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E_1929_Zeitung_Nr.093

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China. Ein Mitarbeiter

China. Ein Mitarbeiter der «B. Z. am Mittag» sandte seiner Zeitung eine Reihe von Notizen chinesischer Blätter, die besser als alle politischen Berichte ein charakteristisches Bild des heutigen China sehen. Zoologie. «Die Niederlassung der Fremden in Schanghai gleicht einem gigantischen Krokodil, das dem chinesischen Volk das Blut aussaugt, um ein fröhliches Leben zu führen.» («Amtsblatt der Kuomintang», Schanghai.) 252jähriger Chinese. «Der Dekan der philosophischen Fakultät an der Minkuo-Universität hat, gemeinsam mit andern Gelehrten, Herrn Li Tsching-Jun, der als der älteste Mann Chinas, wenn nicht als der älteste Mensch überhaupt gilt, nach Peking eingeladen. Herr Li ist 252 Jahre alt und wurde im 17. Regierungsjahre des Kaisers Kangsi in Kaisien (Provinz Setschuan) geboren. Seit 235 Jahren handelt er mit chinesischen Medikamenten, und bis vor hundert Jahren sammelte er noch eigenhändig die Heilkräuter für sein Geschäft. Herr Li war vierundzwanzigmal verheiratet; seine jüngste Frau ist eine rüstige Sechzigerin. Er hat ein energisches Kinn, zwei grosse Ohren, gelbes Haar, weisse Haut und einen guten Appetit. Noch heute liebt er lange Spaziergänge. In diesem Frühjahr war er Gast des Generals Jang-Schen von Setschuan, dem er eine Menge Anekdoten erzählte. Die jüngste war hundert Jahre alt.» («Kuo Wen», Peking.) Organisation. «Um den Betrieb der Kiao-Tsi-Eisenbahn zu verbessern, hat deren Direktor Jen Te- Tschinjr allen Angestellten den feierlichen Eid abgenommen, kein Opium zu rauchen.» («Tsingtao Times», Tsingtau.) Allmächtiger General. «Seit drei Wochen erhielten wir andauernd Reklamationen unserer Bezieher in Nanking. U. a. beschwerten sich der Minister des Aeussern, der Verkehrsminister und der Generalstabschef der chinesischen Nationalregierung über das Ausbleiben unseres Blattes. Unsere Nachforschungen ergaben, dass sich der Garnisonskommandant von Nanking vor etwa zwanzig Tagen durch einen Artikel unseres Blattes beleidigt fühlte und deshalb dem Postmeister verbot, unsere Zeitung zustellen zu lassen.» («Nischi-Nischi», Schanghai.) Der gute Hund. «Vom zweiten Stockwerk des .Cafe 1 Darling' stürzte gestern morgen ein japanischer Knabe auf die Strasse. Er wäre auf dem Pflaster zerschmettert, wenn er nicht glücklicherweise auf den grossen, braunen Hund des Cafetiers gefallen wäre, der sich vor dem Haustor sonnte. Das Kind blieb unverletzt. Aber der Hund stiess einen gellenden Schrei aus, entfloh und kehrte erst am Abend wieder. Als Zeichen der Dankbarkeit haben die Eltern dem Hunde das Gewicht ihres geretteten Kindes in Rindfleisch geschenkt. Es sind 32 Pfund, und der Hund war sehr zufrieden.» («Shangtung News», Tsingtau.) Entführungen. «Zwei amerikanische Missionare im obern Jängtse-Gebiet wurden von einer Räuberbande verschleppt. Als Preis der Freilassung fordern die Briganten, in die chinesische Armee aufgenommen zu werden.» Der Detektiv. «Sechsundvierzig Schüsse in sechzig Sekunden wurden in dem Revolverkampf verfeuert, den Detektiv-Sergeant James Moir der Settlement-Polizei in Schanghai gegen eine Bande von sieben chinesischen Räubern ausfocht. Diese hatten einen reichen Chinesen in ein Haus der französischen Konzession geschleppt, um von seinen Verwandten Lösegeld zu erpressen. Moir tötete drei der Banditen, verwundete zwei schwer und einen leicht und nahm den siebenten gefangen. Von den siebenunddreissig Kugeln, die die Räuber gegen ihn abfeuerten (Moir schoss neunmal), verwundete ihn nur eine leicht an der Schulter, da er mit einer Stahlweste und einem kugelsicheren Schild ausgerüstet war.» («Schanghai Times», Schanghai.) Der unentbehrliche Lippenstift Kürzlich war in Milwaukee ein grosses Schwimmfest. Um recht viele Zuschauer anzulocken, wurde jedem Schwimmer eine Nummer auf den Badeanzug gemalt. Die Gäste sollten den Verlauf selbst verfolgen können. Es stellte sich aber bald heraus, dass die Farbe nicht wasserfest war. Das Interesse der Zuschauer drohte zu erlahmen, einzelne verliessen bereits ihre Plätze. Da meldete sich ein Tippfräulein bei der Festleitung und stellte ihren Lippenstift zur Verfügung üeberraschte Gesichter. Damit die Nummer neuerdings auf die Anzüge zu malen ? Man zweifelte, machte aber doch einen Versuch. Der iussfeste Lippenstift zeichnete tatsächlich Nummern, die vom Wasser nicht ausgelöscht wurden. Und so wurde er der Retter der ganzen Veranstaltung, die beinahe — im wahrsten Sinne des Wortes — ins Wasser gefallen wäre. Wir entnehmen nachfolgendes Kapitel, dem im Verlag Williams & Co., Berlin, erschienenen, prachtvollen Buche von Dr. Wolf Zucker : « London, Liebe zu einer Stadt». Die Londoner haben für ihre Polizisten einen zärtlichen Ausdruck: Bobbies, heissen sie. Das klingt, wie wenn man auf einen Gummischwamm drückt. Wenn man loslässt, nimmt er gleich wieder die alte Form an. Es klingt nach einem weichen Ball, nach Bonzos dicken Pfoten, kurz, nach Studdys Polizistenkarikaturen. Die Bobbies sehen wirklich so aus, wie man sie im Film oder in englischen Witzblättern sieht. Dicke Gesichter, der Sturmriemen des Helms liegt so hoch am Kinn, dass man iimmer meint, sie beissen darauf. Bei nassem Wetter haben sie einen Regenumhang, der lächerlich kurz ist. Die Guten; da stehen sie an allen Strassenecken, sauber rasiert, wenn sie nicht einen gewaltigen Schnurrbart ihr eigen nennen. Väter der Strasse. Pariser Schutzleute — das waren elegante Kavaliere, die kokett ihren Mantel über der Schulter tragen und nervös an ihren Schnurrbärtchen zwirbelten. Londoner Schutzleute sind solide, Schutzleute aus Ueberzeugung. Wenn man sie etwas fragt, dann fassen sie einen freundlich am Arm, fast begütigend, als sagten sie : «Fürchte nichts, wir werden dir schon den Weg weisen!» Für jeden Passanten ihres Reviers fühlen sie sich verantwortlich: eine junge Dame geht nachts durch ein einsames Viertel nach Hause. Plötzlich fällt ihr auf, dass sie seit einiger Zeit Schritte hinter sich hört. Sie wendet sich um: es ist der Bobby des Bezirks. Er folgt ihr in angemessenem Abstand, passt auf, dass sie sicher nach Hause kommt. Oder am Tage bringt er einer anderen Dame strassenweit ein verlorenes Taschentuch nach. Es gibt tausend Geschichten von den Polizisten, jeder Besucher Englands bringt neue mit. Einmal fragte ich einen Schutzmann nach einer Strasse, die ich nicht finden konnte. Er sah mich ernst an, Hess seinen Blick noch einmal über die ihm anvertraute Strassenkreuzung gleiten, dann sagte er: «Das werden Sie allein nicht finden. Idh werde Sie begleiten.» Und dann brachte er mich ein Stück, bis wir einen zweiten Schutzmann trafen. Dem übergab er mich, damit er mich weiterführen solle. Wenn man sich bedankt, sagen sie: «'t is allright.» Die Schutzleute sind grundsätzlich für alles da. Sie müssen alles können. In einer dunklen Strasse rief einmal nachts eine alleinwohnende ältere Dame den Boby an der Ecke. Ja, ihre Jalousie sei kaput gegangen, und nun gehe das Fenster nicht zu. Zunächst versucht der Polizist die Sache in Ordnung zu bringen. Es geht nicht. Darauf postiert er sich vor das Fenster, bleibt dort die ganze Nacht, damit der älteren Dame nichts passiert. Dazu hatte sie ihn gerufen. Mehr wollte sie nicht, sagte sie. Manchmal haben sie auch seelsorgerische Pflichten. Von einer Themsebrücke wollte sich eines Abends ein junges Mädchen ins Wasser stürzen. Sie will gerade einen Fuss aufs Ge'änder setzen, da hört sie hinter sich AUTOMOBIL-REVUU 1929 — No 93 Die Bobbies eine Männerstimme. Der Boby steht da freundlich grüssend. Er tut, als habe er nichts gesehen, und er beginnt die Unterhaltung mit der traditionellen Formel: «Nice evening, isn't it?» Und da hilft kein noch so fest gefasster Selbstmordplan, das Mädchen, muss antworten: «Oh lovely indeed». Und dann fragt der Polizist höflich, ob er das Mädchen nicht nach Hause bringen dürfe. Was soll sie machen? Sie kann doch nicht sagen, dass sie von dem freundlichen Anerbieten leider keinen Gebrauch machen könne, dieweil sie sich vorher erst einmal das Leben nehmen müsse. Also gehen die beiden zusammen, und der Polizist unterhält das Mädchen von den schönen Dingen der Welt. Als sie am Ziel angelangt sind, da hat sie alle ihre finsteren Pläne vergessen. Sie fragt den hübschen Bobby, ob er sie nicht wieder einmal zum Spazierengehen abholen wolle. Nein, das könne er nicht, leider, er habe immer Dienst in einem anderen Revier. Gute Nacht. Diesen Takt kann kein Höflichkeitsunterricht in der Kaserne beibrigen. Den hat man oder man hat ihn nicht. Die Londoner haben ihn oft. Es ist jene Vorsicht, sich nicht in die Geheimnisse, den privaten Schmerz der Mitmenschen eindrängen zu wollen. Plumpe Menschen nennen das Kälte. Die Vorschriften für das Benehmen der Polizei dem Publikum gegenüber sind ausserordentlich streng. Misshandlungen in der Wachstube kommen fast nie vor. Und wenn einmal Zivilpersonen einen Prozess gegen einen Polizisten anstrengen, so wird dieser sicher verurteilt. Die Gerichte