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E_1929_Zeitung_Nr.088

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Ausgabe: Deutsche Schweiz. BERN, Freitag 11. Oktober 1929 Nummer 20 Cts. 25. Jahrgang. - N° «8 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich ,,G»lb« Liste" Halbjibrlleb Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portozuschlag, ADMINISTRATION: Breitenrainstrasse 97, Bern •©fern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 Rappen.. Postcheck-Rechmine 111/ «4 Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSEPTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; tür Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grossere Inserate nach Seitentarif. Inseratensehluss 4 Tage vo» Erscheinen der Nummern TJra.£jleioli.© Elleix Jedermann erinnert sich wohl noch des schauderhaften Unglückes im Rickentunnel, das leider nicht ohne Menschenopfer abgegangen ist Nach drei Jahren liegt nun der abschllessende Bericht der Staatsanwaltschaft vor. Die Automobilisten werden im Augenblicke, da wir vor der Neuberatung des eidgenössischen Automobilgesetzes stehen und die Automobilhaftpflicht noch schärfer umgrenzt werden soll, wohl mit Interesse von den Schlussfolgerungen der Staatsanwaltschaft Kenntnis nehmen, verlangte man doch im ganzen Schweizerlande eine völlige Klarstellung der Schuldfragen und Massnahmen zur Verhütung ähnlicher Katastrophen. Mit zunehmendem Erstaunen und Interesse durchliest man den zuständigen Bericht, der zur Schlussfolgerung führt, dass das Strafverfahren aufzuheben sei. Mit andern Worten: Unsere hohe Justiz kapituliert vor einer ganzen Reihe sogenannter Imponderabilien, die mitkausal zum tragischen Ausgange geführt haben. Als mitkausal bezeichnet der staatsanwaltliche Bericht «das ganze System» und den sogenannten «Dienstweg» des weitverzweigten Verwaltungsapparates. Die verschiedensten Faktoren und Momente in ihrer Totalität, in ihrer Gesamtwirfeang, hätten sich zur Katastrophe ausgewirkt. DieStraJuntersüchung gegen, dfe drei beschuldigten Oberbeamten sei deshalb mangels Straftatbestandes aufzuheben und die Kosten d«r Untersuchung inklusive Begutachtung im Betrage von 12,000 Franken habe der Bund der st gallischen Staatskasse zurückauver- • guten. Das «System» erfährt allerdings eine scharfe Verurteilung, dafür haben die Schweizerischen Bundesbahnen nicht einmal die Kosten zu bezahlen, sondern der Bund, d. h. das gesamte Schweizervolk, hat dafür aufzukommen. Welches waren nun diese Imponderabilien? Als massgebende Ursache des Unglückes bezeichnen die Experten die schlechte, unzureichende Qualität der verwendeten O. N.-Briketts, anderseits stellen sie fest, dass das An- Mngegewicht von ; 260 Tonnen für den Maschinentypus B 5-4 Heissdampf als zu hoch zu bezeichnen sei. Ebenso ist festgestellt worden, dass unverständlicherweise wirklich taugliche Schutzmassnahmen für das Fahrpersonal nicht vorhanden waren, trotzdem F E U I L L E T O N Patent No. 2002. Kriminalroman von Ludwig Peter. (11. FortMtznng) Unmittelbar nachher wurde Dr. Beck in Üen Tod gelockt, indem ihm telephoniert wurde, er möchte sich aufs Land begeben, um bei einer Geburt seinem Kollegen zu helfen. Der telephonierende Mann hatte wieder einen schwarzen Bart, war wieder Erich Klein. Ich fand im Wagen eine angerauchte Zigarette, die mit einem höchst wirksamen Opiumzusatz durchsetzt war. Klein holte den Arzt ab, betäubte ihn mit der Cigarette, öffnete dann den Ofen des Automobils und demolierte die Zuleitung, sodass die austretenden Gase den betäubten Mann töten mussten. Einer genauen Betrachtung konnte es nicht entgehen, dass die Schraube nicht zufällig gelöst war, sondern dass eine heftige Der Vorhang fällt... man die Gefahr des Steckenbleibens der Züge aus Erfährung kannte und bereits, im Jahre 