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E_1929_Zeitung_Nr.093

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Ausgabe: oeutscne scnweiz. BERN, Dienstag 29. Oktober 1929 Nummer 20 Cts. 25. Jährgang. — N° 93 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitat Monatlich „Gelbe Liste" BaQriibrllcb Ft. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, ADMINISTRATION: Breitenrainstrasse 97, Bern cofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 Rappen. Postcheck-Rechnung 111/414 Telephon Bollwerk 39.84 • * - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Ehret einheimisches Schaffen! Nicht nur steht unsere schweizerische Landwirtschaft in einer harten Krise, sondern auch Handwerk und Gewerbe, Handel und Industrie sind keineswegs auf Rosen gebettet. Nur unter gewaltigen Kraftanstrengungen ist es schweizerischer Arbeit möglich, sich durchzusetzen. Der gute Ruf ihrer Produkte, die Qualität ihrer Leistungen vermochte glücklicherweise bis heute alle noch so hohen Zollmauern zu überwinden. Die Wirtschaftsberfchte der letzten Zeit lauten gegenüber den eigentlichen Nachkriegsjahren allerdings nicht mehr so ungünstig. Allein, die Schwierigkeiten unseres Absatzes und damit die Möglichkeit der Erhaltung unserer gewerblichen und industriellen Betriebe sind keine kleineren geworden. Die Gründe hierfür liegen eigentlich auf der Hand. Die meisten der kriegsführenden Länder konnten sich bis heute aus ihrer Verarmung noch nicht ganz befreien. Durch den Krieg der Schweiz verlorengegangene Absatzgebiete sind nur schwer zurückzuerobern. Eine bemerkenswerte Verindustrialisierung früher ausgesprochener Agrarländer zwingt zu einer steigenden Konkurrenz. Als reines Binnenland und aller wichtigsten Rohmaterialien bar, hat Schweizerarbeit Mühe, sich auf dem Weltmarkte behaupten zu können. Leider aber ist ihr zum Teil auch der Inlaadmarkt verlorengegangen. Fremde Suppe schmeckt ja vermeintlich immer besser als eigene. So ist es auch mit den Waren und Produkten. Freifnländischen Ursprungs, geniessen sie weit grösseres Vertrauen als die einheimischen. So scheint es wenigstens das ganze Jahr hindurch. Der Grund hierfür ist wohl in allererster Linie ihre Billigkeit. Das Ausland ist eben in der glücklichen Lage, unser Land mit billigen Produkten förmlich zu überschwemmen. Billigere Arbeitskräfte und längere Arbeitszeit ermöglichen einen billigen Markt, gegen welchen das Schweizerfabrikat nur mit Mühe aufzukommen vermag. Bei uns in der Schweiz stehen im Durchschnitt die Arbeitslöhne bedeutend höher als im Auslande und die Arbeitszeitregelung wird weit schablonenhafter durchgeführt als in irgend einem andern Lande. Zudem ist der Schweizer auf die Herstellung von teurer Qualitätsware angewiesen, welche er nur dann zu einem einiig«rmassen billigen Preise im Inlande absetzen kann, sofern der Auslandsabsatz gesichert ist. Unser bestes und grösstes Volksvermögen ist nun aber unsere Arbeit. Sie zu schützen ist unsere erste Pflicht. Es ist deshalb gewiss ein verdienstvolles Unternehmen des Schweizerwoche-Verbandes, wenn er jedes Durch die Fenster Novelle von Anna Burg. (2. Fortsetzung) Eines Tages nun, als er sich sorglos wie sonst aus dem Fenster lehnen wollte, prallte er etwas erschrocken zurück, denn gegenüber im zweiten. Stock stützte sich ein Mann mit beiden Händen auf das Gesimse und schaute mit eigentümlich konzentrierter Aufmerksamkeit im Hof herum. Es war dies ein grosser, schwer gebauter Mann von etwa 50 Jahren. Sein Schädel war kahl, sein scharf geschnittenes Gesicht aber glatt und von intensivem Leben durchleuchtet Georg Wimper war kaum erschienen, so hatte ihn das scharfe Auge des Fremden auch schon erwischt und einen Augenblick sahen sie sich