, führte das Geschäft mit grossem Geschick weiter. Dufours Vater machte sich im Jahre 1871 in Thal bei Rheineck ansässig und erwarb dort das St. Galler Bürgerrecht. Anton Dufour wurde am 3. Februar 1877 in Luzern geboren, in der Leuchtestadt verlebte er seine erste Jugend, durchlief dort die Schulen, welche er im humanistischen Gymnasium zum. Abschluss brachte; er wollte sich fürs ärztliche Studium vorbereiten, allein der inzwischen erfolgte Tod seines Vaters verhinderte derartige Pläne. Noch stand die alte Grossmutter an der Spitze der Seidenfabrik, sie bestimmte den aufgeweckten, kommerziell und technisch veranlagten Jungen für die Leitung des zu hoher Blüte gelangten Unternehmens; sie diktierte einen jahrelangen Auslandsaufenthalt in England, Deutschland, Belgien und Italien, woselbst Anton Dufour von der Picke auf anzutreten hatte; vielleicht aber gerade dadurch ein so brauchbares Rüstzeug an Wissen, Umsicht und Erfahrung für seine Zukunft erwarb. Die heimatlichen Bande knüpften sich aus der Fremde vor allem durch den Militärdienst. Anton Dufour wandte sich aus sportlicher Neigung der Kavallerie zu. Es war um die Jahrhundertwende, als bereits im Ausland, vereinzelt auch in der Schweiz, vom Automobil die Rede war. Anton Dufour betrieb draussen am Ostzipfel des Bodensees das elterliche und grosselterliche Geschäft mit Energie und Schaffensfreudigkeit; das ursprüngliche Handwerk schuf auch der sich dehnenden Fabrik den goldenen -Boden, deshalb konnte sich Dufour seine Erholungs- und Mussezeit nach Liebhaberei gestalten und just das neuzeitliche Fahrzeug, das Automobil, zog Anton Dufour in seinen Bann. Er konnte aus dem Schatz seiner Erinnerungen mit köstlichem Erzähler-Humor aus der Erstlingsgeschichte des Automobils auskramen, wie selten einer. Wie oft gab er jene Geschichte zum Besten\ als er Mitte der 90er Jahre seinen ersten Rochet-Schneider- Wagen aus Lyon kommen liess, der, als «moteur ä petrole» deklariert, eines Tages auf der Station Rheineck eintraf, und als man ihm eine Ladung Petroleum verabreichte, nur mittels Pferdegespann vom Fleck zu bringen war, bis endlich durch umständliche Telegramme mit der Fabrik in Lyon diese erste, tolle Panne behoben wurde. Mit Benzin lief der Wagen dann trotz Riemenantrieb und Glührohr-Zündung prächtig. Unzählbar, sind die Fahrzeuge, die Anton Dufour seither benützte, jede Marke von Bedeutung, besonders wenn es galt, einem Fahrzeug seinen Ruf zu bereiten, wurde von Dufour durchprobiert. Die grosse Garage seiner prächtigen Villa in Thal barg häufig 3 bis 5 der verschiedenartigsten Typen; der kleine Zweisitzer wechselte ab mit dem grossen Rennungetüm damaliger 50—60 HP. Anton Dufour, war in jenen ersten Jahren zum Pionier des Automobils in der Ostmark des Landes geworden; alles, was mit Motorfahrzeugen zusammenhing, gewann sein Interesse, er befasste sich mit dem Elektromobil mit gleicher Kennerschaft wie mit Rennbooten in den Bodensee-Regatten. Die sportliche Seite des Automobils fand in ihm einen begeisterten Verfechter, der mit fabelhafter Geschicklichkeit und Sicherheit an allen damaligen Rennen und Sportveranstaltungen teilnahm und dabei stets ein neueres und interessanteres Fahrzeug ins Treffen führte. Anton Dufour erkannte im Automobil aber nicht nur das Fahrzeug der Zukunft für Personentransport, d. h. für Sport und Touristik, er hatte von allem Anfang an für dieses