1916 Herr. Prof. Dr. Zangger in Zürich- de,m Riekentunnel besonderes Augenmerk geschenkt und Schutzmassnahmen verlangt hatte. Diese Begehren wurden von Seiten der Betriebsinspektoren und auch aus Personalkreisen unterstützt; allein diesen Reklamationen wurde weder in den Kreisen der Kreisdirektion III, als auch der Generaldirekton, keine Folge gegeben. Man liess die Sache auf sich beruhen. Die beantragten und bewilligten Sauerstoffapparate wurden nicht , angeschafft, «weil der betreffende Akt auf irgend einer Betriebsabteilung aus Versehen als erledigt beiseite gelegt wurde.» Der Bericht kommt zum Schlüsse, dass hierin eine kaum zu übertreffende Nachlässigkeit und Fahrlässigkeit vorliege, deren Kausalität mit dem Unglück vom 4. Oktober 1926 nicht zu bestreiten sei. Der elementaren Pflicht, die Durchführung der Schutz- und Sicherungsmassnahmen durch eine verantwortliche Stelle überwachen zu lassen, wurde nicht im geringsten Genüge getan. -, ; Der Bericht des Staatsanwaltes bedeutet auf der ganzen Linie eine schwere Anklage gegen das «System», das in diesem Falle in schwerwiegendster Weise versagt hat. Die arigeschüld]gTen Funktionäre haben. denn auch ihre ganze Verantwortlichkeit auf dieses System abzuwälzen vermocht, der eine; mit der Begründung, dass sein Amtsvorgänger ihn über die Verhältnisse nur ungenügend orientiert habe und dass er den Erfolg der von der Kreisdirektion III angeordneten Verstärkung der Zugskraft habe abwarten wollen. Der andere betonte, dass nur der bauliche Teil des Rickentunnels ihm unterstellt gewesen und dass die Beaufsichtigung aller Apparate in den Aufgabenkreis des Tunnelwärters auf der Nordseite gefallen sei. Der dritte der Hauptangeschuldigten behauptete, dass die Obliegenheiten, das Personal über die richtige und zweckmässige Verwendung der Apparate zu instruieren, zu den reglementarischen Pflichten des Bahnmeisters, der beim Unglück seinen Tod fand, gehörten. Schlussendlich entpuppten sich somit der Herr «Betriebsdienst» und sein nächster Verwandter, der Herr «Bureaukratius» als Hauptangeschuldigte. Da nun aber das Strafgesetz äussere Gewalteinwirkung sie deformiert hatte. Dabei ist dem Mörder das Missgeschick passiert, dass er bei der Unglücksstelle unverhofft von zwei jungen Menschen gesehen wurde und in seiner Verwirrung sein in . der Nähe verstecktes Automobil zur Flucht benützte. Ich mass und zeichnete genau die Spur des Wagens im aufgeweichten Boden. Am gleichen Abend erfuhr ich vom Physikat, dass in letzter Zeit nur von einem Herrn Klein ein Giftschein für Arsenik zu Studienzwecken verlangt worden sei. Damals glaubte ich noch, Klein habe Kraft töten wollen. Heute weiss ich, dass Kraft die Vergiftung zu seiner Entlastung mimte und das Gift selbst in das Erbrochene mischte. Ich ging dann mit Kramer zum Nachtessen. Während wir speisten, wurde an meinem Stock ein kleiner Mechanismus angebracht, der mich stach, als ich den Griff in die Hand nahm und zugleich die Wunde mit Tetanus infizierte. Der kleine Miniatur-Apparat war in seiner Wirkung ähnlich dem Giftzahn einer Schlange. Doch ich war auf der Hut, denn ich hatte irgend nur rechtlich Schuldige kennt und da, wie es der Bericht so schön sagt, der Kreis der moralisch Fehlbaren noch weiter auszudehnen, der Aktiopsradius wohl weit nach «oben» zu ziehen gewesen wäre, begnügt sich der staatsanwajtliche Bericht mit der Feststellung, dass ein Funktionär die Verantwortung auf den andern ihm neben- oder übergeordneten, eine Dienstabteilung sie auf die andere abzuwälzen bestrebt war. Da die Untersuchung ins Unermessliche gestiegen wäre, wie behauptet wird, Hat die Staatsanwaltschaft den Aktionsradius nicht weiter gezogen und damit wohl die moralisch Fehlbaren dort stehen lassen, wo sie jedenfalls zu finden gewesen wären... Trotzdem nach staatsanwaltlichem