wie fragend an. Dann wendeten beide gleichzeitig den Blick ab und traten, scheinbar gleichgültig, ins Zimmer zurück. Hoffentlich wird dieser Mensch viel beschäftigt sein, sonst könnte er mir mein harmloses Vergnügen der Beobachtung schwer beeinträchtigen, so dachte Georg Jahr wieder auf schweizerische Arbeit und auf schweizerische Produktion hinweist. Sein grosses Verdienst liegt auch darin, dass er versucht, in unser Wirtschaftsleben wieder eine moralische Einheit herzustellen und vermeintliche Gegensätze zwischen den verschiedenen. Wirtschaftsgruppen, wie auch den sozialen Schichten unseres Volkes im Interesse unserer allgemeinen Wohlfahrt zurücktreten zu lassen. Alle Schichten unseres Volkes müssen sich wieder auf dem gemeinsamen Boden unserer Arbeit zusammenfinden, denn sie allein schafft die Lebensgüter, durch welche unser Volk gross und stark geworden ist. Durch den rapid aufgekommenen Automobilismus hat sich nun in der Schweiz eine gewerbliche Industrie entwickelt, auf die wir in der Schweizerwoche allen Grund haben hinzuweisen. Infolge einer ausgezeichneten, zugleich auch finanzstarken ausländischen Automobilindustrie hat sie allerdings Muhe, sich im Auslande durchzusetzen. Was von den Schwierigkeiten der schweizerischen Industrie ganz allgemein gesagt werden musste, gilt ganz besonders für unsere schweizerische Automobilindustrie. Immerhin ist diese auch für- unser Land von steigender Bedeutung. Die in den letzten Wochen stattgefundene Betriebszählung wird uns in Zahlen bestätigen können, /welch eminent wichtige Rolle diesem Industriezweig ftf" unserem Wirtschaftsleben, bereits- r zujionunt.- Nicht nur haben Automobilfabriken, wie Martini, Saurer und Berna sich einen guten Ruf im Auslande zu schaffen gewusst, denen für Automobilzubehörartikel die Scintillawerke beizufügen sind, sondern auch im Inlande wächst der Kreis derjenigen Betriebe immer mehr, welche für das Automobil arbeiten. Eine bedeutende Automobilzubehör-Industrie, welche sich beispielsweise mit der Herstellung von elektrischen Kabeln, Federn, Gummibereifung (Huber, Piäffikon), mit dem Bau von Karosserien, Autouhren, Tachometern, Steigungsmessern, Manometern, Kolben und Segmenten, Kühlern, Zündkerzen, Oelen und Fetten, Blachen, Akkumulatoren, Kugellagern usw. beschäftigt, ersetzt der Schweiz teilweise verlorengegangene Industrie und beschäftigt in steigendem Masse schweizerische Arbeitskräfte. Den Lesern der «Automobil-Revue», deren Verlag selbst durch Herausgabe von Autoführern und Autokarten sich mit Erfolg in den Dienst des Automobilismus stellt, werden die Hunderte von Firmen durch den' Inseratenteil nicht unbekannt sein. Wenn wir uns auch gerade auf dem Ge biete des Automobilbaus von übertriebenem Nationalismus und Chauffinismus freihalten Wimper. Diese Hoffnung schien sich auch zu erfüllen, denn einige Tage war in der Wohnung des neuen Mieters alles still. Dann aber geschah etwas, was Georg Wimper zwar erwartet hatte, was ihn nun aber doch im höchsten Grade überraschte. Es dunkelte bereits und in allen Fenstern lag schon Lichtschein. Die Zimmer in der Wohnung des zweiten Stockes erstrahlten jedoch besonders hell. Wohl waren die fein gestickten Gardinen sorgfältig zugezogen, aber die Lichtfülle inwendig war so gross, dass die Verhüllung nur wie zarte Schleier wirkte. Durch sie hindurch sah man mit einem Male auf dem Teppich des einen Salons eine unvergleichlich schöne Frauengestalt stehen. Offenbar war sie soeben eingetreten, denn sie schlug mit beiden Händen langsam einen pelzgefütterten Mantel zurück und Hess mit einer Bewegung des stolz getragenen Hauptes ein seidenes Tuch von den schwarzen Haaren gleiten, die ihr schmales, mattbleiches Gesicht wie einen Ebenholzrahmen