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E_1929_Zeitung_Nr.091

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Ausgabe: Deutsche Schweiz. BERN, Dienstag 22. Oktobet 1929 Nummer 20 Cts. 25. Jahrgang. — N° 91 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ÄBONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag ' Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.— Im Ausland unter Portozuschlag, ADMINISTRATION: Breitenrainstrasse 97, Bern sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 Rappen. Postcheck-Rechnung 111/414 Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Die Führerbewilligung im neuen Verkehrsgesetz Es ist ohne weiteres anzunehmen, dass der Bund die Freizügigkeit der Führerbewilligung bei Wohnsitzwechsel statuieren wird. Mag man auch den erwähnten natürlichen Differenzen etwelche Gewalt antun, so würden sie doch nicht eine Durchbrechung des Vereinheitlichungsprinzips rechtfertigen. Dagegen wird man nicht, umhin können, sehr eingehende gemeinsame Prüfungsgrundsätze festzusetzen. Zum grossen Glück für die Sache ist ja nun die Ansicht durchgedrungen, der Verkehr brauche mehr ein Rahmengesetz und für die ständig ändernden Detailbestimmun- A.nregungexL aus der Praxis gen die anpassungsfähige Verordnung. Solche Prüfungsgrundsätze könnten vielleicht sogar in einem gesonderten Reglement untergebracht werden. An dieser Stelle mag der Wunsch ausgedrückt werden, dass man mit dem Gesetzestext auch die zugehörige Verordnung bekanntgebe, wie dies anno 1923 im Kanton Zürich gemacht worden ist. Wie soll nun die Das neue eidgenössische Verkehrsgesetz ist berufen, nicht nur auf dem Gebiete der eigentlichen Verkehrsvorschriften grundsätzliche Neuerungen zu bringen, sondern auch mehr organisatorische Probleme zu lösen, wie z. B. das der Führerbewilligung. Es dürfte deshalb angezeigt sein, heute einige Anregungen, die sich aus der Praxis ergeben, zur Diskussion zu bringen, damit schon der Fragebogen und der Gesetzesentwurf auf abgeklärter Basis beruhen und die Einführung des Gesetzes beschleunigen. Ein arger Uebelstand ist heute die Ungleichheit der Prüfungen. Die einen Kantone schauen mehr auf englische und französische Vorbilder, wo man sich mit der Feststellung begnügt, dass der Fahrer die Handgriffe kennt und den Weg um ein paar Häuserecken findet, im übrigen aber alles der Praxis und dem gesunden Menschenverstand vertrauensvoll überlässt. Andere Kantone, wie Zürich und Bern, sympathisieren mehr mit dem « gründlichen » deutschen System der scharfen Ausscheidung aller Halbausgebildeten. Zu diesen Differenzierungen gesellen sich noch die Ungleichheiten des Prüfungsortes. In einem verkehrsarmen Kanton lässt sich eine so scharfe Prüfung wie z. B. in Zürich gar nicht durchführen. Viele Durchgefallene und Examenängstliche schlagen denn auch heute ein Scheindomizil in einem solchen «leichten» Kanton auf und verlangen dann auf Grund der dort erlangten Führerbewilligung an ihrem wirklichen Domizil die Umschreibung ohne neue Prüfung. Die verkehrsreichen Kantone sind daher sehr vorsichtig in der prüfungsfreien Anerkennung von ausserkantonalen Führerbewilligungen. u L L Durch die Fenster Novelle von Anna Burg. Der unverheiratete, als menschenscheu geltende Musiker Georg Wimper bezog an einem Oktobertag seine neue Wohnung. Sie bestand aus zwei Zimmern, die er bei einem alten Ehepaar gemietet hatte, und lag im Hinterhaus an einer der fieberhaftesten Strassen der Weltstadt. Dieses Hinterhaus war nicht etwa eine melancholische, russgeschwärzte Mietkaserne, sondern einfach der von der Strasse abliegende Teil eines HäuseTkomplexes, wie sie sich als mächtige, starkgefügte und wohlausgerüstete Gebäude aneinander reihen. Es hatte seinen sogenannten Herrschaftsaufgang mit breiter, teppichbelegter Treppe und seinen Dienstbotenaufgang mit schmaler Holzstiege, gewährte