stehen grundsätzlich auf dem Standpunkt, dass der Polizist es schon schlimm getrieben haben muss, wenn ein Bürger sich über ihn beklagt. Das hängt nun allerdingt damit zusammen, dass die bürgerlichen Gerichte sich in einem gewissen Gegensatz zur Polizei befinden. Es gibt in England noch eine Art von polizeilicher Geriohtbarkeit. Alle kleineren Vergehen werden von den Polizeigerichtshöfen verhandelt, und so besteht eine gewisse Konkurrenz zwischen diesen und den ordentlichen Gerichten. Den Vorteil hat das Publikum, das sich in der angenehmen Lage des tertius gaudens befindet. Es gibt keinen Gegensatz zwischen « Zivil» und Polizei. Selbst die Polizeivorschriften atmen noch einen humanen Witz.In einem Park sah ich ein Schild mit der Parkordnung. Wie bei uns war auch da allerlei verboten. Aber zu den Verboten waren gleich die Geldstrafen hinzugeschrieben, die ihre Uebertretungen kosten würden. Das sah etwa so aus: «Du willst Blumen abreissen, bitte schön, kostet aber zehn Schillinge. Auf dem Kinderspielplatz spielst du Fussball, mache man, kostet zwanzig Schilling.» Gar keine Aufregung damit. Sicherlich lacht der Polizist, wenn er solche Beträge einkassiert. So, und nun werden Soziologen und Nationalökonomen kommen und mir alles mit wer weiss für Gründen erklären. Bitte schön. Es scheint aber, dass hier, bei der Polizei wie beim Zivil, doch ein anderes Menschenmaterial vorhanden ist als bei kontinentaleren Nationen. Warum eigentlich? Sterben die Indianer wirklich aus? Die Statistik sagt: Nein ! «Hallo, Mister Johnson? Sie wollten mich doch neulich etwas über meine Schützlinge fragen? Nun bin ich zurück, stehe gern zur Verfügung.» Kaum hatte ich das Telephon, das ich seit Wochen ungeduldig erwartete, abgenommen, schreibt Joe Johnson im «Neuen Wiener-Journal», sass ich auch in meinem Auto, raste dem Heim des Mannes entgegen, der zu den schwerst erreichbaren Menschen Amerikas gehört. Selten, dass er ein paar Tage des Jahres in Washington ist, um der Regierung Bericht zu erstatten. Sonst tummelt sich Albert B. Reagon in Oklahoma, bei den Cherokesen, den Creek oder Choktawindianern herum, bleibt Monate unauffindbar. Sollte Mister Reagon einmal — er bleibe seinen Indianern .noch recht lange erhalten — das Zeitliche segnen, kann man sein Heim ohne viel Adaptierung zu einem veritablen Indianermuseum umgestalten. Schon in der Halle merkt man nachdrücklichst, dass man das Haus des amerikanischen Indianervaters betreten hat. Das ist nämüch gar keine Hall. Es führt zwar ein Läufer schnurgerade zur Treppe, doch beiderseits desselben stehen Zelte, echte Rothauszelte, mit Inneneinrichtung und Kriegstrophäen, direkt aus der Prärie von Einst mitten hineingesetzt in ein Haus der Regierungsstadt. Das Haus ist gross, hat an die fünfzehn Räume. Davon sind nur fünf nach «weissem» Geschmack eingerichtet. Das Arbeitszimmer und Schlafgemach des Herrn, die Küche, das Bad und ein Empfangsraum. Seine indianische Dienerschaft kann in echt indianischer Umgebung hausen. Aus dem dunkelbraun gebrannten Gesicht sehen mich zwei himmelblaue Augen fragend an, der energisch geschnittene Mund fragt mit eigen sanfter Stimme nach meinem Begehr. Ein Kontrastmensch steht vor mir. Mir dämmert das Verständnis, warum gerade der Mann von der Regierung der U.S.A. auf diesen schweren Posten berufen wurde. Tatkraft, Mut, eiserner Wille spricht aus dem muskelgestählten Körper des Hünen, Weichheit des Herzens, Menschlichkeit, Idealismus predigen Augen und Lippen dieses Indianerapostels. Mister Albert B. Reagon weilt, lebt den Grossteil seines Daseins unter den verschiedensten Stämmen der Indianer, reist von einem Territorium zum anderen, berichtet, fordert von der Regierung, was seinen Schützlingen not tut, sorgt für die Rothäute wie ein Vater. Sie nennen ihn auch so... «Damned! Da ist wieder diese verfluchte, nicht auszumerzende Anschauung, dass die Indianer aussterben. Nun ja, die Leute auf der ganzen Welt lesen in den Jugendjahren den Karl May, den «Letzten Mohikaner». Daraus die romantische Anschauung, die sich in den Hirnen aller festgesetzt hat, dass meine Indianer aussterben. Sie denken nicht daran, Mister Johnson!» Direkt in Wut hat sich Reagon gesprochen. Da es mir gelungen, die durch meine vielleicht etwas ungeschickte Frage (siehe Titel) aufgewühlten Wogen in seinem Inneren zu glätten, berichtet mir der Sachverständige folgende sicher interessante Daten und Einzelheiten: Vor zehn Jahren lebten in den U.S.A. im ganzen 342.000 Indianer. Nach der letzten Zählung sind es aber schon wieder 360.261. Das ist eine Zunahme von 4,8%. Seit durch die grosszügigen Massnahmen der Regierung — zweifellos Mister Reagons Verdienst — die Lebensbedingungen der Rothäute sich bedeutend gebessert haben, leben einige Stämme zusehends wieder auf. Da sind zum Beispiel die Navajos, die im Südwesten ansässig sind. 1869 hatte der Stamm nur noch knapp 9000 Köpfe. 