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E_1929_Zeitung_Nr.092

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Ausgabe: Deutsche Schweiz. BERN, Freitag 25. Oktober 1929 Nummer 20 Cts. 25. Jährgang. — N° 92 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag ;\ . Monatlich „Gelbe IiiU" Halbjinrlteh Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, ADMINISTRATION: Breitenrainstrasse 97, Bern •olern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtUcbe Bestellung 30 Telephon Bollwerk 39.84 ; !:"• SCelegramm-Adresse: Autorevue, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung Uli 414 INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; lür Anzeigen aus dem Ausland 61) Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenschhu» 4 Tane vor Erseheinen der Nummern Fachkurse für Automechaniker Die Metallarbeiterschule Winterthur erhält eine Abteilung für Automechaniker. Mit dem überaus raschen Vordringen des Automobiles in Stadt und Land erweisen sich Bildungskurse über das Autofachgebiet von Monat zu Monat als dringlicher. Das Auto wird heute als Geschäftsfahrzeug, wie auch als Touren- und Luxusfahrzeug in ständig wachsendem Masse verwendet. Es ist für jeden Automobilisten, ob er nun auf diesem Gebiete Laie oder Fachmann sei, ohne weiteres klar, dass mit dem ungestümen Vordringen des Automobiles die Frage der Ausbildung von tüchtigen Automechanikern und Werkstattleitern immer akuter wird. Das Bedürfnis nach fachtüchtigen Autoreparaturwerkstätten ist ohne Zweifel vorhanden. Mit der Ausbildung des Nachwuchses steht •es aber, im Argen. Was geschah im letzten Jahre ? Der schweizerische Verband für Berufsberatung und Lehrlingsfürsorge hat sich übrigens schon letztes Jahr ans Werk gesetzt, die Berufsverhältnisse der Automechaniker durchzusprechen und Vorschläge für die zukünftige .Ausbildung auszuarbeiten. Eine Rundfrage, die im Schosse dieses Verbandes lanciert und geprüft wurde, bestätigte die Auffassung, dass gegenwärtig die Ausbildung der Lehrlinge und Arbeiter für Autowerkstätten, nochJangenicht den zukünftigen Anforderungen entspricht:. Wir haben im vergangenen 'Jahre verschiedene Vorschläge für automechanische und autorechtliche Ausbildungs- und Fortbildungskurse veröffentlicht und bei jenem Anlass auch mitgeteilt, dass sich das Technikum Biel für die Ausbildung von Automechanikerr» innerhalb des Technikum-Lehrplanes eingesetzt hat. Die Eidg. Techn. Hochschule organisierte vergangenes Jahr einen Fortbildungskurs für Ingenieure, die bereits in der Praxis stehen. Wir verliehen unserem Erstaunen Aus- druck, bei diesen Kursen weder autotechnische noch autorechtliche Fortbildungskurse vorgefunden zu haben. Es muss, so' scheint es auch hier der Fall zu sein, zuerst ein grosses Mass von schlechten Erfahrungen vorliegen, bis man sich entschliesst, die Ausbildung der Automechaniker und aller Berufsleute, die irgendwie mit dem .Automobil zu tun haben, systematisch zu fördern. Unsere Nachbarstaaten sind uns zum Teil schon seit mehreren Jahren, leider aber ohne Erfolg, mit dem guten Beispiel vorangegangen und haben nicht nur die Fahrausbildung durch den Fahrschulzwanj verbessert, sondern zahlreiche selbständige wie auch angegliederte Fachschulen und Fachkurse ins Leben gerufen. Pionierarbeit in Winterthur. Nachdem nun auf diesem Gebiete wiederum ein Jahr Ruhe herrschte oder ganz im Stillen vorbereitet wurde, vernehmen wir erfreut, dass die Stadt Winterthur an der Metallarbeiterschule eine besondere Schule für Automechaniker einrichten will. Schulrat und Stadtrat erklärten sich mit dem Antrage bereits einig und empfahlen denselben dem Grossen Gemeinderat von Winterthur zur Annahme. Die Automechanikerabteilung soll auf nächstes Schuljahr eröffnet werden.