aber, da es von beiden Seiten von Höfen — Gärten, wie sie genannt wurden — eingeschlossen war, mehr Stille und Behagen als das für eleganter geltende Vorder- neue Prüfung aussehen ? Es lässt sich m. E. nicht ohne weiteres entscheiden, ob für uns wirklich die bureaukratische und pedantische deutsche Prüfung als Vorbild dienen soll; Wir haben nämlich nicht bemerkt, dass die Führereigenschaften der deutschen- Fahrer im Durchschnitt besonders hervorragend wären. Es kommt eben in der Praxis neben den technischen Kenntnissen ebenso darauf an, über welche moralischen Qualitäten der Fahrer verfügt. Dieser mag allerlei Fehler haben und doch ganz ungefährlich sein, weil er sich eben entsprechend einrichtet und seine peinliche Gewissenhaftigkeit die ungenügende Technik aufwiegt. Aus diesem Grunde könnte die Prüfung etwas mehr noch nach dieser Richtung hin ergänzt werden, d. h. der Experte soll dem Kandidaten recht ins Gewissen reden. Einige Zürcher Experlen machen dies bereits mit Takt und Geschick. Statt sich die Lehre von den vier Arbeitstakten vorpapageien zu lassen, soll mehr gefragt werden, was man in der und jener Gefahr oder Panne tun würde (Versagen der Bremsen, des Motors etc). Und kein Führer wäre mir zu vornehm, um nicht wissen zu müssen, wie man den Wagen unterhält, namentlich schmiert. Wie mancher böse Unfall, wie viele Pannen, wie viel volkswirtschaftlicher Schaden beruhen auf Unkenntnis des Wagenunterhalts! Auch der Herrenfahrer soll wissen, vorüber sich seine Oberaufsicht und Mitverantwortung erstreckt. haus. Dass die Zimmer, die nach dem schmalen Hof sahen, etwas dunkel waren, Hess sich nicht leugnen; aber gerade von den Fenstern dieser Räume aus bot sich ei-, nem stillen Beobachter ein Ausblick dar, der, wenn er auch nicht wie die Aussicht in Baumgrün oder Himmelsbläue Erquickung für die Augen spendete, doch das Interesse in hohem Grade zu fesseln vermochte. Denn so abgeschlossen und zurückhaltend die Bewohner der Grossstadt auch meist zu sein pflegten, so ungeniert gebärdeten sie sich in ihren vier Wänden. Die Menschen, deren Gesellschaft sie nicht suchten, an deren Schicksal sie anscheinend kalt und teilnahmslos vorbeigingen, schienen in der Tat gar nicht für sie zu existieren, denn es fiel ihnen nicht ein, ihr intimes Leben gegen zufällige Betrachtung durch Fensterladen oder Vorhänge allzu sehr abzuschliessen. Georg Wimper fand denn auch bald, einen grossen Reiz darin, sich in den vielen Stunden, die ihm neben der Ausübung seines musikalischen Berufes — er war Geiger in einem Theaterorchester — zu freier Verfügung blieben, der Anschauung dieser sich in seiner unmittelbaren Nähe abspielenden, ihn sonst angenehm kühl lassenden Lebensfragmente hinzugeben. Niemand schien es zu beachten oder unangenehm zu empfinden, dass er stundenlang in seinem Fenster lehnte und die ihm durch den Ausschnitt der gegenüber liegenden Fenster sichtbaren Räume wie kleine Bühnenbilder betrachtete; weder die Portiersleute in der Kellerwohnung, von deren tieferliegendem Zimmer man nur einen schmalen Streifen sah, noch die Witwe mit ihren Töchtern im Erdgeschoss, weder die Beamtenfamilie im ersten Stock, noch das anscheinend «freie Ehepaar >, die Schriftstellersleute im dritten Stock — der zweite Stock stand leer — auch nicht die alte Jungfer im obersten Stock. Er wusste schon nach einem Monat über alle diese Leute ein wenig Bescheid. Es war ihm nicht unbekannt,, dass die Portiersleute öfters Streit hatten, Das Auto ist längst nicht mehr ausschliessliches Sportinstrument, der Konkurrenzkampf zwingt alle in den Reigen auf der Strasse, und leider auch solche, die von Natur aus ungeeignet sind. Es sollten daher alle Kandidaten ein Zeugnis ihres Arztes (hier wird man kaum die Amtsärzte bemühen dürfen) beibringen, das sich in Zahlen über Seh- und Hörschärfe, sowie über allfällige schwere