1929 hat er, dadurch eine immense Widerstandskraft beweisend, 39.000 Seelen aufgewiesen. Den Vogel schiessen die Eherokesen ab. Um diesen aus der Geschichte Nordamerikas nimmer auszulöschenden Stamm war die Sorge, dass er austerbe, bis vor zwanzig Jahren berechtigt. 1910 hatte er nur noch 7700, heute gibt es wieder 14.000 waschechte Eherokesen in Nordkarolina. Die Stämme im Westen leben unter besonders günstigen Bedingungen. In und um Oklahoma leben allein fünf zivilisierte Stämme, deren Seelenzahl zusammen 120.000 beträgt. Die Ursache dieser erfreulichen Steuerung des Aussterbens der Rothäute? Da wird Reagon, der sonderbare Heilige, ganz eigen bescheiden, tut, als wenn er gar nichts dazu beigetragen hätte. Ganz knapp nur die erhellenden Zahlen: 1880 gab es ein einziges indianisches Krankenhaus. 1900 gab es deren fünf. Seit Mister Reagons Wirken sind es vierundachtzig geworden. Heute arbeiten in den «Reservations» an die 240 Aerzte, acht automobilisierte Zahnambulatorien reisen umher. 1890 gab die Regierung der U.S.A. insgesamt 300.000 Dollar jährlich für den Schulunterricht in den Indianersiedlungen aus. Heute existiert bereits das mustergültige Dartmouth College, 68-000 Indianerkinder werden in den verschiedenen Schulen, die den Staat die Jahressumme von sechs Millionen Dollar kosten, unterrichtet. Grösste Sorgfalt wird der medizinischen Ueberwachung, der Belehrung in gesundheitlicher Beziehung, der Hygiene in der Lebensweise der Rothäute zugewandt. Es ist Albert B. Reagons Verdienst, wenn man heute sagen kann, dass die einstmals so gefürchteten, ebenso ob ihrer Tapferkeit und anderer unzweifelhaft anerkennenswerter Eigenschaften gerühmten Rothäute, statt nach «Lederstrumpf» und Karl May auszusterben, neuerdings aufwärtstreben in ihrer Entwicklung, wieder besseren Zeiten entgegengehen. Anekdoten Honore de Balzac arbeitete bekanntlich immer des Nachts, bis der Hahn in seinem Garten zu krähen begann. In einer Zeit, wo Balzac sehr abgespannt und zerstreut war, sagte er einmal zu seinem Diener: « Bringen Sie den Hahn zum Uhrmacher in unserer Strasse!» « Der Meister meint wohl, ich soll das Tier zum Tierarzt bringen, der hier nebenan wohnt ? » fragte der Diener. «Nein,» rief Balzac, «bringen Sie den Hahn zum Urmacher, damit er ihn untersucht. — Früher krähte der Hahn immer um vier Uhr morgens, jetzt kräht er um fünf Uhr und noch später !» In der Schule unterhielten sich während der Pause mehrere Kinder über Geburtstage. Anatole France — damals sieben Jahre alt — mischte sich in ihr Gespräch und sagte : «Ich weiss, wann ich geboren wurde !» « Wann ? » fragten mehrere Stimmen. «Drei Uhr fünfuncfdreissig Minuten morgens !» verkündete stolz der kleine Anatole. « Das ist schon eine Lüge ! » rief ein Kind, « denn so früh schläft noch deine Mutter! » Anatole France erwiderte unbefangen : « Ja, aber ich weckte sie aus dem Schlaf und sagte ihr, dass ich geboren werden will!» Voltaire Hess in Genf sein c Gerettetes Rom» aufführen. Unter den Zuschauern befand sich der Präsident Montesquieu. Er schlief fest ein. Voltaire erhob sich von seinem Sitz, warf dem Präsidenten seinen Hut an den Kopf und rief sehr laut : « Bei Gott, er bildet sich ein, bei einer Gerichtssitzung zu sein !» * Man fragte Gluck, was er am meisten auf der Welt liebe. < Drei Dinge, > antwortete er, « das Qeld, den Wein und den Ruhm.» « Wie,» rief man erstaunt, «Sie setzen den Ruhm an letzte Stelle ? Das kann nicht sein. Sie sind nicht aufrichtig.» «Durchaus,» erwiderte Gluck, «um das Geld kaufe ich mir Wein, der Wein beflügelt meine Phantasie, und meine Phantasie verschafft mir Ruhm. Sie sehen, ich habe recht. *