umgaben. Ihre schlanke, hohe Gestalt stand einen Augenblick unbeweglich, während sie den Kopf langsam und wie gezwungen nach dem hinter ihr stehenden Mann wandte, der sie mit seltsam forschendem Blick zu be- Den leitenden Organen der Schweizer. Bundesbahnen muss es merkwürdig zumute sein. Wiederum stehen sie vor einem furchtbaren Unglücke, dessen Schuld nach bisher eingezogenen Informationen einzig und allein ihnen zufällt. Am 27. Oktober ereignete sich mittags am Bahnübergang westlich des Bahnhofs St. Leonard, oberhalb Sitten, ein furchtbarer Balirunfall. Ein von fünf Personen besetztes Auto wurde infolge offener Barriere vom Simplon- Schnellzug erfasst und wörtlich in Fetzen zerrissen. Das Auto, in dem sich eine Taufgesellschaft befand, stand auf dem Geleise, als der Mittagsschnellzug Lausanne-Mailand heranfuhr. Die sonst von einer Barrierenwärterin zu bedienende Barriere war offen gelassen worden. Im Auto befanden sich Vater und Sohn Melly, Unternehmer in St. Leonard, das soeben getaufte Kind, die Hebamme Bagnoud und die Patin Frau Bitz. Die drei erstem tvurden in den Liennebach geworfen, die Hebamme wurde auf den-Damm geschleudert, und die Patin etwa 50 Meter weit von der elektrischen Maschine bis zum Bahnhof geschleppt. Alle fünf Insassen sind tot. Das den Schweizerischen Bundesbahnen zngestossene Unglück ist wohl eines der schwersten, das ihnen wohl je in dieser Art vorgekommen, ist. Am Grabe der 5 Personen steht nicht nur die fassungslose Mutter, sondern weinen 20 Waisen, welche ihre Mütter verloren haben. Nicht nur die Redaktion der «Automobil-Revue», nicht nur die Zehntausende von Automobilfahrern, sondern wohl das ganze Schweizervolk (wir gehen in dieser Annahme wohl kaum fehl) stellen heute an die verantwortlichen Organe der Schweizerischen Bundesbahn die Frage: «Wie lang noch?» Wie lange noch müssen durch schlecht bewachte Niveau-Uebergänge, durch-fahrlässige Handhabung der Barrieren-Bedienung Menschen ihr Leben opfern? Die Opfer von Meyriez und von Vevey- trachten schien. Georg Wimper hielt den Atem an. Nie hatte er — wie es ihm schien — etwas so Zaubervolles gesehen wie diese Frau, wie sie in der Umrahmung des eleganten Zimmers, in verschwenderischer Lichtfülle, hinter dem rieselnden, silberschimmernden Schleier der Vorhänge stand. Seltsamerweise störte die Anwesenheit des schwergebauten Mannes, der, grösser als sie, echt herrenmässig, und doch wie bittend halb hinter ihr stand, das Bild nicht im geringsten. Sie wirkte viel mehr durch den dunklen Punkt, den sie in das helle Gemälde setzte, wie ein raffiniert angebrachter Effekt. Alle ruhige Beobachtung hatte Georg Wimper mit einem Schlag verlassen. Mit fieberhafter Anspannung schaute er nach dem einen Fenster, sah, wie die wunderbare Frau, nachdem sie den Mantel abgelegt, auf einem Diwan Platz nahm, wo sie aufgerichtet sass, etwas vorgebeugt, angestrengt horchend auf das, was ihr Gatte — war es ihr Gatte? — sprach, während er rastlos auf und ab ging, nur selten etwas erwidernd. Dem Lauscher kam es vor, als sehe er ein Sardousches Schauspiel. Aber es wurde plötzlich abgebrochen, indem das Paar das Zimmer verliess, wobei die Frau wie eine Königin an INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile odep deren Raum 45 Cti. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Ctb Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratensehluss 4 Tage vor Erseheinen der Nummern müssen, weil die Struktur unserer Volkswirtschaft sich damit nicht in Einklang setzen., lässt, so hielten wir es doch als Ehrenpflicht,' während der Schweizerwoche einmal ganz speziell auf die hoh6 Bedeutung unserer schweizerischen Automobilindustrie und des damit in Zusammenhang stehenden Gewerbes hinzuweisen, mit der Aufmunterung an unsere Leser, auch auf diesem Gebiete unserer Schweizerarbeit Ehre zu erweisen K- Wie lange noch? Ein Auto vom Zuge erfasst. — Fünf Tote. Gonelles erheben erneut ihre Anklage. Damals, wie schon früher, wies die Redaktion der « Automobil-Revue » auf die Dringlichkeit der Beseitigung der Niveau-Uebergänge hin. Sie verlangte eine radikale Verbesserung der bestehenden Uebelstände und betonte, dass an Niveau-Uebergängen auf zweigleisigen internationalen Durchgangsstrassen eine Barrierenwärterin nicht genüge. Beim Unglücksfall von St. Leonard handelt es sich nicht um einen internationalen Durchgang. Die Schuld trifft nicht eine Barrierenwärterin, sondern den Stationsgehilfen, der überdies stellvertretungsweise den Dienst zu versehen hatte. Die Besorgung der Barriere ist gewöhnlich allerdings einer Barrierenwärterin übertragen. Zwischen 11.20 bis 12.20 Uhr hat jedoch der diensttuende Beamte diesen Dienst zu übernehmen. Der Aushilfsbeamte, der die beiden Barrieren zu bedienen hatte, vergass die westliche zu schliessen, womit das Unglück herbeigeführt worden ist. Wir wollen auf den schuldigen Beamten keine Steine werfen. Schwer genug wird er am Unglück zu tragen haben. Mit aller Schärfe aber erheben wir Anklage gegen das System und deren verantwortlichen Leiter. Verschiedene Vorgänge und Unglücksfälle der letzten Zeit lassen im Volke draussen den Eindruck er-- stehen, als wenn der Wille der Lejtung sich nicht mehr bis zum letzten Manne durchzusetzen vermöchte und ein im Eisenbahnstaat grossgezogener «Staat» in gewissen Kreisene eine largere Auffassung des Dienstes bedingt hätte. Bei aller Anerkennung jeglicher weiblichen Arbeit möchten wir in diesem Zusammenhange doch erneut betonen, dass Barrierenwärterinnen, die von ihren mütterlichen Sor-* gen und mütterlichen Pflichten nur allzu leicht in ihrem Dienste abgelenkt "werden können, nicht an Barrieren wichtiger Durchgangsstrassen gehören. Zudem sollten sie, wenn man ihren häuslichen Pflichten entgegenkommen und sie ungeachtet des Verkehrs einfach für eine bestimmte Zeitspanne beurlauben will, durch gut eingeschossene Stellvertreter oder Stellvertreterinnen ersetzt werden. Es hat keinen Wert, Barrierenwärter oder -Wärterinnen an eine Barriere während weniger verkehrsreichen Stunden hinzustellen und sie in Zeiten, da internationale Züge verkehren und Vorsicht doppelt am Platze wäre, nicht einmal zu ersetzen. (Während der angegebenen Zeit passieren zwei Schnellzüge die Station St. Leonard. Zugleich muss hervorgehoben werden, dass der Stationsdienst der Bundesbahnen nur gewandten, überaus dem Manne vorbeischritt und er ihr folgte. Der blendend erhellte Raum blieb leer- Man hatte sich wohl nach einem Speisezimmer begeben, das auf der andern Seite des Hauses lag. Einen Augenblick kam Georg Wimper der tolle Wunsch an, auch auf jener andern Hälfte über ein gegenüber liegendes Fenster zu verfügen, um diese zwei Menschen von einem Gemach ins andere begleiten zu können. Aber während er dies noch dachte, wurden drüben die gestickten Gardinen zurückgeschoben, eine dienstbar© Frauensperson, die Georg Wimper ausserordentlich plump und frech vorkam, griff mit dicken Armen über die Fensterbrüstung hinaus und zog zwei knarrende Laden zu. Dasselbe tat sie im Nebengemach, dasselbe tat sie wohl auch in den andern Räumen. So blieben diese beiden Menschen abgeschlossen gegen die Aussenwelt, und das wundersame Geschöpf war ganz in der Gewalt des schweren Mannes. Georg Wimper konnte selbst nicht recht begreifen, warum er das Gefühl hatte, als sei die Frau eine Gefangene. Aber jedenfalls hatte er dies Gefühl, und ihm war, als müsse er sie von nun an durch unablässige Aufmerksamkeit vor Unheil behüten. Vorbei war