neue Transportmittel als Nutzfahrzeug einen selten klaren Blick. Von Rheineck war es nur ein Katzensprung hinüber nach Arbon, wo der geniale Adolph Saurer an der Arbeit war, den Motor im Lastwagen praktischer Verwendbarkeit zuzuführen. Eng knüpfte sich damals die Verbindung zwischen Saurer und Dufour, und es ist nicht verwunderlich, wenn Pläne heranreiften, die später in der Gründung einer Lastwagenfabrik Safir-Zürich ihren Ausdruck fanden. Unermüdlich war Dufour auch bemüht, dem Motorlastwagen im Heer Eingang zu schaffen; seiner starken Initiative waren jene Lastwagen-Konkurrenzen zu verdanken, die unter militärischer Kontrolle zum Austrag kamen und den glänzenden Beweis dafür erbrachten, dass der mechanische Zug als wichtigstes Transportmittel, besonders im Gebirge, schon vor mehr als zwei Jahrzehnten in unserer Armee zur Einführung und umfassenden Verwertung gelangte. Dufours ausgeprägte kaufmännische und industrielle Veranlagung kam überhaupt der schweizerischen Automobilindustrie schon frühzeitig zu gut, seine hohe Begabung für mechanische Dinge, gepaart mit hellhöriger kommerzieller Einstellung, brachten ihn immer dort an die vorderste Stelle, wo es galt, Energie, Arbeit und Kapital für das Entwickeln automobilindustrieller Werke einzusetzen. Die Ausstellungen in Zürich und Genf, die Schweizerische Landesausstellung 1914 in Bern hatten in Dufour einen energischen Förderer, dem nichts zu viel war und der Vermögen und,weitreichende Verbindungen gerne für die einmal als richtig erkannte Sache spielen liess. In den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts setzte sich auch das Personen-Automobil im Heerwesen unserer Nachbarländer durch. Deutschland und Oesterreich hatten ihre freiwilligen Automobil-Corps, der französische Generalstab arbeitete fieberhaft an der Entwicklung des militärischen Automobils, andere Länder taten ein gleiches. Auch in der Schweiz machten sich gewichtige Stimmen für eine Automobiltruppe geltend. Arthur von Bonstetten in Bern trat mit anderen energisch für die Schaffung eines freiwilligen Automobil-Korps ein, dem schliesslich unter bescheidenen Anfängen zunächst schüchtern einige militärische Aufgaben gestellt waren, das sich aber dank seittet Brauchbarkeitrasch Geltung und Ansehen verschaffen konnte. Anton Dufour zog im Jahre 1907 den Kavalleristen endgültig ab und trat dem freiwilligen Automobil-Korps bei, dem nun sein zäher Wille, seine Arbeit und Intelligenz gehörte und der sich bald zum Chef des deutschschweizer. Detachements emporarbeitete. 1910 wurde Dufour das Kommando des Automobildepots Uster übertragen; als 1914 mobilisiert wurde, hatte sein Organisationstalent hochwichtige Aufgaben vor sich. Man erinnert sich noch lebhaft, wie Dufours wohlbekannte Wagen damals den General und andere höchste Offiziere begleiteten. Nach Verschmelzung der verschiedenen Motorwagendepots wurde Dufour Kommandant des allgemeinen Depots mit Majorsgrad. Als schliesslich die neue Truppenordnung auch den Automobildienst umformte, trat Dufour als Oberstleutnant sein wichtiges Amt an. Mehr als zwei Jahrzehnte galt ein grosser Teil seiner Zeit dem Automobildienst unserer Armee, welche in Anton Dufour einen begabten, opferwilligen, treuen Sohn und Offizier verliert. Es geschah mit fast zwingender Logik, dass Anton Dufour an die Spitze des A. C. S. trat. Jahrelang lag der einzige Schwerpunkt des Clubs in der Calvinstadt, dort, von der Gründungsstätte des A. C. S. aus, spannten sich Verbindungen über das ganze Land; Dufour war der personifizierte Träger des A.C.S.