N° 93 — 1929 AUTOMOBIL-REVUE 15 HD» DE DP Darf eine unverheiratete Frau sich im privaten und amtlichen Verkehr «ohne weiteres» Frau nennen? Weiterhin: Hat sie einen Anspruch darauf, dass auch Behörden ihr diese Bezeichnung beilegen? Bisweilen, wenn auch selten, begegnet man auch der Frage, ob eine verheiratet gewesene — also verwitwete oder geschiedene — Frau sich wieder Fräulein nennen darf. Die Beantwortung dieser Fragen bot, wie Frau Dr. Maria Hagemeyer in einer deutschen Zeitung schreibt, früher grössere Schwierigkeiten als heute. Denn die Praxis der Verwaltungsbehörden, denen die Entscheidung hierüber zustand, war nicht einheitlich. Meist wurde der Standpunkt vertreten, dass die Führung der Bezeichnung Frau durch eine unverheiratete weibliche Person der Genehmigung bedürfe und dass dahingehende Anträge als Anträge auf Namensänderung aufzufassen und wie diese zu behandeln seien. Es wurde daher ein langwieriges Verfahren in Lauf gebracht, das in der Mehrzahl der Fälle mit einem Misserfolg für die Antragstellerin endete. Vereinzelt wurde auch von den Behörden die Ermächtigung zur Führung der Bezeichnung Frau ohne weitere Ermittlungen mit der Begründung verweigert, dass es sich nicht um eine Aenderung des Namens, sondern um eine Aenderung der Standesbezeichnung handle, die auch durch behördlichen Akt nicht bewilligt werden könne. Diese verworrenen und für die Frauen ungünstigen Verhältnisse beseitigte — um ein deutsches Beispiel auszuführen — ein Erlass des preussischen Ministers des Innern vom Jahre 1919. Der Minister brachte in diesem Erlass den nachgeordneten Behörden seine Ansicht zur Kenntnis, dass es sich bei Anträgen von unverheirateten weiblichen Personen, sich Frau nennen zu dürfen, nicht um Namensänderungs- oder Titelverleihungsanträge handle, da die Bezeichnung «Frau» weder ein Teil des Namens noch ein Standesbezeichnung, noch ein Titel sei, der verliehen werden könne, und dass es daher keiner weiblichen unverheirateten Frau verwehrt werden könne, sich Frau zu Das Hohelied der Küche. Zu Lyon in der Ruo Duquesne, abseits der grossen Verkehrsadern der grossen Stadt, liegt, wie Hermann Wendel in der Prager Presse in seiner amüsanten Art zu plaudern weiss, das Restaurant, das noch heute, nach dem Tod der Inhaberin, den Naxnen der _ Mere Filliox tragt. Dort gibt es: Milde Suppe; Junges Huhn in Halbtrauer; Hechtklö'schen in Krebsbutter; Artischokenbdden mit getriiffelter Gänseleber; Mandeleis; Früchte. Schon ein entrüsteter Zwischenruf: «Was heisst: gibt? Das gab es, als du dort speistest!» «Aber nein, es gibtl Es gibt nie anderes, immer das gleiche (und immer in gleicher Vollendung), mittags und abends, Sonntags und Wochentags, bei Sonnenschein und Regen, Sommers und Winters, ganz unabhängig davon, ob der Nationale Block oder das Kartell der Linken am Ruder ist. Da der Speisezettel nicht wechselt, müssen die Gäste wechßeln, aber selten bleibt ein Stuhl unbesetzt. Der Ruf der Mere Filliox spricht sich um den Erdball herum, und Lyoner, Franzosen, Briten, Spanier, Ostasiaten, Amerikaner, sie alle kommen und vertiefen sich in das Menü aere perennius: Suppe, Hühnchen, Hechtklösschen, Artischokenböden.. Kaum etwas könnte so die kulinarische Suggestivkraft dieses Restaurants, nein! dieser Nation offenbaren. Eine Revue der SchSpfer. In der Tat, sie marschieren, die Franzosen, an der Spitze der Esskultur, und mit Recht verkündet Anatole France, dass, wenn einmal eine weitere Menschheit den Bratspiess höher stelle als den Degen, der Ruhm der französischen Küche jede andere Glorie überstrahlen werde. Welche Galerie von Bestätigungen! Unzufrieden, nur unter die Unsterblichen des Pinsels eingereiht zu sein, erfindet Claude Lorrain den Blätterteig; Vatel, des grossen Conde Maltre d'Hotel, der sich die Klinge ins Herz rannte, weil die Fiscnlieferung für ein Festessen ausgeblieben war, wird im Kleinen Larousse in mehr Zeilen behandelt als der Marfichal Foch; Jean Jacques Rousseau erträgt fünfunddreissig lange Jahre die Gemeinschaft mit der reizlosen und dummen Levasseur, nur weil sie am Herd sozusagen ihren Mann steht; Charles Fourier predigt begeistert «la ge'ne'ralisation de la gourmandise» und macht die Feinsehmeckerei zu einer Haupttriebkraft seiner erträumten sozialistischen Gesellschaft; Brillat-Savarin legt in seiner «Physiologie des Geschmacks» den lapidaren Satz hin: «Das Geschick der Völker hängt von der Art ihrer Ernährung ab»; Alexandre Dumas der Vater krönt ein literarisches Werk von 500 IF ER A\ Frau oder Fräulein? nennen. Damit ist von einer Verwaltungsbehörde ausgesprochen worden, dass jede Frau das Recht hat, auch wenn sie nicht verheiratet ist oder gewesen ist, ohne Genehmigung die Bezeichnung Frau zu führen. Im Hinblick auf diesen Erlass hat das genannte Ministerium es abgelehnt, Anträge auf Verleihung der Bezeichnung Frau als Namensänderungsanträge zu behandeln, vielmehr die Antragstellerin auf den Ministerialerlass verwiesen. Dass dieser Erlass einen Fortschritt, vor allem natürlich für die Frauen,* bedeutet, ist ohne weiteres klar. Man braucht nur an die vielen Fälle zu