chronische Leiden (Paralyse u. a.!) und sonstige Gebrechen ausspricht. Dieses Zeugnis sollte auch periodisch, sagen wir alle drei Jahre, erneuert werden. Kam es doch beispielsweise vor, dass jemand kurz nach der Prüfung ein Bein verlor und nach der Genesung ruhig weiterfuhr, wobei dieser Mangel später einen Unfall verursachte, der dem Betreffenden und seinem Mitfahrer beinahe das Leben kostete. Bis jetzt ist der Experte auf seine Spürnase und die Wahrheitsliebe des Kandidaten angewiesen. Eine einheitliche Praxis mit Bezug auf körperliche Anforderungen (man denke an die Einäugigen unter dem heutigen Recht!) wird ein Beschwerderecht an eine Bundesinstanz gewährleisten. Die bisher übliche Liste der Ungeeigneten sollte aber auch expressis verbis um solche Kandidaten vermehrt werden, die mehrere Prüfungen nicht bestanden haben. Es ist dem Ansehen der Prüfung nicht förderlich, wenn einer sich ad infinitum präsentieren kann, und die guten Fahrer haben durchaus kein Interesse daran, dass solche Ausnahmepersonen mit Ach und Krach von einem Spezialdresseur schliesslich durchgebracht werden. Bis jetzt hat man in Zürich ein psychotechnisches Gutachten verlangt, das meist die gewonnenen Prüfungserfahrungen bestätigte, und auf Grund dessen Folgerungen hat die Motorfahrzeugkontrolle die Kandidaten definitiv abgewiesen. Der Regierungsrat hat kürzlich dieses Verfahren gebilligt. " " Lebenslängliche Führerbewilligung, oder jährliche Erneuerung und Nachprüfung bei Unterbrüchen in der Fahrpraxis?Viele Ausländer können unser System nicht verstehen. Wie kann man einen Befähigungsausweis mittels eines Gummistempels «erneuern » ? Und das noch gegen eine ansehnliche Gebühr, die bei weitem die Arbeitsleistung des Staates übersteigt! Die hohe «Gebühr» — sie ist keine Gebühr mehr, sondern eine Form von Automobilsteuer, auf den Kopf des Führers erhoben — bewirkt, dass nur diejenigen Führer ihren Ausweis erneuern, die ihn auch wirklich brauchen. Bei zweimaliger Nichterneuerung kann man ruhig annehmen, dass der Führer nicht mehr ganz auf der Höhe sein kann, weil man rasch verlernt und der Verkehr sich entwickelt. In den andern Staaten haben die Behörden immer Schwierigkeiten mit solchen « Schaltjahrfahrern ». Was dass ihre Kellerwohnung ungemütlich und feucht war, und den Portier nötigte, sich mit einigen Schnäpsen zu erwärmen, was die Frau mit reichlich viel Kaffee- zu erreichen suchte. Er hatte auch schon herausgefunden, dass die zwei Töchter der Witwe ausserordentlich heiratsfähig waren und ihre Ungeduld über die nutzlos verstreichende Zeit an ihrer Mutter und an sich gegenseitig ausliessen. Er zweifelte nicht daran, dass die Beamtenfamilie, die aus Vater, Mutter und sechs Kindern bestand, mit Geldsorgen zu kämpfen hatte, ebenso wie die höher wohnenden Hausgenossen, das freie Ehepaar, die Schriftstellersleute, deren Einrichtung offenbar an- Schwindsucht litt, denn es verschwand daraus ab und zu ein Stück, was aber die Leute anscheinend nicht hinderte, sehr glücklich zu sein. Das Stübchen der alten Jungfer konnte Georg Wimper nur sehen, wenn er einmal in die Bodenkammer hinaufstieg, um Musikalien aus einem alten Koffer herauszusuchen. Dann sah er das Fenster des alten Mädchens, das ordentlich «wildermutlich» wirkte mit seinem Arbeitstisch, auf dem eine Bibel und eine Brille neben einer Vase mit Blumen lagen. Darüber hing ein Vogelbauer, aus dem ein schmetternder Kanariengesang ertönte. Aber es beunruhigte Georg Wimper nicht, dass er nicht täglich hinter die Kulissen der Dachwohnung sehen konnte. Er wusste, dass das Leben dort gleichmässig ruhig dahinfloss, dass die Lage der Wohnung, in der das alternde Herz schlug, gewissermassen symbolisch, war für den Zustand dieses Herzens, INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeit oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cti. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratcnsililuss 4 Tage TOT Erseheinen der Nummern taugt die Führerbewilligung eines Gärtners, der einmal in stiller Saison einen Schnellbleichkurs absolviert, schliesslich nach sechs Jahren eine Gärtner-Chauffeurstelle erhält und den alten Ausweis wieder ohne Nachprüfung ans Tageslicht befördert ? Der Entzug der rührerbewilligung ist das unerfreulichste Kapitel. Das Bundesgericht hat in einem Entscheid dargelegt, dass im heutigen Recht zwei Arten von Entzug bestehen, der Entzug im Administrativverfahren, der hauptsächlich wegen Wegfalls der Voraussetzungen (Gebrechen, moralische Eignung) und aus sicherheitspolizeilichen Motiven erfolgt, und der strafweise Entzug, der in Verbindung mit einer konkreten Uebertretung durch eine Strafbehörde (Gerichte, Statthalterämter etc.) verhängt wird. Die beiden Verfahren sollten sich gegenseitig ergänzen. Aber die ohnehin schwankenden Grenzen zwischen sicherheitspolizeilichem Entzug und dieser Verfügung als Strafe sind durch die Praxis völlig verwischt worden. Je mehr das Motorfahrzeug mit dem Wirtschaftsleben verflochten wird, desto härter wirkt sich eine solche Verfügung aus. Bei Vertretern des Automobilhandelgewerbes, bei Reisenden und Chauffeuren kann die Existenz auf Jahre hinaus untergraben und vernichtet werden. Gefängnis wäre manchem unter ihnen schon lieber gewesen! Da nach einem zürcherischen Obergerichtsentscheid nur die Statthalterämter und nicht auch die Gerichte, welche die Körperverletzungen beurteilen, Entzugskompetenz haben, musste notgedrungen die Verwaltung eingreifen, um diese in vielen Fällen gewiss sehr notwendige und heilsame Strafe unter dem Deckmantel ihrer Polizeikompetenz auszusprechen. Für solche echte Straffälle ist nun wieder das Administrativverfahren völlig ungeeignet. Man denke sich, eine Verfügung, die sich schlimmer als Gefängnis auswirken kann, wird auf Grund eines Polizeirapports ausgesprochen, der doch durch und durch den Charakter des Provisoriums trägt und nur der Untersuchungsbehörde einen Verdacht zubringen soll. Das Rechtsmittel des Rekurses ist für alle Eingeweihten eine reine Farce. Wo keine Verwaltungsgerichte bestehen, wird doch nur auf offenen oder verdeckten Antrag der gleichen Behörde entschieden, die den angefochtenen Akt gefällt hat. Keine Verwaltungsbehörde krebst zurück, man könnte das sich in eine gewisse Höhe hinaufgearbeitet hatte, von der es kein Zurücksinken mehr gibt, die Höhe, wo sich schwer errungene Lebensphilosophie mit unerschütterlich festgehaltenem Jugendglauben vereinigt und eine wunderbare Atmosphäre der Harmonie schafft. Dass dies bei der alten Jungfer zutraf, wusste Georg Wimper, seit er sie einige Male im Hof getroffen und in ihre Augen geschaut hatte. Und wenn er dann mit wachsender Anteilnahme die sich so geräuschlos für ihn abspielenden Bruchstücke aus den tiefer liegenden Existenzen verfolgte, so kam ihm manchmal eine eigentümliche, tröstliche Zuversicht an, dass diese Menschen alle nach und nach sich durch die höheren Stockwerke emporarbeiten würden bis zum Frieden der Dachkammer, in der der Kanarienvogel so unbekümmert sein Lied schmetterte. Hatte es nicht auch tiefe Bedeutung, dass in der Kellerwohnung und im ersten Stock oft schon zu früher Abendstunde das Licht angezündet war, während der Tag oben noch lange die Fenster erhellte? Georg Wimper war bisher kein Frühaufsteher gewesen; jetzt aber weckte ihn meist das Interesse für seine Privatbühne, wie er bei sich das gegenüberliegende Haus nannte. Er sah in der Morgendämmerung, wie dort in allen Etagen das Leben wieder aufgenommen wurde. Er sah den Portier durch den Hof ins Vorderhaus zu seiner Loge schlurfe« und konnte beobachten, wie seine Frau sichJ behaglich am Fenster zurechtsetzte, um in alleT Ruhe ihren Kaffee zu trinken. Er sah auch die Witwe mit ihren Töchtern imNe-