- Was wird unterrichtet? Die Automechanikerkurse der Metallarbeiterschule Winterthur haben den Zweck, Mechaniker für Motorfahrzeuge, die in den Reparaturbetrieben tätig sind oder sich dazu auszubilden wünschen, theoretische Kenntnisse und praktische Fertigkeiten zu übermitteln, wie sie für eine tüchtige Berufsbildung notwendig ist. Sie sollen gleichzeitig mit den zu verarbeitenden Materialien und dem Wesen der Motorfahrzeuge so vertraut gemacht werden, dass sie selbständig die Ursachen und Fehler bei defekten Fahrzeugen erkennen und Verbesserungsmassnahmen treffen können. Genauer Lehrplan und Dauer der Ausbildungszeit werden erst auf Eröffnung der Kurse hin bekanntgegeben. f Der Unterricht wird sich auf die nachfolgenden Fächer erstrecken : Materialkunde mit praktischen Uebungen, Fachzeichnen, Motor- •fahrzeüglehre (Motor, Getriebe, Uebertragung :üsw.), Reparaturberechnung, Elektrotechnik der Motorfahrzeuge, Arbeitsmethoden in der J l?eparaturwerkstätte. Der praktische Teil in (ler Werkstätte umfasst folgende Gebiete : Schraubstockarbeiten, Schmiede-, Löt- und Schweissarbeiten, Arbeiten an der Maschine, Herstellung von Ersatzteilen sowie Ausführung ganzer Reparaturarbeiten und Durchführung der Reparaturkontrollen. Aufnahme und Schiassprüfung. \ Für die Aufnahme an der Automechaniker- Ibteilung wird eine erfolgreiche Lehrzeit als Slechaniker (während drei Jahren) und die gut bestandene Lehrlingsprüfung gefordert. "Der Kandidat muss ferner drei Klassen der Zürcher Sekundärschule besucht haben oder sich über eine gleichwertige Vorbildung ausweisen. Es wird sich als zweckmässig zeigen, Schülern der Mechanikerabteilung der Metallarbeiterschule den Uebertritt an die Automechanikerabteilung nach zwei Ausbildungjahren zu ermöglichen. Die Kurse sollen durch eine Schlussprüfung beendigt werden, worauf dem Kandidaten die üblichen Ausweise der fMetallarbeiterschule'HbeTgebeii wüftfef;"" • Ausbildung älterer Arbeiter? Es ist beabsichtigt, im Interesse dieser Berufsart auch die in der Praxis stehenden Mechaniker älterer Jahrgänge in diese Ausbildungskurse einzubeziehen, doch dürfte das gewisse Schwierigkeiten haben. Diese Kurse sind für Mechaniker aus der Praxis eine neue Lehrzeit und erfordern daher ein Opfer an Geld und Zeit, das nicht jedem Praktiker möglich ist, wenn sich sein Meister nicht für ihn einsetzt. Die Erfahrung wird indes lehren, ob nicht aus dem Ertrag der Reparaturen wenigstens ein bescheidener Lohn dem Mechaniker übergeben werden kann und ob sich nicht die Ausbildung dieser Berufsleute mit Stipendien aus einem Fond fördern lässt. Die Schule will in erster Linie tüchtige Leute zu Vorarbeitern oder Leitern von Autoreparaturwerkstätten heranbilden und gedenkt daher, mit einer beschränkten Schülerzahl zu beginnen. Wenn die ersten Jahre der Erfahrung vorüber sind, wird sich auch das Bedürfnis nach Erweiterung des Ausbildungsplanes ergeben. Unterrichtsräume. Für den Unterricht sollen schon vorhandene Werkräume genügen, die aber mit 16 000 bis 17 000 Franken Baukosten den Bedürfnissen der neuen Abteilung angepasst werden müssen. Weiteres Kapital beansprucht die Beschaffung von Maschinen, Werkzeugen und Demonstrationsmodellen. Vorsichtshalber sind diese Beträge dem normalen Budget der Metalarbeiterschule einverleibt worden, um nicht das Projekt zum vorneherein in Gefahr zu bringen. Die Antragsteller rechnen aber einerseits, vom Kanton Zürich einen erhöhten Beitrag an die Schule zu erhalten, da sich die Mehrbelastung immerhin auf ca. 10 000 Franken stellen dürfte. Sollte die Mehrbelastung die errechnete Summe von 10 000 Franken wider Erwarten übersteigen, wäre nach