denken, in denen uneheliche Mütter sich, und ihren Kindern peinliche und ehrkränkende Nachforschungen — Nachschnüffelei wäre hier das richtige Wort — durch ihre lieben Mitmenschen dadurch ersparen können, dass sie sich Frau nennen. Auch im Beruf kann sich die Frau vielfach, besonders wenn ihre Stellung Repräsentation erfordert, leichter durchsetzen, wenn sie die Bezeichnung Frau führt. Bei den im öffentlichen Leben stehenden Frauen, bei den Vorsteherinnen von Lehranstalten, Krankenhäusern und dergleichen, hat sich sogar im amtlichen Verkehr die Gewohnheit herausgebildet, sie stets Frau zu nennen. Dennoch besteht ein Anspruch der unverheirateten Frau darauf, auch von den Behörden als Frau bezeichnet zu werden, nicht. Mir sind Fälle bekannt, in denen Frauen erbittert hierum gekämpft haben, ohne zum Ziel zu kommen. Und dabei bedürfte es nur einer Anweisung durch die Behörden, dahingehenden Wünschen Rechnung zu tragen. Es steht aber zu erwarten, dass auch ohne dies der fortschrittliche Geist der Zeit dazu führen wird, dass dem brechtigten Verlangen einer unverheirateten Frau, auch von den Behörden Frau genannt zu werden, stattgegeben werden wird. Der Fall, dass eine verheiratet gewesene Frau sich wieder Fräulein zu nennen wünscht, ist nicht bekannt. Bei der Gleichartigkeit der Sache muss aber hierfür dasselbe gelten, so dass auch hier eine behördliche Genehmigung oder Ermächtigung nicht erforderlich ist. Zu bemerken bleibt noch, dass die Führung der Bezeichnung Frau durch eine unverheiratete Frau oder der Bezeichnung Fräulein durch eine verheiratet gewesene Frau natürlich dann von der Polizeibehörde untersagt werden kann, wenn sie aus unlauteren Beweggründen erfolgt, zum Beispiel, wenn in betrügerischer Absicht der Familienstand verschleiert werden soll. Denn das öffentliche Interesse daran, dass Straftaten verhütet werden sollen, geht allemal dem Privatinteresse, insbesondere wenn es kein berechtigtes ist, vor. Vielleicht ergreift eine Leserin in dieser Frage die Diskussion? France, pays de la gourmandise! Bänden mit einem «Dictionnaire Gastronomicrue», und der Sohn erfindet den Salat Francillon; Charles Monselet sammelt Ruhm durch seine gastronomischen Sonette, darunter die Hymne an das Schwein: Car tout est bon en toi, chair graisse, muscle, tripe! On t'aime galantine, on t'adore boudin. Heute bindet sich, wenn er vom Schreibtisch aufsteht, Victor Margueritte eine Küchenschürze um; Marcel PreVost schreibt Rezepte, die besser tsind als seine Romane; Marie Harel, die Erfinderin des Camembert-Käses, hat jüngst ein Denkmal gesetzt bekommen, das ehrlicher verdient ist als alle Monumente aller Generale, und dem Hirn von Aristlde Briand entsprang ausser den Vereinigten Staaten von Europa Zusammensetzung und Zubereitung eines Hasenpfeffers. Immer gab es freilich auch unter den Franzosen mangelhafte Gourmets: Napoleon war ein schandbar achtloser Esser und trug erst zu spät, auf Sankt Helena, Reue und Leid um die entgangenen Genüssse; Victor Hugo schlang hinunter, was er auf dem Teller hatte, und wenn Jean Jaures je bei Marias, wo noch zu seinem Bilde an der Wand der zarte Duft von Nierchen ä la Jules aufsteigt, eines Homard Laurence teilhaftig wurde, vergass er das Unvergessliche selbigen Tages. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel, denn sonst empfindet jeder Franzose, ob Herzog oder Bauer, ob Bourgeois oder Arbeiter, vor jeder Mahlzeit, dass sie keine hygienische Notwendigkeit zur Zufuhr von Kalorien, sondern ein Fest zur Steigerung des Lebensqefühls ist. Gerade nach den Jahren 1914 bis 1918, die eine ganze Nation mit der schrecklichen Ratatouille der Kaserne und des Schützengrabens abspeiste, begann eine frohe Renaissance der Kochkunst. Gegen die modernen Barbaren, die die empfindlichen Gaumennerven vor dem Diner durch Cocktails liederlich betäuben oder zwischen zwei Gängen durch Nikotin abstumpfen, erheben sich die Anhänger der guten alten, klassischen Ueberlieferung: «Membre de l'academie des Gastronomes» ist ein Ehrentitel, und zum «Club des Cents» gehören nicht etwa geistlose Spitzbäuche. An Neuem hat die Nachkriegszeit die kulinarische Eroberung der Hauptstadt durch die Provinz gebracht. Curnonsky und Marcel Rouff durchforschen in ihrem Serienwerk «La France trastronomicrue» Landschaft um Landschaft auf die Herrlichkeiten ihrer Küche hin, die «Gastronomische Landkarte Frankreichs» verrat, welche Gegend durch Räucherzunge berühmt ist und welche die schmackhafteste Matelotte auftischt, und Paris nimmt täglich an Restaurants zu, die sich