- Gedankens in der deutschen Schweiz, sozusagen von allem Anfang an. Seine glühende Begeisterung für die Automobilsache rief ihn immer dann auf den Plan, wenn es galt, sich für den Club einzusetzen, unermüdlich war er an der Arbeit, dem Automobil neue Freunde zu werben; kein Fahrer von Bedeutung aus jenen ersten 10 Jahren der Geschichte des A. C. S., den mit Anton Dufour nicht persönliche Bande verknüpften. Die Sektion St. Gallen, die er als eine der ersten in.der deutschen Schweiz gründete, war und blieb sein Schosskind und als Charles Louis Empeyta, der hochverdiente Präsident des A. C. S. und später der ebenso verdienstvolle Jules Megevet nach langer Arbeit das Szepter aus der Hand legten, war Anton Dufour wohl der einzige gegebene Anwärter auf die Führung des Clubs. Was Anton Dufour als Mitglied. Sektionspräsident. Delegierter, Verwaltungsrat, Vizepräsident und zuletzt als Zentralpräsident Iliü Anton Dufourt 'ö.S. geleistet, lasst sich im Rahmen djeser-knappen.£rinneruäg nur andeutungsweise sagen. Nahezu 30 Jahre war er eine treibende Kraft im A.C.S.: unendlich War die Arbeit in dieser langen' Zeitspanne, selbstlos die Hingabe an die Werke des Clubs. Wer die Lebensgeschichte Anton Dufours schildert, schreibt damit ein grosses Stück Geschichte des A. C. S. Hundertmal hat er, im Interesse des Clubs, die 350 Kilometer lange Fahrt St. Gallen-Genf unters Rad genommen, nichts war ihm zu viel in der Arbeit für den Club, dem er sich mit Herz und Hand in selbstloser Weise verschrieben hat. Als mit der zunehmenden Entwicklung des Automobilwesens die Aufgaben des A. C. S. grösser wurden, als er dem Club als Vize- Präsident angehörte, siedelte sich Dufour, in Versoix an, um seine ganze Kraft für den A. C. S. einzusetzen. Unter Dufours Präsidentschaft hat der A. C. S. eine glänzende Entwicklung genommen, seine Initiative war überall dort zu verspüren, wo es die Verteidigung der Club- oder Automobilsache galt; unlöschbar wird sein Name in den Annalen eingegraben sein; dankbar wird man stets des Mannes gedenken, der Fähigkeit, Zeit und Geld, seine ganze Person dem Club opferte. Man erinnert sich noch der Krisis, die vor wenig Jahren den A.C.S. im Mark traf, jener unglückseligen Affäre Naiv, die ums Haar zu einer Spaltung des Clubs und einer Trennung in Deutsch und Welsch geführt hätte. Anton Dufour ist damals von manchem seiner Freunde missverstanden worden, seine kraftvolle Art, die im gegebenen Moment auch vor einer Ausserachtlassung notwendiger Rücksicht nicht zurückschreckte, hat da und dort einer gewissen Gegnerschaft gerufen, aber selbst diejenigen, welche in jenen kritischen Zeiten mit Anton Dufour nicht durch dick und dünn gehen konnten, haben ihm die Achtung nie versagt und die Ehrenhaftigkeit seines Handelns rückhaltslos gelten lassen. Auf internationalem Boden ist Anton Dufours markige Persönlichkeit voll in Erscheinung getreten; in der Vereinigung der AJACR, jener weltumfassenden Verbindung der anerkannten Automobil-Clubs, spielte Dufour als Komitee-Mitglied eine führende Rolle; auch hier hatte ihn seine hervorragende Begabung, seine Rednergabe, seine. Sprachfertigkeit — Dufour beherrschte die deutsche, französische, englische und italieni-