der Behandlung der Vorlage eine Abstimmung in der Gemeinde Winterthur notwendig ' > Das gute Beispiel. Mit der Einführung einer ;Automechaniker» abteilung an der Metallarbeiterschule leisten die Antragsteller wie auch der Schuirat und der Stadtrat von Winterthur Pionierarbeit für den Automobilverkehr und das Automobilreparaturwesen. Wir hoffen nur, dass der Stadt Winterthur selber in naher Zeit schon die Vorteile eines Stammes tüchtiger Werkstätteleiter und Vorarbeiter in den Gemeindebetrieben und in den privaten Werkstätten zugutekommen werden. a. I L Durch die Fenster Novelle von Anna Barg. (1. Fortsetzung) Dieser stille Beobachter machte die Erfahrung, dass die Gestalten, die anfänglich auf sozusagen verdunkelter Bühne für ihn gespielt und sich ihm nur als ein etwas flaches Bild dargestellt hatten, nach und nach plastisch in dem Vordergrund traten, heller umrissen, und immer deutlicher sichtbar. Er vertraute sich mit ihnen, sprach in Gedanken mit ihnen, lebte ihr Leben mit, wie etwa ein Wanderer, der sich einer Reisegesellschaft angeschlossen hat. Als die Portiersfrau krank wurde und in der Kellerwohnung ganz verborgen blieb, quälte er sich bei dem Gedanken, dass ihr Bett modrig feucht sein musste, und bedauerte den Portier, wenn es morgens gebückter und schlurfender als sonst mit rotleuchtender Nase durch den Hof schwankte. Die Krankheit der Frau hatte er an einigen kleinen Ausserordentlichkeiten gemerkt. Die Hauptsächlichste davon war, dass die pompöse Gemahlin des Hausbesitzers aus dem Vorderhaus eines Tages in die Kellerwohnung stieg, sich dort fünf Minuten aufhielt, während welcher Zeit sie sich mehrmals dem Fenster näherte, und beim Herauskommen ein Körbchen in der Hand schlenkern liess, das sie vorher sehr sorgfältig getragen hatte. Ein weiteres Zeichen war, dass einmal ein sehr eiliger Herr in zugeknöpftem Ueberzieher mit auffallend zielsicherem Schritt ebenfalls für fünf Minuten auf die Kellerwohnung zugetrebt war, der konnte nichts anders sein als der Arzt. Aber nach vierzehn Tagen sass die Portiersfrau in der Früh© wieder am Fenster und trank Kaffee, und Georg Wimper freute sich darüber in so lächerlicher Weise, dass er sich vor sich selber schämte. Mit der Witw© und ihren Töchtern schloss er nach und nach auch intimere Bekanntschaft. Die Frauen * kamen ihm lange nicht mehr so oberflächlich und anmutlos vor, seit er entdeckt hatte, dass sie öfters bis in die Nacht um ihren runden Tisch herum sassen und handarbeiteten, und dass von Zeit zu Zeit alle die gestrickten und gestickten Gegenstände verpackt und von einer der Töchter fortgetragen wurden, worauf dann sofort neues Material an Stoffen und Wolle erschien. Bei längerer Betrachtung war auch die jüngere der Töchter gar nicht hässlich und seit sie einmal nach Empfang eines Briefes bitterlich weinend in einen Sessel gesunken und von Mutter und Schwester in zärtlichster Weise getröstet worden war, nahm Georg Wiraper die kleinen Zänkereien, die sich ab und zu zwischen den dreien abspielten, nicht mehr so tragisch. In der Beamtenfamilie gab es tagsüber mehrmals Sturm und Windstille, wechselndes Spiel und wilden Streit zwischen den Geschwistern; aber Georg Wimper konnte beobachten, dass die stets abgehetzte Mutter in unentwegter Selbstverständlichkeit für der Kinder äusseres Wohl sorgte und dass der schwimmscheue Vater unermüdliche Anstrengungen lachte, ihr zu Hilfe zu kommen, sie dann aber für seine Unfähigkeit dazu durch kleine Geschenke zu entschädigen suchte, die er immer am ersten und am fünfzehnten des Monats heimbrachte. Und als einmal einer jener eleganten Bettler, wie sie in der Grossstadt nicht selten sind, die kraft ihres anständigen Aeussern und