entweder wie das zeitlich erste dieser Art, die Rötisserie Perigourdine, auf die besonderen Gerichte eines Strichs beschränken oder die heute junge Ente wie in der Normandie, morgen Poularde wie in Lyonnais, übermorgen Schinken wie in der Bourgogne und am Freitag Bouillabaisse wie in der Provence ihren Gästen vorsetzen. Wenn aber nach Maupassant nur die Dummköpfe keine Feinschmecker sind, so erscheint, wer einzig und allein Gourmet ist, noch lange nicht als Philosoph, denn wie bei den meisten Genüssen dieser unvollkommenen Erde ist auch bei den Tafelfreuden ein gut Teil Illusion. Einst bei einem Freunde speisend, lobte jener Monselet das Menü über die Massen, aber der Gastgeber, schon lange auf den gastronomischen Ruf des Lyrikers neidisch, lächelte teuflisch und sagte behaglich: «Reingefallen! Was dir als Schwalbennestersuppe ausserordentlich mundet», war aus Nudeln und dem Püree weisser Böhnchen hergestellt. Frau Paula von Reznicek sagt den langen Kleidern den Krieg an. Sie lehnt sich nicht nur gefühlsmässig und temperamentvoll auf gegen die neue Mode, sondern weiss auch Gründe ins Treffen zu führen. (Ehemann, spitz' die Ohren!) Wir geben folgende Gedanken der in der « B. Z. am Mittag » erschienenen Ausführungen wieder. Wir haben eine hinreissende Mode des knappen Ausdrucks, der kurzen Kleiderund der einfachen Tonart — last not least —der Billigkeit! Jede Frau mit etwas Geschmack und ein paar übrigen Groschen konnte sich nicht nur tags — nein, auch abends zur hellen Freude ihrer Umwelt nett anziehen, ohne sich in verderbliche Unkosten zu stürzen. Die Mode war zu billig; gerade das war manchem kurzsichtigen Interessenten schon lange ein Dorn im Auge. Mehrere Jahre versuchten die grossen Pariser Schneiderateliers vergebens, Sturm zu laufen. In Amerikas Widerstand scheiterte lange der Angriff. Dort wollte die Frau jugendlich bleiben und praktisch gekleidet. Und nun hat man von Europa her eine gesunde Entwicklung unter dem Mäntelchen angeblich wiedererwachter Fraulichkeit zurückzuschrauben versucht. Das lange Abendkleid ist da... Die Frauen haben sich übertölpeln lassen. In den langen, tei'weise bis zur Erde verhängten Kleiderungetümen sehen die Frauen um Jahre älter aus und lassen bei dem Gedanken an Korsett und Dutt den Moderduft eines doch wohl mit Recht überwundenen Zeitalters aufsteigen. Wer den Unterschied nicht fühlt, der sehe sich einmal die gleiche Frau in dem Gott sei Dank noch flotten und kurzen Vormittagskleid und Tailormade —• sowie in dem altväterlichen «Frou-Frou» eines Abendkleides an. Sprechen wir in Ziffern. In Paris kostet bei den ersten Firmen heute ein Modell, für wel- Notbremse um eine Tasse Tee. I In den letzten Tagen wurde in dem zwischen London und Manchester verkehrenden D-Zuig die Notbremse gezogen. Als die Beamten nachforschten, ergab sich, dass eine ältere Dame die Notbremse gezogen hatte. Auf Vorstellungen erklärte sie zornbebend, Von Hedwig Courts-Mahler. Ist es nicht interessant, einen Blick hinter die Kulissen der Hedwig Courts-Mahler tun zu dürfen, jener Frau, die mit den Massen von Romanen, die sie produziert hat und noch produziert und die von einem grossen Leserkreis verschlungen werden, eine eigene Berühmtheit erlangt hat? Im «Querschnitt» erzählt die Romanfabrikantin : Jeder Arbeiter schafft sich in seiner Praxis ein System — auch der geistige Arbeiter. Der Schriftsteller muss immer bereit sein, für ihn gibt es keinen Achtstundentag. Tag und Nacht muss er sich seinen Gedanken zur Verfügung stellen. Mir kommen immer die besten Gedanken, wenn ich mich zum Schlafen niedergelegt habe. An Schlafen ist dann meist nicht zu denken. Der Schlaf löscht die Gedanken, die man beim Einschlafen hat, gewöhnlich aus. Man muss sich, also Notizen machen. Darüber wird man so hellwach, dass man am liebsten gleich wieder aufstehen würde, um weiterarbeiten zu können. Auf diese Weise käme man nie zum Schlafen und man muss auf manchen guten Gedanken verzichten. Jeder Geistesarbeiter weiss, dass seine Arbeit der Gesundheit nicht zuträglich ist. Aber wer würde die Geistesarbeiter für Schwerarbeiter ansehen? Es ist ja so sehr leicht, sich an den Schreibtisch zu setzen und Bücher zu schreiben — sieht wenigstens so leicht aus. Ich ersinne meine Stoffe in meinen sogenannten Ferien, in denen ich also eigentlich die schwerste Arbeit verrichte. Stenographisch notiere ich mir in kurzen Umrissen die erdachten Stoffe und habe sie dann vorläufig aus meiner Gedankenwelt ausgeschaltet. Komme ich dann aus den Ferien nach Hause Der Butt, den du köstlich