Bericht feststeht, «dass seitens der massgebenden Organe der Bundesbahnverwaltung und namentlich des Betriebsdienstes gefehlt worden ist, dass Jahre hindurch — 16 Jahre — ein Zustand geduldet worden ist, von dem man wusste, dass er die gewöhnlichen Risiken, die das bahnbenützende Publikum bei den Allgemeingefahren in Kauf nimmt, weit übersteigt,» kommt der untersuchende Staatsanwalt in rechtlicher Würdigung der Strafuntersuchung zum Schluss, dass es im Sinne des geltenden Rechtes keine Schuldigen gebe und jegliches objektive Verschulden verneint werden müsse. Wohl weite Kreise des Schweizervolkes werden diese Sehlussfolgerung mit etwelchem Kopf schütteln aufnehmen. Denn schlussendlich ist auch in einem staatlichen Betriebe irgend eine AmtssteJle, irgend eine Persönlichkeit iüf das Sysjtem verantwortlich. System und Dienstweg sind nicht etwas auf alle Zeiten Festgelegtes, sondern werden von leitenden * Persönlichkeiten bestimmt und beeinflusst Wenn wirklich das System und der sogenannte Dienstweg mitkausal zu diesem schweren Unglücke beigetragen haben, so sind jedenfalls die Leiter und Führer dieses Systems in erster Linie verantwortlich. So wird es wenigstens bei der Post, bei den Privatbahnen, in unserer Armee und in jedem geordneten öffentlichen oder Privatbetriebe gehandhabt. Genügt das System nicht, so genügt eben auch die Leitung nicht. Ist das System verantwortlich,, so auch dessen oder deren Leiter. Ein System ohne verantwortliche Leitung ist undenkbar. Auch bei den Bundesbahnen haben wir indessen verantwortliche, leitende Stellungen genug. Warum sie nicht erfasst werden konnten, bleibe dahingestellt. Wäre das Unglück einer Privatbahn zugestossen, so hätte man jedenfalls die zuständigen verantwortlichen Instanzen schon eine Verwendung der Kulturen erwartet und Hess mich sofort behandeln. Am nachmittag hatte Keller sein Geschick erreicht. Es war leicht anzunehmen, dass dieser Todesfall mit den andern in Zusammenhang stand. Ich begab mich zur Kontrolle des -verunglückten Wagens am andern Morgen zum Besitzer Kraft. Er war nicht zu Hause, sondern schickte mir seinen Chauffeur zur Mithilfe. Ehe dieser kam, stellte ich fest, dass an der vordem rechten Bremstrommel gearbeitet worden war und fand in einer Ecke einen winzigen abmontierten Apparat, der bei einer gewissen, grossen Geschwindigkeit des Wagens durch geschickte Ausnützung der Zentrifugalkraft, das Rad b!okkierte. Der Chauffeur versicherte mir, dass seines Wissens niemand am Wagen gearbeitet habe. Also auch im Falle Keller waren es Verbrecherhände, die den Unfall herbeigeführt hatten. Das Wichtigste aber, was ich in der Garage Krafts feststellte, war, dass die von mir in der Nähe der Beck'schen Unglücksstelle gemessenen Wagendimensionen und aufgezeichneten Pneuabdrücke genau mit denen der Limousine Krafts übereinstimmten. Die Höhe der Stollen und die verschiedenen Pneu-Marken waren hier und dort dieselben. Nun wusste ich, dass Kraft der in einem Auto im Walde von Hochau verschwindende Mann mit dem schwarzen Bart war. Rasch kombinierend, simulierte ich eine Ohnmacht, und während mich die Haushälterin des Bankiers in seinem Arbeitszimmer allein liess, suchte ich nach Fingerabdrücken. Sie stimmten beim Vergleich genau mit dem auf dem Reagenzglas Kleins gefundenen überein! Soweit war nun der Ring geschlossen. Klein war der Mörder und Kraft war mit ihm identisch! In der Werkstatt verkleidete er sich, klebte sich den Bart an und verliess durch den Heckenweg seine Wohnung. Ich gab mich jedoch nicht zufrieden; da ich von der Haushälterin vernommen hatte, dass der Bankier am andern Morgen verreisen würde, schickte ich den mir befreundeten Kunsthändler Walter, den Sie am Ball kennen lernten, als alten Bauern verkleidet im gleichen Zug mit. Er hat mir schon öfters, wenn