der Kenntnis eines Namens Einlass beim Portier erlangen, bei ihnen vorsprach, da sah Georg Wimper, wie dieser fremde< Mensch mit der Familie zu Tisch sass, jzesDeist und getränkt wurde und zum Sehluss ein Geldstück erhielt. Dass es ein Bettler war, wusste Georg Wimper, weil der Mann am Tage vorher bei ihm selbst gewesen war. Ob er die Geschichte, die ihm dieser Arme erzählt hatte, glauben sollte, darüber war er noch im Zweifel, aber über die bedrängte Beamtenfamilie war ihm jetzt vieles klar geworden. Von dem Schriftsteller hatte er sogar den Namen herausgefunden und las nun keine Zeitung oder Zeitschrift mehr, ohne darauf zu achten, ob dieser Name unter irgend einem der Beiträge stehe. Es kam manchmal vor, — nicht oft — aber doch manchmal. Und dann freute sich Georg Wimper, obwohl die dichterischen Erzeugnisse seines Bekannten etwas freier Art waren. Die Treue kam darin immer schlecht weg. Aber solang der junge Dichter seine Gefährtin mit derselben Zärtlichkeit, die nichts Frivoles zu haben schien, behandelte, nahm Georg dies so hin. Er hatte einmal die junge Frau beobachtet, wie sie am Fenster stehend, einen Gegenstand, der offenbar ein Schmuckstück war, gegen das Licht hielt, lange betrachtete, dann wie andächtig an die Lippen drückte und in eine Schachtel legte. Zehn Minuten später war sie unten im Hof in Hut und Mantel erschienen und hatte sich entfernt. Als sie am Abend mit ihrem Gatten bei Tisch sass, auf dem mehr Essbares als sonst zu locken schien, legte sie etwas neben seinen Teller, das er mit sichtlicher Ueberraschung und Freude betrachtete. Georg Wimper wusste genau, dass es Geld war, welches die Frau für das Schmuckstück erhalten hatte. Georg Wimpers Studien durch die Fenster dauerten eine ganze Weile. Er brauchte sie nicht zu unterbrechen, weil sein eigenes Dasein ganz ereignislos, grau in grau verlief und sein Denken nicht beschäftigte. Noch bis vor kurzem war er selbst so sehr am Lebenstheater beteiligt mewesen, dass ihn anderer Leute Schicksal nie zu interessieren vermochte, aber seit er einen Traum von eigenem Glück begraben und schon fast überwunden hatte, war er sozusagen gefeit gegen eigenes Erleben. Er nannte sich bei sich selbst «imprägniert». Er konnte jetzt wie irgend eine Telephonstange in Sturm und Wetter stehen. Sturm und Wetter gingen ihn nichts an. Und mit solch unbeteiligtem Herzen die Welt zu betrachten, war ausserordentlich unterhaltsam. Trotzdem ertappte sich Georg Wimper nach einigen Wochen auf einer gewissen Gleichgültigkeit seinen Nachbarn gegenüber. Die Ausschnitte aus ihrem Leben, die er zu Gesicht bekam, glichen sich so sehr, dass sie den Reiz der Neuheit für ihn verloren und er sich nur noch ganz vorübergehend mit flüchtigem Ueberblick über die Verhältnisse der jenseitigen Hofwohnungen orientierte. So konnte es geschehen, dass zu seinem Staunen eines Tages in der Wohnung des zweiten Stockes, die bisher leer gestanden, Vorhänge aufgemacht wurden und ein lebhaftes Hin und Her von Handwerkern zu bemerken war. Die Fensterloge bekam dadurch mit einem Schlag ihre ursprüngliche Anziehungskraft, denn nun galt es herauszufinden, wer sich da mitten in seine handelnd© Truppe hineinpflanzen wollte. Während'mehrerer Tage Hess sich aber in den zwei Räumen, die nach dem Hof gingen, niemand blikken als Tapezierer, Schreiner und hochgeschürzte Scheuerfrauen. Jedoch liess sich schon an den Gardinen und dem für den Beobachter sichtbaren Mobiliar erkennen, dass der neue Mieter sich insofern von seinen Hausgenossen unterschied, als er mit irdischen Gütern reich gesegnet zu sein schien. Warum er die bescheidene, vefborgene Wohnung wählte, kam Georg Wimper etwas rätselhaft vor. (Fortsetzung fotet.)