fandest, heisst mit bürgerlichem Namen Kabeljau; dich zu täuschen, wurde ihm eine künstliche Gräte in Gestalt eines feinen Kammes eingefügt. Die Gemsenkotelettes stammten vom Lamm und waren, um Wildgeschmack zu bekommen, vorher in Branntwein eingelegt, und der mit Oliven gefüllte Auerhahn, der dich Kenner entzückte, war ein mit einem Glas Absinth getaufter Truthahn!» Der Dichter erstarrte, und als er erfuhr, dass auch die Weine nur dem Etikett nach grosse Marken, in Wirklichkeit aber durch einen Schuss Cognac oder einen Zusatz von Thymianessenz «verschönte» Krätzer gewesen waren, griff er wie zusammengebrochen nach der Hand des Freundes und murmelte die Formel: «Ich habe Weib und Kind. Richten Sie mich nicht zugrunde!» Aber Illusion hin, Illusion her: eine soupe ä l'oignon gratine^e mit langen Käsesträhnen, morgens um 3 Uhr in einer verdächtigen Kneipe des zwölften Arrondissements mit Ueberzeugung gelöffelt, itt eine starke Lebensbejahungl Nieder mit dem langen Kleid! ches in kurzer Ausführung rund 4—5000 Franken verlangt wurden, 8—10,000 Franken. Dies ist nur ein Beispiel, das in der Unzahl fortzusetzen ist. Von dem Mehrverbrauch an Mänteln, Pelzen, Mantillen usw. ganz zu schweigen. Hier ist endlich einmal für die Männer der Augenblick gekommen, schärfstes Veto einzulegen, damit ihre Taschen nicht unnötig belastet werden und ihre Frauen, Töchter und Nahestehenden jung und verführerisch bleiben. Ich bin überzeugt, dass bei unbeeinflusster Umfrage in allen Ständen sich die Mehrzahl der Frauen und vor allem der Männer gegen eine lang© Mode aussprechen würde. Natürlich bin ich ebenso gegen die Auswüchse überkniefreier Gewänder eingestellt, vom Sport abgesehen. Wen Gründe der Aesthetik und Wirtschaftlichkeit nicht zu überzeugen vermögen, der führe sich das Unhygienische, Unpraktische und für die Trägerinnen Unbequeme der langen Mode, die für ein ganz anderes Zeitalter bestimmt war, vor Augen. Wieviel Tränen wird es jetzt wegen zerdrückter und durch Wettereinflüsse unbrauchbar gewordener Roben geben. Nur aus einseitigen Modegründen forciert man langsame Tänze und gemessene — als «fraulich» hingestellte Bewegungen. Ich behaupte, dass auch vor Jahr und Tag im kürzesten Kleid die Dame nicht weniger «fraulich» sein konnte — nur hat man sie bestimmt nicht mit ihrer Grossmutter verwechselt — wie jetzt! Auf Trittbrettern der Autobusse oder der Stadtbahnen werden sich eingeengte Beinchen verheddern, die, wenn gut gewachsen, keine Frau der Welt mehr freiwillig gern versteckt. In letzter Stunde rufe ich allen Frauen zu: Lasst euch in modischen Dingen nicht entgegen eurem natürlichen Empfinden dreinreden! um dass sie schon über eine halbe Stunde auf ihren Tee warte, den sie im Speisewagen bestellt hatte. Diesen Grund fanden die Beamten so wenig einleuchtend, dass die Dame wegen öffentlichen Unfugs mit einer Strafe von 15 Pfund Sterling belegt wurde. Wie meine Romane entstehen — auf meinen Reisen sammle ich fleissig neue Eindrücke — dann nehme ich mir einen so kurz zusammengefassten Stoff vor und beginne mit der Ausarbeitung. Ich lebe mich dann so intensiv i n diesen Stoff hinein, dass ich nichts anderes hören und sehen mag. So arbeite ich — auch stenographisch — das Konzept in aller Ausführlichkeit. Bis dies Konzept fertig ist, bin ich in einer Art Arbeitsfieber; ich lasse mich dann durch nichts stören. Ist das Konzept fertig, dann kommt die Ausarbeitung der einzelnen Szenen. Das Ist dann meist ein Vergnügen; da der Stoff ausführlich im Konzept fertig vorliegt, hetzt mich nichts mehr. Und da ist die Arbeit ein Qenuss. Ich arbeite jeden Tag vierzehn Stunden, Sonntag und Woche, wenn mich nicht einmal eine Theatervorstellung oder eine gesellige Verpflichtung abhält. Von Stimmungen bin ich nicht abhängig, wenn ich gesund bin, bin ich auch in Stimmung. Nur dann nicht, wenn meine Kinder krank sind oder wenn ihnen ein Leid widerfahren ist. Dann kann ich nicht arbeiten. Meine Sonntage sammle ich mir für die Ferien auf, denn wenn ich in der Arbeit bin, kann ich den Sonntag nicht aussetzen. Habe ich in meinen Ferien meine Stoffe für das künftige Arbeitsjahr festgelegt, dann kommt der grösste Genuss für mich an die Reihe — dann lese ich — lese von früh bis spät, alles, was mir meine Kinder im Laufe des Jahres als besonders gut und wertvoll empfohlen haben. Dann türmen sich die Bücher neben mir auf, auch wissenschaftliche, da ich noch viel zu lernen habe. Ich bin dann für kurze Wochen nur Lesepublikum und freue mich an allem Schönen, was andere Schriftsteller geschaffen haben.