ich unabkömmlich war, solche Dienste geleistet und seine Aufgabe immer glänzend durchgeführt Ich selber machte, als Mechaniker verkleidet, Besuch in der Bank und gefunden und sie zweifellos zur Rechenschaft gezogen. Hier aber hat die h. Justiz vor dem System kapituliert und damit den S. B. B. wohl keinen grossen Dienst erwiesen. Misstrauen und Unbehagen bleiben im Volke zurück. Die Tagespresse wird aus gewissen Gründen zum Entscheid keine Stellung beziehen. Wir haben es nicht nur im Interesse unseres Volkes und auch der S.B.B, selber getan, sondern auch deshalb, weil bei einem Auto-« Unfall beispielsweise man noch nie von Imponderabilien gehört hat. Hier hat man den Schuldigen immer noch zu finden gewusst. Artikel 31 des Automobilgesetzes postuliert neuerdings die Kausalhaftpflicht des Halters. Es fuhrt in grundsätzlicher Abweichung vom- Obligationenrecht die Ursachhaftung ein. Man weicht von den bisher gebräuchlichen Versdhuldungsprinzipien ab und stellt den Automobilisten quasi unter eine Ausnahmegesetzgebung. Keinen Augenblick ist er sicher, durch irgend einen Verkehrsunfall hinter Schloss und Riegel gesetzt zu werden. Dabei schreckt man vor seiner Börse nicht zurück- Die Fälle sind heute, zahlreich genug, die beweisen, mit welch hohen Summen feWbare Automobilisten ihre Schuld, zu bezahlen haben- Bei den Schweizerischen Bundesbahn nen scheint die Praxis eine andere zu sein,, und man muss sich nicht verwundern, wenn im Volke draussen die Auffassung sich je länger je mehr Bahn,bricht,.als würde.heute mit ungleichen Ellen gemessen und zweierlei Justiz gehandhabt, eine für den gemeinen Bürger und eine für den Bundesangestellten.: Den autoraobilfahrenden Bürger steckt mait von der Strasse weg ins Loch, bei den BIUK desbahnen versagt man es sich, den Kreis der «moralisch Fehlbaren» noch weiter auszudehnen. Den Automobilisten lässt man bezahlen, auch wenn man ihn dabei finanziell ruinieren könnte. Die Bundesbahnen haben nicht einmaj für die Kosten der gerichtlichen Untersuchung aufzukommen, trotzdem das System als schuldig erklärt werden muss-und es sich beim ganzen Fall um eine — wir wiederholen es — « kaum zu übertreffende Nachlässigkeit und Fahrlässigkeit» gehandelt hat Heute aber regiert eben das System; diesem System hat sich der gemeine Bürger zu unterziehen. Vor ihm kapituliert sogar unsere Justiz und wird so lange kapitulieren, bis das Schweizervolk selbst mit diesem System der Unverantwortlichkeit und des zweierlei Rechtes zu Gerichte sitzt. * * * • untersuchte sämtliche Schreibmaschinen, angeblich im Auftrage Krafts. Von jeder nahm ich Schriftproben und da zeigte es sich, dass die eine die gleichen Defekte an gewissen Schriftzeichen hlnterliess, wie sie in dem anonymen Brief an Dr. Fischer zu finden waren. Am gleichen Tag erfuhr ich durch Sie von Kellers Erfindung und dass bloss Kraft und die drei Verstorbenen davon gewusst hatten. Kraft hat also zuerst die Mitwisser beseitigt: und dann den Erfinder selbst, um sich das Patent anzueignen. Jetzt musste ich noch wissen, ob die Papiere gestohlen worden waren und was mit ihnen geschehen war. Ich begab mich deshalb am andern Morgen zu Frau Keller und ihrer Tochter, indem ich vorgab, mit dem Toten befreundet gewesen zu sein. iSe erzählten mir vom Unglück und wie sie davon telephonisch benachrichtigt worden seien. Bei ihrer Heimkehr habe Herr Kraft auf sie gewartet und ihnen die Schlüssel des Verstorbenen überreicht, mit der Bemerkung, er habe sie dem Toten aus der Tasche genommen, damit sie nicht gestohlen würden. Auf meine Frage, ob bei den Schriften des Sohnes ein gelbes Couvert mit einer technischen Zeichnung gewesen sei, antwortete mir Frau Keller, dass alles in peinlichster Ordnung und genau geregelt gewesen, dass aber kein Entwurf einer Erfindung vorhanden war ! {Schluss